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Wiesbadener Tsgblstt.

Btrlag Langgasst 21 0L?t} .Tagblatt-Haus" Nr. 6650-53.

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Nr. es.

Freitag, 1». Februar LSLL.

SS. Jahrgang.

Morgen - Ausgabe.

1. Matt.

Sozialpolitische Umschau.

Anfang Februar,

Im Laufe des letzten Monats hat die Reichsregie­rung den Entwurf einer P r i v a t be am t e n v er­st ch e r u n g endlich veröffentlicht. Ter Entwurf oe- deutet eine allgemeine Enttäuschung. Aber doch nicht ganz mit Recht. Man hätte bedenken sollen, da;z das Reich heute jeden Pfennig umdrehen muß, wenn es ihn für soziale Fürsorge aufwenden soll. Die Aus­gaben für Heer und Marine drängen alles andere an die Wand, sobald es Geld kostet. Wurde man diese nun einmal bestehende Tatsache berücksichtigt hadern so wäre in len Kreisen der Privatbeamten dre En.- täuschung sicher geringer gewesen. /Jetzt setzt man alle Hoffnungen auf den Reichstag. Vielleicht wird er dem Bilde noch einige Lichter geben, denn rn dre Mage der Privatbeamtenversicherung spielt heute berert^ dre Wahlpolitik stark hinein. Aber eine Alters- und Ange­hörigenversorgung etwa nach dem Maßstabe der Ver­sorgung der St a a t s b e a rn t e rr, von der viele träumten, wird nicht zustande kommen. Derartige Hoffnunqeu sind aussichtslos, denrr schiverlrch wird an dem Grundsätze, daß Arbeitgeber und Arbeitnehmer je -rur Hälfte die Kosten der Versicherung zu tragen haben, aerüttell werden. Selbst die Höchstleistungen werden kaum die H ä I f t e des Ruhegehalts betragen, das ein Staatsbeamter bezieht. Das Reich betrachtet die Privatbeamtenversicherung lediglich als eine Zü­sch u ß k a s s e. Dabei sind die Beiträge ziemlich hoch: rm niedrigsten Satz 1,60 M., im höchsten 26,60 M. im Monat Das ist eine recht erhebliche Belastung: auch für die Unternehmer, die, wie gesagt, die,Hälfte dieser Sätze zu zahlen haben. Ter größte Teil der Bureaubeamten ist von der Versicherung überhaupt ansaeschlos en. Es ist zu befürchten,, daß man aber­mals versuchen wird, eine gesetzgeberische Aufgabe mit unzureichenden Mitteln zu lösen die den «ozml- volitiker ebensowenig befriedigen wie dre neue Reich-- versicherungsordnung. Von dieser soll der neue V.r- sicherungszweig nicht etwa, ernen x-erl bilden., M n könnte das letztere eigentlich annehmen, denn die Zer- svliUerunq unserer Versicherungsgesetzgebung drangt

nack Vereinheitlichung. * WfWffigH irt iedoch ganz von ihr abgesondert, //iele Beamte..- kreise haben das gewünscht, aber mit diesem Entgegen- kommen leistet nian der Entwicklung msteres staatlichen Verstcherunqswesens kemen guten Trenst, , nno ß-m Drivaibeomten m-cht °S die SnttSnschnn« »,cht >°-n,g°- sühlbar. _

Ein Viertel des Vermögens der neuen Versicherung soll in A n l e i h e n des R e i ch e s oder der Bunde s- staaten angelegt werden. Es handelt sich dabei um sehr bedeutende Beträge. Das Vermögen der Jn- validenversicherungsanstalten belief sich Ende 1909 auf 1574,1 Millionen, jenes der Berufsgenossenschaften auf 479,8 Millionen, das der Krankenkassen auf mindestens 270 Millionen. Da die .Kassenbestände der Kranken­kassen sich jährlich etwa um 12 bis 16 Millionen er­höhen. die Berufsgenossenschaften gezwungen sind, ihre Rücklagen noch immer gu steigern, und da die Landes­versicherungsanstalten jährlich ganz besonders hohe Aufbesserungen ihrer Bestände vornehmen können, so ist niil großer Sicherheit anzunehmen, daß alle staat­lichen V e r s i ch e r u n g s t r ä g e r tatsächlich einen

Gesamtvermögensbestand von etwa 2>h Milliarden heute erreichen.

Eine ähnliche Enttäuschung wie der Entwurf der Privatbeamtenversicherung brachte das Versagen der Reichsregierung bei der Bekämpfung der F l e i s ch n o t. Man braucht nicht zu wiederholen, daß die hohen Fleischpreise für die unbemittelte Bevölke­rung und namentlich für kinderreiche Familien des Mittel- und Ärbeiterstandes kaum noch zu erschwingen sind Einzelne Bundesstaaten führen nun jetzt etwas französisches Vieh ein. und die Reichsregrernng hat ge­stattet^ daß uirsere Grenze für derartige, französische Schlochlviehsendungen etwas weiter geöffnet wlrh-, natürlich unter weitgehenden, unsäglich lästigen Vor­sichtsmaßregeln gegen die Einschleppung von Leuchet:, obwohl weite französische Gebiete völlig seuchenfrei sind. Abb was nützt denn diese, von der Reichsregierung dem deutschen Volke gewährte Erleichterung? Sie nützt fast gar nichts, weil sie viel zu g er in g ist, um die Volksernährung nennenswert zu beeinflussen.. Man begreift nicht, aus welchem Grunde die Reichsregierung sich so unbeditlgt gegen die Einführung gefrorenen Fleisches etwa aus Argentinien sträubt. Eine Ein­schleppung von Seuchen ist hierbei nicht, zu befürchten: es ist ein gesundes Nahrungsmittel, ein großer Teil des enoliscben Volkes lebt von ihm, und es würde in der Tat der Fleischnot ein Ende machen, wenn die erforder­lichen Mengen herein kämen. Aber das gefrorene Fleisch würde auch die Schlacht ieh preise drücken. Man glaube nicht, daß dergemeine Mann" über den Zusammenhang dieser Dinge überhaupt nicht nachdentt. Tie weitesten Kreise des deutschen Volkes fangen an. sich darüber zu beklagen, daß die hohen Leberwmittet- preise weniger auf schlechte Ernten, als auf dre R e g i e r u n g s p o l i t i k zurückzuführen sind. -<- Hohe Lebensmittelpreise haben in allen Zeiten die Geister revolutioniert. Die Zeiten, wo das, Volk ore Bäckerläden stürmte, sind glücklicherweise voriiber, aber die Unzufriedenheit und das Mißtrauen in dre gute Absicht der Regierenden ist nicht geringer geworden.

Feuilleton.

--- (Raddruck verboten.)

Oer Münchener ttarneval.

Von Karl Conte Scapinelli.

München verwandelt sich alljährlich

#. immc. «laust, d-d t««gJSf

iKtmtwWi «ich, f» t«t 'SK n «*t

-gen der genugsam berühmten, schlechten, Zeiten. ^ ist alle Jahre dasselbe, die gE^Stadt wr ^ rschingsjubel und Faschingstrubel eMtzt. Bunte P it den lockendsten BaMenen kleben an den Sanken, leer chende Läden bekommen plötzlich einen Mieter laskenverleihanstalt! , ^ -

Auch im Innern, in den Lokalen, bis hinab stt, ist sofort die neue Zeit zu spuren; denn Dttmch. h ich eine besondere Karnevalspezialität.diein den k men stümierten, herumziehenden Musiken besteht. Drei, lam, die leidlich irgend ein Instrument meistern, tun i w lsammen, kostümieren sich entweder als Bauern oder ls taliener oder altbayerische Soldaten oder sonst irg was und ziehen nun von 7 Uhr abends von Loka ,z okal. In jedem spielen sie zur Freude oder zum Eirts tz.

>r Gäste zwei, drei Stückchen, sammeln ab und gehen ieiter ins nächste. Solche fliegende, Kapellen,denen d^ uftrtttsrecht alle Fasching erteilt wird, gibt es denn erne tenge, und man kann es erleben, daß nran an einem Abend on einem halben, ja. von einem ganzen, Dutzend solcher HrmnrnAer anaeaeigt und angeblafen wird. So tragen iefe Äellen allabendlich den Geist des Karnevals, wre iwtiae närrische Sendboten, bis rn dre letzten Winkel, un a mag sich einer sträuben, wie er will, er ntnß es fühlen, all die Zeit des Prinzen da ist, er laßt ihn solange mit n»Nk veriolaen bis er nicht anders kann und tanzt, tanzi rstaeaew seinen eigenen Willen. So ist das erste CharA- eriftp^m des Münchener Kamevals, daß er wirNich nicht

nur in den letzten Faschinsstagen rnit Macht einsetzt, son­dern vom ersten Tage an bis zum Aschermittwoch dauert.

Das zweite Charakteristikum ist, daß der Münchener Fasching wirklich in allen, aber auch in allen Bevölkeruugs- schichten zu fühlen ist, und daß sich auch kein Greis aus- schliehen will. Die Art der steifen Repräsentationsbälle an­derer Städte kennt man nicht, hier geht es auf allen Ver­anstaltungen ungezwungen zu. Der ganze Fasching steht unter dem Einfluß des Maskenballs und des Hai pars. Selbst die größten Bälle, wie der Presseball, der Bühnen­ball, der Armcnball, welch letzterer den Ball der Stadt München darstellt, stnd entweder vollständig maskiert, oder sie lassen wenigstens Masken und Domino zu. Sie müssen sie zulassen,,denn es gehört zum Münchener Karneval wie der Sekt.

Dal pars im Deutschen Theater! Ein Saal wird, ge­schaffen sür ein solch heiteres Fest, weit, licht, mit traulichen Logen, mit glitzernden Nebensälen, die Musik, oben im Bücherraum in roten Fräcken schluchzt klagende, jauchzende, zirpende Walzer. Unten im Saal auf glattem Parkett, da drehen sich die Paare, schlanke, rasierte Jünglinge, würdige Glatzköpfe mit hochgewachsenen, lustigen, listiWN Münchener Aiädeln und Frauen. Man kennt das Bild, der allzu früh verstorbene Maler Freiherr v. Rezmicek hat es uns i>a oft genug gemalt, hat es uns mit allen seinen sieben und Lieb­sten gezeigt.

Es liegt eine eigentümliche, eine echt nmnchnertsche Lust über dem Bild, das sich hier zweimal dre Woche zeigt, eme Münchner Luft, die lau und warm ist. anheimelnd und gemütlich, elegant und doch behaglich. Es fehlt das Grell und Laute, man schreit nicht, smidEl lacht man renommre^ nicht, sondern flüstert sich schone Sachen ins Ohr und selbst in der Ausgelassenheit der ersten Morgenstunde liegt noch Anmut, Linie und Charme.

Die Herren rekrutieren sich aus den besten Standen. Offiziere, Beamte, Rechtsanwälte, Ärzte, Künstler, Studen- ten. Tie Damen sind, nach ihrem Schick und ihrem froh-narven

Es ist eine traurige Tatsache, daß auch ein großer Teil der Jugend dem modernen Staat und feinen Ein- rtcktungen noch weniger Vertrauen als das Alter ent- gegenbrmgt. Diese Jugend atmet eine Luft, die von Mißtrauen erfüllt ist. Endlich hat man auch in Regie- runaskreisen stch zu der Überzeugung dnrchgekämpft. daß der moderne Staat hier einige Pflichten zu erfüllen habe, und zwar in seinem eigenen Interesse. Man will jetzt eine Art politisch-psychrscher Hygiene für den jungen Nachwuchs einführen und hat in Preußen und Sachsen, wenn auch nur erst in Umrissen, ein Pro- gramm der staatlichen Jugendfürsorge aus­gestellt. das der Jugend jenes Mißtrauen nehmen und sie vor der jetzt oft zu bemerkenden gründlichen Mrß- achtuna aller Autorität bewahren und sie zu strenger Pflichterfüllung und Selbstzucht erziehen ^foll. Man kann diesen Bestrebungen guten Erfolg wünschen. Die Stimmung und Charakterentwicklung unserer Jugend ist in der Tat nach dieser Richtung vielfach trostlos --- aber man wird die Jugend nur haben, wenn man dre Alten hat. Man wird das Vertrauen zu unse­rem Staat und seinen Einrichtungen nur zuruck- gewinnen durch eine gute Politik, die berechtigte Forderungen der breiten Masse auch ehr­lich anerkennt und durchzuführen bestrebt ist. Zu dresen berechtigten Forderungen gehört in erster Lime, das Wohl der unbemittelten Volksklasse zu fördern und das Verlangen, notwendige Nahrungsmittel nicht künstlich zu verteuern. Hier ist der Punkt, wo die Regierungen zunächst einsetzen müssen, wenn sie sich das Vertrauen der breiten Masse wieder zurückgewmnen wollen. Billige Brot- und Fleischpreise gehören zu den wirk­samsten Überzeugungsmitteln für die Vortrefflichkeit und die guten Absichten einer Regierung!

* DkEches Reich.

* Zu den Gerüchten über eine Nomreise des Kaisers schreibt dieLiberale Korrespondenz": Tie Ratgeber

des Kaisers, die ihm vorgeschlagen haben, jetzt^ eine Steife nach Rom zu unternehmen, sind mit Blindheit ge­schlagen. Eine solche Reise würde die allerweitesten Kreise befremden und die Erregung würde noch größer sein, nachdem jetzt die päpstlichen Organe erklärt haben, der Papst würde in diesem Jahre, dem kirchlichen. Trauerjahre", keinen Fürsteil empfangen. Diejenigen, die dem Kaiser jene Reise angeraten und die ent« sprechenden Nachrichteir in die Presse gebracht haben, haben es also dahin gebracht, daß auf jeden Fall das Ansehen Deutschlands einen Schaden erleidet. Tenn wenn der Kaiser jetzt wirklich nicht nach Rom, gehen sollte, so würde allgemein, und scheinbar nicht Mit Un­recht geglaubt werden können, daß diese Unterlassung der Reise nicht deswegen geschieht, weil der Kmser als

Augenlcuchten unter der Maske zu schließen, aus allen Kreisen Da tanzt die Künstlersfrau neben der schicken Direktrice, die Malerin neben der Gräfin, vielleicht die KeltMrin neben dem Modell! Alles achtet und duldet sich» alles lacht stch zu. trinkt stch zu und freut stch, freut sich un­bändig. Nur die Schönheit und die Eleganz gilt heute,

und alle beugen sich vor ihr. . .

Man spricht jede Maske perDu" an, und selten wird ein Herr ungeschlacht und eine Dame schnippisch. Fm ge­mütlichsten Ton der Welt sagt man sich Liebenswürdigkeiten und Wahrheiten. Das ist vielleicht der springende Punkt, warum gerade nur in München diese Art öffentlicher Dats varos sich auf einer Höhe halten, daß auch wirkliche Damen himgehen können. Es fehlt die Eifersucht, die Rauferei, es fehlt an Ärgernis, das einer am anderen nimmt; will man nicht hören und sehen, so hört und sicht man nicht. Der Münchener ist durch jahrhundertelange Wung an das Vergnügen in der Sfientlichkeit gewöhnt, seine Brauereifeste, die Spezialbierausschankabende, das Oktöbersest, die Künstlerbälle haben ihn dazu erzogen, haben ihn vernünftig gemacht und doch genug unventünftig, um die Laune der Gesamtheit nicht zu stören.

Diese Dal pars-Stimmung trägt uran auch in die gro­ßen öss-ntlichen und in die Künstlerbälle hinein, unbewußt, damit die Echtheit des Tons und einen wahren Faschings- Humor wahrend. Auch die Künstlerbälle sind immer Mas­kenbälle, richtige Maskenbälle, wo der Frack mit allen Mitteln hinter dem möglichst echten Kostüm zurückgedrängt werden soll.

Freilich bringt es hier das Lokal und der Name der berühmten Teilnehmer mit sich, daß diese gediegener, ge­schlossener, stilgerechter sind wie die öffentlichen Kostümfeste. Wer einmal in dem herrlichen PrnNksaal des Künstlern Hauses solch ein Fest mitgemacht, die reichen Kostüme, den intimen Witz, die schönen Damen gesehen hat, wird so etwas sein Leben nicht vergessen.

Unten im neueren Künstlerviertel, in Schwabing, da feiert der Nachwuchs in den Räumen der Brauerei feine