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"WkST»'-*- Wchentlich 12Ausgabm. _ Gegründet 1852.

WüHentlilh 12 Ausgaben.

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Nr. «V.

Donnerstag, 9. Februar 1911 .

59. Jahrgang.

Morgen - Ausgabe.

1. Matt.

UoMLlche Uksrstcht.

Eine Urmmrdigkeit.

Eine der besten Reden, mit denerr die vom Anti- inodernisteneid drohenden Gefahren behandelt wurden, hielt, wie man sich erinnert, der Abgeordnete Everling in der ersten Lesung des Etats im Reichstage. Was diese Rede besonders interessant machte, war das Schicksal, dem sie alsbald begegnete. Wenn sich das Zentrum durch den Abg. Everling getroffen fühlen konnte, so war das bestens zu begreifen, daß sich aber auch die Konservativen verletzt fühlten und das Bedürfnis einer Entgegnung empfairden, das war das Neue und Merkwürdige an dem Vorgänge. So wurde denn Herr Kreth dazu ausersehen, den Abg. Everling in den Sand zu strecken. Es genügt, die hin­länglich bekannte Tatsache erneut festzustellen, daß dem Wortführer der Rechten die für feine Schultern allzu schwere Aufgabe in erbarmungswürdiger Weise miß­lang. Ter Abg. Everling blieb bei denk freilich un­gleichen Strauß gesund und munter, und das scheint dis Konservativen ganz gehörig zu kränken. Zum min­desten benimmt sich dieKreuzzeitung" gegen Herrn Everling so roh, daß man für den widerlichen Ton, den das leitende konfervative Blatt gegen den Vor­sitzenden des Evangelischen Bundes anschlägt, keine einigerinaßen zutreffende Erklärung finden würde, weiln man nicht eben einen maßlosen Ärger über die Unantastbarkeit eines überlegenen Mannes als Trieb­feder annehmen wollte. Welches jedoch die Beweg­gründe für den unverantivortlichen Vorstoß gegen den Abg. Everling sein mögen, so ragt die Bedeutung dieses Angriffs jedenfalls über das etwa mitsprechende per­sönliche Moment hinaus, die Konservativen (die natür­lich die Verantwortung für die Aktion ihres führenden Blattes weder werden ablehnen können noch auch wollen) stellen sich somit in einer wirklich kaum schon dagewesenen Art und Weise geradezu in den Dienst des Zentrums. Tenn nirgends kann über die gehässi­gen Alkgrisfe derKreuzzeitung" gegen den Abg. Ever- liikg mehr boshafte Freude herrschen, als im Zentrums­lager, und man wird von dort her wohl auch bald ein hohnvolles Echo vernehmen. So haßerfüllt ist man auf der Rechten gegen den nationalliberalen Vertreter des sächsischen Wahlkreises Töbeln-Roßwein, daß er bei den Neuwahlen die Unterstützung der Konserva­tiven nicht mehr finden soll, ivas die kaum zu ver­neinende Wirkung haben soll, daß dieser Wahlkreis rm nächsten Reichstage wieder sozialdemokratisch vertreten sein wird. Aber was ficht das die Konserva­

tiven an, wenn fie einen Gegner stürzen können? Der Abg. Everling ist in den Augen der konservativen Par­teiführer offenbar so eine Art von Verbrecher. Indem er als Führer des Evangelischen Blindes dem Klerika­lismus nach Gebühr begegnet, stört er die Kreise derer um Heydebrand. Dafür soll er sieht büßen, und der schmähliche Artikel derKreuzzeitung" begnügt sich deshalb nicht mit einer sachlichen Bekämpfuna. sondern er arbeitet mit den verwerflichsten Mitteln, indem er Herrn Everling die moralische Qualifikation, den weiten Blick uird vor allem den rechten Takt für seine Stellung abspricht, dies alles gestützt auf Angriffe, die im Evangelischen Bunde seinerzeit der verstorbene Graf Wintzingerode gegen Everling gerichtet hatte. Ter Artikel strotzt geradezu.. von den böswilligsten Unterstellungen, von den hämischsten Anzweiflungen nicht bloß der Tätigkert, sondern auch des Charakters des Abgeordneten Everling. Der Angegriffene wird ja Manns genug sein, uw. sich gegen plumpe Gemein­heiten gebührend zu rühren, uns aber interessiert hier in erster Reihe die Liebedienerei, mit der sich das leitende konservative Organ dem ge­liebten Zentrum wied.er einmal zur Verfügung stellt. Und dabei wird immer noch bestritten, daß es eine schwarzblaue Gemeinschaft gebe.

Aus Offen.

Aus Essen wird uns geschrieben: Durch das hiesige Gericht ist bekanntlich schon am Tage nach der Freisprechung von Schröder und Genossen die EntschädigungsMicht gegen­über dem im Wiederanjuahmeverfahren Freigesprochenen anerkannt worden, und es -sind sofort die nötigen Schritte geschehen, damit die Sache so schnell wie möglich geregelt wird. Die Entschädigung wünscht das Gericht reichlich, damit der gute Wille erwiesen werde, den Nachteil, der den Angeklagtenzügesügt worden ist, in den Grenzen» wo er überhaupt gntgemacht werden kam:, auch in vollem Umfang gutznmachen. In dieser -Beziehung steht die Entscheidung beinl Justizministerium. Im Anschluß hieran sei ein Irr­tum zurückgewiesen, der einem Berliner Blatt bezüglich der Rede des Ersten Staatsanwalts begegnet ist. Das Blatt sagt, merkwürdigerweise habe der Staatsanwalt die An­klage zu retten gesucht. Erster Staatsanwalt Dr. Eger hat itt seiner einfachen, großzügigen, prachtvollen Rede wörtlich gesagt:Ich bin durch die Beweisausnahme zu der Über­zeugung gelangt, daß die Angeklagten des ihnen vorge­worfenen Verbrechens nicht schuldig sind". Und Staats­anwalt Pfaff hat zwar von einemHon liquet" gesprochen, aber nur -hinsichtlich des objektiven. Sachverhalts. Von der subjektiven Nichtschuld aller Angeklagten erklärte auch er sich überzeugt. Nie wäre auch etwas anderes möglich ge­wesen, nachdem selbst der einzige Belastungszeuge außer dem in jeder Beziehung tote« Gendarnl Munter, der Polizeikommissar a. D. Brockmeyer, ausdrücklich den guten Glauben der Angeklagten zugestanden hatte. Bekanntlich wollte ein Tapezierermeister Krause aus Charloitenburg bekunden, daß Munter in einem Kreise, in dem er sich sicher

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Feuilleton.

England in Köelboöen.

Ei« Brief aus dem Berner Oberland.

Von Enmry von Egidy.

Tiefblau mit einem stählernen Blinken wölbt sich der Himmel über den schimmernden Schneeseldcrn: kein Luffzug, schwer belastet stehen die verschneiten Tannen, wie eiir:'^an:-.l gestickt in Silber und dunklem Grün umgeben die Wäl­der die Berge bis hinaus zur Grenze des ewigen Eises, wo es blitzt und blinkt, zu strahlend fast für das unermüdliche Auge. Einzelne Bergspitzen glühen aus und gleich zeigen sich blaue Schatten daneben. Schnell wandert so der erste Schein der Sonne von den Höhen herab zum Tale, all­mählich erreicht er auch die Häuser von Adelboden.

Häuser? Hotels; groß, protzenhast, wuchernden Gift­pilzen gleich kleben sie an den Schneehängen, reißen die Blicke an sich mit jener faszinierenden Gewalt des Häßlichen prunkend in abscheulichen Farben und in ihren Formen ein Hohn aus die Großartigkeit der Bergwelt. Und die wenigen alten Bauernhäuser verschwinden zwischen diesen Eindringlingen, drücken sich in die Lucken, die ihnen gnädig

gelassen. . ,,

Kaum liegt Sonne ans den Wegen, pocht an die großen Fenster derhalb", so öffnen sich die Türen und sportge­rüstet strömt England aus.

Hübsch ist das Bild in der engen Dorfftraße, wo es sich einmal sammelt, all das farbige lebendige Leben und Be­wegen, bevor es sich verstreut ans den wetten Schneefeldern und langen Wegen. Weiß herrscht vor aber meist nur, damit sich desto leuchtender ein Blau von Rock und Mütze abheben kann, ein Rot tief und warm, ein grelles Giftgrün, das ganz überraschend delikat wird in der großen sarben- verschlingenden Schneewüste. Diese Engländerinnen machen mit ihren Kleidern Farbflecke in die weiße Matur, und das

machen sie sehr hübsch, sehr stisch, sehr harmlos. Raffi­nierter ist das Herrenkostüm, wenn Anzug und Beinkleid in seinen, fast verwaschenen gelbgrünen Nuancen zueinander stehen und der weichblaue Schlips einen wirklich triumphie­renden Effekt erzielt.

Lautes Rusen, lustiges Lachen, emsiges Summen und eistiges Aussprechen, Beraten! Alles englisch!

Adelboden ist englische Kolonie. Wenigstens im Winter. Es hat seinen Sportklub und englische Kirche soweit ist es Kolonie. Man hört nur diese Sprache, man sieht nur dies eine Gesicht, man fühlt an Essenszeiten und Einrichtungen in den Hotels, an allen Straßenanschlägen und Sportbe- kanntmachungen die englische Herrschaft.

Wer in Italien gereist ist, weiß, was er dom reisenden England verdankt. Es stellt seine Ansprüche so bestimmt, daß sie Erfüllung finden. Sie kommen nur dorthin, wo man sich für sie emrichtet; wenn aber einer kommt, so kommen viele, sehr viele und das wissen die Hoteliers. Es lohnt sich, das Hotel nach englischen Wünschen cinzurichten. Sie, die am besten verstehen, in ihren Häusern zu leben, ver­stehen auch am besten in Hotels zu leben. Und wir andern lernten von ihnen es ist unnütz, das zu leugnen, und überflüssig, darüber schimpfen zu wollen.

Bald hat sich der Schwarm in der Dorfgasse geteilt, zerteilt. In Trupps ziehen sie auf den ferneren Straßen den Höhen zu, die Schneeschuhe aus der Schulter oder an den Füßen, den Lunch im Rucksack. Sie gehen gleichmäßig ernsthaft vorwärts, ohne viel Geplauder, eine Anstrengung liegt vor ihnen. Die Höhen hinauf, einige Stunden weit, das will gemacht sein. Der Wald ist bald erreicht, die Bäume, weiß belastet, stehen wie fremde Wesen da. Der Winter hat seine eigene Formgebung, deren weiche Rundung erstaunlich wirkt in dem blendenden Knstallflimmern der Schneeschicht Kleine Bäum- stehen wie verschneite Zwerg­lein, zwischen rund überwölbten Steinen rieselt ein eisiges Wasser. Hier fliegt ein Vogel aus und schauernd steht die große Tanne unter dem stiebenden Schnee, den die kleine

ine inte,,zugestanden habe:Ich habe dem Schröder ordent­lich einjs in den Nacken gegeben", es wurde aber ans den Zeugen verzichtet. Ein Bomriot darüber lautet:Man dachte eben, wen« Munter mit dem Hinweffen Schröders renommiert, so ist es am Ende doch nicht wahr". Die Meldungen über die Ausstellung der Märtyrer des Pro­zesses als Reichst«gskandidaten sind übrigens unzu­treffend. In Essen Haben die Sozialdemokraten den Redakteur Gewehr aus Elberfeld wieder ausgestellt, und die Märtyrer Beckmann, Milking und Thiel sind zu Reichs- tagskandidaten so ungeeignet, daß die Sozialdemokratie mit ihnen ihre sonst aussichtsvoWen Wahlkreise verlieren würde. Diese Männer werden über jene Meldung selbst nicht wenig erstaunt sein.

Deutsches Reich.

* Unnötige Verärgerung nennt dieKöln. Ztg." bei der Besprechung der letzten Berliner Stadtverordneten- Debatte das Verhalten der Regierung gegen Berlin. Sie schreibt, Oberbürgermeister KirschMer habe in seiner Kennzeichnung der Behandlung durch die Regierung voll­ständig recht, und fährt dann fort:Der Oberpräsident kann sich auch nicht darauf berufen, daß unhöflicher Brief­stil eineberechtigte Eigentümlichreit" mancher preußischer Behörden sei, und noch weniger wird er sagen können, daß die Angabe von Gründen der Würde einer hohe« preußischen Verwaltung nicht entspreche. Diese Behörden geben vielmehr in vielen Fällen eine Begründung ihrer Bescheide und namentlich tun sic es dann, wenn die Be­gründung wirklich Hand und Fuß hat und sie erwarten können, daß sie einen ernsten und überzeugenden Eindruck machen wird. Wenn sie es jetzt nicht taten, so kann man annehmen, daß die sie leitenden Gründe zu denen gehören, die das Licht der Offentlichkeit und eine Kri­tik nicht vertragen können. Dann ist es aller­dings viel einfacher und bequemer, eine Begründung durch ein einfaches Sic volo, sic jubeo zu ersetzen. Aber ganz abgesehen von diesen sachlichen Bedenken: weshalb muß denn im Verkehr zwischen Staatsbehörden und Stadtver­waltung eine ausgesuchte UnHöflichkeit herrschen? Bei dieser Frage kommt noch eine andere Erwägung hinzu. Den Angriffen gegen die Schntzmannschast wäre ohne weiteres die Spitze abgebrochen worden, wenn der Minister des Innern und ebenso der in seinen Kundgebun­gen recht unglückliche Polizeipräsident von Jagow nicht alles, was von der Schutzmannschaft geschehen ist, ohne Ausnahme gedeckt hätte. Damit haben sie sich mit den Ergebnissen der gerichtlichen Verhandlungen, und man darf Wohl sagen, mit allem, was jetzt in den wei­testen Kreisen als objektive Wahrheit betrachtet wird, in einen aufreizenden Widerspruch gesetzt, und sie können sich nicht wundern, wenn das jetzt ein unerfreuliches Echo findet. Es ist beim besten Willen nicht zu glauben, daß diese nach allem, was man von ihnen weiß, aus­nahmslos tadellose Musterknaben seien. Wenn das nun aber von den höchsten Stellen mit der größten Ent­schiedenheit behauptet wird, so wirkt ein solcher Verstoß

Erschütterung von ihren Zweigen rüttelt. Und wieder kommen Schneeseider, weite weiße Flächen mit blauen Schatten, wonnig leuchtenden blauen Schatten. Hier, fern von Hotels und Getriebe, ist man nur zwischen Schnee und Himmel, weithin glänzen die Höhen ans, kantig, fast durch­sichtig in ihren letzten Spitzen stehen die Schneewehen aus den Bergrücken und doch fließt alles in einem schimmernden Leuchten zusammen. Die Seligkeit der Höhe ergreift den Menschen. Leicht ist die Lust, sie atmet sich ohne Mühe, warm, heiß scheint die Sonne, keine Müdigkeit ist zu fühlen, leicht spielen die Glieder und tun jeden Dienst.

Und auch um die sportgewandten Körper fließt dies leuchtende Licht zusammen, betont die schöne Bewegung, umschmeichelt die frischen Gesichter, Jugend, Kraft, Ge­wandtheit, Ausdauer und Mut, sie lachen einander an aus Menschengesichtern.

Ob sie die Schönheit sehen, die rings um sie prangt? (es wird viel geknipst), jedenfalls sehen sie einander!

Die Starken rnessen ihre Kräfte in gemeinsamen Unter­nehmungen. Ans der Höhe finden sie tvohl auch eine fast ganz verschneite Almhütte, die ihnen gerade noch Schutz bieten kann gegen den Wind, der hier oben stets weht. So wird getäfelt. Ein lebhaftes Durcheinander, ein Suchen und Finden, Teekochen mit geschmolzenen: Schnee, Offnen von Büchsen und Wärmen von Speisen, eine allgemeine Unruhe, bis alles sitzt und ißt. Mit den kräftigen Ge­bissen, mit den unerschrockenen Unterkiefern sind sie eine Weile allein beschäftigt. Dann kommt eine kleine Ruhe­pause, man raucht, man blinzelt in die Sonne, man erzählt mit halblauter Stimme, bis der Abstieg beginnt. Die M- sahrt! Denn in sausender Schnelle geht es zu Tal über die steilen Hänge hinab, dort fliegt ein roter Punkt, eine rot gekleidete Miß, ein blauer, ein grüner, die Herren nur als dunklere gleitende Striche,, so saufen sie hin. Und sie kom­men erst zurück zur tca-Zcit n::d sitzen dann, erfüllt von dem Glanz der Sonne aus den Höhen, träumerisch gestimmt in denhalb" beim Klang der WM, und die Augen wandern