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Nr. KS.

Mittwoch, 8. Februax 1911.

SN. Jahrgang.

Morgen - Kusgabe

1. Wk-rtt.

Kaiser Wilhelm und die Freimaurerei.

Durch den Blätterwald rauschte dieser Tage, ge­heimnisvoll, die Mär, der deutsche Kaiser habe sich aus einem gütigen Freund zum innerlich überzeugten Geg­ner der Freimaurerei wandeln lassen, und als ein Aus­fluß dieses Gesinnungswechsels sei das kaiserliche Ver­langen zu betrachten, Mozarts ewige „Zauberflöte" im Bannbereich der Zollernschen Hofoper der vom Maurer- Komponisten ihr eingewobenen „maurischen Attribute" zu entkleiden. Tatsächlich ist denn auch am Abend des siebenundzwanzigsten. Jannartages Mozarts Zauber­werk in veränderter Milieu-Gestaltung durchs Hol- opernhans gerauscht: Statt Alt-AgYPtens traumhaft- klassischen Reizen glitzerte und funkelte im Bühnenbild des fernen Morgenlandes märchenschöner Zauber und Mozarts Geist belebte neues Gebild. Tie Kunst des Tonmeisters ist indessen von diesen! Wandel unberührt geblieben: An des Giganten Werk tastete keines

schwachen Epigonen stümpernder Finger, und^ der Wunderklang der Zauberflöte berauschte die Seelen mit der ganzen Kraft klassischer Elementargewalt. Mail darf sich dessen freuen, denn wenn auch des toten Meisters Ruhntesglanz durch des Alltags Zufall nicht verdunkelt werden kann: Die offiziöse Erklärung, daß das Geflüster über den Stimmungswandel in den höchsten Sphären ein Gespinst müßiger Hirne sei und kein Ernsthafter an eine „Korrektur" Mozartschen Geistes denke, ist mit. Dank zu vermerken und darf als Zeichen verständnisvoller Würdigung unantastbarer Werte gedeutet werden.

Das Hans der Hohenzollern hat mir der Frei­maurerei seit Jahrhunderten enge Fühlung unterhalten, und Könige und Prinzen vom Stamm der Dynastie haben im Logenleben als werktätige Männer den Ham­mer geführt. Wilhelm der Zweite steht zwar anßer- halb der freimaurerischen Kette, aber er hat wiederholt Geleaenheit genommen, den menschheitfreundlichen und menschtumfördernden Bestrebungen der Maurerei Achtung und Sympathie zu bezeugen, und es ist zweifel­los ein schlecht erfundenes Märchen, wenn aus Lakaien- stnben heraus der Welt ins Ohr geraunt wird, der Kaiser habe sich zum Gegner der Freimaurerel „be­kehren" lassen. Kaiser Friedrich der Tritte war als Kronprinz lange Jahre Ordensgroßmeister und Ehren- Protektor der preußischen Landeslogen und fern Idealismus war der Erzeuger eures gewissen „Modernismus" im Wesen der deutschen ryrei- maurerei, der im Lauf der Jahre manche verständige Konzession an den Geist der neuen Zeit geooren hat. Friedrichs Idealismus war allerdings auch die Ursache einer Art Unverstandenseins, das in späteren Jahren sich zwischen dem kronprinzlichen Maurer und dem Ver­band der altpreutzischen Logen merkbar machte, und bei

FemlleLmr.

(Nackidruck verboten.

Heimisches NaturLeben.

Skizzen von Walther Schulte vom Brühl.

XI.

Usw Ken- rmd §<mevmtvm.

Es- war ein schöner, dunkler, windstiller Sommcr- abend. Wir saßen auf der Veranda des stattlichen SommersiSs, den mein literarischer Freund im Mosel­tal, dort, wo es am schönsten ist, sein eigen nennt. Der blaue Rauch unserer Zigarren ringelte sich durch das zierliche Laubwerk der Glyeinien; Nachtfalter und be­scheidenes Jnsektenzeug umtaumelte und.umtanzte die Lampe auf dem Tisch; aus dem Städtchen zu unseren gsißen und dem gegenüberliegenden. Torfe glänzten die Lichter herauf, spiegelten sich in langer Zeile tut Fluß, krochen wie Glühwürmchen die Berghänge hinan. Und'dann leuchtete es weiter auf, hier und dort, wert über die Siedlungen der Menschen hinaus. Erst ein“ jehie, dann immer zahlreichere Lichtchen; bald war es eine Illumination, io weit der Blick reichte, als^sei der dunkle Mantel der Nacht mit funkelnden Sternen

^^,Was bedeutet das, tvas soll diese zauberische Be­leuchtung?" fragte ich erstaunt den Freund.

,'Es geschieht wegen eines winzigen, ruppigen Schädlings eine Illumination in den meisten Wernge­bieten, wie' sie in gleicher Großartigkeit zu keines Herr­sch era 'und zu keines bedeutenden Ereignisses Ehren 1*> rnals stattsmdet. Tie Motten des Sauerwurms fliegen.

Friedrich schließlich eine Abkühlung der Empfindungen herbeiführte, die wie Enttäuschung aussah. Man weiß auch, daß diese Erfahrung feines Vaters Wilhelm den Zweiten davon abgehalten hat, sich selbst in die Bruder­kette der Loge einreihen zu lassen: Persönlich indessen trennt den Kaiser nichts von den Bestrebungen, die sich im Weseir der deutschen Freimaurerei verkörpern.

Es ist schon an anderer Stelle davon die Rede ge­wesen, daß Friedrich der Große (der selbst den Schurz des Maurers trug) die Freimaurer „seine besten Unter­tanen" nannte, und tatsächlich hat auch der Staat und das Königtum in der Freimaurerei deutscher Art eine starke Stütze. Der geistig-sittlichen Erhebung und Ver­vollkommnung der Menschheit gewidmet, auf dem Prinzip idealster Nächstenliebe. aufgebaut, dient die deutsche Maurerei lediglich ethischen Z h> e ck e n und unterscheidet sich dadurch grundsätz­lich von den romanischen Logen, in denen die politische Betätigung den breitesten Raum im maureri­schen Wirken beanspricht. Aus der Arbeit der deut­schen Logen ist die Politik gänzlich ausgeschaltet; ihre Kraft kommt ausschließlich der Erstrebung idealer Ziele zugute und ihr Wirken im Dienst des Vater­lands und der Gesamtmenschheit ist unbeeinflußt von parteilichen Eigennützigkeiten. Tatz aus den Tempel- Hallen maurerischer Arbeit kein Laut ins Getriebe der profanen Welt dringt, daß inan über Wesen und System der Logenarbeit immer noch den Schleier des Geheimnisses deckt, ist zweifellos nicht mehr zeitgemäß angesichts der Tatsache, daß die „Königliche Kunst" (wie der Maurer sein Werk int Dienst der Nächsten- und Bruderliebe nennt) im Grunde gar nichts besitzt, das vor der Welt Augen ängstlich zu verbergen wäre, und eben dieses „Geheimnis" ist der Grund, weshalb die -maurerksche Wirksamkeit von ihren Gegnern so scharf befehdet und vom Unverstand so töricht verdäch­tigt und vergruselt wird,

Goethe, Mozart, Lessing, Wagner, Fichte und andere Größen deutschen Geistes waren Freimaurer. Friedrich der Große, Wilhelm der Erste, Friedrich der Dritte, Eduard von England, Oskar von Schweden und Huru- bert von Italien standen als Maurer in der Bruder­kette der Loge, und die Ideale, die einst sie beseelten, sind auch heute noch lebendig im Wesen der Frei­maurerei, die nichts anderes sein will und in Deutsch­land auch nie etwas anderes gewesen, ist als ein Männerbund zur Erstrebung idealer Ziele im. Dienst reinen und edlen Menschentums. Auch der religiöse und konfessionelle Kult hat sticht Grund, in der Freimaurerei den Gegner zu erblicken, denn der Gottesglaube ist die elementare Vor­aussetzung maurerischer Bestrebungen, und das reli­giöse Prinzip beherrscht die Arbeit der Loge als Fun- damentälsatz, ethischen Wirkens. Der Mystizismus, der der Freimaurerei anhaftet, deckt weder in polrti- scher noch geistiger oder tzeligiöser Beziehung ein revo­lutionäres Motiv; er umkleidet vielmehr nur als (frei­lich veraltete). Form einen guten und im Innern

durchaus gesunden Kern geläuterter Menschlichkeit, mag auch die äußere Gestaltung der Arbeitsart noch so scharfer und in mancher Hinsicht zweifellos berechtigter; Kritik unterliegen. Dieser Mystizismus der Äußer­lichkeiten ist das einzige Geheimnis der Freimaurerei, und es ist deshalb ein Kindermärchen, wenn von den „letzten Geheimnissen der Loge" gesprochen wird, „in die selbst die maurerischen Vorfahren des Kaisers nicht eingeweiht" gewesen sein sollen. Das „letzte Geheim­nis" der Freimaurerei ist ihr stilles Wirken im Dienst der Nächsten- und Bruderliebe, und dies „Geheimnis" ist gleichzeitig der Daseinswert der „Königlichen Kunst",

Deutsches Reich.

* Der Auti-Movernisteneid. Wie der Berichterstatter des „Berk. Tngebl." in Rom erfährt, schrieb der Pap st den Brief au Kardinal Fischer lediglich, um den „Hochmut der von der Leistung des Anti-ModernisteneideS befreiten Elemente zu demütigen" und namentlich die katholische akademische Welt des Deutschen Reiches, die in Roni, wenn nicht als direkt modernistisch, so doch als wenig zuverlässig gilt, ernst zu vermahnen. Es soll sich, wie im Vatikan immer wieder betont wird, um eine rein theologische Und nicht um eine diplomatische Ange­legenheit handeln, was die Staatskanzlei. der preußischen Regierung auch habe wissen lassen. Die einsichtigen Kreise des Vatikans seien übrigens von der Ansicht durchdrungen, daß die Kurie das allergrößte Interesse habe, eine Wieder­holung von Mißverständnissen zu vermeiden. Der Bericht­erstatter hört, daß die Person Ra mp oll a s aus der ganzen Sache völlig ausscheide. Rampolla gebärde sich außerdem seit geraumer Zeit als entschiedener An ti­modernist und gebe sich den Anschein, als ob er den Feldzug gegen die Modernisten billige. Von einer heftigen Auseinandersetzung mit Merry del Val sei keine Rede ge­wesen. Was den Gesandten v. Mühlberg betreffe, so erfreue sich der Gesandte im Vatikan andauernd großer Be­liebtheit. Man erkenne zumal seine Verdienste um die Beilegung des Mzyklikasturmes an, und der Papst und di« leitenden Männer unterhielten zu ihm das beste Verhältnis,

* Mittelstand und Telephon-Verteuerung. Die „Kreuze Zeitung" hat dieser Tage die Verkehrsseindlichkeit der ge­planten Telephon-Verteuerung durch die Behauptung zw verschleiern gesucht, daß die Neuregelung im Interesse des Mittelstandes liege und nur die großen Teilnehmer, „Bör­sianer, Warenhäuser, Verkehrsbureaus, Großspediteure, große Hotels usw." treffe. Dieses Fechterkunststück pariert setzt der Hansabund, sndem er in seiner Zeitschrift folgende Rechnung anstellt: Ein Fernsprechteilnehmer, der jährlich 8500 Gespräche führt, wird heute zweifellos Pauschgebühr bezahlen. Diese beträgt in den kleinsten Netzen bis zu fünf Anschlüssen gegenwärtig Ltt M., nach dem Kommissionsvor­schlag würden dafür zu zahlen sein eine Grundgebühr von 50 M. und eine Pauschgebühr für die Staffel von MM bis 4009 Gesprächen von 140 M., zusammen ISO Ai. Das würde eine Verteuerung in den kleinsten Ortsnetzen von 110 M. im Jahre bleuten. Wählte aber der Teil- nchmer die Bezahlung nach Einzelgesprächcn, so hätte er 2500X0,04 M. --- 100 M. und die Grundgebühr von 50 M.,

Hunderttausende werden in dieser Nacht durch die Fanalampen zugrunde gehen — aber Herr wird man der Bande doch nicht."

Und um dasselbe Insekt, das winzige Möttchen und.seiner „Zwischenstationen", wurde kürzlich eine mehrtägige Debatte im preußischen Landtage geführt, wie es schon andere Parlamente beschäftigt hatte. Ter vieltausendstimmige Notschrei fleißiger Winzer drang an das Ohr der Regierungen. Ter Ruin ganzer Landesteile droht durch jenen Schädling, der in seiner angeborenen Naivität gar keine Ahnung davon hat, daß alle Räuber und Spitzbuben des Landes in ihrer schädlichen Wirkung die reinen Waisenknaben gegen ihn sind. Und sein schädliches Werk ist keine periodische Erscheinung. Er bedeutet die Geißel des Winzer­standes seit Jahrtausenden in allen Weiuländern. Schon Moses sagt: „Weinberge wirst du pflanzen und bauen, aber keinen Wein trinken, denn der Wurm frißt ihn weg." Plinius beschäftigte sich mit ihm und gab chemische Mittel zu seiner Vertilgung an; Fanglampen benutzte man zu seiner Vernichtung schon zu Rafaels Zeiten. Deutsche. Chronisten verzeichnen sein ungeseg- netes Dasein. So schreibt einer um 1420: „Da fulet der Win und fant man wise wermelin in den fulen Trubelen."

Als ich meine erste Bekanntschaft mit dem Tierchen machte, hatte ich noch keine Ahnung von seiner weit- aebenden Schändlichkeit. Es war vor grauen Jahren. Ich hatte mir eine Sammlung von Klemschmetterlm- g-m Motten, angelegt, die sa in der Feinheit der Zerch- sinna und im Glanz der Farben ihren größeren Bru- d-rn' selten nachstehen. Da paradierten denn auch Conebylis ambiguella, der Traubenwickler, die Wein-

inoitc, kaum mehr als einen halben Zentimeter laug und einen Zentimeter spannend, mit den feingekerbten .Fühlern, mit dem braunen Bande auf dem fahlen Gelb­braun der Vorderflügel, ein fauler, . dicker, nächtlicher Geselle, und sein beweglicherer Bruder, der mehr in der Dämmerung als in der Nacht schwärmt und aus grauem Flügel eine kreuzähnliche Zeichnung zeigt: ö. bolrana. Beide sind Angehörige der Schädlings- familie „Tortrix", Wickler, so genannt, weil sich die Raupen aus einen! zusammengewickelten Blatte eine Behausung zu schaffen pflegen. Im Mai schlüpfen die »redlichen Falterchen aus ihrer Puppenhülle, sitzen bei Tage mit ihren dachförmig zusammengelegten Flügeln unter dem Weinlaub, schwärmen, wenn es nicht zu kühl ist, nachts auf Liebesabenteuer ans und halten Hoch­zeit. Bald darauf legt das Weibchen 30—40 glänzende Eierchen, meist an die Blütenbüsche der Reben. Im Rosemnoud kriechen die kaum sichtbaren Räupchen aus, die es sich dann in den lustigen Weinblüten, die sie ver­zehren und überdies mit feinen Fäden umspinnen, wohl sein lassen. Sie wachsen schnell bei dem leckern Mahl und ihrer gesegneten Verdauung. Das der be­bänderten Art ist ein saules ILfüßiges Bürschchen, ist rötlich gelb mit schwarzem Kops; der viel beweglichere Vetter der bekreuzten Art, nackt wie jener, ist grünlich gelb mit braungelbem Kopfe. Da diese „Wermelin" ihrer Tätigkeit um die Zeit der Heuernte obliegen, nennt man sie Heuwürmer. Haben sie sich zur Größe von etwa 10—12 Millimeter herausgefressen und die befallenen Gescheine ganz oder teilweise zerstört, und haben brave Vögel, Ohrwürmer, Spinnen und Schlupf­wespen ihrem schädlichen Treiben kein Ziel gesetzt, sy verpuppen sie sich nunmehr meist in Ritzen der Reb,