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Vitsbaökmr Sagblatt.

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^^ÄS'rr;-.,-,,- Wöchentlich 12 AusWten. _ LL«e Gegründet 1852 . -"snsi.**

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Nr. SS».

Morgen - Ausgabe.

_ 1. Matt.

MeMerMüM mm der ftemUcn MntMiere.

Von konservativer Seite ist, wie mitgeteilt, im Reichstag eine Interpellation emgebracht wor..ti, worin an den Reichskanzler die Anfrage gerichtet wird, welche Maßregeln die Verbündeten Regierungen zu greisen gedenken, um der Überschwemmung

des deutschen Geldmarktes mit fremden Wertpapieren uird dem ubermafflgen Abflüsse deutschen Kapitals -rach dem Auslande vorzubeugen Die Verhandlung über diese Interpellation rst alsbald auf die Tagesordnung der nächsten, ary Montag stet.- findenden Reichstagssitzung gesetzt worden, so daß man voraussichtlich schon dann erfahren wird, wie sich d» Verbündeten Regierungen zu dieser zweiseilos lehr wichtigen wirtschaftlichen '-Lnd Wirtschaft^-politischen Frage stellen, die gerade in der letzten ^>er., wo sch 1 Eintühruna ausländischer Anleihen rn Deutschland in bemerkenswerter Weise gehäuft hat wieder eme beson­ders aktuelle Bedeutung gewonnen hat.

Die Einbringung der Interpellation kommt mcyt völlig unerwartet, denn erst dieser Tage wurce in einer offiziösen Auslassung die überraschende ^atnuye mitgeteilt, daß man an den zuständigen stellen. in Preußen in eine Prüfung der Frage eingetreten sei, ob die Zulassung der Aktien der Chicago-Milwaukee- und Paul-Eisenbahn, wenn sie beantragt werden tollte, mit Rücksicht auf die Lage des deutschen Geldmarktes zu verhinderii sein werde. Diese Ankündigung muß umio mehr Aussehen erregen, da sie vor dex Prantra- gilng auf Einführung der fraglichen Aktien erwlgte imd da es sich in diesem Falle um ein als solide gelten­de-- Papier handelt. Der Gedanke liegt nicht ganz fern, daß hier vielleicht weniger wirtschaftliche, als politi­sche Gründe im Spiel waren. Es ist bekannt daß cm Teil der politischen Mobilmachung, zu der sich der Alt­reichskanzler Fürst Bismarck im Jahre 1887 gegenüber Rußland^ aenötiat sah. in dem Verbot der Beleihung russischer Staatspapiere durch die deutsche ReichSoank bestand. So liegt auch die Vermutung nahe, daß man angesichts der wenig entgegenkommmenden Haltung, weise die Reaierung der Vereinigten Staaten von Amerika in dem Kal ist reit zeigte, auf deutscher Seite Neigung bestand, einen Gegendruck m Gestalt der erschwerten Zulassung amerikanischer P w ' den deuffchen Geldmärkten auszuuben. Ta aoer gerade

SS

beten Regierungen, wenn diese sich dm ^erba- iib-r Seite gegebenen Anregung mcht ohne werrerev ablehnend gegennberstelleir sollten, durste Wohl m o.

Samstag, 4. Februar 1911.

Rücksicht auf unsere heimischen Anleihen be­stehen, deren Kursstand bekanntlich durchaus nicht den Wünschen unserer Ftnanzverwaltung und sicher auch nicht ihrem inneren Werte entspricht. Zweifellos hat die Überschwemmung mit ausländischen Papieren, die, nachdem die deutschen Kapitalisten durch die trüben Erfahrungen mit den Portugiesen, Griechen, Argen­tiniern usw. längere Zeit hindurch kopfscheu geworden waren, in den letzten Jahren wieder recht bedenklich umsichgegriffen hat, sehr zu dem Druck aus den Kurs­stand unserer Anleihen beigetragen, aber es ist dies nicht der einzige Grund, sondern die wiederholten Konversionen unserer Anleihen in Verbindung mit der steigenden Schuldenwirtschast des deutschen Reiches haben in derselben Richtung gewirkt, und die Verluste, welche die deutschen Kapitalisten bei diesem Kursrück­gang erlitten, haben begreiflicherweise nicht zur Popu­larisierung unserer heimischen Reichs- und Staats­anleihen beigetragen.

Ob diese Erscheinung wirksam durch die in der Interpellation angeregten äußeren Mittel zu bekämpfen ist, kann als fraglich erscheinen, besonders da eine Er­schwerung der Zulassung ausländischer Anleihen sich leicht als zweischneidige Maßnahme erweisen kann, da man auf Repressionsmaßnahmen rechnen müßte und sa auch die deutschen Reichs- und Staatspapiere in den Händen ausländischer Besitzer sind, wenn auch nicht in dem Maße, wie das uingekehrt der Fall ist. Es kommt noch dazu, daß, wie das aus dem letzten Bankiertag hervorgehoben wurde und wie das auch dem Standpunkt der Reichsregierung ent­spricht, der Besitz von wesentlichen Ge l d f o r d e r u n - gen an das Ausland einen wichtigen Faktor der finanziellen Kriegsbereitschaft dar­stellt, freilich nur dann, werln es sich um sichere Geld­forderungen, also um solide Wertpapiere handelt. Jedenfalls wird es von großem Interesse sein, sowohl die Stellungnahme der Regierung als auch den Standpunkt der deutschen Volksvertretung zu der in der konservativen Interpellation angeschnittenen Frage kennen zu lernen. An Vorschlägen für eine erschwerte Zulassung exotischer Papiere wie die Verschärfung des Prospektzwanqes oder eine Zinsgarantie der Emissionshäuser fehlt es nicht, aber über deren praktische Bedeutung gingen die Meinungen bisher weit auseinander. Jedenfalls ist die Frage durchaus der Erwägung wert, ob sich einwandsfceie und erfolg­versprechende Zwangsmittel zur Verstärkung der an die Kapitalisten zu richtenden Mahnung finden lassen: Bleibe im Lande und nähre dich redlich!

Liberale, organisiert euch!

Von den vier großen Parteirichtungen Deutsch­lands ist der Liberalismus bisher am wenigsten gut organisiert. Während in der Sozialdemokratie mehr als 700 060 eingeschriebene Mitglieder vorhanden sind, und während der Bund der Landwirte zugleich mit dem Apparat der Landräte einen. sicheren Hintergrund

8N. Jahrgang.

für die konservative Partei abgibt, während anderer­seits das Zentrum fast in jedem katholischen Pfarrhaus einen Mittelpunkt und in seinen Volksvereinen Sam­melplätze der Organisation findet, ist bis jetzt das politische Vereinswesen der liberalen Parteien außer- ordentlich unentwickelt. In vielen Wahlkreisen be­stehen überhaupt noch keine liberalen oder _ fortschritt­lichen Vereine. In anderen Wahlkreisen gibt es nur einen Verein, und auch dieser hat verhältnismäßig wenig Mitglieder. Besser steht es natürlich in einer ganzen Anzahl eifrig bearbeiteter Wahlkreise und ttt vielen Großstädten. Aber auch hier zeigt sich noch ein großes und auffälliges Mißverhältnis zwischen der Zahl der Wähler und der Anzahl der eingeschriebenen Mitglieder. Soviel aber ist sicher und wird heute von jedem Kenner der politischen Verhältnisse ausge­sprochen, daß nur diejenigen Parteien einen dauernden und gleichmäßigen Einfluß auf die Staatsangelegen­heiten ausüben können, welche sich auf feste und treue Mitgliederbestände stützen können.

(?s liegt zwar einigermaßen im Wesen deS Libe­ralismus, 'daß seine Mitglieder schwerer zu organi­sieren sind als etwa die Mitglieder der Sozialdemo­kratie und des Bundes der Landwirte. Im Liberalis­mus finden sich die verschiedenen Berufsstände und Interessen zusammen, weil es der Stolz und das Vor­recht des Liberalismus ist, nicht eine einseitige Klassen­politik zu treiben. Gerade das, was inhaltlich den Vorzug des Liberalismus bildet, ist eine Erschwerung seiner' organisatorischen Wirksamkeit. Aber diese Schwierigkeit ist dazu da, um überwunden zu werden, und man kann an verschiedenen Beispielen sehen, wie sehr durch einmütigen Anschluß begeisterter Partei­freunde eine Organisation in wenigen Monaten oder Jahren in die Höhe gehoben werden kann. Was wir jetzt von allen Liberalen in stadt und Land dringend verlangen, ist, daß sie zunächst persönlich ihren Anschluß an die ihnen zunächststehende liberale Parteiorgani­sation sucken sollen. Wir wenden uns nicht an die- ieniaen Leser, welche bereits bei einer Partei einge­schrieben sind, sondern an die vielen, die mit ihren Ge­sinnungen und Ansichten zum Liberalismus gehören, Ins heute aber es noch nicht für nötig gefunden haben, sich mit einer bestimmten Zahlungspflicht in eine Mit­gliederliste emzuschreiben.*) -

Die allgemeine Temperatur der deutschen Politik ist sehr günstig für ein Anfsteigen des deutschen Libe­ralismus. Was jetzt fehlt, ist der Entschluß und der Eifer jedes einzelnen. Wenn überall die Ziffern in den Vereinen stch verdoppeln und verdreifachen, so wird inan die Wirkung davon schon im Laufe dieses Jahres noch kräftig spüren.

*)' Da es schwer ist, für jeden einzelnen den nächstgelegenen und für ihn passenden Verein anzugeben,, so hat z. B., me Parteileitung der Freisinnigen Volksparter für dieienrgen, die sich ihr anschlietzen wollen,, die Einrichtung ge­troffen, daß alle Anmeldungen an dre Z e n t r a Ist e I l e ge­richtet werden, nämlich an die Adresse der Fortschrittlichen Volkspartei, Berlin SW Zimmerstratze 6. Bon dort aus werden die einzelnen Anmeldungen sortiert und an die ver­schiedenen Vereine zugewiesen.

Feuilleton.

VOM schwarzen Toö°

« 7 , ii-m Menschen der Renaissance alle Geißeln

iS©eit *5t die Seele stellten, dann,sah er und schrcu Knochengerippe mit der mähenden

ueben dem 0 Gespenst des Hungers und der drohenden des Kriegs auch einen schwarzen, grausig un-

Schreügestaltdes^ieM , Licht des Lebens ver-

hrnmljchen Sch«"°e bie ^mmste

dunkelte f^war ^ Klagen, mit denen Gott der

der 'Bibel die sündige Menschheit gepeinigt.

Nickt mrr^Dürer hat uns in seinen apokalyptischen V-siom» Nrcyt nur Vurer / ^ ^üste ziehenden Sturm dieser

den verheer . geschildert, sondern auch bei den anderen ^°^sch^5Äforma^nsz i alters erscheint die Pest als Künstlern d s ^ J der Weltplagm. Dem

dre grausigste Wi ge ^ Schreckbild wieder aus der

^^-//"achnichen- dem Inder aber ist es noch heute ein all- Seele gewichen, dem ^ für ^ Me wieder

tägliches LEnw mo^n ^ ^ die Seuche ganz Ostasien

zu drohenden ^ Meldungen von ihrem immer star-

» ^ n^iwareiien e rzählen. Es wirken vielleicht biblische

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lich fraglich, ob wir es in diesen gewaltigen Epidemien der Antike wirklich mit dem heute so fest umschriebenen Krankheitsbild der Pest zu tun haben. Me großen epidemi­schen Seuchen, die damals furchtbare Opfer forderten, wer­den mit dem gleichen Namen der Pest bezeichnet. Die Symptome, die Thukydides schildert, werden uns auch von den großen Seuchen überliefert, die zu Rom im ersten und zweiten christlichen Jahrhundert viele Tausende dahinraff- ten. Die Körper der Kranken bedeckten sich mit schwarzen Pusteln; heftiger Husten erschütterte den geschwächten Körper und führte zu baldigem Tod. Man hat bei diesen Epidemien, die das volkreiche Rom verödeten, an Blattern oder an Petechialtyphus gedacht. Die erste Weltsenche, die wir mit Bestimmtheit als Drüsen- oder Beulenpeft bezeich­nen können, ist die sogenannte justinianische Pest, die um die Mitte des 6. christlichen Jahchunderts ausbrach und in den Jahren 531 bis 580 die ganze damals >bekannie Welt in dm furchtbarsten Formen heimfuchte.^ Von Pelusium in Unterägypten ausgehend, nahm die Pest ihren TodeSzng Wer Alexaüdrien, Palästina, Syrien, Konstantrnopel nach Jtalim, Gallien und Germanien. Die Verheerungen, die sie anrichtete, warm in einzelnm Teilen Europas so groß, daß bedeutende Städte durch sie buMtäblich verödeten. 6t« andere Pestepidemie, die nicht lange darnach unter Kon­stantin Kopronymus ausbrach, zeigte nicht d»e dezimierende Gewalt der ersten Seuche, und ebenso waren die Epidemien, die vom 7. bis zum 14. Jahrhundert immer wieder einzelne Länder heimsuchten, nicht so anhaltend und mcht so gefähr­lich. Ihren Hauptvernichtungszug begann die Pest im 14 Jahrhundert, wo sie im Jnnem Asiens ausbrach. Schon damals war China ihr Hauptherd; sie soll allein 13 Mrllio- nm Bewohner des Himmlischen Reichs getötet haben. Mer . Lleinasten und Arabien eilte der schwarze Tod bald nach

Europa. Eine ungeheure Panik bemächtigte sich der ge­samten Ehrtstenheit; man glaubte, das Ende der Welt sei nahe herangekommen und Gott suche noch einmal an dem armen Menschengeschlecht alle Sünden der Väter heim. Wir ein gewaltiger, von gmuenhafter Angst erpreßter Notschrei geht es durch die ganze Literatur jener Tage, durch Pre­digten, Ehroniken, Flugschriften und Volkslieder. In dm Jahren 134« bis 1353 erreichte die Epidemie ihren Höhe­punkt. Während stch die vornehmen Damen und Herrm Boccaccios aus dem von Lerchengeruch vergifteten Florenz aus ihre Villm flüchteten und sich durch lusüge Erzählungen über das Grauen um sie her hinwegtäuschten, starben in den Städtm die Menschen wie die Fliegm. Nach den deut­schen Chroniken sollen in Nürnberg im Jahre 1437 13000 Menschen, in Cöln sogar 21000 Menschen dahingerafft wor­den sein. Mag man diese Zahlen auch für übertrieben halten, so besitzt doch die Schätzung eine gewisse Wahrschein­lichkeit, nach der Europa in jenen mörderischen Jahren 24 Millionm Menschen, ein Viertel seiner ganzen Bevölke­rung, verlor. Die großenSterben", die dann im 16. und 17. Jahrhundert hesonders zur Sommerszeit die Städte dezimierten, sind nicht immer aus die Pest zurückznMren, auch wenn die Seuche ausdrücklich so benannt wird. Doch wütete die Pest in weniger furchtbarer Weise weiter. Im 7. und 14. Jahrhundert war die Seuche Wer die Menschheit hergesallen wie ein -plötzlich anspringendes Raubtier, das einen Schlafenden erwürgt. Der namenlose Schrecken ließ niemand recht zur Besinnung kommen. Im 15. Jahrhun­dert aber begann man den Kamps mit dieser Menschheits­geißel mamthast aufzunchmen. Man begnügte sich nicht mehr damit, die Krankheit als eine von Gott verhängt« Strafe hinzunebmen, sorkdem man erkannte, daß sie durch Ansteckung übertragen werde, und die Obrißkeitm fingen