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Wiesbadener Tagblatt.

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Nr. SS.

Donnerstag, 2. Februar LSil.

SS. Jahrgang.

Morgen - Ausgabe.

1.gÖCatf. _

Arabien für die Araber?

Die Staatsmänner am Goldenen Horn sind voll ernster Sorge, einer noch ernsteren, als ihnen dre von den Griechen unterstützte Los-von-der-Türkei-Bewegung der Kreter verursacht hatte, bei der die Pforte aus die, wenn auch halb und halb unfreiwillige, Unterstützung der Schutzmächte rechnen konnte. Die kretische ist letzt von der zweifellos weit schwierigeren arabischen Frage abgelost worden. Tie Aufstandsbewegung im Lande fernen hat in den letzten Wochen und besonders in den letzten Tagen einen so bedrohlichen Umfang angenom­men, daß man in Konstantinopel bereits, wie mitge­teilt, die Entsendung eines zweiten Expeditionskorps und die Einberufung der Ersatzreserven inr zweiten, dritten und vierten europäischen Korpsbereich be­schlossen haben soll und daß man ernstlich mit dem Fall der Hauptstadt, der strategisch sehr bedeutsamen Festung Saana, rechnet.

In Arabien, welches in der frühgeschichtlichen Zeit die Wiege großer Völker und der Ausgangspunkt einer Weltreligion war und noch heute als das Kernland des Islam gilt, hat die türkische Herrschaft immer nur einen mehr formellen Charakter gehabt. In Zentral- arabien herrschen die Nachkommen der kriegerischen Wahabiten, in Oman die Jmane einer alidischen Dynastie. Das eigentliche türkische Gebiet zerfällt in die zwei Wilajets Dscheida und Jemen. Im ersteren, dem sogenannten Hedschas mit den heiligen Städten Mekka und Medina, hat sich die türkische Herrschaft in der Praxis eigentlich nur auf die beiden Häfen Tschedda und Jambo beschränkt. Aber auch im Lande Femen, dem sogenanntenglücklichen Arabien", d. h. dem südlichsten Teil der arabischen Westküste, hat die türkische Oberhoheit alles in allem ein mehr platoni­sche-" Dasein geführt, und die südarabischen Scheichs, die'in direkter Linie vom Propheten abzustammen be­haupten haben in den heißen Kämpfen, die in den letzten Jahrhunderten eigentlich me aufge­hört haben, mit einigem Erfolg ihre Unabhängigkeit

^ Unter' dem alten Regime begnügte man sich in Konsiantinopel mit dem Schein der Herrschaft ubei Arabien, und wenn die Expeditionen gegen die ans- rührerischen Scheichs ungünstig auszugehen drohten oder die Truvpen des Sultans wegen ausbleibenden Soldes zu den Aufständischen ubergmgen fo betocg man die Häuptlinge durch Geld und gute Worte ur formellen Anerkennung der türkischen Oberhoben öder man verstand es auch. Unfrieden.zwischen den ein­zelnen Scheichs zu säen und sie gegeneinander zu Hetzen. Dem n7uen Regime fehlt diese .echt muselmännische Taktik oder man verschmäht sie vielleicht auch

hl der wiedererwachenden Kraft des ^.mane.rrekche..

Das jungtürkische Regime steht im Zeichen eines ausgeprägten N a t i on a l i s m u s, dessen End­ziel eine weit durchgeführte Z e n t r a l i s i er u n g des türkischen Reiches mit allen seinen Anhängseln ist. Ein Ausfluß dieses Bestrebens und zugleich die Haupt­ursache des gegenwärtigen Aufstandes im Jemen war es, wenn man den Arabern zur Ausübung der Ge­richtsbarkeit Kadis schickte, welche der Landessprache nichi mächtig sind,^und wenn man gleichzeitig weitere Maßnahmen zur Einordnung . dieses Gebietes, zur Schaffung einer Art Großtürkei einleitete. Diese Maß­nahmen mußten in Arabien um so mehr Erbitterung erregen, da ja zur Verschiedenheit der Rasse und Sprache auch die in der religiösen Auffassung tritt und da der Araber weit über dem Osmanen zu stehen glaubt, in dem er den Usurpator des Kalifates sieht.

Das Vorgehen der Pforte hat es jetzt richtig zu­wege gebracht daß die feindlichen Scheichs sich mitein­ander versöhnt haben und daß der angesehenste unter ihnen, der Scheich von Sanaa, Imam Jahia, mit dem Scheich von Asir, Mahdi Jdris, gemeinsam die mili­tärischen Operationen gegen die Türkei betreibt. Tie Gefahr ist aber für die türkische Herrschaft um so größer, da sie es heute nicht mehr wie früher mit irregulären Banden zu tun hat, die nur mit Lanzen und Säbeln und mit alten Büchsen versehen sind, bei denen lediglich der Kolben militärischen Wert hat, sondern mit verhältnismäßig disziplinierten Truppen, die vor allem mit brauchbaren Schieß­gewehren ausgerüstet sind Dank der Betriebsamkeit englischer Händler, die von dem vor einiger Zeit in britischen Besitz übergegangenen Akaba einen flotten Waffenhandel betreiben.

Es handelt sich hierbei aber nicht nur um ein reines, sondern um ein politisches Geschäft. In Kon­siantinopel ist man wenigstens, und wohl nicht ohne Grund, davon überzeugt, daß der Aufstand in Arabien wenn nicht direkt von der britischen, so doch von der indischen Regierung unterstützt wird. Das Inter­esse Englands geht auf die Schaffung eines Ver­bt nd u n g s w e g e s von Ägypten nach Indien, und hierbei ist ihm eine ernstliche Herrschaft der Türkei über Arabien begreiflicherweise ein Hindernis. Aus dieser Politik heraus verfolgt England von dem Felsennest Aden aus, diesem arabischen Gibraltar, welches den Weg vom Suez-Kanal und dem Roten Meer nach Indien und China beherrscht, seit langer Zeit seine auf Südarabien gerichteten Pläne, die nach der türkischen Auffassung mit dem jetzigen Aus­stand zusammenfallen. So erklärt sich die in letzter Zeit wahrzunehmende Zuspitzung der Beziehungen zwischen England und der Türkei, welch letztere wieder­um weiß, daß ihre Interessen hier mit denen Deuts ch- l a n d s und, wie soeben in dem Exposä des. Grafen Aehrenthal hervorgehoben wurde, auch mit denen Österreich-Ungarns zusammenfallen, die beide an einer Konsolidierung der Verhältnisse, im nahen Orient aus politischen wie aus wirtschaftlichen Gründen auf das lebhafteste interessiert sind.

UoMische Kbrrsicht.

Die Rede des Zerr« t». Mühlberg.

preußischen Gesandten am päpstlichen Stuhl, die fort* gesetzt Gegenstand lebhafter Erörterungen ist, hat nach derKöln. Volkszeitung" folgenden Wortlaut:

Als rch im vergangenen Jahre die Ehre hatte. Sie bei dieser Gelegenheit hier zu begrüßen, lebte ich in der frohen Hoffnung und Zuversicht, daß wir im kom­menden Jahre ruhige und friedliche Tage für den konfessionellen Frieden in Deutsch­land erwarten dürften. Die Hoffnung und Zuver­sicht hat sich nicht erfüllt. Tie guten Beziehungen zwischen meiner Regierung und dem Vatikan haben im verflossenen Jahre eine Belastungsprobe aus- halten müssen, wie sie so stark in den letzten zwei Dezennien nicht eingetreten war. Es ist ein eigenartiges und rätselhaftes Ding, die Seele eines Volkes zu studieren. Heinrich IV. sagte einmal: Ich habe viel gelernt und viel erfahren, aber in der Er­kenntnis meines Innern habe ich nie ausgelernt. Wenn nun schon diesesErkenne dich selbst" so schwierig ist, wieviel mühevoller ist es, die Seele eines Volkes kennen zu lernen. Bei unserem deutschen Volke aber ist es doppelt und dreifach schwer, weil wir es mit einem so komplizierten und zusammengesetzten Volkskörper zu tun haben. Ter Norden ist pedantisch, bureaukratisch, der Süden fröhlicher veranlagt, unbefangen, natürlich und gesellig: der Osten agrarisch, geleitet von altein­gesessenen Familien, die jeder Neuerung abhold sind. Der Westen zeigt modernes Jndustrieleben und auf­strebende Arbeiterbewegung in starkem Kampf um die Vorherrschaft in der Welt. Zu diesen entgegengesetzten Elementen kommen noch der Unterschied der Stammes­zugehörigkeit und der ehemaligen politischen Vergan­genheit hinzu, vor allem aber der Unterschied der Kon­fession. Wie viel Erfahrung, Umsicht und Kenntnis ist erforderlich, um unter schwierigen Verhältnissen die Volksseele einer Nation zu der st ehe n. Wir haben nun an der Spitze einen Herrscher, der nach Mög­lichkeit allen Anforderungen eines so hohen Amtes zu entsprechen geeignet scheint. Selbst die zuweilen be­krittelte Vielseitigkeit läßt ihn für die Lösung der schwierigen Aufgabe als besonders geeignet erscheinen. Um so mehr muß ich es bedauern, daß man in gewissen Kreisen und in einer gewissen Presse immer wieder die Behauptung hören muß, daß die katholische Religion in unserem Vaterland ver­so l g.t sei, daß die Katholiken sich noch ihren Platz an der Sonne erobern müssen. Wer unser Vaterland kennt und mit der Regierung wie mit der Person unseres Kaisers in näherer Beziehung gestanden hat, wird dar­über bald eines Bessern belehrt worden sein. Wir haben in unserer Mitte einen Zeugen, Msgr. Wilpert, der im vergangenen Herbste im Hoflager zu Cassel nicht nur als Gelehrter, sondern auch als katholischer Priester eine überaus ehrenvolle Aufnahme fand. Ich möchte auch Hinweisen auf die Aussprache unseres

Fe uillet on.

»ereuropäische ttutscher".

(Zu Kaunitz' 200. Geburtstag, 2. Februar.) t,miHSHc&ett Kutscher" hat man scherzend den

fsw«» *«**.«»") »Kt

SUßtic Sphäre Josephs II. und Leopold- imaate Wohl hatte er durch Jahrzehnte steif und mragte. ~ rV.* hes europäischen Staatenwagens ln die Zügel gelenkt dem L /nVrrdd) trotz mannigfacher Niederlagen ein polr- * Triebt gesichert. Auf dem Gipfel jenes ein- !ö auf den er sich in eigenwilligem Stolz

SV Dürfte er sich der größte Staatsmann Sie sich alsLehrer der Minister dieses rbunderts uxfo aller künftigen Jahrhunderte", wie er ew in einem feiner letzten Diktate ausgechrochen.

E M-idrauchgewölk, mit dem er den eigenen schar- ' S25K? Vt die Nachwelt nicht täirschen kön-

^wir ivrechen heute nicht von einem Zeitalter Kaumtz, ^ v^ ?ner Epoche Friedrichs des Großen. Der ltsmann des 18. Jahrhunderts muß sich Mit der Rolle nn^-wwelers begnügen, die er im harten Ringen mrt ! » du,»,.«-' *«*-

Kaunitr ,'teht im Schatten des großen Preußenkomgs, war als ein geschickter Diplomat, der als Held ^a^ator alle widerstrebenden Mächte in den Bann .s GemÄ zwang Doch in. dem großen Epos der »v.ii.fntmirrfii'tr Kriege und Siege verdient auch der in dessen kühler, leidenschaftsloser Seele der

Preußenhaß der gewaltigste Impuls seines Handelns war, unsere Aufmerksamkeit. Für uns Deutsche war er, wie Alfred Dove in seiner schönen Charakteristik von Kaunitz ausgeführt hat, ein Teil von jener Kraft, die stets das Böse will und stets das Gute schafft; sein Werk, der sieben­jährige Krieg, hat wider seinen Willen dazu gedient, König Friedrich aus die Höhe seines Ruhms zu heben und dem preußischen Staat das tiese Gefühl der Unzerstörbarkeit einzuflößen. Die Devise für die Politik des österreichischen Staatskanzlers war der Satz, mit dem er eine seiner Denkschriften beginnt:Richtig ist, daß Preußen muß übern Haufen gewoffen werden, wenn das durchlauchtigste Erz­haus ausrecht stehen soll!" So entwarf er denn das Pro­gramm des siebenjährigen Krieges und wurde die Seele jener furchtbaren Allianz, in der sich außer England die mächtigsten Staaten gegen denMarkgrafen von Branden­burg" verbündeten. Seine diplomatische Kunst feierte in dieser Zusammenfassung der stärksten europäischen Mächte ihren höchsten Triumph, aber sie scheiterte an der alles überwindenden Kraft des Genies, das auch gegen die ganze Welt sich siegreich behauptete.

Wie der Ursprung des neuen Krieges gegen Friedrich die Tat von Kaunitz war, so fällt auch die siebenjährige Dauer ihm hauptsächlich zur Last. Seine Hartnäckigkeit dielt immer wieder am Weiterkämpfen fest, und als dann schließlich der Frieden geschlossen werden mußte, sicherte er Österreich eiste leitende Stellung in der Führung der europäischen Geschicke. Der König hat die Gefährlichkett dieses klugen Diplomaten früh erkannt und hinter der schrullenhaften Außenseite des merkwürdigen Mannes seine innere Bedeutung gespürt. In der Geschichte des Krieges, die er nach dem Frieden schrieb, nennt er ihnso nichtig" in seinen Privatneigungen und so tief in den Geschäften". Als ein Sonderling erschien wirklich dieser hagere, bis ins höchste Alter kerzengrad sich haltende, stets unbeweglich

vor sich hin blickende Hofmann im schwarzen Phantasie- kostüm und der berechnet verjüngenden Perücke, ein Pedant» der nur in seinen kalten Träumen von Macht lebte, am Morgen viele Stunden mit seiner stutzerhaften Toilette verbrachte und alle Welt, selbst seine Herrin Maria There­sia, warten ließ. Der Staatsmann, der durch den von ihm entfesselten siebenjährigen Krieg eine Million Menschen­leben dahinraffte, hatte eine krankhafte Besorgnis sür sein Leben und seine Gesundheit. Die Worte Tod und Blat­tern durften in seiner Gegenwart nicht gebraucht werden. Seine Kleidung, Nahrung, Behausung waren aufs pein­lichste nach hygienischen Prinzipien eingerichtet. Jahraus, jahrein darf an seiner Tafel nur ein einziges Gericht ser­viert werden: Poularde mit Reis. Jeder Luftzug versetzt ihn in namenlosen Schrecken. Maria Theresia hatte aus den Rnf hin:Der Fürst kommt!" nichts Eiligeres zu tun, als alle Fenster hermetisch zu veffchließen. Sie trug überhaupt seine Launen und Schwächen mit unermüdlicher Liebenswürdigkeit.

In seinem Gartenpalais in der Mariahilfer Vorstadt empfing der Fürst, der sich als souveräner Herr fühlte, den pflichtschuldigen Besuch aller Mitglieder des Kaiserhauses. Selbst Regenten, die nach Wien kamen, machten ihm ihre Aufwartung. Als Papst Pius VI. zum Ausgleich des Kirchenstreites nach der österreichischen Kaiserstadt kam, empfing ihn Kaunitz ohne Kniebeugung oder Handkuß ganz wie seinesgleichen und ging ihm nicht einmal entgegen. Als der Papst sein Haupt bedeckte, setzte sich der Staats- kanzler seinen Hut aus und führte den Gast in seiner Ge­mäldegalerie umher. Nach dem Tode Abaria Theresias kam er immer weniger, schließlich gar nicht mehr an den Hof, sondern verkehrte nur noch brieflich mit dem Kaiser. An seinen diplomatischen Empfang s ab enden, wo der Kanzler mit erhabener Ruhe im Lehnstuhl seinen Tee schlürfte, mischte sich Joseph II. unscheinbar wie iraend ein anderer