Berlag Langgafle 21
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Mp» 58.
Mittwoch, 1. Februar IS 11.
59. Jahrgang.
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Von G. Gothein, M. d. R.*)
Daß es sich mit der Verpachtung mehrerer der Greifswalder Univerfttätsgüter cxit einer! Pachter, der ohnehin schon Latifundiendesitzer ist, nicht um euren Einzelsall handelt, sondern daß in solcher Kumulierung mehrerer Riesendomänen in einer' Hand — tote bon mir anläßlich der damals geschildertem Falle ausge- führt — gewissermaßen System liegt, bestätigt nacy- stehender Brief eines aktiven Landwirts aus rer Gegend von Halle a. d, S.:
' ■ Tie in Ihrem Artikel geschilderte Praxis wird mehr und mehr Gebrauch. Wohl steht in den Allgemeinen Bedingungen für Verpachtung von Domänen:
1 . Pächter darf in der Nähe kein eigenes Gut besitzen.
2. Pächter soll auf der Pachtung wohnen.
st. Pächter soll in der Regel nicht mehrere Domänen pachten, er kann unmöglich auf beiden wohnen.
Tatsache bleibt, daß die Pachten steigen, wenn die Güter im einzelnen und nicht rn ungeheurer Größe also mit 2 und mehreren sogen. Vorwerken -r- zugleich verpachtet werden. Also dort, wo das Hauptgut — taaen wir — 1500 Morgen und mehr umfaßt, sollte man jedes wertere Domäncnvorwcrk dem nächstfolgen- deir Bieter überlassen. Damit wurde einmal die Möglichkeit gegeben werden, daß weitere junge Leute nur kleinerem Kapital sich eine Existenz gründen können Sodann aber werden m geteilter Bewirtschaftung mehr Lebensmittel, also Vreh, Erer, Milaz Bu.ter Gemüse, Geflügelzucht usw., produzierst als m den Großwirtschaften. Letzteren ist vorstehende Produktionsweise - sie eignet sich weniger für den Großbetrieb ~ unbequem.
*) Vor einigen Wochen waren m-vr«? ^üt«: der Greifs- ivalder Universität an einen Grotzyrundbeschcr vnpmviel.war den. Diese Maßregel hatte m vielen ZeciuMen Pommer s eine scharfe Polemik hervorgerufen un. auch^ oer ^.erraner unseres Aufsatzes hatte sich mit.der Awaelegeicheu oeiMMgu Jetzt kann der bekannte, freisinnige, Par amentarier WM«uen, Kitz diese Verpachtung nicht etwa ein E^bmesau war. Ion Hern daß in dieser Art System liegt. Deshalb verdienen lewe Betrachtungen auch über die Grenzen Pomme n b achtung.
Es gibt in hiesiger Provinz Domänen mit Vor- werksverpachtungen, welche 4000—5000 Morgen und mehr umfassen und einen Kaufwert von 4 und •> Millionen und mehr repräsentieren.
Abgesehen davon, daß die Regierung ohne Angabe der Gründe unter den drei Höchstbietenden sich den Genehmsten wählen kann, sorgt schon die Größe dafür, daß bei solchen Objekten sich weniger oder gar keine .Konkurrenten daran wagen. Einmal fürchten sie,öie etwaige Nichtbestätigung trotz Höchstgebots, ferner givk es nicht allzuviele Landwirte, welche die freiverfügbaren Mittel für solche Riesenpachtungen Nachweisen können. Tie Folge der Vergebung in solchen großen Losen ist Verpachtung: Je größer, je billiger; obwohl der Großkapitalisst welcher technisch die Produkte verwertet, eher höhere Pachten zu zahlen imstande ist, als der kleinere, welcher von der kleineren Pachtung doch auch leben will. ,
Daher kommt es, daß große Domänen häufig noch nicht rnit 2 Prozent verzinst werden, weil eben künstlich die Konkurrenz ferngehalten wird. Häufig sitzen diese Familien mit verwandtschaftlichen Beziehungen in Re- gierungskreisen, — zumeist schon lange vom Vater, Großvater, in der Pachtung, drin. Häufig haben sie bei dieser oft kaum' nennenswerten Verzinsung viel Geld verdient und damit wieder selbständige technische Nebenbetriebe — Zuckerfabrik, Brennerei, Ziegelei, Kohlengruben usw. — gegründet, so daß sie in ieder Weist mit sehr wenigen Ausnahmen, kapitalskräftiger dastehen als ihre Nachbarn, Gutsbesitzer und Rittergutsbesitzer. Dadurch sind sie eben in der Lage, nicht nur Guts- und Rittergutsbesitzer auszukaufen, sondern die guten Verbindungen werden auch dazu benutzt, dre Domänen selbst, welche sie in Pacht haben, zum Schaden der übrigen Steuerzahler „unter der Hand" aufzu- kaufen. Selten wird eine derartige Domäne öffentlich zum Verkauf ausgeboten. Tie Pachtsumme wird kapitalisiert und die Verkäufer sind gerechtfertigt.
In hiesiger Gegeird sind in den letzten Jahren Domänen auf diese Weise verkauft wordep, wovon die Öffentlichkeit auch nicht das leiseste erfahren hat, und es wird aemunkelt, daß inklusive Gebäuden Preise von 200 bis 800 Mark per Morgen besten Bodens bezahlt worden sind, wo sicherlich auf öffentliches Ausgebot 1100 bis 1800 Mark willig gezahlt worden wären.
Ist das Kolonisatioii, ivenn ganze Dörfer, ganze Gegenden — und so ist es hier, so ist es in der ganzen Provinz Sachsen, so im ganzen Staate — durch derartige Begünstigungen zu L a t i f u n d i e n vereinigt und diese geradezu gezüchtet werden! Nicht durch die Wertzuwachssteuer unterbindet man derartige Maßnahmen, nein, man erschwert damit die Parzellierungen. Fideikommisse und Majorate kommen überhaupt nicht zum Verkauf, sondern sie werden hierdurch nur vergrößert und neue gebildet; das platte Land wird dadurch aber entvölkert und als Proletariat den Groß städten zugeführt."
Recht charakteristisch dafür ist, daß soeben der kon servative Abgeordnete v. Pappenheim bei seiner Etats
rede im Abgeordnetenhause ganz ungeniert die Forderung erhoben hat, bei der Verpachtung der Domänen nicht das Höchstgebot ausschlaggebend sein zu lassen, sondern auch andere Gesichtspunkte mit . zu beruck- icbtigen — wahrscheinlich die Zugehörigkeit zur k o n- ervativen Partei und zum Bunde der Landwirte. . . ,
Natürlich ist es diesen Herren, die früher feden noch so aeringen Rückgang der Tomänenpachten als ein bedenkliches Zeichen der fürchterlichen Notlage der Landwirtschaft ausschrien, jetzt sehr unbequem, wenn das starke Steigen der Tomänenpachten ihre Klagen ■ad absurdum führt und den untrüglichen Beweis liefert, daß den Vorteil aus den Zollerhöhnngen mcht der Landwirt, sondern der G r u n d b e s i tz e r in der Erböhung der Grundrente — Pacht oder Güterpreise — bat Also die Domänen müssen so verpachtet werden, daß sie wenig bringen, d, h. in großen Losen,,was daneben den Vorteil hast die Latifundien- bildung zu verstärken. .
Geradezu unerhört ist es aber, wenn bei dem enormen Landhunger. ben übertriebenen Preisen gerade der kleinen mittleren Wirtschaften der Domanen- siskus Domänenvorwerke a,ls G r o ß g ü t e r und noch dazu unter dem Werte veräußern sollte. Es wird dringend notwendig sein bei der Beratung des Domänenetats inr Abgeordnetenhause diese Verpachtungen und Verkäufe einmal gründlich unter die Lupe zu nehmen.
Deutsches Deich.
* Wieder eine englische Hetzerei. Aus Petersburg be. richtet der „Observer", daß man dort mit großer Aufmerksamkeit die Bestrebungen des Deutschen Reiches verfolge, „das Schwarze Meer zu germanisiere n". Es handle sich da um zwei aus deutschem Kapital gespeiste Dampfer- linken, die durch eine bedeutende Herabsetzung der Personcn- und Frachtentarife den russischen Gesellschaften schwere Konkurrenz bereiteten und man müsse daher mit der Wahrscheinlichkeit rechnen, daß die deutsche Schiffahrt auf dem Schwarzen Meer die Oberhand an sich reißen werde. — DaS ist also wieder eine fürchterliche „Gefahr", für England, die der Petersburger Mitarbeiter des „Observer" da „entdeckt", d. h. sich aus den Fingern gesogen hat.
* Henckcl von Donnersmarck und sein Vertrauensmann. Größeres Aussehen macht in Schlesien der Konflikt, der zwischen dem Fürsten Henckel von Donnersmarck und dem früheren Regierungsrat Glatzel, seinem Vertrauensmann, in dessen Händen die oberste Leitung der fürstlichen Vermögensverwaltung lag, ausgebrochen ist und bereits das Gericht beschäftigt. Glatzels Einfluß war sehr bedeutend, und zwar um so mehr, als er sehr bald in die Verwaltung zahlreicher Gesellschaften gewählt wurde, an denen der Fürst interessiert war. Er galt allgemein als die rechte Hand des Fürsten, der ihm das größte Vertrauen schenkte und ihn, wie es heißt, gewissermaßen als Testamentsvollstrecker betrachtet haben soll. Bei einem Manne, der, wie Fürst von Donnersmarck, vielleicht der reichste Mann in Deutschland ist, war das eine Stellung, die einem einfachen Sterblichen
Kemüeton.
«-«druck verboten.)
Münchener Brief.
Es ist erreicht! Die erste Verurteilung wegen schllch- ten EiNschenkens nämlich! Der Verein gegen drefe w fitttbe (des schlechten Einschentens!) proresM» 'aeaen cine sich erinnern wird, im vorigen Jahr erfolglos g g
Bmuerei - ,mui endlich ist es gelungen, dre Untesttutzung
des Staatsanwalts und des Gerichtshofs zu■ f ' , ,
eine Erkenntnis aus alle Merkmale des Betrugs. t? liche Täuschung. Vermögens-Vorteil auf der emen mögensnachteil aus der anderen Seite, zn c nivateMi
armen Schenkkelluer müssen brummen und zahlen, «g^w
ihre Verteidiger daraus hinwiesen, daß mcht st digen. sondern dies die Großbrauereiem seren,
Pächtern Verträge aufdrängten, durch dre .
Betrügm gezwungen wuchen und dre »unsml ch : Hört man, daß bei einem Jahresumsatz voir 3» «« He« liier Wer ein üb erschaut von 105 000 M- erz - '
welche.Summe noch steige, wenn man armehme, daß rtocy schlechter eingeschenkt wird, als man dieser Du chsM berechnnng zugrunde gelegt hat, so muß man ^echten, des Bierkbrauens doch wohl zu den erntraglrchste und kann nur von Herzen bedauern, daß nra>i .ch im Schatten von Hopfen und Malz (letzteres wuchs^I E einmal aus Halmen!) geboren worden rst Und man kann es der Lehr- und Versuchsanstalt für Brauer verdenken daß sie 3» einem Vortrag ernes vi. ^ag ner ans Kösen'einlud, der sich des jetzt s-'^el angefeiüdet-n
Tranks in langer Rede annahm und nachzuwersen suchte,
daß gerade die Abstinenzler einen starten Prozentsatz der Nerven- und Magenkranken lieferten. In den zählreichen geharnischten Erwiderungen gegen diese Ausführungen wandte man stch noch besonders gegen die Brauer- Union, die unter einem Aufwand von ea. 90 000 M. jährlich die Abstinenzbewegung bekämpfe. Es fleht also Wohl nicht Meinung gegen Meinung, sondern es handelt sich für die Brauereien bei der sordschreiteitden Entwicklung der Abstinenz um ihre Existenz — von diesem Gesichtspunkt aus gesehen wird man ihre Verteidigung begreiflich finden! — München, das jetzt schon ganz im Zeichen des Karneval steht — von allen LitfaUänlen laden die verführerischsten Masken zu Bällen ein, drollig genug zwischen den Sports- plakaten, die gleichfalls ihre Hochsaison verkünden verliert mehr und mehr seine altbekannten Züge und gibt sich ein neumbdisches Air. Eins der schönen alten Gebäude nach dem anderen fällt; und so gemütliche Namen, wie das „Senserhaus zum Rappcneck", das „Haus zum Himmcls- schäfsler", beide am Färbergraben, „das Stusflerhaus" an der Parufastraße uNd andere mehr, die jetzt alle Neuibauten gewichen sind, werden einem bald wach verschollenen Legenden klingen, denn auch für so hübsche, charaktervolle Be- zetckMungen haben wir keine Zeit mehr — Hauser und Menschen, alles ist nur noch „Nummer!" ,
Der geschmackvoW arrangierte Ball des Yeurrgen Fasching war bisher „die Jagd", veranstaltet in der Schwabinger Brauerei von den Mitgliedern. des aufgelösten, einst sehr lustige« „Ganklertages". Ern -geradezu wundervoller, reicher Zug, die Jagd in anen Zeitaltern und bei den verschiedensten Völkern darstellend, durchzog die Säle: und Münchener Künstler, denen das Arrangement oblag, hatten dafür gesorgt, daß jeder „Kitsch" vermieden worden war. Der „Presseball" dagegen verlies wieder recht
klanglos trotz gutgemeinter Vorträge, während aus dem „Hosballettball", Wie es ja auch erwarten ließ, ganz besonders hübsche Reigen und Tänze aufgeführt wurden. Im übrigen erfreuen sich die regelmäßigen Red outeil des „Deutschen Theaters", trotz der schlechten Zeiten, steigenden Besuchs — und die Zeitungen verraten in ihren Inseraten indiskret, aber höchst belustigend, was jetzt alles in den Haushaltungen für überflüssig befunden und in bar Geld umge- sebt wird. — Recht betrüblich und ein wenig kennzeichnend für Münchener Verhältnisse wirkt dagegen die Notiz, daß auch die große Halle der Münchener Parseval-Luftsckstff- fahrtsgesellschast zum Verkauf steht. Die Gesellschaft ist in Liquidation geraten und wird ausgelöst — und was hatte man nicht alles von ihr erhofft — ? Regelmäßige Fahrten mit dem Luftschiff in die Umgebung, einen neuen, unwiderstehlichen Anziehungspunkt für die Fremden dadurch —, aber der schlechte Sommer 1910 hat seinen Anteil am Schiffbruch dieser ganzen Linie gehabt, nNd so wird die große Halle, um die ihres Einsturzes wegen beim Bau und dem dadurch verursachten Tod eines Arbeiters ohnehin schon ein Prozeß geführt wird, von ihrem jetzigen Platz auf dem Mus- stellungsterrain verschwinde« und anderem Zweck dienstbar gemacht werden. Also wird München um das Wahrzeichen einer wirklich neuen Zeit ärmer! — Vielleicht bietet einen Ersatz oder wenigstens auch einen bequemen „Aufftieg" die geplante Zngspitzbahn, die, wie bei der letzten Beratung der Vertreter des Verkehrsmini'sterinms stch vernehmen ließ, jedoch nur dann Aussicht ans Konzesstonierung hätte, wenn die Trace aus bayerischem Gebiet angelegt würde. Das soll imch einem neuen Projekt als Schwebebahn durchaus möglich sein —, doch beginnt man sich auch auf österreichischer Seite, in Ehvwald, zu regen, es wäre also Zeit, bald zu einem Entschluß zu kommen. Die Fahrpreise sind
