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Nr. 48.
Sonntag, ES. Januar 1911.
59. Jahrgang.
Morgen«Ausgabe.
1. Matt.
Die UMM der Woche.
Die Feier von Kaisers Geburtstag bedeutete einen wenn auch nur kurzen Waffenstillstand in den politischen Kämpfen, die sich zurzeit abspielen und die in den Parlamenten zu manch kräftigem Zusammenstoß geführt haben. Kennzeichnend für die besonders im preußischen Abgeordneterchause herrschende ^ Konfliktsstimmung war der in der Parlamentsgeschichte ziemlich vereinzelt dastehende scharfe Konflikt zwischen dem Präsidenten v. Kröcher lind dem Sozialdemokraten tzcssmann. Aber auch im Reichstag weht zurzeir eine scharfe Luft, wie das sowohl bei den Verhandlungen über die W er t zu wach s stener und über die rcichsländlsch e V e rfassungsreform recht deutlich hervorgetreten ist, Tie erstere Vorlage ist ja jetzt glücklich in zweiter Lesung erledigt worden, aber je mehr von den annähernd 200 Abänderungsantragen angenommen wurden, desto mehr schmolz der Millionensegen, den der Reichsschatzsekretär von diesem Anhängsel zur Reichsfinanzreform erwartet hatte, zusammen, so daß jeüt, wenn in der dritten Lesung nicht noch ein Wunder geschieht, nur etwa 7 Millionen Mark für den Fiskus herausspringen werden. Ob das der Liebe Müh' verlohnt hat, wird Herrn Wermuth vielleicht als zweifelhaft erscheinen. Aber auch die Aussichten der elsaß-lothringischen Verfassungsreform werden als ungünstig angesehen. Ter Reckten ist sie zu liberal und der Linken zu konservativ, den Bewohnern des Reichslandes behagt sie nicht, und die Verbündeten Regierungen scheinen sich dafür nicht sonderlich zu begeistern.
Einem anderen iloch dem deutschen Reichstag vorliegenden Gesetzgebungswerk erwachsen doppelte Schwierigkeiten, nämlich nicht nur aus der Volksvertretung heraus, sondern auch von seiten anderer Staaten. Ebenso wie in Holland verstärkt sich auch in Österreich der Widerstand gegen das S ch i f s a h r t s a b g a b enge s e tz, und der iu Wien tagende volkswirtschaftliche Ausschuß hat soeben unter der Zustimmung des Kabinetts Bienerth entschiedenen Protest gegen die von deutscher Seite geplante Belastung der Elbschiffahr. erhoben. Im übrigen ckämpft das neue Kabrnett zurzeit noch immer einen harten Kampf um sein Leben, und die Friedensbedingungen, die der Regierung von seiten der Polen gestellt worden sind, nämlich die Ausführung der verlangten Wasserstraßen, scheinen mehr auf ven
Femüeton.
(Nachdruck verboten.)
weißer Pfeffer.
Eine Geschichte aus WU-d-West von Max Zeuiner.
Es war eine nette Gesellschaft, die sich in Hayes, ernem kleinen Städtchen des Staates Nevaoa, ernge- funden hatte, um den dortige», Bewohnern das Leben nach Möglichkeit zu verschönern. Das Goldfieber hatte Nevada mit dem Abschaum aller Staaten beglückt, und eine wahre Musterkollektion von „Ehrenmännern" batte ainb ihren Aufenthalt tu Hayes ansgeschlagen. In Dammans Salon, einer gemeinen Spielhöhle, gingen Gestalten aus und ein, denen manohne woe prophetische Veranlagung den Tod tu den stiefeln vor- ausiaaen konnte Ter Anführer dieser rohen Schar, die gleich einein Alp die anständige Bevölkerung Hohes' bedrückte war der rote Murphy, ein wüster Bursche, ein Tckperado im wahren Smne des Wortes, dessen Gewalttätigkeiten der Scheriff vollständig machtlos geoei'.überstand. Tenn da der weitaus größte ^ei. cer Bewohner des Ortes sich aus diesen gesetzlosen Elemen- L sntiammcttfeiste und diese dem roten Murphy ohne weiteres deeressolge leisteten, die Bitte aber um Mw. die der Scheriff nach der Tisftlktshauptstadt Carso" City aesandt hatte, bis heute ohne Erfüllung gebüsbe war da die geringe Polizennannschaft auch dort nickt entbehrt werden konnte, so sah sich der Polizergewaltige außerstande irgend etwas gegen das gesetzlose Treiben dieser ivilden Horde zu unternehmen.
spinnt in hieß der Scheriff. war schon zufrieden, wenn dm' Opfer der täglich stattfindenden Revolver, schießerein sich aus Besuchern von Dammans «alon rekrutierten und so eine Verminderung der Unruhe- stifter erzielt wurde. Doch m der. letzten 8-st hatte sich das Maß seiner Sorge um em Erheb! ches vergrößert. Tenn eines Tages hatte Hayes Zuwachs bekommen, und Ävar in der Gestalt eures alteren Herrn.
Sturz als auf die Unterstützung des dritten Kabinetts Bienerth berechnet zu sein.
Einen wahren Rekord der Kammersiege erzielt das Kabinett B r i a n d, ohne daß es bisher durch die chronischen Vertrauensvoten in seiner praktischen Arbeit sonderlich gefördert worden ist. Rur in der Bewilligung neuer Mittel für den weiteren und schnelleren Ausbau der Flotte ist die französische Volksvertretung freigebig, während es mit der Fortsetzung des sozialen Reformwerkes an allen Ecken und Enden hapert, woran freilich die maßlos begehrliche sozialistische Bewegung, wie sie sich jetzt wieder unter den Eisenbahnern dreitmacht, einen guten Teil der Schuld trägt.
Im Zeichen des Streiks steht auch noch immer das neueste republikanische Gemeinwesen, und es muß als fraglich angesehen werden, ob es sich hierbei wirklich nur, wie die provisorische Regierung in Portugal behauptet, um eine, rein wirtschaftliche Bewegung handelt. Wie dem aber auch sei, so ist doch sedenfalls die neueste Erklärung des Exkönigs Manuel, daß er niemals auf die Krone verzichtet habe und entschlossen sei, seine Rechte zu behaupten, nur von rein platonischem Werte, also wertlos. König Manuel ist zweifellos nicht der Mann, um mit ernstlicheren Mitteln, als es Pronunziamentos und Interviews sind, um Szepter und Krone zu känrpfen.
Da ist der griechische Ministerpräsident Veni- selos offenbar aus einem ganz anderen Holze geschnitzt. und die Schneidigkeit, mit der er die neneste. von den Athener Offiziösen natürlich als einen äußerst harmlosen Zwischenfall hingestellte Militärverschwörung im Keime erstickt hat, zeigt, daß er nicht nur den Willen, sondern auch die Kraft hat, die Diktatorrolle durchzuführen, die angesichts der gegenwärtigen zerfahrenen Lage in Griechenland vielleicht einen glatten Verlauf" des Heilungsprozesses gewährleistet. Ich doch nicht zuletzt der maßvollen Haltung der griechischen Regierung die Vertagung des Kretakonfliktes zu verdanken, eine Wendung, die nicht nur von der internationalen Diplomatie, sondern vor allem auch von der Pforte, welcher der Aufstand in Arabien ernste Schwierigkeiten bereitet, mit aufrichtiger Befriedigung begrüßt worden ist.
Deutsches Deich»
* Ein Kaiser-Besuch in Westfalen. Ein Besuch des Kaisers auf N o rdk i r ch e n in Westfalen steht für dieses Jahr bevor. Das Besitztum gehört dem Herzog von Arenberg, welcher es gegenwärtig vollständig umbauen läßt, indem er sich eine Nachbildung des Schlosses in Der
eines Gelehrten. Sein ganzes Äußere sprach für diesen Stands auf einem kleinen Einspänner, der bis zu seiner Traggrenze mit Kisten beladen, war er von der nächsten Bahnstation gekommen und hatte ein außerhalb des Städtchens ziemlich einsam gelegenes Haus gemietet, nur sich hier seinen Studien zu widmen, die. wie er Blunt mitteilte, geologischer Natur waren. Er erschien auch einige Male in dem Salon, um dort einige Kleinigkeiten zu kaufen, und ließ dabei einen größeren Geldbetrag sehen.
Blunt, dem der ziemlich bejahrte Gelehrte eine Quelle neuen Ärgers und Kunnners zu werden schien, warnte ihn und bat ihn vor : allen Dingen, etwas weniger unvorsichtig mit seinem Geld umzugehen, da in der wiisten Schar Wohl manch einer schon einen Mord um weniger begangen habe. Bei dieser wohlgemeinten Warnung sah der Gelehrte den Scheriff mit einem so weltfremden Blick und einem so unbeschreiblichen. Lächeln, an, daß sich Blunt erst einmal notgedrungen seitwärts in . die Büsche schlagen mußte, bloß damit er seinen ellenlangen Fluch loswurde, den er doch unmöglich diesen! harmlosen Gemüt an den Kopf werfen konnte. Aber nicht bloß Blunt, sondern auch der rote Murphy schien sich für den Gelehrten zu interessieren, denn Blunt bemerkte, wie sich der Desperado eines Abends in der Nähe des Hauses zu schaffen machte, jedoch, bei der Annäherung des Scherisfs schleunigst verschwand. Aber auch einer dahingehenden Warnung gegenüber hatte der Gelehrte nur ein Lächeln übrig, und Blunt verschwor sich hoch und teuer, seine Nase nun nicht mehr in diese Angelegenheit zu stecken.
Der rote Murphy schien jedoch gerade das Gegenteil zu beabsichtigen, denn eines Abends betrat er mit schüßfertigem Revolver in der Hand und den Befehl .Hände hoch!" auf den Lippen das Zimmer des Gelebten der arbeitend an einem mit Gläsern bedeckten ^iühe saß Murphy, der bei dieser Arbeit absolut kein Neuling war, mußte sich das Lacken gewaltsam verkneifen denn einen solchen schafsdämlichen Gestchtsaus- druck. wie ihn der Überraschte zeigte, hatte er in seinem
sailles schaffen lassen will. Für Vre Bauarberten ist bisher eine Summe von mehreren Millionen Mark ausgegebe» worden. Gelegentlich der ReichsgründungSferer hat der Herzog Mitgeteilt, daß ihm der Kaiser versprochen habe, ihn im Laufe des Jahres auf seinem Schlosse zu besuchen.
* Die Einstellung des Prinzen Joachim, der am Mtt- woch sein Offiziersexamen mit dem Prädikat „vorzüglich" bestanden hat, erfolgt am 9. Februar, dem Tage, an dem ernst auch der Kaiser in das erste Garderegiment eintrat. Aus Anlaß des ausgezeichnet bestandenen Examens hat der Kaiser den Lehrern des Prinzen Auszeichnungen verliehen.
* über Vereinfachungen des Geschäftsganges bet der Erledigung von Justtzverwaltungsgeschästen ist eine allgemeine Verfügung vom 29. Januar ergangem Danach werden die Oberlandesgerichtsprästdenten und ObsrstaatZ-- anwälte ermächtigt, in Justiizverwaltungsangelegenheiten Richter oder Staatsanwälte mit der selbständigen Erledigung von Geschäften minderer Bedeutung zu beauftragen. Ausgeschlossen sind jedoch die Anordnungen, die von den Oberlandesgerichtspräsidenten und Oberstaatsanwälten in ihrer EigeUschLft als Aufsichtsbehörde ergehen. Der Ober- landesgerichtsprästdent und — für seinen Geschäftsbereich — der Oberstaatsanwalt, können anordnen, daß minder- wichtige Mitteilungen, Rückfragen, Ermittelungen und Vorerhebungen, sowie die Heranziehung von Mten in Angelegenheiten, die zur Zuständigkeit des Rechnnngsdirektors oder des Rechnungsamts gehören, von diesen Stellen selbstständig veranlaßt werden. Dies gilt zum Beispiel ftir Mitteilungen in Steuersachen, sür Benachrichtigungen von Gehalts- und Diätenzulagen an mittlere, Kanzlei- und Unterboamte, sür Nachwoisun-gen oder Anzeigen von Justizbehörden und Justizbeamten oder in Eingaben von Beamten, Militäranwärtern oder Privatpersonen, für Ermittelungen über das Anwachsen der Errmahmeroste und dgl. Die Schreiben vollzieht der Rechnungsdirettor.
* Bundcsrat und Industrie. Man schreibt uns: Nach § 139a der- Gewerbeordnung ist bekanntlich der Bundesrat ermächtigt, den Saisonindustrien von den Bestimmungen des 8 137 Ausnahmen zu gestatten und ihnen für 40 Tage im Jahre die generelle Erlaubnis zur überarbeit zu erteilen. Die Schokoladen- und Zuckerwaren-Jndustrie hatten sich unter Berufung auf die regelmäßige starke Arbeits- anhäusung vor Weihnachten und Ostern durch ihre Jn- teressenten-Verbände an den Bundesrat gewandt und um die Vergünstigung des 8 139a ersucht. Diese Eingabe ging am 25. November 1909 an den Bundesrat. Am 1. August 1910 erfolgte, da bis dahin noch keine Äußerung eingegangen war, eine höfliche Erinnerung. Da auch diese vergeblich blieb, ging eine nochmalige dringende Bitte am 29. November 1910 ab. Zwar war die Weihnachtssaison, um deretwillen die beiden Industrie-Verbände um ^ Beschleunigung der Angelegenheit gebeten hatten, vorüber, aber es beginnt bald die Ostersaison. Dieses Schreiben
tatenreichen Leben noch niemals zu sehen bekommen. Auch mußte, er seinen Befehl, die Hände zu heben, erst einige Male wiederholen, ehe ihn der Gelehrte vollständig begriff. Dann jedoch saß er ganz ruhig mit erhobenen Armen und sah ans seinen gutmütigen, verwunderten Augen dem Treiben des Desperados zu. Dieser hatte die goldene Ubr, die der Mann der Wissenschaft neben sich liegen hatte, an sich genommen und ivar eben im Begriff, den übrigen Hcwseligkeiten eine nähere Untersuchung angederhen zu lassen, als ihn die freundliche Stimme des' Gelehrten in dieser nutzbringenden Tätigkeit unterbrach. „Würden Sie wohl so liebenswürdig sein und mir mitteilen, mit wem ich die Ehre habe?"
Murphy sah aus, als hätte er einen Schlag vor den Kopf bekommen, und starrte erst die kleine Figur seines Gegenübers sprachlos an, um dann in ein brüllendes Gelächter auszubrechen. Erst nach geraumer Zeit gelang,es ihm, sich gewaltsam zur Rühe'.zu zwingen, und seine Hutruine lüftend, stellte er sich mit einem fürchterlichen Kratzfuß vor:
„Murphy, Euer Ehren! — Murphy."
„Tann darf ich nrir wohl erlauben, Mister Murphy, Sie daraus aufmerksam zu machen, daß meine Brieftasche sich in dem braunen Überzieher dort an der Tür und meine Börse sich in der hellen Hose dort über der Stuhllehne befindet."
Während Murphy sich der genannten Gegenstände bemächtigte und sie mit freundlicher Miene — eins flüchtige Musterung hatte ihm gezeigt, daß sein Besuch ein sehr lohnender gewesen — seinen abgrundtiefen Hosentaschen einverleibte, fuhr der alte Herr, der ziemlich redseliger Natur zu sein schien, weiter fort:
„Und dann sind Sie wohl so liebenswürdig, Mister Murphy, und gestatten, daß ich meine Arbeit wieder aufnehme! Es könnte sonst geschehen, daß Sie keine Gelegenheit mehr finden würden, Ihren heutigen Prosit an den Bankhalter zu bringen, denn innerhalb einer Minute muß der große Glasbehälter dort explodieren, und der enthält genug Explosivstoff, um uns und unsere
