Berta« Langgass« 21
„Tagblatt-Haus".
LAalter-Halle geöffnet von 8 Uhr morgens bis 8 Uhr abends.
Wöchentlich 12 Ausgaben.
Bezugs-Preis für Seide Ausgaben: 70 Pfg. monatlich, M. 2.-- vierteljährlich durch den Verlag Langgasse 21, ohne Drrngerlohn. M 3.— vierteljährlich durch alle deutschen Postanstalten, ausschließlich Bestellgeld. — Bezugs-Bestellungen nehmen außerdem entgegen: ,n.W^sbaden die Zweigstelle Vrs- marckring 29, sowie die 112 Ausgabestellen in allen Teilen der L-tadt;m Biebrich: die dortigen 32 Ausgabestellen und in den benachbarten Landorten und im Rhemgau die betreffenden Tagblatt-Träger.
Arrzeigerr-Annahme: Für die Abend-Ausgabe bis 13 Uhr mittags: für die Morgen-'
bis 3 Ubr nachmittags.
Gegründet 1852.
Fcrnstzrrcher-Rrrfr
„Tagblatt-Haus" Nr. 6650-53. Bon 8 Uhr morgens bis s Uhr abends,
anher Sonntags.
Anzeigen-Preis für bie Zeile: 15 Pfg. für l-fale Anzeigen :m .ArbnismarU" und „KlW-r AnMger M einheitlicher S-Hform; LSPfg. in davon abweichender sabanSsührnng ow:- für a« übrigen lokalen Anzeigen; so Pfg. für all- auswärtigen Anzeigen; 1 Ml. für lokale Reklamen; 2SM. fmauimttt ge Reklamen. Ganze, halbe, drittel und viertel Seiten, durchlaufend, nach besonderer Berechnlmg,
Bei wiederholter Aufnahme unveränderter Anzeigen in kurzen Zwischenräumen entlprewender Rabatt.
Für die Ausnahme von Anzeigen an vorgeschricbenen Tagen und Plätzen wird keine Gewähr übernommen.
Nr. 45.
Freitag, 27 Januar 1911.
59. Jahrgang.
Morgen - Ausgabe.
1. Matt.
Iüv IeSurrcrr unö Wcrrrz
auf das
„Wiesbadener Tagblatt"
zu abonnieren, findet fich Gelegenheit
im Deriag „Tagbiatt-Aaus" Kan«gaffe LI, irr der ZweigsteUe Kisnrarckring 29, in de» Ausgadektelirn der Ktadt und Uachdarortr. und bei ,ä«Mi»i,sn deutsche» Reich«»sstanNalten.
Ium Geburtstag des Kaisers.
Vor welligen Tagen, am 18- Januar, hat das deutsche Volk den vierzigsten Geburtstag des Deutschen Reiches begangen, der zugleich der Geburtstag des deutschen Kaisertums ist, und am heutigen ^.age feiern wir den 52. Geburtstag unseres Kaisers als einen Tag, der uns Deutschen nach alter guter Litte als ein Fest des Volkes gilt. Ist uns doch unser Kaiser das lebenskräftige Symbol und die Verkörperung der nationalen Einheit, hat uns doch die Geschichte selbst die Begriffe Kaiser und Reich fest uild unlöslich z u s a m- ru e nges ch m i e d e t. In dem Kaisertum, m tem unter feinem Szepter geeinigten großen Vaterlande erblicken alle deutschen Stämme die Verwirklichung ihrer langjährigen Sehnsucht, das Ziel einer politischen Entwicklung, die lange Jahrzehnte hindurch vergeblich erstrebt wurde, und die, nachdem wir sie erreicht, uns als so n a t u r n o t w e n d i g erscheint, daß die Jüngeren unter uns außerstande sind, sich in jene Zeiten zurückzudenken, die der jetzt vierzigjährigen Ära der deutschen Einheit vorangingen.
Ist das Deutsche Reich mit Blut und Eisen geschmiedet worden, galt es auch nachher und noch jetzt, das Schwert in der Scheide nicht rosten zu lassen, so ist es doch die Werktätige Arbeit des Friedens gewesen, welche das Reich erhalten und es weiter ausgebaut hat — wie es Kaiser Wilhelm l. tu der Prokla- matiou vom 18. Januar 1871 für sich "nd ferne Rach- kommen auf dem Kaiserthron erfleht hatre. „allzeit ein Mehrer des Reiches zu sein m den Weiten rev Friedens, auf dem Gebiete nationaler Wohlsah ü, Freiheit und Gesittung." Diese Friede ns ho s f n int g der Kaiserproklamation hat sich voll erfüllt, und dem ruhmvollen Reichskriege ist ein nicht minder rühmlicher Neichsfrieden gefolgt. Als Kaiser WrlhelmII. vor «3 Jahren den Thron bestieg, da wollten Lchwarzseher wissen, daß unter seiner Herrschaft em Wandel in der
Friedenspolitik des Deutschen Reiches eintreten werde. Gegen solche böswilligen Unterstellungen hatte sich unser Kaiser schon als Prinz Wilhelm mit den Worten gewandt, die er im Februar 1888 im Brandenburgischen Provinziallandtag sprach: „Ich weiß wohl, daß nn
großen Publikum und speziell im Ausland mir leichtsinnige. nach Ruhm lüsterne Kriegsgedanken zuge- schrieben werden. Gott bewahre mich vor solchem verbrecherischen Leichtsinn! Ich weise solche Anschuldignn- gen mit Entrüstung zurück." Und als der Kaiser zum erstenmal den deutschen Reichstag begrüßte, versicherte er feierlich, daß er „entschlossen sei, als Kaiser ilnd als König dieselben Wege zu wandeln, aus denen mein hochseliger Herr Großvater das Vertrauen seiner Bundesgenossen, die Liebe des deutschen Volkes und die wohlwollende Anerkennung des Auslandes gewonnen hat". ' ' . t
Das Vertrauen des deutschen Volkes und der Bundesgenossen auf seine Friedensliebe hat der Kaiser sich erworben und gesichert durch ferne bald 23jabrige Negierung. Und wenn „die wohlwollende Anerkennung des Auslandes" zuweilen ausgeblieben ist wenn böswillige Verdächtigung dem deutschen Kaiser, der Politik des Deutschen Reiches heimtückische Pläne und Ränke unterschob, so ist zum Schluß auch hier der Pfeil auf den Schützen zurückgeprallt. Können wir uns dock gerade jetzt mehr denn je der Früchte dieser ehrlichen Friedenspolitik erfreuen, die sich aufbaut auf dem lestkegründeten Dreibund, auf dem „Vertrauen der Bundesgenossen", während es doch gleichzeitig gelungen ist, den scharfen Gegensatz zwischen' dem Dreibund und der sranzösisch-russisch-eng- lischen Tripelentente zu mildern, wie das soeben erst in den deutsch-russischen Verhandlungen in Potsdam und in der gleichzeitig sich anscheinend doch anbahnenden deutsch-englischen Annäherung deutlich zutage getreten ist.
Tie gemeinsame Arbeit für das Wohlergeben, für die Macht und für die Größe des Deut- scheu' Reiches, die um so fruchtbarer, um Ho ertragreicher zu cherden verspricht, je ungestörter sie sich unter den Segnungen des Friedens zu entfalten vermag, verbindet das deutscheVolk mit dem Kaiser, maa das Volk auch manche staatsrechtlichen Ansichten, die'er gerade auch im letzten Jahre wieder ausgesprochen hat, nicht teilen. Möge — das ist der Wunsch, der in den Herzen aller guten Deutschen, was sie auch sonst in den heißen Kämpfen des Tages trennen und scheiden mag, heute mit. ganz besonderer Kraft lebendig wird — es unserem Kaiser noch eine ungemessene Reihe von Jahren in ungeschwächter Kraft und Gesundheit vergönnt werden, ein Mehrer des Reiches zu sein in den Werken des Friedens, auf dem Gebiete nationaler Wohlfahrt, Freiheit und Gesittung!
LemUeton.
(Nachdruck verboten.
Berliner Vororte.
Von Paul Lindenberg.
Groß-Berlin — mag man draußen, in den Provinzen, auch noch so sehr über den „Wasserkopf der Monarchie" spotten und in mancher Beziehung viell leichr auch ein Recht zum Spott haben, man freut sich dock' der Erfolge dieses Goliath unrer unseren Ltadten, denn Berlin ist und bleibt nun einmal das glanzende Aushängeschild des Reiches >ür die Fremde, vielfach auch für die Heimat. Wie steht's nun aber um dieses Groß-Berlin", welche Bezeichnung zu einem oft recht uuverslalldenen Schlagwort geworden. Noch vor zehn Jahren wäre es möglich gewesen, ein wirklich großes Berlin m schaffen, das unter einheitlicher Leitung stand und die nahen, respektive baulich schon mit Berlin verbundenen Vororte mit dem eigentlichen Kern ver- schmolr m einem gewaltigen Ganzen. Durch die Kurz- sichüakeit der Berliner Stadtbehördeu und einem Umschwung der Stimmung im Ministerium des Innern ward dies versäumt, wahrscheinlich für immer, und Berlin das echte und rechte, ist in eine böse Zwongs- lga- geraten- an der Mutter knabbern die Töchter herum und zehren von ihrem Mark. Die wohlhabenden Bevölkerungsschichten wandern aus - wenn auch die e Auswanderung nur einige Straßen weiter ff« - J*. Steuerkraft nimmt ab, die Lasten für «chul- Armenwesen, hygienische Einrichtungen usw. werden fre« größer bei der relativen Vermehrung der armen Kreise während die fortgezogenen Bewohner cm oen Berliner Einrichtungen Partizipieren,. Ä fe Mennig dafür ausgeben. Einer desto größeren Blute erfreuen sich die Vororte. Tie letztere Bezeichnung er
weckt ein Lächeln — „Vororte", dabei geht man nahe dem Potsdamer Tor über den Damm und ist aus Charlottenburger Gebiet, man bummelt einige Schritte weiter und befindet sich in Schöneberg°, ein Haus unweit des Nollendorfplatzes trägt als äußeren Schmuck drei städtische Wappen, hier berühren sich die Gemarkungen von Charlottenburg, Schöneberg, Wilmersdorf! ,
Schauen wir uns die einzelnen Vororte ein wenig de? näheren an, im Marschtempo rund um Berlin, so müssen 'wir Charlottenburg unsern ersten Besuch abstatten. Ehre, wem Ehre gebührt. Eine Großstadt für sich, mit fast 300 000 Einwohnern unö eurem jährlichen Etat von 6614 Millionen Mark! Ter einstige stille Ort reckte sich von Jahr zu Jahr mehr aus und streckte seine steinernen Fangarme immer verlangender nach Berlin hin, bis die Brüderschaft geschlossen war, und da es nun hier ein Halt gab, ward die Aus- breituna nach andereil Seiten fortgesetzt, hinauf nach Westen ch dem Spandauer Forst, der Jungfernhelde. Groß, frank, eindrucksvoll sind diese breiten Straße,i- züge mit ihren Mietspalästen, die natürlich den erlesensten Komfort, der Neuzeit bergen, bequeme Vertun- düngen stellen elektrische und Untergrundbahn her, die Großbanken, die hier ihr Geld hineingesteckt,^kommen rasch auf ihre Kosten und können in kurzer Frist ein nettes Prositchen in ihre Arnheims versenken. ^Wav uns an dieser so staunenswert sich entwickelnden «ladt ... in der die meisten Millionäre Deutschlands wohnen — gefällt, ist, daß sie sich eine ganze Reihe steinerner Erinnerungen an ihre Vergangenheit zu bewahren wußte, ganz abgesehen natürlich vom gedenkreichen Königsschloß/dem sie ihren Namen verdankt, an swlle de« einstigen Lietzenburg. Einige parkumfriedete Landhäuser, sogar eil: kleines, ehemals der, be.. kannten Gräfin Lichtenau gehörendes Palais erinnern uns an längstverrauschte Zeiten und bringen eme reizvolle
UsMische Merstcht.
Immer? Wieder der Moderttisterreid.
Der Vatikan erlaubt sich Dinge, denen gegenüber, die Frage immer dringender wird, ob wir uns das ge» fallen lassen müssen. In einem Schreiben an ^ den Kardinalerzbischof Fischer in Cötn drückt der Papst die Hoftnung aus, daß die voni Modernisteneid dispensierten Theologieprosessoren au staatlichen Universitäten aus freien Stücken als erste den Erd leisten werden. Falls sie dies nicht tun, sondern gern von dem Dispens Gebrauch machen, würden sie damit zwar nicht notwendigerweise dartun, daß ihre Lehre anrüchig sei, wohl aber, daß sie elendiglich dem Urteil der Gegner der Kirche solgen, welche behaupten, dieser Eid widerspreche der menschlichen Würde und hindere den Fortschritt der Wissenschaften. Ter Papst versucht es also gegen die Theologieprofessoren mit dem stärksten moralischen Zwange, und nach den bisherigen Erfolgen ist man nicht sicher davor, daß sich nicht auch die ,,Hots- nung" aus die löbliche Unterwerfung der Hochschullehrer erfüllen wird. Man beachte wohl, was das heißen will, wenn der Papst eine Erwartung aun- spricht, die, weil sie nicht von einer befehlenden Forderung begleitet wird, scheinbar auch getäuscht werden könnte. Gerade weil sich der Vatikan einer solchen Täuschung nicht wird aussetzen wollen und können, kann er. es wagen, die unbestimmte Form einer Hoff- uung für etwas zu wählen, dessen Eintreten er für gewiß hält. Auch die Theologieprofessoren an den Universitäten werden den Modernisteneid leisten, nachdem sie. setzt erfahren haben, daß sie andernfalls als elende Feiglinge werden angesehen werden. Welcher Professor einer katholisch-theologischen Fakultät hielte das wohl aus?- Wo bekämen sie ihre Hörer her, die doch Geistliche werden wollen, wenn sie den kirchlichen Behörden, ohne deren guten Willen sie keine Hörer erhielten, zwar nicht notwendigerweise „anrüchig", doch aber äußerst verdächtig erschienen? Die meisten Theologieprofessoren werden den Eid zwar zunächst wohl nicht leisten, aber wir fürchten, daß sie sich besinnen werden. Auch wird ihnen das Opfer vermutlich leicht gemacht werden- warum soll ihnen nicht gestattet werden, ihre Unterwerfung in der Stille zu vollzieheul Wer aber auf den Schutz der Staatsgewalt gegen entwürdigende Zumutungen rechnen wollte, dem wäre Vorsicht anzuraten, zumal er von diesem Schutz tatsächlich nichts hätte. Tenn es käme immer wieder daraus hinaus, daß diese Professoren univergerlich auf ein gutes Verhältnis zu den Bischöfen angewiesen und, ohne die sie wohl lesen könnten, ohne die sie aber keiire Schüler bekämen. So mag es eines Tages wrrknch dahin kommen, daß, wie es der Kultusminister neulich als Möglichkeit ankündigte, die katholisch-theologischen
Note in das rastlos schaffende und umändernde Bausieber der Gegenwart, dem noch ein trauliches, altersgraues Kirchlein und in den Nebenstraßen eine Reihe niedriaer Wohnhäuschen von grämlich-philisterhaftem Aussehen standgehalten haben. Lang freilich wird^s nicht mehr währen und auch sie fallen der Spekulations- wut zum Opfer.
Tenn der Zug nach dem Westen übt noch immer seine nngeschwächte Anziehungskraft aus. Wir sehen's an der „Kolonie" Grunewald. Friedrich Tern» bürg, unser vortrefflicher Feuilletonist, gehörte zu den ersten, die sich Mitte der 80er Jahre hier zwischen den etwas schwindsüchtigen Föhren sein Häuschen erbaut und der mit nimmermüdem Eifer ans die Bedeutung des Grunewalds als eine der wichtigsten Lungen Berlins hingewiesen. Aber auch er, wie so viele andere, konnten es nicht verhindern, daß der heißhungrige Fiskus Jahr für Jahr den Forstbestand der- kürzt und der Bebauung „erschließt", wie es so vornehm lautet. Das hatte Fürst Bismarck nicht bezweckt, dem man mit Recht in der Kolonie ein würdiges Denkmal aesept, demr ihm in erster Linie ist die Schaffung des Kurfürstendammes, der die wundervolle, prunkhafte Verbindung zwischen dem Grunewald und Berlin herstellt, zu danken. Aber so sicher hier wiederum der Blick des Großen in die Zukunft war, jene goldenen Fruchte, die bisher der sandige Heideboden getragen, hätre er Wohl nicht erwartet, bezahlt man doch heute dort für ein mäßiges Terrain in bevorzugter Lage, das in jenem Jahre 1873 für ein paar tausend Mark zu haben gewesen wäre, eine Million und mehr.
Ter vielverspottete märkische Sand vor den Toren Berlins hat ungeahnt reichen Ertrag abgeworfen und wirft ihn fortgesetzt ab. Aus den Kartoffelfeldern, den Wiesen und Sümpfen Schönebergs und Wilmersdorfs sind Milliarden gewonnen worden. Eine Prachtstadt erhebt sich dort, Berlin WW.
