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Berta« Langgass« 21

„Tagblatt-Haus".

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Gegründet 1852.

Fcrnstzrrcher-Rrrfr

„Tagblatt-Haus" Nr. 6650-53. Bon 8 Uhr morgens bis s Uhr abends,

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Nr. 45.

Freitag, 27 Januar 1911.

59. Jahrgang.

Morgen - Ausgabe.

1. Matt.

Iüv IeSurrcrr unö Wcrrrz

auf das

„Wiesbadener Tagblatt"

zu abonnieren, findet fich Gelegenheit

im Deriag „Tagbiatt-Aaus" Kan«gaffe LI, irr der ZweigsteUe Kisnrarckring 29, in de» Ausgadektelirn der Ktadt und Uachdarortr. und bei ,ä«Mi»i,sn deutsche» Reich«»sstanNalten.

Ium Geburtstag des Kaisers.

Vor welligen Tagen, am 18- Januar, hat das deut­sche Volk den vierzigsten Geburtstag des Deutschen Reiches begangen, der zugleich der Geburtstag des deutschen Kaisertums ist, und am heutigen ^.age feiern wir den 52. Geburtstag unseres Kaisers als einen Tag, der uns Deutschen nach alter guter Litte als ein Fest des Volkes gilt. Ist uns doch unser Kaiser das lebenskräftige Symbol und die Verkörperung der natio­nalen Einheit, hat uns doch die Geschichte selbst die Begriffe Kaiser und Reich fest uild unlöslich z u s a m- ru e nges ch m i e d e t. In dem Kaisertum, m tem unter feinem Szepter geeinigten großen Vater­lande erblicken alle deutschen Stämme die Verwirk­lichung ihrer langjährigen Sehnsucht, das Ziel einer politischen Entwicklung, die lange Jahrzehnte hin­durch vergeblich erstrebt wurde, und die, nachdem wir sie erreicht, uns als so n a t u r n o t w e n d i g erscheint, daß die Jüngeren unter uns außerstande sind, sich in jene Zeiten zurückzudenken, die der jetzt vierzigjährigen Ära der deutschen Einheit vorangingen.

Ist das Deutsche Reich mit Blut und Eisen ge­schmiedet worden, galt es auch nachher und noch jetzt, das Schwert in der Scheide nicht rosten zu lassen, so ist es doch die Werktätige Arbeit des Friedens ge­wesen, welche das Reich erhalten und es weiter ausge­baut hat — wie es Kaiser Wilhelm l. tu der Prokla- matiou vom 18. Januar 1871 für sich "nd ferne Rach- kommen auf dem Kaiserthron erfleht hatre. „allzeit ein Mehrer des Reiches zu sein m den Weiten rev Friedens, auf dem Gebiete nationaler Wohlsah ü, Frei­heit und Gesittung." Diese Friede ns ho s f n int g der Kaiserproklamation hat sich voll erfüllt, und dem ruhmvollen Reichskriege ist ein nicht minder rühmlicher Neichsfrieden gefolgt. Als Kaiser WrlhelmII. vor «3 Jahren den Thron bestieg, da wollten Lchwarzseher wissen, daß unter seiner Herrschaft em Wandel in der

Friedenspolitik des Deutschen Reiches eintreten werde. Gegen solche böswilligen Unterstellungen hatte sich unser Kaiser schon als Prinz Wilhelm mit den Worten gewandt, die er im Februar 1888 im Brandenburgischen Provinziallandtag sprach: „Ich weiß wohl, daß nn

großen Publikum und speziell im Ausland mir leicht­sinnige. nach Ruhm lüsterne Kriegsgedanken zuge- schrieben werden. Gott bewahre mich vor solchem ver­brecherischen Leichtsinn! Ich weise solche Anschuldignn- gen mit Entrüstung zurück." Und als der Kaiser zum erstenmal den deutschen Reichstag begrüßte, ver­sicherte er feierlich, daß er „entschlossen sei, als Kaiser ilnd als König dieselben Wege zu wandeln, aus denen mein hochseliger Herr Großvater das Vertrauen seiner Bundesgenossen, die Liebe des deutschen Volkes und die wohlwollende Anerkennung des Auslandes ge­wonnen hat". ' ' . t

Das Vertrauen des deutschen Volkes und der Bundesgenossen auf seine Friedensliebe hat der Kaiser sich erworben und gesichert durch ferne bald 23jabrige Negierung. Und wenn „die wohlwollende Anerkennung des Auslandes" zuweilen ausgeblieben ist wenn böswillige Verdächtigung dem deutschen Kaiser, der Politik des Deutschen Reiches heimtückische Pläne und Ränke unterschob, so ist zum Schluß auch hier der Pfeil auf den Schützen zurückgeprallt. Können wir uns dock gerade jetzt mehr denn je der Früchte dieser ehrlichen Friedenspolitik erfreuen, die sich aufbaut auf dem lestkegründeten Dreibund, auf dem „Vertrauen der Bundesgenossen", während es doch gleichzeitig gelungen ist, den scharfen Gegensatz zwi­schen' dem Dreibund und der sranzösisch-russisch-eng- lischen Tripelentente zu mildern, wie das soeben erst in den deutsch-russischen Verhandlungen in Potsdam und in der gleichzeitig sich anscheinend doch anbahnenden deutsch-englischen Annäherung deutlich zutage getreten ist.

Tie gemeinsame Arbeit für das Wohl­ergeben, für die Macht und für die Größe des Deut- scheu' Reiches, die um so fruchtbarer, um Ho ertrag­reicher zu cherden verspricht, je ungestörter sie sich unter den Segnungen des Friedens zu entfalten vermag, verbindet das deutscheVolk mit dem Kaiser, maa das Volk auch manche staatsrechtlichen Ansichten, die'er gerade auch im letzten Jahre wieder ausge­sprochen hat, nicht teilen. Möge — das ist der Wunsch, der in den Herzen aller guten Deutschen, was sie auch sonst in den heißen Kämpfen des Tages trennen und scheiden mag, heute mit. ganz besonderer Kraft lebendig wird — es unserem Kaiser noch eine ungemessene Reihe von Jahren in ungeschwächter Kraft und Gesundheit vergönnt werden, ein Mehrer des Reiches zu sein in den Werken des Friedens, auf dem Gebiete nationaler Wohlfahrt, Freiheit und Ge­sittung!

LemUeton.

(Nachdruck verboten.

Berliner Vororte.

Von Paul Lindenberg.

Groß-Berlin — mag man draußen, in den Pro­vinzen, auch noch so sehr über den „Wasserkopf der Monarchie" spotten und in mancher Beziehung viell leichr auch ein Recht zum Spott haben, man freut sich dock' der Erfolge dieses Goliath unrer unseren Ltadten, denn Berlin ist und bleibt nun einmal das glanzende Aushängeschild des Reiches >ür die Fremde, vielfach auch für die Heimat. Wie steht's nun aber um dieses Groß-Berlin", welche Bezeichnung zu einem oft recht uuverslalldenen Schlagwort geworden. Noch vor zehn Jahren wäre es möglich gewesen, ein wirklich großes Berlin m schaffen, das unter einheitlicher Leitung stand und die nahen, respektive baulich schon mit Berlin ver­bundenen Vororte mit dem eigentlichen Kern ver- schmolr m einem gewaltigen Ganzen. Durch die Kurz- sichüakeit der Berliner Stadtbehördeu und einem Umschwung der Stimmung im Ministerium des Innern ward dies versäumt, wahrscheinlich für immer, und Berlin das echte und rechte, ist in eine böse Zwongs- lga- geraten- an der Mutter knabbern die Töchter herum und zehren von ihrem Mark. Die wohlhabenden Bevölkerungsschichten wandern aus - wenn auch die e Auswanderung nur einige Straßen weiter ff« - J*. Steuerkraft nimmt ab, die Lasten für «chul- Armenwesen, hygienische Einrichtungen usw. werden fre« größer bei der relativen Vermehrung der armen Kreise während die fortgezogenen Bewohner cm oen Berliner Einrichtungen Partizipieren,. Ä fe Mennig dafür ausgeben. Einer desto größeren Blute erfreuen sich die Vororte. Tie letztere Bezeichnung er­

weckt ein Lächeln — „Vororte", dabei geht man nahe dem Potsdamer Tor über den Damm und ist aus Charlottenburger Gebiet, man bummelt einige Schritte weiter und befindet sich in Schöneberg°, ein Haus un­weit des Nollendorfplatzes trägt als äußeren Schmuck drei städtische Wappen, hier berühren sich die Gemar­kungen von Charlottenburg, Schöneberg, Wilmers­dorf! ,

Schauen wir uns die einzelnen Vororte ein wenig de? näheren an, im Marschtempo rund um Berlin, so müssen 'wir Charlottenburg unsern ersten Be­such abstatten. Ehre, wem Ehre gebührt. Eine Groß­stadt für sich, mit fast 300 000 Einwohnern unö eurem jährlichen Etat von 6614 Millionen Mark! Ter einstige stille Ort reckte sich von Jahr zu Jahr mehr aus und streckte seine steinernen Fangarme immer verlangender nach Berlin hin, bis die Brüderschaft geschlossen war, und da es nun hier ein Halt gab, ward die Aus- breituna nach andereil Seiten fortgesetzt, hinauf nach Westen ch dem Spandauer Forst, der Jungfernhelde. Groß, frank, eindrucksvoll sind diese breiten Straße,i- züge mit ihren Mietspalästen, die natürlich den er­lesensten Komfort, der Neuzeit bergen, bequeme Vertun- düngen stellen elektrische und Untergrundbahn her, die Großbanken, die hier ihr Geld hineingesteckt,^kommen rasch auf ihre Kosten und können in kurzer Frist ein nettes Prositchen in ihre Arnheims versenken. ^Wav uns an dieser so staunenswert sich entwickelnden «ladt ... in der die meisten Millionäre Deutschlands wohnen — gefällt, ist, daß sie sich eine ganze Reihe steinerner Erinnerungen an ihre Vergangenheit zu bewahren wußte, ganz abgesehen natürlich vom gedenkreichen Königsschloß/dem sie ihren Namen verdankt, an swlle de« einstigen Lietzenburg. Einige parkumfriedete Landhäuser, sogar eil: kleines, ehemals der, be.. kann­ten Gräfin Lichtenau gehörendes Palais erinnern uns an längstverrauschte Zeiten und bringen eme reizvolle

UsMische Merstcht.

Immer? Wieder der Moderttisterreid.

Der Vatikan erlaubt sich Dinge, denen gegenüber, die Frage immer dringender wird, ob wir uns das ge» fallen lassen müssen. In einem Schreiben an ^ den Kardinalerzbischof Fischer in Cötn drückt der Papst die Hoftnung aus, daß die voni Modernisteneid dispensier­ten Theologieprosessoren au staatlichen Universitäten aus freien Stücken als erste den Erd leisten werden. Falls sie dies nicht tun, sondern gern von dem Dis­pens Gebrauch machen, würden sie damit zwar nicht notwendigerweise dartun, daß ihre Lehre anrüchig sei, wohl aber, daß sie elendiglich dem Urteil der Gegner der Kirche solgen, welche behaupten, dieser Eid wider­spreche der menschlichen Würde und hindere den Fort­schritt der Wissenschaften. Ter Papst versucht es also gegen die Theologieprofessoren mit dem stärksten moralischen Zwange, und nach den bisherigen Erfolgen ist man nicht sicher davor, daß sich nicht auch die ,,Hots- nung" aus die löbliche Unterwerfung der Hochschul­lehrer erfüllen wird. Man beachte wohl, was das heißen will, wenn der Papst eine Erwartung aun- spricht, die, weil sie nicht von einer befehlenden Forde­rung begleitet wird, scheinbar auch getäuscht werden könnte. Gerade weil sich der Vatikan einer solchen Täuschung nicht wird aussetzen wollen und können, kann er. es wagen, die unbestimmte Form einer Hoff- uung für etwas zu wählen, dessen Eintreten er für ge­wiß hält. Auch die Theologieprofessoren an den Uni­versitäten werden den Modernisteneid leisten, nachdem sie. setzt erfahren haben, daß sie andernfalls als elende Feiglinge werden angesehen werden. Welcher Pro­fessor einer katholisch-theologischen Fakultät hielte das wohl aus?- Wo bekämen sie ihre Hörer her, die doch Geistliche werden wollen, wenn sie den kirchlichen Be­hörden, ohne deren guten Willen sie keine Hörer er­hielten, zwar nicht notwendigerweise „anrüchig", doch aber äußerst verdächtig erschienen? Die meisten Theologieprofessoren werden den Eid zwar zunächst wohl nicht leisten, aber wir fürchten, daß sie sich be­sinnen werden. Auch wird ihnen das Opfer vermutlich leicht gemacht werden- warum soll ihnen nicht gestattet werden, ihre Unterwerfung in der Stille zu vollzieheul Wer aber auf den Schutz der Staatsgewalt gegen ent­würdigende Zumutungen rechnen wollte, dem wäre Vorsicht anzuraten, zumal er von diesem Schutz tat­sächlich nichts hätte. Tenn es käme immer wieder daraus hinaus, daß diese Professoren univergerlich auf ein gutes Verhältnis zu den Bischöfen angewiesen und, ohne die sie wohl lesen könnten, ohne die sie aber keiire Schüler bekämen. So mag es eines Tages wrrknch dahin kommen, daß, wie es der Kultusminister neulich als Möglichkeit ankündigte, die katholisch-theologischen

Note in das rastlos schaffende und umändernde Bau­sieber der Gegenwart, dem noch ein trauliches, alters­graues Kirchlein und in den Nebenstraßen eine Reihe niedriaer Wohnhäuschen von grämlich-philisterhaftem Aussehen standgehalten haben. Lang freilich wird^s nicht mehr währen und auch sie fallen der Spekulations- wut zum Opfer.

Tenn der Zug nach dem Westen übt noch immer seine nngeschwächte Anziehungskraft aus. Wir sehen's an der „Kolonie" Grunewald. Friedrich Tern» bürg, unser vortrefflicher Feuilletonist, gehörte zu den ersten, die sich Mitte der 80er Jahre hier zwischen den etwas schwindsüchtigen Föhren sein Häuschen erbaut und der mit nimmermüdem Eifer ans die Bedeutung des Grunewalds als eine der wichtigsten Lungen Berlins hingewiesen. Aber auch er, wie so viele andere, konnten es nicht verhindern, daß der heiß­hungrige Fiskus Jahr für Jahr den Forstbestand der- kürzt und der Bebauung „erschließt", wie es so vor­nehm lautet. Das hatte Fürst Bismarck nicht bezweckt, dem man mit Recht in der Kolonie ein würdiges Denk­mal aesept, demr ihm in erster Linie ist die Schaffung des Kurfürstendammes, der die wundervolle, prunk­hafte Verbindung zwischen dem Grunewald und Ber­lin herstellt, zu danken. Aber so sicher hier wiederum der Blick des Großen in die Zukunft war, jene goldenen Fruchte, die bisher der sandige Heideboden getragen, hätre er Wohl nicht erwartet, bezahlt man doch heute dort für ein mäßiges Terrain in bevorzugter Lage, das in jenem Jahre 1873 für ein paar tausend Mark zu haben gewesen wäre, eine Million und mehr.

Ter vielverspottete märkische Sand vor den Toren Berlins hat ungeahnt reichen Ertrag abgeworfen und wirft ihn fortgesetzt ab. Aus den Kartoffelfeldern, den Wiesen und Sümpfen Schönebergs und Wilmersdorfs sind Milliarden gewonnen wor­den. Eine Prachtstadt erhebt sich dort, Berlin WW.