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Nr. 43.
Donnerstag, LC. Januar 190.
59. Jahrgang.
Morgen - Ausgabe.
r. Matt.
Iür: Ilebrirar: irnö März
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„Wiesbadener Tagblatt"
zu «lenntertn, findet sich Gelegenheit
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Nr btv ZmrigstaUe Ktsmarckrirrs 29, irr den Ausgabestellen der Ktadt und Nachbarorte, und bet sämtlichen deutschen Neichspostanstalten.
Elsaß-Lothringen.
Es wäre eine böse Situation, wenn die elsaß- lothrmgische Verfassungsvorlage so geändert würde, daß sich die ohnehin schon bestehende Unzufriedenheit der reichsländischen Bevölkerung mit diesem Entwurf noch steigern müßte. Die Gefahr, daß die Sache diesen Ausgang nimmt, braucht heute schon nicht als dringlich angesehen zu werden, aber die ist auch nicht ganz außer der Welt. Es will noch nicht viel sagen, wenigstens will es nicht das Entscheidende sagen, daß die Konservativen an dem Entwurf große Ausstellungen zu machen haben. Er geht ihnen viel zu weit, sowohl was das Wahlrecht betrifft, wie auch in bezug auf die Selbständigmachung der Reichslande. Die Gefahr besteht nicht so sehr in den von dieser Partei zu erwartenden Anträgen, als vielmehr darin, daß sich die Wünsche für und wider überhaupt stark durchkreuzen, so daß am Ende eine Situation da sein könnte, in der irgendein fatales Kompromiß die Mehrheit findet. Auch damit wäre unter Umständen zu rechnen, daß die Vorlage eine Gestalt erhält, mit der sich dann wieder die Verbündeten Regierungen nicht einverstanden erklären möchten. Nicht zu leugnen ist, daß die jüngsten Ausschreitungen in Metz die Neigung, den Elsaß- Lothringern entgegenzukommen, verschiedentlich stark gedämpft haben. Genug, klar ist die Sachlage nicht, und was auch immer zustandekommen mag, so wird ein Ergebnis erst nach langen und langwierigen Kommissionsberatungen und nach lebhaften Kämpfen im Plenum zu erwarten sein. Die Unsicherheit der Verhältnisse wird zwar nicht erhöht, aber doch, rn bemerkenswerter Weise mit beeinflußt durch die in jüngster Zeit mehrfach hervorgetretene Empfehlung, die Reichslande mögen ganz einfach an Preußen angegliedert werden, die Schwierigkeiten des Problems mögen um- gar'gen und zweckmäßig gelöst werden durch die Erklärung Elsaß-Lothringens zur preußischen Provinz. Wir haben die betreffenden Ausführungen, Vorschläge und Beweisführungen in verschiedenen Blättern, hinter den immerhin angesehene Parteien stehen, mit ziemlich gemischten Gefühlen gelesen. Wir haben dabei die Empfindung gehabt, daß eine solche Behandlung der
KemÄeton.
(Nachdruck verboten.)
Trichinopoli.
Von H. Heiland.*)
Ost genug ist Indien als das „Wunderland" bezeichnet worden. Indessen erzwangen jenen Ausspruch wohl hauptsächlich die wunderbaren, ans Feenhafte grenzenden Bauwerke Oberindiens. Weniger Bewunderung erregt die Natur Indiens wohl darum; da nur wenige der eilenden Touristen die Edelsteinminen und Riefengletscher, unterirdische Höhlen und Felswände kennen lernen.
Eine dieser, zu Fels — zu Stein gewordenen Launen der Natur ist der heilige Felsen von Trichinopoli. Soweit das Auge reicht, eine weite, fruchtbare Ebene, durchzogen vom nichtigen Kaweri, dessen gelbliche Fluten den Reisfeldern und Kokosbäumen grünes Leben einhauchen. Kein Berg, kein Hügel unterbricht die endlos eben sich hinziehende Landschaft, die nur am fernen Horizont von steil zackigen Bergen umrahmt Wird, die im bläulichen Dunst der Ferne verschwimmen.
üppiger Baumwuchs umsaumt die Straße, auf welcher der Wanderer Trichinopoli naht. Palmen neigen ihre gefiederten Kronen — Tamarinden und Boo, die heiligen Bäume Buddhas, breiten ihre mächtigen Äste über die Straße, Schutz gewährend vor den erbarmungslosen Strahlen der südindischen Sonne.
*) Der fesselnde Aufsatz rst aus der Feder des kühnen Groh- koildjägers und Wotorfahrers Hemrrch Heiland, der kurz uh, wre erinnerlich, im hiesigen Kurhause erneu mt.erestanten Vortrag k«»ti Diesem ersten Aufsatz werden noch ermge folgen. D. at * a -
Reichslande in der Tat ganz angemessen wäre, wofern nur eine Reihe von Bedingungen erfüllt würden, von denen man aber leider bekennen muß, daß sie eben unerfüllbar sind. Und das ist wirklich traurig aus inneren wie aus äußeren Gründen. Es ist besonders traurig darum, weil wir in Preußen uns sagen müssen, daß die Hauptschuld an uns selber liegt, an der Abneigung, mit der wir außerhalb unserer Staatsgrenzen wegen der Fortdauer des unleidlichen ostelbischen Systems, wegen des Widerspruchs dieses erzkonser- vativen Regiments mit allen liberalen Neigungen und Bestrebungen betrachtet werden. Man liebt das preußische Wesen im Reiche nicht, und darunter haben wir zu leiden. Wir sprechen gar nicht erst davon, daß die Eifersucht der anderen Bundesstaaten die Einverleibung der Reichslande in Preußen verhindern würde. Schwierigkeiten von dieser Seite her wären schließlich doch zu überwinden, wenn sich ein mächtiger nationaler Wille rührt. Aber daran gerade fehlt es, und vor allem würden die Elsaß-Lothringer selbst das Äußerste an Widerstand aufbieten, wenn man ihnen zumutet, preußisch zu werden. Die Forderung, daß die Reichslande an Preußen angegliedert werden, wird jetzt auch von der „Kreuzzeitung" erhoben. Das konservative Blatt macht diesen Vorschlag zwar nicht im eigenen Namen, eignet sich aber eine entsprechende Zuschrift an und deckt diese somit doch mit der Autorität der Rechten. Es heißt in dieser Zuschrift u. a.: „Jede Schwächung Preußens wirkt auf ganz Deutschland zurück. Darum liegt es im Interesse aller deutschen Staaten, wenn Elsaß-Lothringen mit Preußen vereinigt wird. So lange es ein deutscher Kleinstaat ist» wird es immer ein wunder Fleck an unserem Staatskörper sein, ein Angriffspunkt für internationale Machenschaften. Erst in seiner Vereinigung mit dem mächtitzenf preußischen Staats, im Aufgehen in dessen großzügigem Staatsleben, im Zusammenwachsen mit der preußischen Tradition, in der sich der Ruhm der deutschen Geschichte verkörpert, kann es zu einem kräftigen Glieds des Reichs erblühen und zu dessen Machterweiterung beitragen." Und dann heißt es weiter: „Mögen die
Reichslande preußisch werden und sich als jüngster Kristall augliedern an den Felsen im märkischen Sande, mögen sie mit uns leben und gedeihen, mit uns kämpfen, wenn es sein soll, und unser Schicksal mit uns teilen. Wir aber werden sie nur dann dauernd für uns und Deutschland gewinnen, wenn uns Preußen nicht bloß Schall und Name ist, sondern wenn wir Preußen bleiben in des Wortes vollster Bedeutung, wenn wir des Bodens nicht vergessen, auf dem wir erwachsen sind, dem wir unsere Kraft verdanken, wenn wir den stolzen Namen nicht verleugnen, den wir in hartem Kampf errungen haben und den die Geschichte geheiligt hat." Schöne Worte, schöne Gesinnungen, die auch bei uns ihren Widerhall finden. Aber leider stimmt nicht alles und leider wird es und kann es so nicht gehen. Wir werden auf den Traum, einen Gebietszuwachs im Südwesten des Reichs 'zu erhalten, mindestens für lange, lange Zeit verzichten müssen.
Politische Übersicht.
Der Notwehrparagrapl/.
L. Berlin, 24. Januar,
Begreifliches Aufsehen erregt die Ausführung in der Rechtsbelehrung durch den Schwurgerichtspräsi- den Unger, wonach gegen die Brutalität eines Polizeibeamten, der einen Unbeteiligten Niederschlage, Gegenwehr. beispielsweise durch einen wohlgezielten Revolverschuß nicht rechtswidrig sein würde. Tie Einschränkung, die Landgerichtsdirektor Unger späterhin seinen Worten geben zu müssen glaubte, ändert an deren Inhalt und Bedeutung nichts, kann auch in der vom Vorsitzenden gewählten Fassung nicht als zutreffend erachtet werden. Landgerichtsdirektor Unger erklärte in der Nachmittagssitzung: „Meine Äußerung heute morgen bei der Rechtsbelehrung bezüglich des Falles Hermann scheint mißverstanden zu sein. Ich habe nicht etwa sagen wollen, daß jeder auf exzedierende Beamte schießen darf. Ich habe nur an der Hand des Falles Hermann dartun wollen, daß, wenn ein Fall so liegt wie dieser, daß ein völlig unbeteiligter Passant ohne jedem ersichtlichen Grund von Schutzleuten mit den Säbeln niedergeschlagen wird, er sich mit den schärfsten Mitteln dagegen wehren kann, ohne sich des Widerstandes gegen die Staatsgewalt schuldig zu machen." Diese Sätze enthalten eine Auslegung des Notwehrparagraphen, die mit dessen Wortlaut nicht in Über- einstiiumnug zu bringen ist. Denn im 8 53 des Reichs- strafgesetzbuchs herßt es: „Notwehr ist diejenige Verteidigung, welche erforderlich ist, um einen gegenwärtigen, rechtswidrigen Angriff von sich oder einem anderen abzuwenden." Hiernach braucht also keineswegs, wie-der Schwurgerichtspräsiöent in seiner zweiten Ausführung sagte, der zu Unrecht von Polizei- beamten Angegriffene die alleinige Befugnis zur straflosen Gegenwehr zu haben, sondern auch „ein anderer" hatte in: Falle Hermann dieselbe Befugnis gehabt. Was der Präsident in der Vormittagssitzung ausführte, nämlich, daß „derjenige, der dieser Brutalität entgegen-- getreten wäre", keinen rechtswidrigen Angriffe begangen hätte, ist richtig und gilt nicht bloß für den Überfallenen; was er nachmittags beschränkend hinzufügte, ist unvollständig und kann angesichts des klaren Wortlauts des Notwehrparagraphen nicht aufrecht erhalten werden. Die ganze Frage ist nun freilich so heikel, daß es keinem zu empfehlen wäre sich, gestützt auf die Autorität des Berliner Schwurgerichtspräsidenten, in eine Lage zu bringen, wie sie der Präsident beispielsweise beschrieb und umschrieb. Es liegt hier nämlich ein psychologisch allerdings begreiflicher Schluß eines Betrachters vor, der den Fall von rückwärts in seinem völligen Umfangs übersehen kann, während der tatsächliche Vorgang, wenn er sich im Sinne des Herrn Unger abgespielt hätte, ein wesentlich anderes Gesicht bekommen haben würde. Angenommen, daß der Arbeiter Hermann im Besitz eines Revolvers gewesen wäre und daß er in dem Augenblick, wo em
Jede Aussicht, jedem Durchblick wehrt das üppige
Vlättcrdach, wehren die bald lehmig geblichen, bald grellweiß getünchten Mauern der Hütten der Inder, welche sich in regellosem Gewirr um die Straßen drängen.
Dichter und dichter wird diese Flut — kleine Tempel heben sich an der Straße, nun sperrt ein mächtiges Bollwerk — eine alte Festungsmauer den Weg. Doch geöffnet sind die breiten schweren Torflügel — durch das hallende Bogengewölbe tritt der Fremdling ein in die uralte Stadt Trichinopoli. Nur wenige Schritte und er bleibt wie gebannt stehen. Vor ihm breitet sich eins der wunderbarsten Bilder, — vielleicht das Bezauberndste, das ganz Indien, das Wunderland, dem Fremdling zu bieten vermag.
Vereinigt sich doch hier Natur und Kunst, um ein Werk, ein Bild zu schaffen, das nimmermehr dem Gedächtnis dessen entschwindet, der es einmal geschaut. Unmittelbar an der Straße, da, wo sie aus den Vogen des Festungs- tores hervortrltt, ist ein heiliger Weiher, dessen vier Seiten von langen Stufenreihen und Balustraden umgeben sind. Mitten aus dem Grün der regungslosen Wasserfläche ragt ein zierlicher Tempel, sein Helles Weiß und Rot konstrastiert seltsam mit dem Grün des Wasserspiegels und dem Hellen
aun der endlosen Stusenreihen.
Jenseits des Weihers einige niedere indische Häuser, :en Fassaden mit einfachen Steinmetzarbeiten geschmückt, ibinter aber — eine PhantaZnmgorie — ein ungeheuerer »last mit düster zyklopischem Mauerwerk hoch über den chern der Stadt schwebend — der Felsen von Trichmop-.r ein gewaltiger, titanenhafter Stemblock mit Kegel- liten Wänden, den eine unbekannte dämonische Gewalt 8 dem Innern der Erde emporgeschleudert.
Drobcnd schauen jene finsteren Mauern von der uner- iglichen Höhe — ist es ein Palast? — ein Tempel? - ch steiler noch wächst der Felsen empor. Er reckt sich zu
einer schlanken, rötlichen Spitze mit glatten Wänden, die kaum dem Adler Halt gewähren. Doch dort aus schwindelnd steiler Höhe gelißt und glänzt es, silberweiß, — ein kleiner, säulenumrandeter Tempel grüßt von der Spitze des heiligen Felsens von Trichinopoli — Wischnu — der allweise Gott blickt von seinem ragenden Felsenthrone hinaus über das Land seiner treuen Hindu — hinaus über das Land, das im Schatten, im Schutze des heiligen Felsens dem übermächtigen Andrang des Mohammedanismus Widerstand geleistet.
Zwei steinerne Fabelwesen halten Wache am Beginn der endlosen Stusenreihen, der endlosen, fast senkrecht ansteigenden Gänge, welche den Zugang zur Höhr des Felsens bilden. Wehe dem feindlichen Eindringling, der es versuchte, die heilige Höhe zu stürmen. Gin einziger Stem- block über die steilen Treppen hinabgeschleudert, mußte alles Lebende zerschniettern. Im scharfen Winkel krümmt sich der Weg — höher und höher geht cs empor, mächtige Ton zur Rechten und Linken. Ein Diener des Tempels öffnet emen der breiten Flügel, und weite Hallen, deren Boden nur der gläubige Hindu betreten darf, zeigen sich dem Fremdling, überall Götterfiguren, kunstvoll gearbeitete Säulen, und fern im Hintergründe glänzt und leuchtet es durch das Dämmerlicht durch das mystische Dunkel des Tempels, das goldene BWd Wischnus, der hier auf heiliger Höhe schlafend ruht.
Weit öffnet sich das Tor zi,r Rechten. Goldenes Sonnenlicht flutet herein in das Dunkel der Treppengänge, wieder zeigen sich lange, steile Stufenreihen, doch nun in die Flanken des Felsens selbst gemeißelt. Hohlwegartig scheint der Weg, dort weitet er sich zur Rechten — ein kleiner Tempel — eine Säulenhalle schwebt auf einem Vorsprung des Felsens. Fast senkrecht schaut das Auge von hier ans die Häuser der Stadt nieder.
Schmal, schwindelnd steil an den Flanken des urige-
