Einzelbild herunterladen
 

Uitsbsdemr TsgbW

J25S1 Wi>chcnttich12AusMen. ^ Gegrimdct 1852. -Ä"'

SB 8 Uhr abends.

Wöchentlich 12 Ausgaben.

L kjir beide AuSaaben- 70 Bla. monatlich, M. s vierteljLhrlich durch den Verlag

WJaeld^"^eM°sNVsiÄi,ngen nehmen äÄ-rdem entgegen: m Wiesbaden dir ZweigstkLe Bis- S?*v4Ws>q snwie 1L2 Ausaabestellen in allen Teilen der Stadt;,m BrebriÄ: die dortigen 32 Aus­gabestellen und in den benachbarten Landorten und irn Rheingan die betreffenden Tagblatt-Träger^

Anzcizen-Annahme: Für di- Abend-Au,gabe bis 12 Uhr mittags? für die Margen-AuSgabe SB 3 Uhr nachmittag?

Tagblatt-Hans" Nr. 68S0-SS. Aon 8 Uhr morgens bis 8 Uhr abend?, anher Sonntags.

Für die Ausnahme von Anzeigen an vorgeschri-bene» Tagen und Plätzen wirb leine Eiewähr übernommen.

Nr. 38.

Montag- SS. Januar LSL1.

LS. Jahrgang.

Kbenö-Kusgabe.

1. Wlatt. _

Kür ^eßructr urrö Wärtz

auf Lar

Wiesbadener Tagblatt"

zu abonnieren, findet sich Gelegenheit

f«n DerlsgTngbiatt-Kaus" Langsame 81, in der Zweigstelle Kiswavckrins 29, irr den Ausgabestelle» der Ktndt und Dochbavovts, und bei sämtlichen deutfchen Reichsv-staustatten._

fit WMMtdatte I« AdWMMftw.

Aus den Verhandlungen des Abgeordnetenhauses Mer die Interpellation Wallenborn und den Antrag Bartling auf Hebung des schwerbedrängten Weinbaus, Beihilsegewährung an unverschuldet in Notlage geratene Winzer und Bekämpfung der Rebschädlinge geben wir in Ergänzung des Drähtberichts in der Sonu- tagsansgabe die Ausführungen einiger naflauischer Abge­ordneter, des Wg. ä)r. Träger- Hagen und die zweite Rede des Landwirtschafisntinisters v. Schorlemer noch eingehender wieder. ^. ... ...

Nach der mitgeteilten Erkläruirg des Landwirt, chasts-

Ministers v. Schorlemer fährt

Abg. Wolff-Biebrich (natl.) aus: Unser Antrag ist ver­anlaßt durch die ungeheure Rot, in der sich unsere wcmbau- treibende Bevölkerung, insbesondere die kleinen Wm^r, durch die Mißernten der letzten Jahre befindet. Ich hofte, daß das Hohe Haus die Rot der Winzer wnrdrgt uns iniierm, Antrag einstimmig zustiurmt. Die Notlage des Winzerstaudes erstreckt sich aus das ganze Deutsche Reich.

Besonders aber befinden sich die Weinbauern i,n Rhein- und Maings» in vollständiger Verzweiflung, 'da> seit sün? wahren vollständige Mißernten eintraten und da» Fehljahr ILIO so groß war wie noch me zuvor, siu diesen letzten schlechten Weinjahren traten die allgemeine Verteerung aller Lebens mittel, die Steuererhöh nn gen aller, Art hinzu, und um das Unglück voll zu machen tan: für die Rherngauer Windei uock de'' Zusammenbruch der Winzer-Wemverkauf^geno-äen- schcht in Eltville, ein Ereignis der empörendsten Art indem man den leichtgläubigen Mmen Wmzer zur Gründung von Genossenschaften mit imb-icyranUer Hast- Pflicht verleitete. Nun ist das vielversprechende Unter­nehmen schmählich verkracht und die kleinen armen Wrnzer sollen 225000 M. ausbringen. Die Not ist so groß, daß der Büraermeister von Eltville die Lustbarkeiten nur noch in ganz beschränktem Umfang gestattet. Eine ähnliche Ver­fügung hat das Landratsamt in Rudesherm erlaffen, Interesse des Staates liegt es, den ohne eigenes Ver­schulden in Not geratenen Winzern mit Staatshils. b.ifti

Der Winzerstand ist erschöpft, er hat nicht mehr die finanzielle Kraft, um sich selbst Helsen zu können. Er braucht einen Wohltäter, der ihm in fein« verzweifelten Not billiges Geld für viele ^chre zinslos und teilweise auch als bare, Nicht rückzahlbar. Unüi- stüLilna hergibt, damit er den sehr kostspieligen Kamps gAn die Aädlinge, insbesondere den Heu- und Sauer­wurm. ausnehmen kann. Der durch den Sauerwurm ent­standene Schaden beträgt im Rhein- und Ma.agau jahr- ch I bis 3 Millionen Mark. Daß die Bekampsung dieser Schädlinge möglich ist. darüber besteht eure förmliche Sveftalliteratur, die dies bestätigt. Einen geradezu glan­zenden Erfolg auf diesem Gebiet hat die Verwaltung der preußischen Rheingüter im R h e in gau erzielt; sie sr'-initwi unter der sachgemäßen Leitung des Geheimrats Ereb aus Wiesbaden schon seit 10 Jahren die Bekämp- -nna des Heu- ttnb- Sauerwurms und soll im Verlauf der legten Fahre dem Staate einen Nutzen von ungefähr einer bAben ^Million Mar? cingebrach: haben. Dem Geheimrat in-eg sowie all den fleißigen Leuten, die dabei nuigewlrkt babm ' gebührt hierfür der aufrichtigste Dank. Auch tu MeVe-r gahr soll die Königliche Domäne nach Zeitungs- berkchtm wieder staunenerregend- Weinerträge er- rielt haben während man sonst im Rheingau nur ein aef,«M sa' sogar nur ein Zwanzigstel einer vollen Ernte

erzielt 'bat Einzelne Winzer sollen überhaupt keine Trauben mehr erhalten haben (Hört! Hört!) Der Erfolg ans den Königlichen Domamalgutern Ware nacy der Be­hauptung" von" Sachverständigen noch günstiger ausgcMen,

-re Ncbenlieger an dem Kamps be- teiXicct hätten was leider aus Mißtrauen gegen das Ver-

"tan und -u- «MM «*« »»«

Mangel an Mitteln nicht geschehen ist. Da es sich » Millionenwerte handelt, die gerettet werden, können, so muß mit oller Energie und mit bedeutenden Mitteln emgegrifftn w" den 4u aebört aber eine wohldurchdachte Orgam- ^ und wie zu jeder Arbeit, Geld. Der notleidende Winzerstand kann dieses Geld n'.cht aufbringen, deshalb

bitte ich das Hohe Haus, unserm Antrag zuzustimmen. Die Staatsreqierung ersuche ich, alsbald die geeigneten Schritte einzuleiten, damit recht bald, womöglich noch vor Ende dieses Monats, das Erforderliche veranlaßt wird, danrit unsere Winzer in diesem Jahre nicht wieder eine Fe hl ernte haben. Schließlich bittet der Redner den Landwirtschaftsminister,

ein Gesuch der weinbautreibenden Bevölkerung von Hochheim

zu berücksichtigen, die uni eine Beihilfe aus dem Dis­positionsfonds ersucht. Da es im Plenum nicht angeht, alle Einzelheiten zu bespreche», bitte ich um 1rberwei,ung unseres Antrags an eine Kommission von 21 Mit­gliedern, die dann boffentlrch rasch arbeiten wird. Denn wenn noch eine Schädlingsbekämpsung durchgeführt werden soll, dann muß die Anordnung dazu

noch im Lause dieses Monats

getroffen werden, weil bekanntlich die Arbeiten in den Weinbergen an Maria Lichtmeß, beginnen , und die Arbeiten zur Bekänchfung der Schädlinge gleichzeitig vorgenommen werden müssen. (Zustlmmnng im ganzen

^Rach dem Abg. Förster (sreikons.) spricht dann

Abg. v. Heimburg (kons.): Wir nehmen denselben Standpunkt in dieser Frage ein, den im Reichstag mein Parteifreund Or. Roestcke dargelegt hat. Er hat damals beantragt, im Etat des Mmisteriuws des Innern Äie Mittel zur Bekämpftrng der Schädlinge von 30 000 aus 500000 M. zu erhöhen. Wir stehen ganz auf dem Boden der Antragsteller. Auch wir wollen den Winzerstand mit allen Mitteln erhalten. Ich hoffe, daß die Kommission, an die wir de» Antrag verweisen werden, rasch arbeitet, da­mit noch am Dienstag oder Mittwoch nächster Woche di- Sache im Plenum endgültig verabschiedet werden kann.

Die Bekämpfung des Heu- und Sauerwurms must einheitlich erfolgen, so daß nicht der eine oder der andere sich ausschlresten kann.

Die 45Q000 die der Finanzminister zur Verfügung ge stellt hat, werden nicht aus reichen. Sollten nicht alle Winzer 'gemeinsam Vorgehen wollen, so müssen wir mit Zwangs rn a ß r e gel n Vorgehen. Eine Handhabe

dazu gibt eine einfache Polizeiverfügung, die die Orts- polizeibehörde erlassen kann. Freilich gibt es, noch kein Mittel gegen die Schädlinge, das unbedingt sicher wirkt, aber cs gibt so viele Mittel, mit denen man weiter kommen Lann, daß das kein Grund sein kann, nicht mit einer Poli­zeilichen Verfügung vorzugchen. Es sind bereits Unter­suchungen augestellt worden, um ein wirksames Mittel zu finden, und wenn sich die ganze Bevölkerung daran be- teiliat, wird ein Mittel gesunden werden. Ein Tunchev meister in der Nähe von Wiesbaden glaubt ein gutes Mittel gefunden zu haben, das man wohl noch erproben muß.

Jedenfalls must noch in diesem Nlonat etwas geschehen, sonst ist die diesjährige Ernte nicht mehr zu retten. .

Die Verhältnisse sind so trostlos, daß sie gar nicht schlimmer gedacht werden können. Die Winzer vermögen die Kosten des Lebensunterhaltes kaum noch zu bestreiten, Auch zur Unterstützung der, Winzer müssen erhebliche Mittel aufgebracht werden. Es ist so weit gekommen, daß die Winzer ihren Hypothekargläubigern ange- boten haben, sie sollten ihre Grundstücke nehmen. Die Gläubiger tun das aber nicht, denn augenblicklich ist der Wert so gesunken, daß sie nichts hcrausbe- koinmen würden. Wird nicht gsholsen, dann werden schon unsere Kinder oder unsere Enkel, wenn sie am Rhein entlangsabren iind nur öde Gegenden finden, sagen: Allein Großvater hat mir erzählt, da sei früher mal Wein ge­wachsen. Und die Urenkel werden dann zum Vater sagen: Wein? Was ist das cigeutlichsür ein Getränk? Davon haben früher mal die Leute gesprochen. (Sehr gilt! und Heiter keit.)

Aber wenn geholfen wird, daun wird cs anders werden, dann wird der 1911er ein , würdiger Nachkomme seines hundertjährigen Vorfahren werden.

-vir Leute werden in der weiuumrankteu Laube sitzen und ihren schönen 1911 er mit freudigem Gesicht und mit froher Hoffnung trinken. Das ist der Wunsch, den ich ausspreche. Wir werden alles bewilligen, was von uns verlangt wird. Die Verantwortung wird lediglich eine nichtbewilligende Staatsregierung tragen. _ _

Abg. T>r. Crüger-Hagen (Fortschr. Vpt.): Die Er­

klärung, die Wir heute vom Minister gehört haben, geht erheblich weiter, als die Erklärungen früherer Minister rn ähnlichen Fällen. Aber

trotzdem entspricht das. was die Staatsreg,-rung m Aussicht stellt, noch lange nicht scm außergewöhnl Äen großen Rotstand, der bei unseren Leutzern tatsächlich besteht.

(Sehr richtigI links.) .Wenn nur bescheidene Mittel äuge-

meiudcn befinden sich in dem gleichen ill o t st an d wie ihre Bürger. Wäre die Staatsregierung im Jahre 1905 energisch eingeschritten, so hätte der R'ttstand n ich t d:e

wendet werLn, dann ist Geld einfach zum Fenster hin ausgeworsen. (Sehr richtig! links.) Entweder die .-.ceoc

runa moL ganze Arbeit, oder sie verrichtet überhaupt keine Arbeit Die Heranziehuns der G emembcn itt'.t einem Drittel zu den Unkosten ist undurchführbar, denn die Ge-

Dimensionen angenommen, wre tatjachlrch der Fall,

(Sehr richtig! links.) Man hat bloß einen Sachverstan- dlF-n nach Geisenheim zur Erforschung des Wurins ge­schickt ihm aber so viel Nebenarbeiten aufgeburdet, daß ihn: für die Hauptarbeit gar keine Zeit übrig blieb. Und gerade jetzt, während wir über den Atotsrand sprechen, hat man den Betreffenden Zur Durchführung anderer Arbeiten in die Reichslande geschickt. (Hört! Hört! ltMs.) Nur durch Zusammenfassung aller Beteiligten kann unserer Meinung nach etwas erreicht werden. Nach meinen In­formationen ist die Mutlosigkeit in den beteiligten Kreisen bereits eine derartige, daß nicht auf eine Verständigung innerhalb dieser Kreise gerechnet werden kann, wenn nicht von obenher «ine sehr energische Anregung gegeben wird.

Es wundert mich, daß der Minister heute noch die Behauptung aufstellt, es müßte erst das Vorhandensein der Notlage geprüft und nachgewiesm werden.

Das Material ist bereits vorhanden und die Staatsregie­rung könnte sofort an die Arbeit gehen. Zweifellos bilden die Schädlinge nicht allein den Grund der Notlage, die schlechten Ernten sind auch ans andere Dinge zurückzu- sühren. Aber darüber sind alle Sachverständigen einig, daß die gesamten Verhältnisse sich nicht so trostlos ent­wickelt hätten, wenn rechtzeitig gegen die Schäocurge vor- gegangen wäre. Der Notstand beschränkt sich nicht aus die Winzer, sondern eine ganze Reihe anderer Berufe ist mitgetrossen. Um die richtigen Mittel ausfindig zu machen, ist vor «Ken Dina".c eine Erforschung der Ursachen der Schädlinge notwendig. Ich hübe es eigentlich in den Aus­führungen des Ministers vermißt, daß er sich gerade mit der Forderung der Winzer beschäftigt hat.

Bon der Stadt Rüdesheim

ist mir mit einem Bericht Material zur Verfügung gestellt worden das ich dem Minister zu überweisen bereit bin. Es geht daraus hervor, wie weit man in diesen Kreism schon in die Erforschung der heutigen Lage des Notstandes cin- getveten ist. Es ist ein Verdienst des Landrats des Kreises, des Landrats Wagner. Sie sehen,

wir aus der Linken sind objektiv.

Wo ein L andr at zu loben ist, sind wir gern dazu bereit, und ich freue mich, hervorheben zu dmrfeu, daß dem Land- rat Wagner ein großes Verdienst zuzusprechen ist. Gerade gegen -diesen Landrat sind vor 2 Jahren vorn Z e u - t r u m schwere Angriffe gerichtet worden. _ Die Vorwürfe gegen ihn sind aber in nichts zerfallen. Die Untersuchun­gen, von denen ich spreche, erstrecken sich auf 30 Jahre. Daraus ergibt sich, daß die letzten 20 Jahre die schlimmsten sind. Der Ertrag im Bezirk Rüdesheim belief sich von 1890 bis 1900 aus 700000 All. Von 1900 bis 1909 war der Fehlbetrag 745600 M. und im Jahre 1916 allein 281000 Mark Also nicht nur keine Erträge, sondern Fehlbeträge iu so außerordentlicher Höhe. In deni Bericht heißt es unter artberem: Die vorhanden gewesenen Kapitalien sind ausgszchrt, der Verdienst aus gewinnbringender Beschäf­tigung ist in die Weinberge geflossen und es sind Schulden gemacht, so daß jetzt der Real- und Personallredit völlig erschöpft ist. Der Verkauf von Ländereien,^ namentlich aber von Weinbergen, ist zur Unmöglichkeit geworden, da der Bevölkerung die Mittel fehle,: und weil niemand mehr ein so schlechte Ergcbmsic lieferndes Gelände, wie Wein­berge, will. Die Folge davon ist, daß abgehaltene Guter- versteigernngen ohne Angebote verlaufen.

Ein trostloseres Bild kann tatsächlich nicht entworfen werden.

Der Bericht erklärt dann, cs müssen, wenn man den Wein­bau nicht als den! Untergang geweiht betrachten will, rn c'-sier Linie Mittel für die Bebauung der Weinberge und die Bekämpfung der Schädlinge bereitgcstellt werden. Das kann aber nicht durch die Gemeinden ge,chehen; hier mutz der Staat eingreifen. Sie sehen also, daß Nachprüfungen nicht mehr notwendig sind, sondern daß man sch l c u n l g ft handeln muß und die außerordentlich w ch- ciaen Wintermonate nicht vorubergehen lassin i.«n,. S-hr rMig! links.) Auch hier ist ja eine Fülle von Materi"l beigebracht worden, das aus unbedingt zuvor- lässigen Quellen fließt und das ich noch vervollkommen könnte. Ick könnte Nachweisen, da» in den Weinbergen, z. B. in Aßnmnnshauscn, die Rute noch vor wenigen Jahren 116 M. brachte, die heute mit 25 M. im Preise stehen,

/Hört' Hört! linls.), also ein Notstand der aller- schlimmsten Art. Wir stehen sicherlich nicht im Ver­dacht allzu voreilig nach Staatshilfe zu rufen, aber hier ist allerdings die Selbsthilfe b i s z u m l e tz t c n T r o p f e n erschöpft, hier nmtz an den Staat appelliert werden. Mit solchen kleinen Summen, die der Minister wie beute vorgetraaen hat, kann diesem Notstand aus die Dauer nicht abgeholfen werde». Ich wiederhole es: Halbe Arbeit iss in diesem Fall überhaupt keine Arbeit. (Lebhafter Bei­fall links.) (Schluß folgt.)