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Nr. 37.

Sonntag, 22 . Januar 1911.

59. Jahrgang.

Morgen - Ausgabe.

1. Wkcrti.

König Fandrat.

Man muß sich es geht nicht anders immer an das halten, was unter voller amtlicher Verantwort­lichkeit gesagt wird; man hat nicht das Recht dazu, die Minister auf Herz und Nieren zu prüfen und sie zu fragen, wie sie als Privatmenschen über den Geist den­ken, von dem ihr Beamtentum beherrscht ist, und ob sie (da ihnen der Geist allerdings gefallen mag) wirklich bereit sind, jedes einzelne Vorkommnis, jede bewußte oder unbewußte Gesetzesverletzung, jeden agitatosischen Mißgriff zu decken. Würde man so naiv sein, sie hier­nach zu fragen, unter vier Augen natürlich, so, bifchrw man zweifellos eine Antwort, deren Übereinstunnung mit den offiziellen Erklärungen doch nicht hindern würde, an der Richtigkeit der Antwort ernstlich Zu zweifeln. Es gibt Tinge, die förmlich zum Hrmi-el schreien, und von denen einfach nicht geglaubt werdu kann, daß sie Männern gefallen könnten, die, wie te auch parteipolitisch gesinnt sein mögen, schon durch rhr Stellung an der Spitze der Staatsgeschäfte zu einen Gefühl höherer moralischer Verantwortlrchkert gelan­gen müssen. Wir sind fest überzeugt davon, daß vieles, was in der zweitägigen Tebatte des Abgeordneten­hauses über die Landräte zur Sprache gebracht worden ist auch den Ministern ein erhebliches Unbe­hagen bereitet hat. Es kann nicht anders sein, da wir es doch, wie gesagt, mit Männern zu tun haben, die, obwohl sie mit dem konservativen Strome schwimmen, doch als Fanatiker des ostelbischen Agrar­konservativismus tatsächlich wohl nicht cmge- sp,rochen werden können. Tie heutigen Minister sind anders, als es etwa Herr v. Puttkamer war, der, wenn er die Macht dazu gehabt hätte, aus ben Landräten am liebsten ein Gegenstück zu den französischen Präsekten gemacht haben würde, willenlose Agenten des lewer- l % n 0 n RegjerungAviÜens. SSot diesem leisten Unglück sind wir ja nock bewahrt geblieben, aber wie manches übel auch sein Gutes haben kann, so wäre auch in diesem Falle immerhin ein Ausgleich denkbar gewesen. Puttkamersche Wahlagenten würden auf Geheiß von oben her ihren Eifer zu zügeln verstanden haben, und eine Staatsregierung, die ehrlich um Unpar­teilichkeit bemüht gewesen wäre, hätte in^ ihnen ebenso brauchbare Stützen gefunden wie eine Staats­regierung, die es auf die schärfste Zuspitzung des politi­schen Kampfes abgesehen haben würde. Heute steht es nun aber so, daß die Landräte, insofern sie konservative Eiferer sind (nicht alle, aber die meisten sind es), die

Feuilleton.

(Nachdruck Verboken.)

Oer Birnbaum.

Von Hugo Lerch.

Der breitästige, einsame, von hohen, unfreundlichen Kauern umschlossene Birnbaum bildete schon seit angem das Gespräch der Leute aus dem Hinterhöfe; ,enn tvelch göttliches Wunder! als es Frühling ge- vorden war, die Spatzen auf den schwarzen Tüchern rach langem winterlichen Schweigen wieder einmal ustig pfiffen und die jungen Mädchen ihre gewaschenen ommerlichen Strohhüte zum Trocknen aus dem Fenster zehänat hatten, da hatte der Birnbaum geblüht-, ganz wll hatte er sein knorriges, sonst pechschwarzes Geäst nit dein marenlichen Blütenschnee beladen, und an red- nedesn Morgen, wenn die erste Röte des Himmels leiie Der die Dächer schwebte, sich auf die Sohle des Hofes sinabsenkte und bis in die breiten, blanken Pfützen zuckte, staunten die zur Arbeit ausziehenden Tagelöhner )en Birnbaum an und beneideten im stillen den glücklichen Besitzer, einen alten, armen, alleinstehenden Lumpenhändler, um diesen Baum. . ,. ,

Als der alte Jsedom sah, was der Baum m diesem Fahre'fertig bringen wollte, bot er all seine botanischen and gärtnerischen Kniffe auf, um dem Baum sein löb­liches Vorhaben unter den gegebenen elendlrcheu Ver­hältnissen zu erleichtern, ihm nach Menschenart und -rat zur Hilfe zu kommen. Wenn Jsedom fern schweres Tagewerk vollendet hatte, der Hund" müde und faul in der Hinterkammer krächzte oder langausgestreck: unter dem breiten Tische lag, die weichen Filzpan­toffeln des Alten als Kopfkissen benutzend, und seiner dumpfen, tierischen Unzufriedenheit durch knurrende Töne Ausdruck verlieh, studierte der Mann rn botani- jchen Werken, die ihm durch fernen Handel mit altem

Politik machen, die ihnen als Mitgliedern der Rechten am Herzen liegt, daß sie sie auf eigene F a u st und nicht auf Geheiß der Staatsregierung machen, und daß sie sie auch dann machen würden, wenn die Staats­regierung wollte, daß sie sich, rnäßigen. Wir sagen nicht und können leider nicht sagen, daß ihnen der Wunsch nach Mäßigung ausgesprochen worden ist, aber die be­stimmte Empfindung bleibt bestehen, daß entsprechende Ermahnungen auch nichts nützen würden. So treibt gewissermaßen ein Keil den anderen. Gerade weil die Landräte, gestützt auf die Überlieferungen einer starken Kaste und einer immer noch mächtigen Partei, ein poli­tisches Eigenleben führen, und ihrerseits eine Macht darstellen, mit der wirklich nicht zu spaßen ist, gerade darum müßte eine Regierung, die den Schaden eines aufreizendenAgitatorentumsiubureau- kratisch en Gewände ausmerzen möchte, eine Kraft aufbieten, die den gegenwärtigen Ministern auch dann nicht zuzutrauen wäre, wenn wir den entsprechenden Willen bei ihnen voraussetzen woll­ten. Man kann es auch so ausdrücken: der Wille wagt sich gar nicht erst hervor, weil er vorweg weiß, daß er sich nicht mit der erforderlichen Kraft ausrüsten kann. Ter Landrat ist stärker als die Regierung, das fühlt man, das sieht man, das läßt sich in hundert Fällen mit Händen greifen. Auf diese Weise kommt aber ein Eindruck zustande, bei dem die Staatsautorität in dem­selben Maße leidet, in dem behauptet wird, daß sie ge­fördert werde. Die Landräte sind ja nur die Ex­ponenten^ des konservativen Parteiwillens. Sie sind sich:Wahlagenten" der Regierung, denn sonst könnten \i gelegentlich auch anders, sondern, sie bemühen sich fr die konservative P ar t e i. Sie empfangen cn letzten Ende nicht ihre Direktiven von der Regie- rug. sondern sie ihrerseits geben der Regierung Diixtiven. Wenn noch etwas fehlte, um dies Verhält­nis unerfreulich bis zum Häßlichen zu machen, so war es uh ist es die Wahrnehmung, die uns jetzt, freilich erwar.termaßen, zuteil geworden ift, daß sich die Macht der Resten nunmehr auch auf die lebhafte Billigung durch d- Z e n tr u m stützen kann, wofür die bemer- kenswert Rede des Abgeordneten Bell in der Frei- tagssitzun des Abgeordnetenhauses ein nützliches Zeugnis cgegte. Man kann zugeben, daß Herrn von Bethmann-iollweg persönlich die Freundschaft des Zentrums icht sympathischer geworden ist, aber was soll er mach^? Was soll eine schwache Regierung machen, die, i«! sie selber keine Parole ausgeben kann, solche vo, schwarzblauen Block entgegenzunehmen genötigt ist? letzt also bekoinmt der konservative Landrat noch en ausdrückliches Vertrauensvotum vom Zentrum, und d^ Unglück ist fertig. König Landrat ' steht in ungebrochrer Kraft da.

Papier auf leichte in die Hände gefallen waren. Und überall, wo er e^as über die Pflege der Birn­bäume in Erfahrung Ungen kmnte, wo er jemand fand, der ihm in breite Worten einen Auszug aus seinem landwirtschaftlich^ Wj/sensschatz gab, ließ er sich gern belehren, so skepsitz, ungläubisch und recht­haberisch er sich auch sonstMgte. Für seinen knospen­den Birnbaum tat er alle:,ha scheute er keine Mühe

Ulld keine Opfer.

Standen an Nachmittage mitunter ein paar An­wohner des Hofes vor seinenFenster, so schlüpfte Jse- doni hinaus, horchend, was an sich wohl erzählen würde, ob die Blicke, die manen Himmel warf, seinem Birnbaum galten. Früher hm er sich um den Tratsch der Nachbarleute nie gequält, mit Verachtung diesem Treiben zugesehen; aber seitde der Birnbaum blühte, alle Augen aus sich lenkte, in ller Leute Mund war, war es ihm sehr interessant, etas von den Gesprächen der Nachbarn zu erfahren. Etzörte wohl, wie man, mit dem Finger in die Höhe ze>nd, davon redete, das; die Zweige nach der Sonnenseithpsier besetzt seien als nach der Abendserte, daß der 33% eigentlich ein alter, armer Krüppel sei und noch nieMüht habe, und daß er. wenn er wirklich all die Pcht überleben, wenn, wie es ja Vorkommen soll, jede Tte eine Frucht zeiti­gen würde, gestützt werden müs) Und im nächsten Jahr so weissagten die ganz ^gen mit erhobenen Änaenbrauen werde er den wohl nicht wieder sprießen' er wird sich ..totblühen",

O, der lauschende Jsedom vor'er Tür hätte diese Leute' die so von seinem Baum rsten, zürn Teufel wünschen mögen, dahin, woher essin Wiederkommen rsibt' Wenn die wüßten, wie er di^ alten, von icitcn sonst stets verachteten Baum tzte schon durch all die dunklen Jahre, wie sich semTugen sattgeiehen hatten an dem.lichtgrünen, samtleuMen Frühlings- ffeibe, mit dem ihn der Baum i%cnt Jahre von neuem beglückte, von sreuein seine!ffaurigen Leben

Deutsches Deich.

* Hof- und Personal-Rachrichten. Prinz Christian zu Schleswig-Holstein, der im Jahre 1831 in Augustenburg geboren wurde, feiert am 22. Januar seinen 80. Geburtstag in Cumberland Lodge bei Windsor. Der Prinz, der preußischer General der Kavallerie a la suite des 3. Garde- ulanen-Regiments ist, erfreut sich voller Rüstigkeit und reitet trotz seines bohen Alters alle Jagden in England mit. Er ist ein Onkel der deutschen Kaiserin und gleichzeitig des Königs Georg von England.

Kommerzienrat Hugo du R o i zu Braunschweig, Begründer der Zigarrenfabrik du Rot u. Ko. und Präsident des Allgemeinen deutschen Geslügelzüchterklubs, ist im 72. Lebensjahre an einem Schlaganfall gestorben. Der Verstorbene war bis zu seinem Tode Mitglied des Vorstandes der Deutschen Tabaks-Berufs­genossenschaft und bekleidete viele Ehrenämter.

= Zur Verschärfung der Beleidigungsparagraphen. Von den Abgeordneten vr. Müller-Meiningen, Haußmann und Träger ist für die dritte Beratung der Strafgesetzbuch- Novelle der Antrag gestellt worden, 1. die Erhöhung der Straffätze in den Beleidigun gsparagraphen wieder zu streichen und 2. den § 193 (Wahrung berechtigter Inter­essen) dahin Zu erweitern, daß auch Äußerungen, die zur Wahrnehmung öffentlicher Interessen auf politischem oder religiösem Gebiet gemacht werden, sowie wahrheitsgetreue Berichte über öffentliche Gerichtsverhandlungen, an deren Wiedergabe der Mitteilende ein berechtigtes Interesse hat, und ähnliche Fälle nur insofern strafbar seien, als das Vorhandensein einer Beleidigung aus der Form der Äußerung usw. hervorgeht. Im Fall der Mehnung dieses sehr wünschenswerten Antrages verlangen die genannten Herren einen Zusatz zum § 193, wonach eine Beleidigung straffrei sein soll, wenn sie im öffentlichen Interesse erfolgt und der Täter bei sorgfältiger Prüfung der Tatsachen hin­reichenden Grund hatte, sie für wahr zu halten. Diese Anregungen würden eine effreuliche und notwendige Ab­änderung, restz. Ergänzung des § 193 sein.

X Gesetzentwurf über Einwirkung der Armenunter­stützung auf öffentliche Rechte. Wie uns mitgeteilt wird, ist bei der zuständigen preußischen Ministerialbehörde ein Ge­setzentwurf in Vorbereitung, der sich auf die Regelung der Einwirkung der Armenunterstützung auf öffentliche Rechte bezieht. Die Arbeiten au dem Entwurf, der eine verhält­nismäßig schwierige Materie umsaßt, sind aber noch nicht so weit gediehen, daß an die Einbringung einer ent­sprechenden Vorlage während dieser Session des Landtags gedacht werden kann. Bekanntlich sind dir Grundsätze, die für das Reich maßgebend sind, im Jahre 1909 gesetzlich festgelegt worden. Eine Übernahme dieser Bestimmungen auf die Landesgefetzgebung der Buudesstaaten ist aber aus­geschlossen, da die Frage mit den wahlrechtlichen Verhält­nissen in engem Zusammenhang steht.

-f- Neue statistische Erhebungen über das niedere Schulwesen. Wie uns mitgeteilt wird, stehen demnächst neue statistische Erhebungen über das niedere Schulwesen in Preußen bevor, die im Anschluß an die stattgehabte Volkszählung erfolgen sollen. Nachdem im Jahre 1906

ein wenig Glanz und Farbe verlieh. Und nun gar. als wenn ein überirdischer Segen über sein graues, kummervoll gebeugtes Haupt ausgegossen werden sollte, schmückte sich sein Liebling in diesem Jahre statt mit einem griinen mit einem weißen Kleide: wie ein

junger, vielumworbener Prinz stand der Baum in­mitten des altersgrauen Gemäuers des Hofes da.

Tamit die Leute sehen konnten, wie sehr ihm um die Erhaltung und Pflege seines Schützlings zu tun war, schlich er, seinen Lauscherposten ungern verlassend, in die Wohnung, füllte umständlich und mit den Ge­parden des Alters einen Wassereimer und klapperte dann aufgeregt hinaus, um den Inhalt an dem knorrigen Stamm des Baumes auszuschütten. Dann kehrte er, ohne auf die dreisten, nichtswürdigen, den Spott herausfordernden Redensarten der Nachbarn zu antworten oder den melancholisch aus den Brustkorb herabgesenkten, grauen Kopf zu erheben, in seine stille Wohnung zurück, während die Kinder sich schleunigst um die entstandene Pfütze scharten und kleine, selbst- vesfertigte Papierschiffchen auf dem blanken, stillen Spiegel fahren ließen. Auch war im engeren Umkreise der ganze Boden von dem herabgefallenen Blütenschnee bedeckt, ein Naturspiel, das snan in diesem fast von der äußeren Welt abgeschlossenen Hose gar nicht kannte, und tvie ein liebliches Wunder anstaunte. Keiner batte, so lange das Weiße der Blüten den Boden schmückte, gewagt, den Hof 3 » kehren. Wenn ein leiser; weicher Windstoß kam, so taumelten immer snetjr Blättchen herab, und die Kinder, als sie nur kurze Zeit unter den ausgebreiteten Zweigen gespielt hatten, ivaren bedeckt voll dem weißen, lieblichen, losen Ge- slinimer herabgefallener Birnenblüten.

Argwöhnisch und gedankenvoll schlich der Alte von dein euren Fenster an das andere, blickte mit stumpfer Gier hinaus, sah die Kinder ungern spielen sind die Nachbarn ungern plaudern. Es war ihm, als inindere jedes Wort, das über den Baum gesprochen wurde,