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Nr. 35.

Samstags 21 . Januar 1911

5S. Jahr gang.

Morgen ■ Ausgabe.

_ 1 . Mtatt. _

Das moderne Japan das Produkt englischen Kapitals.

0. London, 9. Januar.

Eines Tages fischte Sinbad eine dicht verkorkte Flasche auü dem Meer. Unvorsichtigerweise öffnete er sie, und sofort entstieg ihr ein böser Geist, der ihn zu tören drohte. Glücklicherweise verstand es der schlaue Sinbad, sehr schnell wieder des Geistes Herr zu wer- den. Seitdem haben auch andere solche Geisterflaschen geslschr, jedoch trübe Erfahrungen mit ihnen gemächr. John Bull z B. entdeckte eine s. Z- int Großen Ozean, nnd der Geist darin dehnte und streckte sich mächtig, um sich frei zu machen. Da eilte ihm John Bull zu Hilfe, weil rhm auch einmal einfiel, der Geist des Mikadoreiches, um den es sich nämlich handelte, könnte ihm vielleicht den russischen Bären voni Halse halten. Heute bereut John sein unbesonnenes Vorgehen gar bitter, und sähe den Geist gern wieder in der Flasche. Dazu ist es aber zu spät, und er kann ihn nicht wieder los iverden. Die japanische Staatsschuld besteht aus ungefähr 200 000 006 Pfund -Sterling (4000000 000 Mark)/ Etwa die Hälfte derselben wurde in England ausgenommen, und der Rest wird vornehmlich durch innere Anleihen gebildet, indes in anderen Ländern nur ein verhältnismäßig kleiner Teil untergebracht ist. Japan hat also vornehmlich mit englischem Geld seinen .Krieg mit Rußland finanziert, das es ihm außerdem er­möglichte, aus dem Gebiet der Industrie, des Handels und der Schiffahrt Fortschritte zu machen, die das Er- sraunen der ganzen Welt erregt haben. Unter anderem diente es dazu, Lampfschifsahrtsgesellschafteü zü subsi- dieren, damit sie englischen Konkurrenten, wie der japanisch-transpacrfischen Linien, sowie denjenigen zwischen Japan, Britisch-Jndien nnd Australien den Garaus machen, oder ihnen wenigstens den Rang ab­laufen konnten. Mit englischem Kapital hat sich Japan aus dein Gebiet der Stahl- und Eisenindustrie und dein Schiffsbau völlig unabhängig gemacht nnd besitzt heute stattliche Stahl- nnd Eisenwerke sowie Schiffswerften, die allen modernen Anforderungen zu genügen ver­mögen. Biele haben hier seinerzeit verwundert dre Köpfe geschüttelt, als sie vernahmen, daß England ein Schutz- und Trutzbündnis mit Japan, einem seiner ge­fährlichsten kommerziellen Rivalen, schloß, ohne^ ge­wisse kommerzielle Vorrechte für sich zu sichern. Jene

Leute hatten kaum mit dem Kopsschütteln ausgehört, da trat auch schon in 1006 der neue japanische Zolltarif in Kraft, durch den das Mikadoreich der Welt gewisser­maßen seine industrielle Unabhängigkeit dartat. Ta auf England aber 70 bis 80 Proz. des ganzen Einsuhr- geschästes Japans entfallen, so wurde es durch die neuen Zollschranken natürlich ungleich schwerer be­troffen als alle anderen Länder. Inzwischen leisteten sich die Japaner aber das Extravaganteste in bezug aus neue Einfuhrzölle, was man sich denken kann. Staaten, die mit Hilfe ihrer eigenen Zolltarife Wiedervergeltung zu üben vermochten, räumten sie gewisse Vorrechte bezw. Vergünstigungen ein, wozu aber im Falle Eng­lands mit seinem Freihandel, wie der japanische Fi- nanzminister unlängst erklärte, keine Veranlassung vor­lag/ Es war das Wasser auf die Mühle der englischen Schutzzöllner, aber ihre Hoffnung, dadurch Anhänger, namentlich in den Kreisen der geschädigten In­dustriellen, zu finden, blieb offenbar unerfiillt. Vor einigen Wochen wurde eine Abordnung der letzteren von! Minister des Äußeren empfangen, die denselben dakür gewann, energische Vorstellungen in Tokio zu machen, doch fand die Tarisresorm unter den Abgeord­neten bei dieser Gelegenheit auch nicht einen einzigen Fürsprecher. Als Japan nun vor wenigen Tagen mit einer neuen Anleihe, und zwar für seine Südmandschuri­sche Eisenbahn, auf dem hiesigen Geldmarkt erschien, da erhoben nicht nur Industrielle, sondern auch Finanz- leute aufs neue ihre Stimmen und stellten an das englische Kapitalistenpublikum das Ansinnen, sich ab- lebnend zu verhalten, um den Japanern zu zeigen, daß sie sich durch ihr Vorgehen ihre hauptsächlichste Geld­quelle selbst verschlossen haben. Die Zeit für diesen Appell war jedoch zu kurz, um das nach günstigen An­lagegelegenheiten suchende Publikum zu beeinflussen, und die Anleihe erzielte einen durchschlagenden Erfolg. Diesen hatten die Japaner übrigens zum großen Teil ibrem Scharfsinn zu verdanken. Als Anfang November Gerüchte von jener Anleihe sprachen, wurden sie von dem hiesigen japanischen Finanzminister als grundlos bezeichnet, io daß ihre schließliche Ankündigung ganz unverhofft kam. Wenige Tage zuvor hatte dre japani­sche Regierung bekannt geniacht, sie würde im gegen- wärtigei! Jahr mit der Tilgung der äußeren Schuld beginnen, und schon seit einigen Wochen waren japanische Staatspapiere an der hiesigen Börse zu recht auffallender Weise gestiegen. Besonders günstig aber war der für die Emission gewählte Zeitpunkt, denn die mexikanische Regierung löste am 1, Januar für zehn Millionen Pfund Sterling ihrer Bonds ein, und ein aroßer Teil dieses Betrages suchte hier neue Anlage.

Es heißt allerdings, Japan wollte den. Engländern trt der Zolltarifangelegenheit nun doch noch entgegen* kommen, aber nach dem Erfolg der bewußten Anleihe wird es sich die Sache vielleicht doch noch anders über­legen.

UoLMsche Übersicht.

Die lex Kamberger

stand in den letzten Jahren zeitweise in Presse und Parlament sehr lebhaft zur Erörterung. Der Aschers- lebener Justizrat hatte, wie noch einmal erwähnt se:, den Vorschlag gemacht, daß Nachlässe, über die kern Testainent vorhanden und für die nur entferntere Ver­wandte in Frage kämen, dem Staat und der Gemeinde anheimfallen sollten. Er ging dabei von der sehr rich­tigen Voraussetzung aus, daß der Staat oder die Ge­meinde, der der Erblasser angehörte, diesem gewiß näher lägen, als entfernte Verwandte, die ihrn so gleichgültig, daß er ihrethalben kein besonderes Testa­ment gemacht habe. Bamberger meint, die Institution der lachenden Erben hätte keine Existenzberechti­gung mehr im modernen Rechtsstaat. Er rechnete aus, daß von den durchschnittlich 5700 Millionen, die m Preußen jährlich hinterlassen würden, etwa 500 Millio­nen, also eine halbe Milliarde^ dem Staat oder der Gemeinde anheimsielen, eine Summe, • die bei der chronischen Geldnot einen wahren Segensstrom bedeu­tet, zumal wenn sie, nach der Absicht des „Vaters des Gedankens" nicht zu miltärischen, sondern zu kul­turellen und Wohlfahrtszwecken verwendet werden scllte. Diese Gesetzesvorlage fand viele Freunde, aber leider wurde sie am 3. November 1908 im Parlament, wo sie der freikonservative Frhr. v. Gamp eingebrachr hatte, mit einer nicht großen Mehrheit abgelehnt. Da­mit ist aber die Sache keineswegs begraben. Ihre Bor- züae sind so groß und so einleuchtend, daß sie gewiß die Rolle des bekannten Stehaufmännchens . fielen Wird das man niederdrückt,, das aber immer wieder in die Höhe wippt. Kürzlich hat Justizrat Bamberger über seine Vorlage wieder einige Artikel trt den Grenzboten" veröffentlicht, die in ihren klaren Aus­führungen aufs neue in weiteren Kreiselt «limmung für das Gesetz machten. Hoffen wir, daß , es bald zu einer erneuerten Vorlage kommt, denn es ist ganz ge­eignet linderndes Öl auf unsere Finanznotschmerzen 8 u gießen und uns eilt gut Stück aus unserem chrom- schen Dalles herauszureißen. _ "

Feuilleton.

Per WejeMMß Mk die Camorra in Neapel.

Neapel, 15. Januar,

Es handelt sich nicht um einen Prozeß ä la Cicero gegen Lerres, und doch verdient er als Beispiel dessen, was heut­zutage in Süditalien noch möglich ist, und als eine Ent­hüllung des Lebens im sozial unterirdischen Neapel die Aufmerksamkeit oller Kriminalcger', Sozialpolitiker und Freunde des toUckoro. Er wird auch, falls er Ende Februar in Viterbo bei Rem zur Verhandlung kommt, zu vielen ge­lehrten Untersuchungen Anlaß geben. Vor den Ge­schworenen die 48 Camorristi Neapels abzuurteilen haben, wird sich zeigen, daß es unter dem ewig blauen Himmel der Golsttadt zwei Welten, zwei Weltanschauungen, zwei Zivi­lisationen gibt, und die seltsamsten Menschentypen, wie sic weder Eugen Sue noch Gaboriau oder Ponson du Terrail schufen werden vor ihnen vorbeidesilieren: Leute, von denen man nicht weiß, wie sie leben, die nicht arbeiten, nichts produzieren, nicht mit Zündhölzern, Schnürriemen. Zei­tungen usw aus den Straßen hausieren gehen, die keine Wohnung, kein-ii richtig gebenden Namen besitzen, Menschen, die beute am Ringfinger Brillanten im Werie von Tausen­den von Lire tragen und morgen zerlumpt sind. Zu ihnen werden sich verworfene Mädchen gesellen, die im Gesicht die Spuren des traditionellen Rasiermefferschnitts tragen, Spione und Vertrauensleute der Polizei, die die heutige Polizei dulden mutz, weil sie sie nicht entbehren kann.

Alles dieses schmutzige Volt wird anszusagen haben Über die Hinrichtung des Ehepaars Cuccolo, die auf Be­schluß des obersten Gerichtshofes der Camorra erfolgte (6 Juni 1906) Cuccolo wurde in Torre del Greco in der Nähe der Trattoria „Mimi a mare" mit 47 Messerstichen getötet und in derselben Nacht seine Frau in ihrer Wohnung in Neapel überfallen und mit 10 Messerstichen ermordet. Beide Opfer zeigten die charakteristischen Verletzungen, dre die Eamorrahenker anzubringen pflegen, zum Zeichen, daß es sich um eine Exekution des Geheimbundes handelt. Die Reiche des Cuccolo', die man an einer Mauer am Seestrand entdeckte, hielt in der Rechten ein Mchenmesser. Damit

wollte man die Polizei glauben machen, daß es pch um em Camorradnell (dichiaramento) handle, dem der Ermordete zum Opfer geworden, zumal er seiner Wectsachen nicht be­raubt worden war, während die Wohnung seiner Frau völlig ausgcplündert wurde. Aber es siel auf, daß die Mörder der letzteren ruhig in deren Haus gekommen waren, und der Leiche des Mannes fehlten die Schlüssel. Folglich war kein Zweifel mehr möglich, beide Morde waren von denselben Tätern vollbracht worden.

Die Polizei, die alle diese Indizien richtig würdigte, ging zielbewußt vor und verhaftete das Haupt der Camorra, aenamrt „Erricone" (Großer Heinrich) alias Alfano rntd einige Spießgesellen. Zu allgemeinster Überraschung wurden die Eingesperrten aber wieder entlassen. Der Kirchhofs­pfarrer von Neapel, von dem später der Untersuchungs­richter sagte, daß er „ein schändlicher Priester, ekelhafter Gotteslästerer, Camorrist und Mitglied der Verbrecherzunft, Beherrscher der Camorra von Castellamare, Betrüger, Leichenfledderer und Helfershelfer von Erricone" sei, hatte seinen für die deutschen Begriffe ganz unfaßbaren Einfluß bei der Polizei — er war sogar vertrauter Ratgeber des Polizeipräsidenten — benutzt, die Spur der Tat zu ver­wischen und auf andere zu lenken. Don Ciro (Chrus) Vittozzi, so heißt das verworfen- Subjekt, ließ durch seine MitcaMorristen — er selbst hielt sich im Hintergründe — verbreiten, daß Cuccolo, der als „Basista". d. h. Lieferant der „Basis" eines Einbruchs oder Raubmords, bekannt war, an dem 1902 begangenen Mord ciaes reichen Pfarrers be­teiligt gewesen war, und mit den Mördern, die man leider wegen mangelnder Beweise nur leicht bestraft habe, wegen der Verteilung der Beute in Streit geraten und deshalb von ihnen aus Rache beseitigt worden sei. Als die Polizei mit regem Eifer die Untersuchung nach dieser Seite hin be- ii-icv-n wurden sie von den Earabinien bejchuldrgt, mit der Camorra unter einem Hut zu stecken, und die Folge war nicht nur daß den Carabinierr die Untersuchung ubergeben wmde sondern auch, daß ein Streit zwischen diesen und der Polizei ausbrach, wobei berde oft handgemein zu wer­den drohten, und der zu einem Prozeffe gegen einen Te.l der Polizeimannschaften führte. A _ ,

Der Prozeß dauerte fast drei ^ahre und ergab das erbauliche Schauspiel, daß die schlechtbezahlten Staatspoli- zisten (auesturmi), alles Scule, &U aus Sizilien,

Calabrien, Apulien und Sardinien stammten und wenig Achtung genossen, der infamierendsten Verbrechen beschul­digt wurden. So machten einige die Hehler von Einbrechern, andere duldeten und förderren die Verführung von Mmder- jährigen, noch andere beschützten die Freudenhäuser, em- vierte Kategorie spekulierte aus die Schmiergelder der Arrestanten, und eine fünfte beging all- die,- Verbrechen zusammen. Der Prozeß, der so viel Schmutz onsgerüttelt hatte, endigte natürlich mit einer Komödie. Ein Feldwebel wurde zu einem Jahr Gefängnis verurteilt und ein Galgen» gesicht, das „korumpiert" haben sollte, Giannacchi, genannt Fotonno e Santo Dummenico" kam mit einer Geldstrafe davon; ein Polizeikommissar und sieben Polizisten wurden

sreigesprochen. , , ,

Die Earabmien aber, deren beste Leute wahrend des Prozesses von der Polizei als hirnverrücktr Menschen hm- aeltellt worden waren, hatten unterdessen ihre Untersuchung derartig klug und erfolgreich betrieben, daß Ende Marz 1909 der Staatsanwalt Anklage erhob zuerst gegen 10 Per­sonen als Anstifter des Mordes des Ehepaares Cuccolo und Täter (alle waren natürlich vorher gefangen gesetzt worden): Giovanni Rapi, Enrico Mfano (Erricone), dessen Bruder Ciro Alsano, Gennaro de Marinis, Ferdinande» de Mattes, Gennaro Jbello als Anstifter, und Nicola Morra, Corrado Sortino, Mariano di Gennaro, Antomo Cerrato als ^äter. Corravo Sortino wurde ferner zuglerch m 1 einem aewisien Guiseppe Saldi als Mörder der Frau Cuccol/angeklagt. Ferner tvurden 34 Camorristen als Mit­wisser und Helfershelfer unter der Anklage „als ständige Mitglieder einer Verbrechergenosscnschast vor die Ge­schworenen verwiesen. Schließlich kommen noch auf dre Anklagebank der Pfarrer Giro Vittozzi und sein Helfers­helfer Giacomo Ascrittore wegen Verleumdung und wissent­licher Irreleitung des Untersuchungsrichters sowie Antonia Parlanti als Zeugenbestecher, ' im ganzen 48 Persmien. Von den Hauptangeklagten erregt das meiste Jnteresie Giovanni Rapi, genannt „o professore". Er ist ein Typ internationaler Natur, der Souteneur, Organisator von Einbrüchen, Spielklubs, Falschspieler usw. war. 1885 ver­drängte er als Herzensliebhaber einer Maitressc eines reichen Kaufmanns einen gewissen Soreca, genannt Pas- quino, und ließ ihn ermorden, was ihn zwar zur Flucht nach dem Auslände trieb, aber nicht abhielt, mit dem