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Wiesbadener Tagblstt.

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Areitag, 20. Januar 1911*

59. Jahrgang.

Morgen * Kusgabe.

1. Mkertt.

Die PerößuölunacH über öle Kagdaddahll.

Als wir uns das letzte Mal es ist das schon vier Jahre her eingehender mit dem Geschick der Bagdad­bahn befaßten, da mußten wir diesem Kapitel noch dre Überschrift geben:Der Kampf um die Bagdadbahn." Es war das die Zeit, wo die Weltpolitik im Zeichen des Versuchs der politischen und wirtschaftlichen Einkrei­sung Deutschlands stand und die englisch - französisch- russische Tripelentente, die damals zu Beginn des Jahres 1907 gerade ms Leben trat ihr Hauptbe­streben darauf richtete, der deutschen Kulturarbeit in Kleinasien' Steine in den Weg zu werfen und Zu diesem Zweck vor allem den Fortgangs jenes großen Schienenweges zu hemmen, auf dem diese Kulturarbeit vorwärts schritt und schreitet: der Bagdadbahn.

Ter großartige Gedanke der Erschließung des nahen -Orients durch ein großzügiges Bahnnetz ist ebenso wie dieses Kulturwerk selbst man darf das Wort wohl in diesem übertragenen Sinne gebrauchenmade in Germany". ' Nachdem die Anfangsstrecke von Haidar-Pafcha nach Konia, die aber noch zur anatoli- scheu Bahn gehört, von der 1889 begründeten deutschen Gesellschaft der anatolischen Eisen­bahnen bereits im Jahre 1896 eröffnet worden war, wurde dieser Gesellschaft am 21. Januar 1902 von der türkischen Regierung die Konzession zum Bau der sogenannten Bagdadbahn, d. h. der Strecke von Koma nach Bagdad, erterlt, und am 13. April 1903 wurde die Soddtd Imperiale Ottomane des Chemins de Fer de Bagdad" begründet, in der deutsches, französisches, türkisches, italienisches und schweizerisches Kapital ver­treten ist, während England sich in seiner verblendeten Kurzsichtigkeit und Eifersucht fernhielt. Zunächst ging das Unternehmen flott vorwärts, und bereits am 26. Oktober 1904 konnte der Betrieb auf der 200 Kilo­meter langen Strecke Konia-Bulgurlu eröffnet werden. Tann aber gerieten die Verhandlungen und der Bahn­bau ins Stocken, und erst ani 2. Juni 1908 wilrde der Zusatzvertrag über den Bau der zweiten 800 Kilo- ineler langen und technisch schwierigsten Sirene adge- schlossen der von Bulgurlu über das Taurusgebrrge nach El'Helif führt. Der Bau dieser Strecke wird zur­zeit rüstig gefördert und er dürfte etwa im Jahre 1916 oder 1910 vollendet sein.

Ist dies die technisch schwierigste Strecke, so ist der politisch schwierigste Teil die dann von der insgesamt 2900 Kilometer langen Bahnstrecke noch übrig bleiben­den 1100 Kilometer von El Helif bis zum Persischen Golf, die durch die Zukunftsstation Bagdad, welche der Gesamtbahn den Namen gegeben hat, rn zwei etwa gleich große Teile geteilt werden. Von russischer. W zösischer und englischer -Leite machte inan _ der Fort­setzung des Unternehniens die größten Schwierigkeiten, und die Seele dieses Widerstandes war England, welches einerseits von der Bagdadbahn eme Kon

kurrenz für seinen Seeverkehr befürchtet und zwei­tens den Persischen Golf als seme Interessen­sphäre und somit die Fortführung der Bahn über Baadad hinaus als einen Einbruch in diese Sphäre be­trautet. Dieser Eifersucht schloß sich die Besorgnis Frankreichs über die Ausdehnung des deutschen Ein­flusses nicht nur in Kleinasien, sondern auch in West- asien an, und Rußland machte mit, weil es immer da­bei war, wenn Frankreich und England der deutschen Politik, sei es mm in Asien oder in Aftika, Steins in den Weg warfen.

War somit die Fortführung der Bagdadbahn einige Jahre hindurch ernstlich in Frage gestellt, so Hai sich hier in den letzten Monaten ein großer und erfreu­licher Umschwung vollzogen, der zuerst durch die Pots­damer Kaiserbegegnung der breiteren Öffentlichkeit verständlich wurde. Man weiß, daß seit den Potsdamer Besprechungen Verhandlungen schweben, deren Kern­punkt der ist, daß das Zarenreich als Äquivalent für die Anerkennung seiner politischen und wirtschaftlichen Sonderinteressen in Nordpersien seinen Wider­stand gegen die Durchführung der Bagdadbahn auf- geben und dieser zugleich seine moralische Unter­stützung leihen wird. Die letztere dürfte wohl vor allem in dem Einfluß auf die französische und die eng­lische Regierung zutage treten, und tn der Tat haben ja die Erklärungen des Ministers Pichon in der fran­zösischen Kammer bereits diesen Umschwmig erkennen lassen, der allerdings nicht zuletzt der außer­ordentlich entgegenkommenden Haltung Deutschlands in den Marokko fragen zu ver­danken ist. Gleichzeitig läßt aber die Stellungnahme der gesamten englischen Presse erkennen, daß auch das Kabinett von St. James einer Verständigung über die Fortführung der Bagdadbahn naht abgeneigt zu sein scheint. Es kann heute nicht mehr als unmög­lich gelten, daß nach dem Abschluß der deutsch-russischen Abmachungen auch die Verhandlungen mit England, wenn sie von beiden Seiten im Geiste der vom deut­schen Reichskanzler befürwortetenoffenen und ver­trauensvollen Aussprache" gepflogen werden, zu einem Kompromiß führen, etwa auf Grund einer Jnter- nationalisierung der letzten Teilstrecke von Bagdad bis zum Persischen Golf, ein Zugeständnis, zu dein man sich von deutscher Seite bereit erklären könnte und würde, wenn im übrigen die vorherrschenden deutschen Interessen bei diesem Bahnbau in K l ei u a s i e n gewahrt werden, das ja als das Zu kunstsland Deutschlands gilt.

Eine englische Stimme.

In fetten Lettern veröffentlichtDaily Chronicle" an der Spitze des Blattes folgende Erklärung:In wohlin­formierten Kreisen herrscht die Überzeugung, daß die deutsch-russischen Beziehungen eine Wendung zum Besseren genommen haben. Es ist nicht wahr, daß in England das Abkommen zwischen Rußland und dem Deutschen Reich wegen der Bagdadbahn und der Verbindung mit den be abstchtigten Eisenbahnlinien in Nordpersien übckge nommen worden ist. Dazu liegt keine Beranlaffung vor, denn Rußland- hat bei diesen Verhandlungen sich Groß­

britannien gegenüber durchaus loyal gezeigt. Selbst­verständlich hat die englische Regierung ein besonders In­teresse an der Bahn, die durch Nordpersien und bis nach Britisch- Belutschistan lausen soll, denn wenn sie ganz durchgeführt sein wird, so wird damit eine direkte EiseNbahnverbiNdimg zwischen Europa undJndien hergestellt sein. An Großartigkeit und Wichtigkeit in wirt- schastspolitischcr Beziehung stellt dieser Plan die Bagdad» bahn ganz in Schatten.

Politisch» Übersicht.

Die Zmangsentrignmrs.

Die Erklärungen des Lcrndwirtschastsministers zur Ansiedelungsfrage werden in politischen Kreisen übe» euistimmend als eine zwar verhüllte, aber hinreichend deutliche, in- Namen des Staatsministeriums abge­gebene Mitteilung dahingehend aufgefaßt, daß von der Zwangsenteignung mindestens im lausenden: Jahre nicht Gebrauch gemacht werden soll. Bemerkens­werterweise nimmt jetzt auch dieK r e u z z ei t u n g" Stellung gegen die Zwangsenteignung. Man hat auch sonst schon gewußt, daß im konservativen Lager- erliste Bedenken gegen das Gesetz bestehen, namentlich wegen seines vermeintlichen st a a t s s o z i a l i st i s ch e n Charakters und wegen der möglichen Folge, daß ebenso gut wie polnisches Land gegebenenfalls auch . den t- f cf) e r Großgrundbesitz in anderen Gebieten des Reiches der Zwangsenteignung unterworfen werden könnte, wenn einmal der Reichstag eine zu sozialistischen Versuchen geneigte Mehrheit Haben sollte. So offen wie jetzt hat sich das leitende konservative Blatt noch rächt gegen die Zwangsenteignung ausgesprochen, und der Vorgang beansprucht schon darum ein erheb­liches Interesse, weil die Rückend eck u n g, die das Staatsministerium bei den Konservativen findet, stark genug sein wird, um die Stellung der Regierung gegen die entgegenstehenden Wünsche zu befestigen. Die Kreuzzeitung" sieht in dem Umstande, daß &a§ Zwangsenteignungsgesetz bisher noch in keinem Fall angewendet worden ist, die Bestätigung des von konser­vativen Gegnern erhobenen Einwandes, daß im Hin­blick auf das noch verfügbare Land ein Bedürfnis zur Anwendung der Enteignung nicht obwalte.

Shakespeare imd dev Ml-rrr-Klock.

Ein sonderbarer Schwärmer begegnet uns in den Grenzboten". Er beruft sich für seine Sehnsucht nach Wiederherstelluna des Bülow-Blocks auf kernen Ge­ringeren als Shakespeare, und dieser aus den ersten Augenblick etwas verblüffende Gedanke ver­dient, etwas näher besehen und beleuchtet zu werden. Der Aufsatz istKorrolan" betitelt, von O. Flersch- Hauer-Oberspier verfaßt und gipfelt in dem Satze: Tas politische Denken muß sich mehr an Shakespeare orren- tieren' dann kommen wir dahin, daß der Bülow-Block wiederherzustellen ist. Tie Aufforderung an die Zeit­genossen, sich rmt Shakespeare auseinanderzusetzen, rst demjenigen, der die neuere Shakespeare-Literatuy einigermaßen kennt, durchaus nicht unerklärlich. Sert-

FeuiUelon.

(Nachdruck verboten.

Iägeraberglaube.

Woher kommt es wohl, daß gerade die Leute, welche durch ihren Berus aus einen vorwiegenden Aufenthalt in freier Natur angewiesen sind, Schäfer, Landleute, Fischer und Schiffer, zum Aberglauben neigen» Die Frage hat bis jetzt noch keine ausreichende Beantwortung gefunden. Und auch der Jäger pflegt noch heutzutage mancherlei Aber­glauben Er lacht zwar selbst darüber, denn- er weiß ja, daß es Unsinn ist, und trotzdem den« er so im stillen: man kann es nicht wissen! Wer hätte nicht z. B. Jagdgebrauchs- aeoenstände einen alten verschossenen und zermürbten Jagd- Hut von dem er sich nicht trennen mag, obgleich die übliche Tragezeit längst um das Doppelte und Dreifache über­schritten ist. Schon das bloße Bewußtsein, ihn aus dem Kopse zu haben, läßt seinen Träger mit mchr Vertrauen zur Jagd ausziehen, und wo er notgedrungen für Gesell- schastsiagden oder Jagdreisen sich etwas besser ausstaffleren muß fehlt ihm etwas und er kommt sich selbst fremd vor. Hier ist die Ursache des Aberglaubens leicht erkemttlich; die Erinnerung an besonders interessante Jagderlebnisse, an seltene Erfolge, die mit dem Tragen gerade dieses Hutes verknüpft ist. Aber auch sonst würde das Weidwerk ohne die harmlose Zutat des Aberglaubens entschieden an poetischem Beigeschmack verlieren, denn manches jagdliche Abenteuer würde sich nicht halb so gut ausnehmen, wenn nicht ein wenig Unbegreifliches, ein wenig Mystisches mit eingemischt wäre. Nicht soll indes der gewerbsmäßigen StuSS&tiefatxti- tai* Sft ti-wurasw-üG >** KI

pes Sinnes verwegenster Bedeutung handhabt, das Wort geredet werden. Solche Schnurren Packen selten und dürfen nicht verwechselt werden mit jenen Erzählungen, die, aus dem echten Jägergemüt unbewußt hervorgchend, sich wie Geschehenes geben. Die erstere, der Überlegung ent­sprungen, stößt durch ihre dem Walde fremde Prosaik ab, während letztere häufig der Volkssage mit ihrem unnach­ahmlichen Retz nahekommen. ,

Lassen wir uns mal von einem Jäger der alten Schule, aus Mitte oder Anfang des 18. Jahrhunderts, erzählen, zuerst, wie man Wildgänse sängt. Es ist ja jetzt gerade die rechte Zeit, und sie müssen dies Jahr besonders gut ausgekommen sein, denn die ostelbischen Zeitungen melden ihr Auftreten in ungeheuren Scharen, in der Nähe der Haffs wie im Oderbruch.

Sehr einfach! Nimm Wurzel der Wechnachtsrose (Nieswürzel, aus der man den weißen Schneeberger Schnupf­tabak macht) und Samen vom Wüterich (Wasserschierling), vermische beides mit Hafer, Roggen und anderen Körnern, welche die WUdgänse lieben, tue die Mischung zum Quellen ins Wasser und koche sie nachher. Die Korner lege dann an einen Ort, wo Wildgänse einzufallen pflegen. Dann, wann sie es essen, so entschlaffen sie, als wenn sie voll Weins wären, also daß man sie mit den Händen sangen kann." Um Enten zu fangen, nimmt man Tormentill, welchen man zuerst mit Korn oder Gerste ttt gutem Ssem siedet;und dann, Finkler, wirf's auf den Vogelhevd, und weim'Z die Vögel fressen, werden sie grrnz trunken und taub davon, daß sie nicht mehr fliegen können; und ist am besten, wenn ttefer Schnee ist." Ein weiteres Mittel, um Enten zu sangen: Wo Wildenten einzusallen pflegen, läßt man auf dem Wasser ausgehöhlte Kürbisköpse von der Größe eines üwuimuum Kehr bald gewöhnen ück die

Eitten hieran. Ist es geschehen, entkleide man sich und stülpe einen Kürbis über den Kopf, nachdem er ausgchöhlt und zwei Osfmmgen für die Augen hinein geschnitten find. Man geht darauf so tief ins Wasser, daß der Kürbis zu schwimmen scheint. Die Enten schwimmen, von früher ver­traut, an den vermeintlichen Kürbis heran, wo cs dann ein leichtes wird, eine nach der andern zu greisen, unter das Waffer zu ziehen und zu erwürgen.

Um sich kugelfest zu machen, spricht man folgenden Zauberspruch:Geschoß und du siebenundsiebzigstes Ge­schoß, nimm also bald ab, als wie der Tote im Grab/' Solches spricht man dreimal am Tage, geht auf den Kirch­hof, nimmt Erde von dem frischen Grabe eines jüngst Ver­storbenen, behält sie bet sich drei Tage und trägt ste wieder aus das Grab. Bei alle dem darf kein Wort gesprochen werden. Oder man trägt einen Bannsprnch in em rot­wollenes Herz eingenäht mit sich herum in der Jagdtasche oder aus bloßem Leibe. Wilderer tragen häufig derartige Amulette, denn sie glauben, daß dann dem Jager das Ge­wehr versage, wenn er auf sie schieße.

Es gibt gar zu viele tückische Menschen, die der grünen Farbe nicht grün sind, die deshalb dem Weidmann allerlei Schabernack spielen; darunter rechnet man besonders das sogenannteWeidmannsetzen" fett b'cken JahrhmweAeN: Man soll dadurch beim Schießen E Tressen verhindert werden Wenn nun jemand einen Weidmann setzen will, üebt er m einen gebrauchten Putzlappen, mit dem das Ge- webr desjenigen gereinigt ist, dem das Schießen verdorben werden soll zu ^halten. Darauf bohrt der böse Mensch aeaen Osten'ein Loch lN eine alte Eiche, tut den Lappen hin­ein und verpflockt die Öffnung mit einem Kerl von Hage­dorn Sobald das geschchen, hält kein Wild mchr stand und die Hand zittert so beim Zicken, daß kein Schuß mehr