Wiesbadener Tsgblstt.
«erlag Sanggass« 21 ^ „ . , <orft „ragriatt-H-us" Nr.üoso-ss.
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Rr. SS.
Mittwoch, 18. Januar 1S11.
SS. Jahrgang.
Morgen ° Ausgabe.
1. M'att. _
Des Deiches Geburtstag.
Ein Lag des Glanzes und der Erfüllung! Was die deutschen Herzen ersehnt, was die deutschen Dichter erträumt hatten, das hat an dem glorreichen Lage von Versailles Gestaltung gewonnen, vor vierzig Jahren an jenem 18. Januar, da sich die Kaiserkrone aus das Haupt des Sohnes der Königin Luise senkte, als er er- klärte, „mit Wiederherstellung des Deutschen Reiches die deutsche Kaiserwürde für sich und seine Nachfolger zu übernehmen". Sticht das alte, römische Kaisertum deutscher Nation erstand aus dem Schutt der Jahrhunderte. nicht dieses alte Reich mit seinen writgre:- fenden Ansprüchen und seinen engen Gedanken, sondern ein neues, gewaltiges, mit seinen Kuppeln weithin strahlendes Gebäude, ein Pantheon, dessen Zinnen nicht mehr die Raben umflattern. Das Bild des alten Barbarossa stieg damals lebendig aus den Nebeln der Veroangenheit 'hervor, ein Kaiser Weißbart löste den Kaiser Rotbart, ein deutscher Fürst von echtem Schrot und Korn den alten Helden ab, der rm Kysfhüuser- Berge den Traum der Hohenstaufen träumte. Nicht nu's MPiernem Rechte gewann der Hohenzoller dre neue Krone, sondern ans dem Rechte der Kraft und des Erfolges, und die Krone stieg nicht aus verstaubten Akten hervor, sondern aus dem Glutenfeuer siegreicher Schlachten. Und heute ist der vierzigste Geburtstag des Deutschen Reiches geworden.
Wem das Verdienst zukam? Müßiger Streit. Ter Kaisergedanke hatte lange im Volke geschlummert, er hatte sich, nach Wirklichkeit ringend, im m e r wi e d c r emporgereckt, er hatte in den müden Zeiten Friedrich Wilhelms IV. die Geister belebt. Aber die Zeit mußte erfüllt, das Volk erstarkt und erzogen sein, ehe dre Frucht zur Reife gelangte. Erst als der Kaisergedanre Gemeingut der Nation geworden war, als sie auf den Schlachtfeldern von Düppel, Könrgsgrätz und Sedan ihr inneres Anrecht auf, die Größe erwiesen hatte. Ito frctt btc Sonne bon 3ScrfcriITc» nn ben Hinnnel. dem aber der Strom der Ideen, der die Seiten ringsum erfüllte, in einer großen Menschenseele mit den politischen Bedürfnissen und Möglichkeiten des Augenblicks zusammentras, entstand die s ch ö p s e r i - fctTe Tat, wurde das Werk der Gesamtheit zum Werke des einzelnen Mannes. Und dieser Meister ist Bismarck gewesen. Gewiß, im Mittelpunkte des Bildes vom Schloßsaal in Versailles steht die liebenswürdige Gestalt des ersten Kaisers. Um ihn sind die Fürsten Deutschlands geschart, mit ihnen sind der hlondbärtige Sohn, der tapfere Friedrich Karl und all die Sieger der Schlachten vereint. Aber der Blick
qleitet doch immer wieder zu jener gewaltigen Gestalt hinüber, die mit leichter Beugung die Proklamation an das deutsche Volk von seinem erlauchten Herrn entgegennimmt, deren Antlitz nach dem' Zeugnis Keudells die bleichen Schatten harter politischer Arbeit trug, Zeugnis dafür, daß er mit seinem Herzblut diese gewaltigen Ereignisse in das Buch der Geschichte geschrieben hatte. Es schien der alte Schlachtengott zu sein, wie er in all den Jahrhunderten in der germanischen Phantasie sortgelebt hatte, der hier dem kaiserlichen Repräsentanten eines fernen Geschlechts, dem ersten Herzog aller Gerinanen. sich huldigend nahte.
Ein Traum war erfüllt. Und doch war die Arbeit nickt vollendet. Was von den Vätern ererbt ist. das muß täglich neu erworben werden; toas das Schwert erobert hat, das muß die Weisheit sichern. Ter kriegerischen Leistung mußte in der Erweckung und Entfaltung aller noch schlummernden wirtschaftlichen Kräfte die Ergänzung folgen. Auch hier hat nicht ein einzelner, auch Bismarck nicht, allein das Werk vollbracht. Er konnte nur der Führer sein, die schlummernde Welt vorhandener Ideen erwecken und den Gedanken zur Tat gestalten. So liegt der Marmorblock in der Werkstatt des Künstlers, aber erst Michelangelos Hand formt ihn zum Wunderwerk. Wer immer auf die gewaltige Entwicklung unseres Wirtschaftslebens zurückschaut, wer den weiten Gegensatz zwischen den sechziger Jahren und unserer Zeit erkenn;, diesen Gegensatz, der ebenso gewaltig ist wie der Unterschied zwischen der politischen Machtstellung Deutschlands in den Tagen von Olmütz und heute, vor dessen dankbarer Seele wird immer wieder das Bild des ersten Kanzlers sich erheben, und er wird dankbar erkennen, daß der Segen, der auch jetzt noch über unser Land sich breitst, aus dem Heldengrabe im Sachjenwalde sprießt. Und wer von den Enterbten des Tai eins es fühlt, daß die Sonne von Versailles auch ihm wärmende Strahlen sendet, daß seine Lebenshaltung sich hob, daß der neugeschasfene Staat ein Herz besitzt, der wird abermals in ehrfürchtigem Danke sich des Toten dort droben erinnern. An diesem Tage zumal, an dem die Geschichte aus ihrem hastigen Wege wieder einmal rastet und uns zum Blick aus vergangene Zeiten lädt.
Dank und Erinnerung aber müssen Früchte treiben. Noch fehlt ein Denkmal des gemeinsamen Empfindens des deutschen Volkes. Es soll sich am grünen Rhein erheben, dort, wo tausendfach die Spuren der Geschichte im Boden sichtbar sind. Wem das Schicksal Reichtum beschied, der soll sich heute erinnern, daß ihm der Genius Bismarcks erst die Pforte zum Schatzhaus erschloß; wer im Rock des Beamten oder im Arbeiterkittel die bescheidene Frucht seines Fleißes genießt, der mag • sich dem dankbar erweisen, der uns in blutigen Kämpfen Einheit und Frieden
brachte und der dafür sorgte, daß nicht mehr die Roce der Scham unsere Stirnen bedeckt, weil wir fremder Willkür gehorchen. Tie Größe eines Volkes mißt sich auch ab nach dem Maße der Dankbarkeit. für seine großen Männer. Für die Größe der Nation soll das Denkmal zeugen, das sich drüben am Rhein, hoch über den deutschen Rebengeländen, hoch über dem Dunst der nörgelnden Eifersucht, dereinst erheben soll. Seinen höchsten und letzten Wert aber soll es nicht . durch die Hand des Künstlers, sondern durch den willigen Eifer der V o l k s g e s a m t h e i t erhalten, an dem Werke niiizuschaffen und in ihm zugleich das Gelöbnis zu verkörpern, in harter Zeit und in heißer Stunde sich der großen Toten und dessen würdig zu erzeigen, was sie im Leben vollbrachten und was heute vor vier Jahrzehnten zur wundervollen Reife gedieh.
An alle, die in Treue feststehen zu unserem unvergeßlichen eisernen Kanzler und seinem herrlicheii Werk, richtet die Geschäftsstelle zur Errichtung eines B i s m a r ck - N a tio n a l d e n k m a l s aut der Elisenhöhe bei Bingerbrück-Bingen heute, am Geburtstag des Reiches, die herzliche Bitte, eine kleine Spende zu den beträchtlichen Kosten sür das B i s m a r ck - N a t i o n a I d e n k m a l a ni Rhein beizutragen. Sie schreibt dazu:
„Zwei Mark erbitten wir als „Geburtstagsgabe" zu dem Denkmalfonds, der von dem Großen Ausschuß gesammelt wird. Um den Spendern aber jegliche Portokosten Zu ersparen, wird empfoblen, sich hierfür einheitlich der Zahlkarten des Postscheckamtes zu bedienen, die kostenlos an den Postschaltern in je 1 Exemplar verabfolgt werden. Wir bitten, diese Zahlkarten zu adressieren an die Zentral sammelstelle zur Errichtung eines Bismarck-Nationaldenkmals und die Vorderseite unter Benutzung des teilweise vorgedruckten Textes folgendermaßen auszufüllen: „Zahlkarte auf 2 Mark — Pfennig (in Buchstaben:) zur Gutschrift aus das Konto Nr. 493 der Firma S. Bleichröder. Bankgeschäft, Berlin W 8. Behrens- stratze 63, hei dem Postscheckamt Berlin." Dieselbe Eintragung mutz auf dem „Posteinlieferungsschein" (an der rechten Seite der Zahlkarte) vollzogen werden. Auf der Rückseite des linken Abschnittes dieser Zahlkarte bitten wir folgende Worte meder- zuschreibcn: „In dankbarer Erinnerung an die Wiedererrichtung des Deutschen Reichs vor 40 Jahren stifte ich diesen Beitrag für das Bismarck-Nationaldenkmal auf der Elisenhöhe her Bingerbrück-Bingen." (Folgen Unterschrift und Angabe des Wohnorts.) Nähere Auskunft erteilen übrigens , die betrerfen- den SchalterLeamten der Postanstalten. Für Besitzer von Postscheck-Konten emvfiehlt sich die einfache Überweisung aus dem eigenen Postscheckguthaben an die genannte Zentralsammelstelle in Berlin. Wir sind überzeugt, daß sich an diesem Bismarcktage niemand einer Dankespflicht entziehen wird, durch deren Erfüllung ein Teil der bedeutenden Mittel für das Jahrhundert» denkmal aufgebracht werden, soll."
Die Kaiserpr-Klarnatiorr i»t UersarUrs.
An demselben Tage, an dem Friedrich L sich die preußische Königskrone in Königsberg aufsetzte, an demselben Datum spielte sich auch der weltgeschichtliche Akt ab, durch den Deutschland wieder zum Kaiserreich erhoben wurde, und der das äußerliche Zeichen der nach langem Kampfe errungenen deutschen Einheit war.
Feuilleton.
Schlitten und SchlMschuhe.
Die Behauptung klingt vielleicht etwas kühn! Und voch kann man sie nicht als falsch hinstellen, wenn man sagt, daß Schlitten und Schlittschuhe einer Mode unterworfen siird, wie andere Dinge des täglichen Lebens auch. Wohl noch niemals stand der Wintersport aus einer solchen Höhe bei uns in Deutschland und in anderen Ländern, wie cs jetzt der Fall ist. Nach Deutschland ist er erst vor etwa fünf Jahren gekommen, aber mit großer Freude und lautem Jubel von jung und alt begrüßt worden. Man rodelt, fährt im Schlitten, wo nur immer eine Schneefläche oder ein Schneeabhang sich zeigt. Rabbi Ben Akiba könnte seinen Kopf schütteln und sagen: „Es ist alles schon dagewesen". Und in der Tat, es ist schon dagewesen, daß Männlein und Weiblein sich voller Freude dem Wintersport Hingaben, daß sie dazu sich besonderer Schlitten bedienten, und daß, „last not least", sich die Herzen, ganz wie heutzutage, beim Schlittenfahren fanden. Das war im 15 , Jahrhundert und währte bis zum Ende des 16. Jahrhunderts. Damals waren die Schlittenpartien die gesellige Freude der Wohlhabenden in den Städten. Die Schweiz war damals schon der Hauptsitz des Wintersportes, den man freilich nicht so nannte. Aber Aloysius v. Orelli erzählt m einem Briefe aus dem Jahre 1555 über das Leben im Winter in der Schweiz folgendes: „Im Winter ist es eine säst allgemeine Belustigung erwachsener Junggeselle,! und junger Ehemänner und Frauen, zu Nacht an jähen, d. h. abschüssigen Stellen aus kleinen Schlitten zu fahren, welche, mit Ähellen und vielen eisernen Ringen behängt, ein lautes Getöse machen, das durch Lachen und Jauchzen oft bis zum tobenden Lärm steigt, sonst bis Mitternacht dauerte, nun aber der Ruhe der Alten wegen bis zu 9 Uhr eingeichrankt ist« _ Man sieht, man rodelte damals bereits, und das RcchÄn Md Böbflerghfahren ist durchaus nicht, wie man
anzunehmen immer geneigt ist, von den Engländern zu uns gekommen; das Schlittenfahren ist eine uralte winterliche Lieblingsbelustigung der deutschen Völker gewesen. Freilich haben die Schlitten und die verschiedenen Abarten der Schlitten manche Verbesserung und damit auch neue Namen bekommen. In früheren Jahren, es mögen darüber etwa 3 Dezennien verflossen sein, bestand mit dem Schlittenfahren ein Recht, das sogenannte „Schlittenrecht". Der liebende Jüngling, der verliebte Mann durste nämlich der Dame, deren Eavalier er war, im Schlitten mindestens einen Kuß verabreichen, und es ist klar, daß so mancher Eavalier von seinem Schlittenrechte Gebrauch machte, wenn er die Dame seines Herzens durch die Mondscheinnacht und Winterkälie heimfuhr. Gustav Schwab hat den Reiz des Schlittenfahrens besungen:
„Unter muntrer Glöcklern Schallen Raschelt's wie ein Elfenzug;
Freudig drein die Peitschen knallen;
Alles schwindet hin im Flug:
Rosse, Reiter, in der Mitten,
Mutig die besonnten Schlitten.
Die, in Samt und Pelz gehüllt.
Niedlich Feenvolk erfüllt."
önnte man nicht glauben, daß dieses Gedicht, das uns die eize und die Lust des Schlittenfahrens so anschaulich jildert, aus die Damen von heute gemacht worden ist? ammet und Pelz sind heute, wie damals, die Umhüllung :r „Feen". Freilich haben wir, namentlich Zv:r armen roßstädter, sehr wenig Gelegenheit, uns im Schlitten zu -rgnügcn. Und bei uns wirkt ein Schlitten sogar manch- al etwas lächerlich, selbst wenn ein reichlicher schneefall -wesen ist. Auch eignen sich die Pferde nicht gerade als chlittenzicher. In Sibirien, dem Lande der Schlitten, erden Hunde gewöhnlich vor dieses Gefährt „Nartas , ge- >annt Diese Hunde sind zu dem Zweck extra dressiert, ’cnfo* wie bei den Grönländern. Dort spannt man etwa bis 8 5mnde, auch 10 Hunde, vor diese Equipagen, fährt irin die° Vergnügungsfahrten, macht damit seine Besuche, lbst die Einkäufe. Die Samojeden und Lappen verwenden
statt der Hunde zum Ziehen bekanntlich Remitiere. Ihr Schlitten, Pulk genannt, ist ziemlich armselig. Er hat die Form einer Wiege, und der Reisende wird fast wie ein. Wickelkind hineingeschnürt. Zum Transporte der Waren und Lebensmittel haben die Lappen noch einen anderen Schlitten, den sie „Raid-achian" nennen. Der eleganteste und schönste Schlitten, den wir trotz der modernen Rodels und Bobsleighs kennen, ist noch immer die russische Troika. Sie wird bei den Vornehmen und Reichen aus Acajouholz hergcstellt, das Jimere ist mit feinstem Maroquin ausgeschlagen, der Fußboden besitzt Vertiefungen zur Aufnahme der Wärmflaschen, kostbare Pelze dienen als Decken, und drei Araberpferdchen ziehen dieses elegante Gefährt/ das der Jstwoschtschik, der Kutscher, mit vier Zügeln lenkt.
Es ist kein Zweifel darüber, daß die Schlittschuhe sich nicht immer in der vollendeten Form befanden, in der wir sie heute kennen. Früher stellte man die Schlittschuhe aus' Knochen her, und zwar aus den härtesten Röhrenknochen der Renntiere. Der Gott der norwegisch-heidnischen Völker, der den Winter darftellt, ist zugleich der Erfinder der Schlittschuhe die er eben aus den Röhrenknochen der Renntiere verfertigte. Noch vor 30 Fahren lief inan in den ländlichen Bezirken der Provinz Brandenburg, speziell im Jüterboger Kreise noch ans knöchernen Schlittschuhen. Allerdings waren das Reminiszenzen aus früheren Jahrhunderten, und zum Kunstläufer hat es wohl niemand aus knöchernen Schlittschuhen gebracht. Immerhin findet man in Museen noch vielfach solche Knochen, die dem Eislauf dienten. In England läßt sich der Gebrauch der Knochenschlitten noch bis zum 16. Jahrhundert zurück Nachweisen. John Stow hat ein Werk herausgegebcn, „Survey of London", in dem beschrieb er, wie sich die Bewohner Londons auf den zugesrorenen Wiesen von Moorfield tummelten. Es heißt darin, daß manche gar sehr mit dem Eise vertraut waren, daß sie sich an die Schuhe Knochen von Tieren befestigten und Stöcke mit Eisen beschlagen in der Hand halten. Anscheinend gab es auch damals schon Eiskünstler im heutigen Sinne, denn Stow schreibt, „daß diese Leute sich mit der Geschwindigkeit
