Einzelbild herunterladen
 

VikMener Tsgblstt.

Verlag Langgasse 21 Frrnsprecher-Rnfr

Mchmtlich 12 Aus,Mn. _ Ergründet 1852. ÄÄÄ,

WscheMH 12 Ausgsdcn.

»tj«q8.»tttä fitr Beibt AuSgaNkn: 70 Psg. moimtlich, M. 2 — vi-rt-ljShrNch durch der B-rl-a

Lanaoasse 21 . obn« ArrnaavlaKn. sn>. a— hitrrh ntt* ÖC r.

gabeftrilen

benachb-rten L-niwrten und iin Rh-ingau die betreffenden Tagblatt-Träger'

A»z«ige»-Aa»ah«e: Für die Abend-Ausgabe bis IS Uhr mittags; für die Morgen-AuSgabe bis 3 Uhr nachmittags.

„Tagbl«tt>HauS" Nr. 6650-5$. von 8 Uhr morgens bis 8 Uhr abends, außer Sonntags.

» en-Pre,s für die Zeile: IS Psg. für lokale Anzeigen im „Arbeitsmarkt" und „Klemer Anzeiger" ntlicher Satzform; SO Pfg. in davon abweichender SaNausführuna. sowie für alle übrigen lakalen Anzeigen: so Pfg. für alle auswärtigen Anzeigen; 1 Mb für lokale Reklamen; 2 Mb für auswärtige Reklamen. Ganze, halbe, drittel und viertel Seiten, durchlaufend, nach besonderer Berechnung. — Bei wiederholter Aufnahme unveränderter Anzeigen in kurzen Zwischenräumen entsprechender Rabatt.

Für die Aufnahme von Anzeigen an «orgeschriebenen Tagen und Plätzen wird keine Gewähr übernommen.

Nr. 27 .

Dienstag, 17. Januar 1911.

59. Jahrgang.

Morgen - Krisgabe.

1. ^SCctff.

. 1 "" -■■■" . . ...i S ^JJwm. i ijMiw jji j

Kzenenwechse! auf dem MMHealer.

Laut offiziöser Versicherung sind dre Verhandlun­gen, die seit der Potsdamer Kaiserzujammenkunft zwi­schen der deutschen und der russischen Regierung schwe­ben, noch nicht zum Abschlüsse gelangt, und es ist ange- kündigt worden, daß sie in einem schriftlichen Abkom­men niedergelegt werden sollen. Aber die Tatsache, daß jene Verhandlungen noch schweben, daß eine schrift­liche Abmachung noch nicht vorliegt, hat einen Teil der französischen und englischen Presse nicht gehindert, an­gebliche Vertragsentwürfe zu veröffentlichen und sie gründlich zu initzbilligen. Ist doch auch der Versuch ge­macht worden, die auf Grund einer Vereinbarung mit dem russischen Minister des Auswärtigen Ssasonow im Reichstage abgegebene Erklärung des Reichskanzlers v. Bethmcmn-Hollweg, daß Deutschland und Rußland sich aus nichts Anlassen wollen, was eine Spitze gegen die andere Macht haben könnte, dahin einzuschränken, daß sich diese Erklärung nur auf Asien beziehe, ein Versuch, der von den russischen Offiziösen nachdrücklich gurückgewiesen worden ist.

Die französischen Chauvinisten und die englische Zetzprcsse haben jetzt den Schmerz erleben müssen, daß der französische Minister des Äußern, P i ch o n, den Hufarenritt gegen die deutsch-russischen Verhandlungen oder Abmachungen nicht mitgemacht, sondern sie sogar mit Befriedigung begrüßt hat, wobei selbstverständlich nicht daran zu zweifeln ist, daß cs sich bei dieser Zu­stimmung nicht um eine Herzenssache, sondern um d i p l o m atische Taktik handelt. Ein bißchen Lieb' und ein bißchen Treu' und ein bißchen Falschheit ist allweil mit der Diplomatie verknüpft. Aber inan soll dem fliehenden Feinde goldene Brücken bauen. Wenn der französische Minister des Äußern heute ver­sichert, daß der Zweibund n i e den Gedanken eines Angriffs auf irgend jemand in sich geschlossen habe, und daß der Grundgedanke der Tripel-Entente stets die Sicherung des Weltfriedens gewesen sei, so wäre es vom diplomatischen Standpunkt ans falsch, das zu be­streiten. Ern schlechtes Gedächtnis ist in der Politik oft von großem Vorteil. Wenn man sich in Frankreich nicht mehr der Zeiten erinnert, wo der Minister D e l c a s s 6 mit König Eduard VII. gegen Deutsch­land konspirierte, wo 100 000 Engländer in Schleswig- Holstein landen sollten, während die Franzosen durch das Loch in den Vogesen inarschierten, jener Zeiten, tvo die französische Presse Rußlaird daran erinnerte, daß es ihm die Milliarden zur Tilgung seiner Staats­schulden nicht umsonst gegeben haben wolle, wenn das offizielle Frankreich alles das heute vergessen hat, wes­halb sollteir wir uns zur Unzeit daran erinnern? Und wenn Herr Pichon versichern sollte, daß DelcassS nie

gelebt hat und König Eduard nicht gestorben ist — wir hätten Anlaß, unseren Geschichtskalender sogar darauf­hin zu revidieren, . wenn, nur Frankreich wirklich einen Strich durch jene Geschichtstabellen machte!

Inwieweit das wirklich der Fall ist, wird erst die Zukunft lehren können, denn _ die Jaurösschen Liebes­erklärungen geben doch nur die Meinung eines Teiles der Franzosen wieder. Aber fürs erste können wir und mit der erfreulichen Tatsache begnügen, daß Frank­reich sich mit der neuesten Extratour des Zarenreiches ab gefunden hat, wie wir uns mit der französischen Extratour Italiens abfinden mußten. Und diese Extra­touren sind von weltpolitischer Bedeutung, denn das Netz der Bündnisse, Ententen und Abmachun­gen, welches heute das Verhältnis der Mächte zuein­ander regelt, braucht dadurch mi einzelnen nicht ge­lockert zu werden, daß „die Fäden ungesehen fließen" und „herüber, hinüber schießen". Aber je mehr auf diese Weise Zusammenhänge und Interessengemeinschaften zwischen den Gliedern getrennter Gruppen ge­schaffen werden, um so stärker werden dadurch die Garantien des Weltfriedens.

Das gilt nicht in letzter, ja vielleicht in erster Linie für die deutsch-russische Verständigung, die auf der einen Seite notwendigerweise die deutsch- französischen, auf der anderen Seite die österreichisch- russischen Beziehungen beeinflussen muß. Zugleich läßt aber die neueste der europäischen Ententen erkennen, daß die Zeiten nicht nur der politischen, sondern auch der wirtschaftlichen Ei n k r e i s u n g Deutschlands, wie sie noch unlängst von französischer Seite bei der türkischen Anleiheverhandlungen versucht wurde, vor­über sind. Die deutsche Regierung hat sich in Per­sien zu weitgehenden Zugeständnissen Rußland gegen­über, zur Anerkennung der nordpersischen Interessen­sphäre des Zarenreiches bereit erklärt, wenn dieses seinen Widerstand gegen die Durchführung des B a g d a d b a h n b a u e s und die Heranziehung frem­den Kapitals bei dieser weltpolitischen Kulturansgabe aufgibt. Noch ist freilich der Widerstand und die Be­gehrlichkeit des I n s e l r e ich e s zu besiegen, dessen Staatsmänner den letzten Teil der Bagdadbahnstrecke von Bagdad bis zum Persischen Golf gern in eigene Regie nehmen möchten, unter Hintansetzung der deut­schen und der türkischen Interessen. Man darf sich dar­über keinen Täuschungen hingeben, daß hier bei dem Kabinett von St. James noch mancher Widerstand zu überwinden sein wird, wie das auch aus den neuesten Versuchen hervorgehi, in der Türkei Mißtrauen gegen die deutschen Pläne zu erwecken. Der weitere Verlaus derVerhandlnngen ioird zeigen, ob der deutsche Reichs­kanzler recht behält mit seiner auf England gemünzten Bemerkung, daß „die offene und vertrauensvolle Aus­sprache über die wirtschaftlichen und politischen Inter­essen das sicherste Mittel zur Beseitigung jeglichen Miß­trauens" sei.

DeRtfches Deich.

* Die Afrikareise des Königs von Sachsen. Der Könitz von Sachsen wird sich am 27. Januar nach Berlin begeben, um dem Kaiser seine Glückwünsche persönlich auszu­sprechen. Am 29. Januar tritt er dann seine Reise nach dem Sudan an. Er beabsichtigt, ans dieser Reise auch Fabrik- etablissements zu studieren, und es ist auch bereits einigen Finnen in Alexandria und Kairo der Besuch des Königs avisiert worden.

* Der Kronprinz in Indien. Der Kronprinz traf am Sonntagmittag in Delhi ein. Er widmete sich in den letzten 14 Tagen ausschließlich dom Studium der militärisch über­aus interessanten Verhältnisse der Grenzprovinzen. Sogleich nach seiner Ankunft im Bahnhof zu Delhi fuhr der Kron­prinz mit nur einem Herrn des Gefolges zum Fort, wo die historischen Stätten unter Führung des englischen Archäo­logen Sounderson, der schon in Agra als Führer bei dem Besuch der historischen Baudenkmäler gedient hatte, ein­gehend besichtigt wurden. Sounderson meldete sich nach seiner Ankunft in Delhi dem Kronprinzen, um die gleiche Mission wie in Agra zu übernehmen. Der Kronprinz zeigte sich über die Aufmerksamkeit der englischen Regie­rung erfreut.

* Das deutsch-russische Abkommen. Die „Novdd. Mg. Ztg." schreibt über die schwebenden deutsch-russischen Ver­handlungen: Zum Ausgleich der Interessen beider Kreise in Nordpersien haben sich während der vergangenen Woche die Blätter in Paris und London viel den Kopf zerbrochen. In einem Londoner Abendblatt war ein Artikel mit An­gaben über die Einzelheiten der zwischen Deutschland und Rußland beabsichtigten Verständigung erschienen. Franzö­sische und englische Zeitungen wollten wissen, daß diese Veröffentlichung dem Inhalt einer russischen Note an Deutschland entspreche. Das mag aus sich beruhen bleiben. Die Behauptung einer Berliner Depesche der „Nowoje Wremja" aber, der Artikel der „Evening Times" stamme aus Berlin müssen wir als absurd zurückweisen. — Die türkischen Blätter sind in hohem Grade befriedigt von den der Pforte zuteil gewordenen deutschen Aufklärungen, die reinigend ans die Atmosphäre wirkten. Das Komitee Union et Progres hat das vom Ministerium des Äußern inspirierte Communigus auch nach Saloniki und anderen wichtigen türkischen Orten zum Zweck der Publikation telegraphiert.

* Mehr Spartanersinn war jüngst in der „Kreuzztg." von den Kriegsveteranen gefordert worden, denen in dürren Worten krankhafte Sucht nach Renten vorgeworsen wurde. Auf diese seltsame „Liebe" der Konservativen zu den Kriegsveteranen antwortet der Führer der fränkischen Bauern, Memminger, in seiner „Bayerischen Landesztg." mit folgenden kräftigen Worten: „Wenn die Sucht nach der Rente eine währe Krankheit ist, so haben die heute im Alter von mindestens 62 Jahren stehenden Kriegsveteranen aus dem Stande der Bauern» Bürger und Arbeiter diese Krank­heit nur von den Junkern geerbt, denn niemand be­ansprucht (um ein Wort des alten Fritz zu gebrauchen) das Recht, am Staatsbarren zu stehen und zu fressen, mehr als gerade die , preußischen Junker. In der Armee wie im

F§m! 1 eton.

Die Errichtung des deutschen Kaisertums.

Die Gedenkfeier der vierzigsten Wiederkehr des Tages, an dem König Wilhelm zu Versailles zum Kaiser prokla­miert wurde, steht vor der Tür, und das glänzende Bild der erlauchten Versammlung, das uns Deutschlands geeinte Größe so eindrucksvoll repräsentiert, tritt besonders lebendig vor das geistige Auge. Aber man darf dabei nicht ver­gessen, wie viele Hemmnisse und Schwierigkeiten erst zu über­winden waren, wie viele retardierende Momente und Kom­plikationen dem grandiosen Schlußakt dieses Dramas voran­gingen. Besonders um die eigentliche Kaiserfrage ist viel gestritten worden; stand sie zunächst in den diplomatischen Verhandlungen Bismarcks um die Einheit des deutschen Reiches im Hintergründe, so rückte sie dann, als nord- und süddeutsche Staaten zum gemeinsamen neuen Bunde ver­einigt waren, desto mehr an die erste Stelle. Schon bei den Vorarbeiten zum norddeutschen Bund hatten einige Fürsten den Wunsch nach einem „deutschen Kaiser" ausgesprochen. „Der allgemein nebelhafte Ausdruck Präsidium" sollte „in den körperhaften Kaiser verwandelt werden", wie Herzog Georg von Meiningen sich ausdrückte. Mit der allmählichen Verwirklichung der Einheitsidee, die Bismarck von Ver­sailles aus in rastlosen Verhandlungen anstrebte und durch­setzte, trat für den Ministerprästdenten nun auch die Kaiser- frage immer mehr in den Mittelpunkt. Er wußte, daß er gerade in dieser Hinsicht auf seinen königlichen Herrn be­sondere Rücksicht nehmen müsse, denn Wilhelm I. hatte, wie Bismarck in seinen „Gedanken und Erinnerungen" aussührt, keinen Ehrgeiz, einen höheren Titel zu erlangen. „Was soll mir der Charakter — Major?" fragte er unwirsch. Sein (fori ausgeprägtes Selbstbewußtsein als König von Preußen vereinte sich mit der inneren Bescheidenheit« seiner Natur,

um den neuen Titel, die neue Krone abzulehnen. König Wilhelm war zu stolz zum Kaiser. Dieser Titel war ihm auch verleidet durch jenes Anerbieten an Friedrich Wil­helm IV. in der Revolutionszeit, die dir bösesten Erinne­rungen seines Lebens umschloß. Desto lebhafter waren die Wünsche des Kronprinzen Friedrich Wilhelm aus diese Erhöhung gerichtet. Er war der eigentliche Anwalt des Kaisergedankens, wie Professor Wilhelm Busch in seinem inhaltsreichen Werk „Die Kämpfe um Reichsverfassung und Kaisertum" aussührt. Schon vor dem Kriege 1866 hatte er zu dem General Blumenthal gesagt: „Jetzt müssen wir den letzten Trumpf ausspielen und uns zum Kaiser von Deutschland machen." Später begeisterte er sich für die Schaffung eines „Königs von Deutschland", worin er „von irgend einem der politischen Phantasten, denen er sein Ohr lieh", wie Bismarck sagt — gemeint ist Gustav Freytag — „bestärkt wurde." Sein fürstlicher Stolz aber ließ dann in ihm die Idee des deutschen Kaisertums erstarken, so daß er darin den Plänen Bismarcks entgegenkam.

Sehr willkommen war es Bismarck, daß bk Anregung der Titelverleihung während der Verhandlungen mit Bayern von dieser Seite her gegeben wurde. Er stimmte bereitwillig zu, als der Großherzog von Baden seinen Ein­fluß bei König Ludwig von Bayern anfbot, um ihn „zum Vortritt in der Kaiserfrage" zu bewegen. Aber dieser Ver­such geschah gerade in einem recht unglücklichen Stadium der Verhandlungen mit Bayern; Ludwig war gereizt und verhielt sich „ausweichend und ablehnend". Als nun durch das Stuttgarter Telegramm vom 11. November König Karl von Württemberg schon gemachte Zugeständnisse. wieder zurückzuziehen schien, da geriet einen Augenblick die ganze Angelegenheit überhaupt ins Stocken. Aber dre Schwierig­keiten, die durch die schwankende Haltung Ludwigs hervor­gerufen waren, wurden auch durch ihn selbst wieder be­seitigt. Von dem Verlangen beseelt, an den Verhandlungen in einer Bayerns würdigen Weift an erster Stelle teilzu­

nehmen, mußte ihm auch der Gedanie verlockend erscheinen, als Führer der deutschen Fürsten und freien Städte dem König von Preußen die Kaiserkrone anzubieten. Bismarck drängte ihn zu raschem Entschluß, indem er in München verlauten ließ, daß der König von Sachsen bereit sei, in der Kaisersrage die Initiative zu ergreifen. Nun schickte König Ludwig einen seiner Adjutanten, den Grafen Holnstein, direkt nach Versailles, um mit Bismarck zu verhandeln. Holnstein kannte seinen König. „Wissens was, Exzellenz", sagte er zu Bismarck in seiner gemütlich ehrlichen Weise, „schreibens gleich selbst eitlen Brief ruf, so wie er sein soll, sonst gibt es hintennach doch wieder Anstand." Mit dem Briesentwurf Bismarcks eilte dann der Abgesandte nach Hohenschwangau zu ,König Ludwig, der trotz eines schmerz­haften Zahngeschwürs den Brief nach dieser Vorlage schrieb. Am sechsten Tage nach seiner Abreise war Holnstein nach einer staunenswerten Leistung schon wieder in Versailles, und dem König wurde nun die Aufforderung Ludwigs über­geben, am 3. Dezember.

„Als wir das Zimmer verließen", so erzählt der Kron­prinz, „reichten Bismarck und ich uns die Hand: mit dein heutigen Tage sind Kaiser und Reich unwiderruflich herge­stellt." König Wilhelm aber erklärte den Brief „so zur Unzeit ivie nur möglich" und fuhr noch am 10. Dezember, als die Kaiserfrage bereits im norddeutschen Reichstag ver- handelt worden war, seinen Vorleser Schneider an: „Wer kann sagen, daß ich den Titel angenommen? Das kann nie­mand sagen." Am 12. schrieb Bismarck an seine Frau: „Mich plagen die Fürsten mit ihrer Geschäftigkeit, und auch mein allergnädigster mit all den kleinen Schwierigkeiten, die sich für ihn in der sehr einfachen Kaiserfrage an fürstliche Vorurteile und Kinkerlitzchen knüpfen."

So geringfügig Bismarck nach all den großen und schweren Kämpfen, die er nach allen Seiten hin hatte durch« ringen müssen, diese-Frage erschien, so tief erregten und durchwühlten den König die Gedanken an die neue Würde.