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Kr. SC.
Montag, LT. Zarrsar 1DU.
SS. Jahrgang.
Khend-klusgabe.
1. Wlatt.
NsLitische UverstchL.
Worte und Tate«.
Wenn Worte Taten wären, dann stände es gut mit uns und um uns. Herr v. Dallwitz, der neue Minister des Innern, sagte am Samstag im Abgeordnetenhaus manches, was man auch auf der liberalen Seite mit Befriedigung anhören konnte. Cr ließ hinlänglich deutlich durchblicken, daß ihm der agitatorische Eifer des Herr v. Maltzahn durchaus nicht gefällig daß er in diesem übereifrigen Herrn keineswegs das Ideal eines höheren Verwaltungsbeaulten erblickt. Aber was nützen uns alle Nöeinungen und selbst alle guten Vorsätze des Ministers, tvenn Tinge und Menschen stärker sind als er, wenn sich das überlieferte erzkonservative System trotz dem Minister und über ihn hinweg behauptet^ Gar nichts nützen uns Ansichten und Absichten, die von der Wirklichkeit immer von neuem widerlegt werden. Und daß stärkstes Mißtrauen bestehen bleibe und sich nicht etwa durch freundliche Verheißungen einlullen lasse, dafür sorgte, ohne es zu wollen, Herr v. Dallwitz selber, indem er sich auf die vorjährige Rede des Reichskanzlers berief, in der dieser ausdrücklich davon sprach, daß die politischen Beamten gegenüber allen Parteien völlige Unparteilichkeit zu üben und alle Chancen, alle unzulässigen Maßnahmen den einzelnen Parteien gegenüber zu unterlassen haben. Schön, das hat Herr v. Bethmann- Hollweg gesagt, aber was geschah alsdann? Wir erlebten den Prozeß Becker und wir sehen nirgends eine Änderung. Also, die Worte helfen nichts, Taten und Tatsachen sind stärker. Wir glauben auch ganz gern, daß das Treiben mancher Landräte den Männern an der Spitze der Regierung unangenehln genug fft. Es wäre ja unnatürlich, wenn es anders wäre. So klug sind die Minister schon, um zu sehen, daß die ausreizeu- den Übergriffe von konservativen Heißspornen und Strebern dem System nur schaden, indem sie die Kraft des Widerstandes weit in die ruhigsten Bürgerschichten hinein stärken. Deshalb braucht nian Reden wie die des Reichskanzlers, auf die sich Herr v. Dallwitz bezog, und Reden wie die des Ministers des Innern keineS- tvegs als bewußten Gegensatz zur eigentlichen Gesinnung dieser Männer anzusehen. Sie empfinden in der Tat so, nur daß, um es zu wiederholen, die Mächte, denen sie einen Dämpfer aufzusetzen wünschen, ihren
Feuilleton«
(RachdruS verboten.)
Berliner Theater- und fhmftlmefs.
Von Felix Poppenberg.
Hauptmarrrrs „Rattert."'-")
Gerhart Hauptmanns Berliner Tragikomödie ging, mit Spannung erwartet, am Freiing im Lefsing-Thealer in Szene. Am Schluß gab es Hulbigurrgen fitt üen Dichter unb die starke Trägerin seines Werks, Else Lehmann.
Die unmittelbare DrteAs'wirkung während der Vorgänge tvar aber nicht so wuchtig, daß pch der Beifall nach den Msckcküssen stürmisch entladen hätte. Das liegt daran, daß die Hauptsachen in diesem Stück einen kleineren Raum ein- tichmen als das Beiwerk, daß Episoden und Intermezzi überwuchern, daß die Führung der Handlung sehr schwerfällig in Gang kommt, und ihre dichterisch-psychologische Belichtung immer wieder durch Nebensächlichkeiten verdunkelt und verwischt wird.
Man fühlt eine unsicher schwankende Hand in der Steuerung dieses Schicksalsspiels, und das zerstreut und macht ungeduldig, statt daß nran in den ehernen Ring einer Notwendigkeit eingesponnen wird. .
Schon im Titel liegt etwas Irreführendes. Er ist äußerlich ausgeheftet. Er markiert den einen Schauplatz, den Dachboden, das Rumpelkammerrcich, das „Ratten-, Floh- und Mäuseparadies", das der verkrachte Theaterdirektor Hassenreuter als Schlupfwinkel sich ausgesucht. Er geht hier nicht, wie der alte Ekdal, aus die Rattenjagd, sondern erteilt zwischen den Pappenheimer Rüstungen und Kostümen — seinem alten Fundus, der nun Maskengarde- robe geworden — an blusige Anfänger dramatischen Unter-
*^©3 ist nun charakteristisch, daß dies Ratten-Mitieu, das Pate für den Titel ist, mrr den Schauplatz für die so üppig überwuchernden Episoden und Intermezzi gibt; der Schau-
*) Buch bei S. Fischer. Berlin.
Übermut, ihre Ungeberdigkeit, ihren unvernünftigen Trotz darum noch lange nicht aufgeben. Der Minister denkt und der konservative Landrat lenkt.
Hexx, schLtze Mich osN msirrer» Fremrdsn!
Der „Volkserzieher", jenes Organ, das eine Reichs- taaskandidatür des Grafen Posadowsky angeregt hatte, schlägt nunmehr auf Grund der empfangenen Antwort wirklich die ZählkanSidatur des Grafen Posadowsky in sämtlichen Reichstagswahlkreisen vor. Merkwürdig ist das Verzeichnis der Gruppen, von denen der „Volks- erzieher" eine Unterstützung der Kandidatur Posa- dowskys als sicher erwartet. Wir zitieren tvortlrch: „Ter (nämlich Graf Posadowsky) würde als unser Mann 100 000—200 000 Stimmen vertreten, wenn alle Volkserzieher, Guttempler, Kunstwörter, Türmer, Hammerleute, Ethiker, Bodenreformer, Monisten, Bolks- bildner usw ihre Pflicht tun." DaL ist ja eine recht bunte Gesellschaft. Mit den „Hammerleuten" sind nicht etwa die Angehörigen des Zimmerer- oder Maurerberufs gemeint, sondern die Freunde der Zeitschrift „Hammerer", die in Leipzig erscheint und das Organ des Antisemiten Th. Fritsch ist. Die Anhänger der Homöopathie, die verschiedenen Stenographengruppen und die Radfahrer scheinen vergessen worden zu sein. Ter Unterschied, der zwischen „Volkserzichern" und „Volksbildnern" gemacht wird, ist uns nicht klar geworden Ein Bedenken kommt dem Urheber des Vorschlags: „Durch diese Demonstration würde möglicherweise diese oder jene Linkskandidatur, tvürde möglicherweise der eine oder andere Liberale ausfallen." Der Mann rechnet sich also bei alledem zur Linken, zu den Liberalen (auch das Unglück noch!). Er weiß den Em- wand jedoch zu entkräften. „Wer die Zukunft gewinnen will, mutz aus einen zeitigen Erfolg verzichte!! können. Eventuell wäre ja noch bei der Stichwahl einiges wieder herauszuholen." Wie man bei einer Stichwahl etwas herausholt, aus der man ausgefallen ist, das ist ein Rechenkunststück. Vielleicht versteht der „Volkserzieher" sich auch auf derartiges. Was mag aber Graf Posadowsky gesagt haben, als ihm dieser Feldzugsplan für die Betreibung seiner Kandidatur vor die Augen kam? Hoffentlich schreibt er einen zweiten Brief und zieht seine Zählkandidatur wieder zurück.
DnEches Deich.
* Hof- und Bersonal-N-lchrrchten. Der Geheime Kommerzienrat Karl Ang. Schneider Hauptmann a. D., ist tm 73. Lebensjahre in Karlsruhe gestorben. Der Verstorbene begleitete zahlreiche Ehrenämter und gehörte m den 80er Zähren als nationalliberales Mitglied dem Reichstag und der Zweiten Badischen Kammer an.
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Platz des eigentlichen Begebnisses aber ist die in demselben Berlin X.Haus gelegene Wohnung des Maurerpoliers John und seiner Frau. . „ ^ ^
Dies Begebnis dürfte „Mütter" heißen, und ich suche nun seine zerrissenen und versprengten Bestandteile aus den VerstrickiMgen des Beiwerks der fünf Akte heraus und rücke sie übersichtlich zusammen.
Dann ergibt sich folgende Geschichte:
Diese Frau John, dem jährlichen Alker nah, ver- nachläMgt, — denn ihr Mann hat auswärts, in Altona, seine Arbeit und kommt nur vorübergehend nach Haus, — zudem seit dem schnellen Tod ihres einzigen Kindes grüblerisch und gemütsverstört, diese Frau verbohrt sich in ihrer Einsamkeit in den einen Gedanken, noch einmal Mutter zu werden und ein Kind zu fühlen. Sie bringt intt raffinierter Überlegung einen äußeren Betrug zustande und kauft einem polnischen Dienstmädchen, als alles vorbereitet und dieses bei ihr heimlich entbunden, das Neugeborene ab.
Dieser Betrug bleibt aber kein äußerlicher, er wird — und hier liegt das dichterisch leider zu wenig ausgestalLetL Seelenmotiv des Stücks — ein innerlicher, ein Selbstbetrug. Die Mutteridee wird in dieser Hysterikerin aus dem vierten Stande zur läse fixe, sie macht sie zur lere imaginairo und treibt sie in die mystische Äberspannnng des Gefühls, daß sie glaubt, ihr tores Kind sei ihr wunderbar und wahrhaft wiedergeboren. Das ist das „große Geheimnis", von dem sie, für die anderen rätselhast, seltsame Worte vor sich himmirmelt.
Die tragische Katastrophe dieses Gefühls bildet nun die eigentliche Handlung. Der eingebildeten Mutter tritt die richtige Mutter, jene Polin, als Gläubigerin gegenüber. Auch ihr Trieb ist heftig und zwingt sie zu ihrem Kind zurück. Sie verlangt es wieder. Und wie diese Mutterlsiden- fchaften der beiden Weiber ans dem Volk naturhaft, mit der entfesselten Wut der Tiere, die um ihre Jungen kämpfen, auseinanderplatzen, das ist eine der wenigen starken und herzschlagersüllte« Szenen des Werks. . Nicht genug kann man Else Lehmann bewundern, die als Frau >?ohn ein elementares Schauspiel menschlicher Urgesühle entfesselte, und auch Hilde Herterich, ihre Gegnerin, war echt und eindrucksmächsi-g in instinktiven Ausbrüchen.
* Eine Reise des Kaisers nach Korfu? Rach einem Telegramm der „Tribnna" aus Korfu verlautet dort, der Kaiser werde demnächst int Achilleion eintreffen.
* Zu dem Zweckverbandsgesetz für Groß-Berlin bemerkt die „NorÄd. Allg. Zig.": Für die Stadt Berlin w ihren! Verhältnis zu den umliegenden Stadt- und Landkreisen bietet das allgemeine Zweckverbandsgesetz keine genügende Lösung des Problems der kommunalrechtlichen Zusammenfassung. Bestimmte Aufgaben verlangen dort gebieterisch eine Interessengemeinschaft. Bei den bereits gepflogenen Verhandlungen aber ist ein tiefer Interessengegensatz der Kommunen hervorgetreten, der zu der Interessengemeinschaft der Bevölkerung Groß-Berlins in einem unerträglichen Mißverhältnis steht. Ein Ausgleich kann nur ein O r gan i s ai i ons a kt des Gesetzgebers schaffen. Der Entwurf saßt die Städte Berlin, Charlottenburg, Schöneberg, ' Rixdorf, Deutsch-Wilmersdorf, Lichtenberg UNd Spandau, sowie die Landkreise Teltow und Rieder- Barnim zu einem Verbände Groß-Berlin zusammen und gibt diesem drei Ausgaben: Regelung des Bahnverkehrs, Beteiligung an der Festsetzung von Baufluchtplänen und am Erlaß von Bauordnungen und endlich Erwerbung und Erhaltung des Wald- und Wiesengürtels. Der Geldbedarf des Verbandes soll durch Matriku'larbeiträge ausgebracht werden. Die Organisation beruht auf dem Grundsatz der freien Selbstverwaltung. Die Organe des Verbandes sind die Berbandsversammlung, welcher die Beschlußfassung, der Verbandsapsschutz und der Verbandsdirektor, welchen die Verwaltung, bezw. Erledigung der lausenden Geschäfte obliegt. Zur Entscheidung Wer Streitigkeiten wird eine Beschlutzbehörde berufen, deren Vorsitzender öer Ober-Präsident ist. Beide Gesetze sollen am 1. April 1911 in Kraft treten. — Aus den Spezialbe- stimmnngen des Entwurfs zum Zweckverbandsgesetz für Groß-Berlin ist hervorzuheben, daß die Verbandsver- sankmlung außer dem den Vorsitz führenden Oberbürgermeister von Berlin noch 99 Mitglieder zählt, die auf dre VerbaNdsmitglieder nach der Einwohnerzah! mtt der Maßgabe verteilt werden, daß kein Mitglied mehr als e t n Drittel der Stimmen haben darf. Hiernach werden auf Berlin nur 33, Eharlottenburg 11, Schöneberg 6, Rixdorf 8, Deutsch-Wilmersdorf 4, Lichtenberg 3, Spandau 3, Landkreise Teltow und Nieder-Barnim 16, bezw. 15 Stimmen fallen.
* In Sachen der Kali-Schmiergelder lernen wir aus
einer Veröffentlichung des Präsidenten des bayerischen Landwirtschastsrates, Di. v. Soden-Frauenhofen, in den „Münck, Reuest. Rache." über den Austritt des Professors v Soxhlet auch den Text des neuen Vertrages kennen, den di- Deutsche Landwirtschastsgesellschast mit dem Kalisyndikat abgeschlossen Hht. — 1902 — hieß es: „Die Körperschaften verpflichten sich, für Verbreit n n g der Kenntnrs tzrzx An^vendMg cxHcr Kcrllsulze itt bst L-anb-
Wirtschaft unablässig Sorge zu tragen und alle diesem
Doch weiter im Text.
Frau John kämpft Weiler um das Kind. Zunächst durch einen neuen Betrug, durch eine neue KiNdesunter- schiebung.
Sie will der Polin einen elenden Säugling aus einer anderen Arnierrlcujewohnung als Kind einreden. Diese Biegung wird nicht nur von der John, sondern auch von Hauptmann sehr wenig geschickt gemacht und zudem mtt einer Ungeduld schaffenden WerflMgen Einlage ausgestattet. — der deklarnatorischen Lebensbeichte einer Gefallenen besseren Standes, der dritten Mutter dieses Mürrer- stücks. Der Versuch mißlingt, die echte Mutter bedrängt die falsche weiter, und nun kommt die Verzweifelte in ihrer Zerrüttung und Besessenheit auf das Mittel der Gewalt. Sie stiftet ihren Bruder, einen Verkommenen, eine Kaschemmenexistenz, an, und der bringt den polnischen Quälgeist um die Ecke.
Die Blutschuld zerstört aber den ohnehin aus den Fugen gegangenen Sinn der Frau vollends, und als die Polizei kommt, und man ihr das Kind sortne'hmen will, stürzt sie sich auf die Straße.
Die Tragödie einer gehetzten armen Seele ist das aus dem Stamm der Rose Bernd und der Frau des Fuhrmaniis Henschel, und das Urteil über sie liegt gut ausgesprochen in einigen Worten der Buchausgabe: „Mag sein, daß in diesen verkrochenen Kämpfen und Schicksalen manches Heroisch und manches verborgen Verdienstliche ist".
Mag sein" — dichterisch heraus kommt es jedenfalls und hiermit setzt die Kritik ein — nur nnvollkoimnen.
Liebevolles Rach- und Einfnhlen kann am nächsten Tag rückblickend und an der Hand des Buches die Wesensfädcn aus dem unruhig versponnenen Gewebe herausziehen und an ihnen die künstlerische Absicht Hauptnmrms deutlich zu machen suchen. Doch vor der Bühne wird man irritiert. Ein Durcheinander von innerlich ganz unverbundenen, sich hemmenden, aufhaltenden Szenen, lähmt die Teilnahme und erweckt manchnial den Eindruck eines Tramwagens mit zufällig zusammengewirbelien Personen.
In der Ausarbeitung dieser Tragikomödie nimmt der eigentliche Haupfftoff, das tragische Klima, wie schon ein- gangZ bemerkt, unproportimml dm kleineren Raum ein.
