Für die Aufnahme von Anzeigen an vorgeschriebenen Tagen und Plätzen wird keine Gewähr übernommen.
Wöchentlich 12 Ausgaben.
«»zeigeu-Annahmc: Für die Abend-Ausgabe bis IS Uhr mittags; sür die Morgen-Ausgabe bis S Uhr nachmittags.
Gegründet 1852.
Fernsprecher-Rufr
„Tsgblatt-H-us" Nr. 6650-53. von 8 Uhr morgens bis 8 Uhr abends,
Brrlag Langgaffe 21
„Tagblatt-Haus".
Echalter-Halle geöffnet von 8 Uhr morgen» bis 8 Uhr abends.
BezugI-Preis für beide Ausgaben: 70 Psg. monatlich, M. 2 .— vierteljährlich durch den Verlag Langgaffe St, ohne Bringerlohn. M. 3.— vierteljährlich durch alle deutschen Postanstalten, ausschließlich Bestellgeld. — Bezugs-Bestellungen nehmen außerdem entgegen: in Wiesbaden die Zweigstelle Bis- marckrmg 29, sowie die 112 Ausgabestellen in allen Teilen der Stadt; in Biebrich: die dortigen 22 Ausgabestellen und in den benachbarten Landorte» und im Rheingan die betreffenden Tagblatt-Träger.
Anzrigeu-PrciS für die Zeile: iS Pfg. für lokale Anzeigen im „Arbeitsmarkt" und „Klemer Anzeiger" in einheitlicher Satzsorm; SoPsg. in davon abweichender SatzauSführnng, sowie für alle übrigen lokalen Anzeige»; 30 Psg. für alle auswärtigen Anzeigen; 1 Wk. für lokale Reklamen; 2 Wk:für auswärtige Reklamen. Ganze, halbe, dritte! und viertel Seiten, durchlaufend, nach besonderer Berechnung. — Bei wiederholter Ausnahme unveränderter Anzeige» in kurzen Zwischenräumen entihrechender Rabatt.
iFffTüT
Sonntag, 15. Januar 1911,
59. Jahrgang.
Morgen *Ausgabe
1. Matt.
MAetzung höh MM und MWrie.
Tie deutschen Handelskammern ebenso wie die gcn= traten Interessenvertretungen haben schon häufig darüber zu klagen gehabt, daß sie bet den amtlichen Stellen nicht dieselbe Beachtung finden, die landwirtschaftlichen Interessenvertretungen, insbesondere dem Deutschen Landwirtschaftsrat, zueil wird. Einer der Hauptbeschwerdepunkte besteht darin, daß die Interessenvertretungen von Handel und Industrie die sie angehenden Gesetzentwürfe von der Regierung nicht rechtzeitig zur Kenntnisnahme und Begutachtung zu gestellt erh alten. Trotz aller Bemühungen und wi ederholter Eingaben der wichtigsten Körperschaften ist hier noch immer keine Besserung erzielt worden. Diese fast gewohnheitsmäßige Zurücksetzung kommt neuerdings wieder in einem Schreiben zum Ausdruck, das die Handelskammer zu Sorau vor kurzem au den preußischen Handelsminister gerichtet hat. Es heißr darin:
„Mit lebhaftem Bedauern haben wir erfahren, daß der Entwurf einer preußischen Polizeiverordnung über den Verkehr mit Mineralölmischungeil zwar den sächsischen, nicht aber den preußischen Handelskammern zur Begutachtung vorgelegt ist. Wir bitten Eure Exzellenz dringend, die erforderlichen Anweisungen erteilen zu wollen, damit die Gepflogenheit, derartige Normativverordnungen den Handelskammern im Entwurf nur in Ausnahmefällen vorzulegen, endlich beseitigt wird. Tie Auswahl der zu befragenden Sachverständigen durch das Ministerium oder untere Instanzen muß stets eine lückenhafte bleiben und deshalb der . Erlaß einer solchen Verordnung naturgemäß Reklamationen und vielfachste Erregung zur Folge hoben. Durch die Handelskammern dagegen gelangt dieSache an alle inBetracht kommendenJnteressenten, Wenn auf diesem Wege eine etwas längere Frist verstreicht und mehr Bedenken auftauchen, so kann das nur von Vorteil sein, da bisher mit jeder neuen Verordnung der Unwille der gewerbetreibenden Kreise gegen die sogenannte bureaukratische Verwaltung mehr gestiegen ist."
Wir können hinzufügen, daß beispielsweise der Entwurf des neuen Internationalen Eisenbahn- s r a ch t a b k o m in e u s .zwar dem Zentralverband Deutscher Industrieller zur Begutachtung unterbreitet ist, n i cb t aber dein. Handelsvertragsverein, obwohl dieser sich ja gerade mH den Fragen des internationalen Verkehrswesens, eingehend befaßt. Auch bei ärmlichen Rückäußerungen zu Eingaben und Anträgen wurde zu wiederholten Malen festgestellt, daß, wenn gleichartige Anträge in derselben Sache etwa vom Handelsvertragsverein, vom Deutschen Handels- t ß g und von größeren Fachvereinen gestellt waren, die offizielle Antwort nur der einen oder anderen Körperschaft, iiicht aber gleichmäßig allen Antragstellern zu-
(Naäidrnck verboten.
Piddl Hunderlmnrks erste Liebe.
Von Wilhelm Scharrelmann.
In dem Hofe hinter Piddls Hause wuchs eine Sonnenblume. Kein Mensch wußte, wie der Same dorthin gekominen war, denn der Hof war dunkel m>d eng. Düster starrten die hohen, vom Rauch geschwärzten Mauern der Häuser in die finsteren Höfe hinab, dre hinter beit Häusern in der Winkelgasse lagen. Sb ein Kind das Samenkorn beim Spielen aus den blassen Finger» verloren oder der Wind es über die Dächer hinweg dorthin getragen hatte? Plötzlich, wie ein lebendiges Wunder stand die junge Pflanze da und reckte die Blätter hungrig dem Lichte eiltgegen. Sie wuchs mit jedem Tage. Man konnte sie beinahe wachsen sehen. Sie hatte solche Sehnsucht nach der Sonne, deren Strahlen niemals in den engen Hof hinabstiegen, in dem sie stand und wuchs und wartete. Hoch oben, an den Gesimsen der Häuser, wunderten die strahlen vorbei, als scheuten sie sich, iit die finstere Schattenwelt der dunklen Höfe ytnaufzusteigen, wo hier und dort schmutzige weiße Wäsche regungslos aus rostigen Drähten trocknete, alte Kehrichthaufen von zerbrochenen Scherben und allerhand Gerümpel lagen und Melancholisch düstere Kellersenster auf die Höfe hinaus- schcmten.
Als.Piddl die Sonnenblume zum erfieu Male sah, war er starr vor Erstaunen. Er wußte iiicht. was er
ging, so daß der unberücksichtigt gebliebene unter Umständen erst durch die beteiligten Firmen von dem Ergebnis unterrichtet wurde, nachdem diese darüber von anderer Seite Kenntnis erhalten hatten. Wir nehmen in all diesen Fällen nicht eine bewußte und beabsichtigte Zurücksetzung bestimmter Organisationen an. Jedenfalls aber ist sehr zu wünschen, daß die Behörden bei der Versendung von Gesetzentwürfen und sonstigen Materialien zur Kenntnisnahme und Begnt- ochtung größere Einheitlichkeit und gleichmäßigere Berücksichtigung der Interessenvertretungen durchführen, als dies heute der Fall ist. Die Behörden täten gut, gerade in solchen Formalien, die leicht verstimmend wirken und den Eindruck beabsichtigter Zurücksetzung machen können, peinlichste Neutralität walten zu lassen.
Uolitrsche Merstcht.
Eins rrrefLitzreude Darstellung.
In den Erörterungen ausländischer Blätter über die Potsdamer Besprechungen begegnet man nicht selten einer Darstellung, wonach sich die Staatsmänner der beiden Reiche über das Bagdadbahnunternehmen verständigt hätten. Es empfiehlt sich, diese Darstellung abzulehnen, die bestenfalls ein Mißverständnis, wahrscheinlich aber eine absichtliche Irreführung, ist. Von einer Verständigung mit Rußland über die Bagdadbahnfrage konnte schon darum keine Rede sein, weil die einzige Macht, mit der ein Einvernehmen über diese Frage zu erzielen war und aufrecht zu erhalten ist, nur die Türkei als Landesherrin der im Bau begriffenen Eisenbahn sein kann. Wenn es also in den, nach ihrem Ursprung noch nicht genügend aufgeklärten und nach ihrem Inhalt noch kontrollbedürftigen.Mitteilungen über die Potsdamer Vereinbarungen heißt, daß mit russischer Zustimmung eine Zweigbahn von Bagdad an die persische Grenze. gebaut werden soll, so kann diese Mitteilung eben nicht richtig sein und ist es auch nicht, denn diese Zweigbahn wird auf türkischem Gebiet verlaufen, und nur die Zustimmung der Pforte zu einer derartigen Erweiterung des Bahnnetzes wäre einzuholen. Hiernach beschränkt sich die deutsch-russischeVerständigung auf dieLinie, die sich von der persisch-türkischen Grenze bis zu der t r a n s p e r s i s ch e n , von Rußland in Aussicht genommenen Eisenbahn zu erstrecken hätte. Zur Richtigstellung eines, wie der Augenschein zeigt, ziemlich weitverbreiteten Irrtums mag diese Feststellung immerhin von Wert sein.
Mchons Rede.
L. Berlin, 13. Januar.
Tie Rede Pichons ist in hiesigen politschen Kreisen mit Befriedigung gelesen worden. Wenn der französische Staatsmann von dem Bündnis mit Rußland erklärte, daß es in aller Jugendfrische und in «»geschwächter Kraft fortdauere, so hat man hier keinen Anlaß, an diese Feststellung irgendwelche Glossen zu knüpfen, zumal Pichon selber sür einen angenehmen
sagen sollte. Das war ja ein Märchen! Eine richtige, lebendige Pflanze auf seinem Hofe. Wie rätselhaft schlank die Blume war, wie eine Prinzessin, Und wie schnell sie wuchs.
Täglich ging er hinaus in den Hof, um sie zu betrachten. Nach einigen Wochen war sie schon so groß, daß sie über die Holzplanke in den Hof des Nachbars gucken konnte, aber sie hörte nicht aus zu wachsen. Es war, als wenn ihren Wurzeln aus dem feuchten Grunde des Hofes immer neue Triebkräfte znströmten, die in ihren Adern zum Lichte empordrängten, als hätte auch den Erdboden, der so lange in Schatten und Finsternis gelegen, eure unbezwingbare Sehnsucht nach Licht und Sonne ergriffen, als könne er nun in der einsamen, lichthungrigen Pflanze die Erfüllung seiner Sehnsucht finden, und als strömten nun alle Kräfte des Erdreichs, das so lange brachgelegen, in schwellendem Verlangen der blaßgrünen Pflanze zu, die, von all der Sehnsucht um sie her ernährt und getragen., wuchs und
wuchs.Aber die Sonne hatte sie immer noch
nicht erreicht. Nicht einmal der Wind spielte mit ihr in der modrig dumpfen Luft der Höfe. Regungslos stand sie da, und endlich eines Tages, als an einem Gewittertage die stickige Schwüle der Gassen auch'in dm Höfe hinabsank, meinte die Pflanze, die be
rühre sie mit ihren warmen» Strahlen, und schlug ihr Auge auf, ein großes, goldiges Sonnenblumenauge, das voll verzehrendem Verlangen zu dem blauen Sommerhimmel hinaussah.
„Sie blüht! Sie blüht!" schrie Piddl und tanzte vor Freude um die Blume herum, seine Blume, die
Ausgleich durch die weitere Erklärung sorgte, daß die Begegnung von Potsdam französischerseits als eine neue und eind der festesten Grundlagen des Welt- fr i e d e n s begrüßt zu werden verdiene. 'Die Wü» digung der Potsdamer Besprechungen durch Herrn Pichon hält sich durchaus im Einklang mit den Tatsachen, zu denen die Fühlungnahme zwischen den deutschen Staatsmännern und Herrn Ssasonow geführt hat. Wenn immer noch in einem Teile der westeuropäischen Presse versucht wird, den Potsdamer Zarentagen eine über das Maß der getroffenen Verein- barungen hinausgehende Deutung und Bedeutung bei- zumessen, so werden nach hiesiger Auffassung die ruhigen Darlegungen Pichons geeignet sein, sowohl Mißverständnisse wie Beunruhigungen zu zerstreuen. Es verdient besonders hervorgehoben zu werden, daß dep Leiter der auswärtigen Politik des Nachbarreichs zutreffend daraus hingewiesen hat, daß es sich bei der Aussprache zwischen dem deutschen Reichskanzler und Herrn Ssasonow mehr darum handelte, dem wirtschaftlichen als dem politischen Wettbewerb ein Ende zu machen. Der Redner betonte aus genauer Sachkenntnis heraus zu sprechen, und da man hier naturgemäß in der Lage ist, diese seine Versicherung als richtig an- znerkennen, so haben seine Ausführungen über Wert und Inhalt der deutsch-russischen Abmachungen den Anspruch auf erhöhte Wichtigkeit. Man erklärt sich hier, wie gesagt, mit der Darstellung Pichons im wesentlichen einverstanden, und man erblickt in ihr ein Moment der Entspan n u n g und Entlastung der internationalen Lage.
* v. Stephans 80. Geburtstag. Am 7. Januar, dem Tage, an dem Heinrich v. Stephan vor 80 Jahren das Licht der Wett erblickte, war die Grabstätte des Verstorbenen auf dem stillen Friedhofe der Berliner Dreifaltigkeitsgemeirrde mit Blumen und Kränzen geschmückt. In treuem Gedenken hatten auch der Staatssekretär und das Kollegium des Reichs-Postamts dem ersten deutschen General-Postmeister einen Kranz gewidmet, den der Staatssekretär selbst ant Denkmal des Verewigten niederlegte.
* Der neue Militärbeuollmächtigte am russischen Hofe, v. Hintze, Kapitän zur See, Flügeladjutant des Kaisers und Königs, ist nunmehr von der Stellung als Militärbevollmächtigter am russischen Hofe, attachiort der Person des Kaisers aller Reußen und zngeteilt dem Hauptquartier, enthoben und in die Reihe der diensttuenden'Flügel- adjutanteu des Kaisers übergetreten, v. Lauenstein, Gen.-Major, General ä 1. s. des Kaisers und Kommandeur der 38. Jnf.-Brig., von dieser Stellung enthoben und unter Belastung in dem Verhältnis als General ä 1. s. zum Militär-Bevollmächtigten am Kaiserlich Rust. Hofe ernannt, der Person des Kaisers aller Reußen attachiert and dem Hauptquartier zugeteilt.
* Die Fernsprcchgebtthrenordnung. Die Budgetkom- Mission des Reichstags hat ihren Bericht über die Beratungen des Entwurfs einer Fernsprechgebührenordnung durch den Abg. Beck-Heidelberg erstattet. Der grundlegende § 3 lautet nunmehr wie folgt: Die Gesprächsgebühr ist die Ver-
er so lauge behütet und bewacht hatte und die nun stolz und aufgerichtet ihre erste Blüte dem Lichte ent- gegenhiett.
„Klara!" -rief er über die Holzplanke in den Nach- bc.rgarten hinein, „Klara, meine Sonnenblume blüht!"
Klara war die Tochter des Flickschusters Dinghammer, der in der benachbarten Kellerwohnung hauste. Mit ihr spielte Piddl am liebsten. Sie war. ein Mädchen von zehn Jahren, mit einer Fülle schivarz- braunen Haares, das ihr ungeslochten über die eckigen Kinderschultern siel. Sie besuchte dieselbe Schule w:e. Pidde! und sie gingen meistens den Schulweg zusammen.
„Sieb nur mal hinauf, da oben sitzt die Blüte!"
„Wirklich", ries Klara, „sie blüht!"
„Komm einmal herüber in unseren Garten", rief Pid'del. (Er nannte den Hosplatz heute einen Garte». Es stand ja eine Blume darin. Eine richtige, lebendige Blume!) Klara kam. _
Noch einmal wurde die Sonnenblume bestaunt.
„Wie groß sie geworden ist!" sagte Klara.
„Und wie kräftig!" beteuerte Piddl, indem er den Stengel vorsichtig hin- und herbog. „Ich glaube, es könnte ruhig ein Sturm kommen, er würde sie nicht knicken."
Auch Klara bog ihn ebenso vorsichtig ein wenig zur Seite. Leise schaukelte die Blume oEeu in der stillen Luft.
„Ein Sturm? Das glaube nur nicht!" sagte sie. mit gerunzelter Stirn. „Stürme können Mastbäume brechen und. Häuser abdecken."
