Witsbsdemr TsgM.
«MÄTi« Wöchentlich 12 AusgMll. ^ Gegründet 1852.
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Nr. 2».
Samstag, 14. Januar 1911.
59. Jahrgang-
Morgen - Ausgabe.
1. Matt.
Für die Ärmsten der Armen.
Ein letzter Appell für das Hausarbeitergesetz.
II. K. Berlin, 12. Januar,
Seit Jäh reck wird der Kampf für die Heimarbeiter geführt. Verschiedene Ausstellungen und Kongresse haben die gesetzliche Regelung angestrebt. Endlich erschien im Jahre 1907 die ersehnte Vorlage. Diese wurde dann abgeändert. Eine doppelte Kommissionslesung ist auch erledigt. Aber noch in letzter Stunde macht die Regierung Schwierigkeiten. Tie Kernfrage rvill sie ausschalten. Deshalb hatte auf heute ein Komitee ans Arbeitervertretern und Sozialpolitikern einen allge- gemeinen Heimarbeitertag nach Berlin gerufen.
Über dreihundert Vertreter waren aus allen Teilen Deutschlands dem Rufe gefolgtMänner und Frauen, einfach gekleidet, meist bleiche, abgezehrte Gestalten, viele hatten mit Mühe die großen Kosten zusanunenge- bracht, um hier ihr Gewicht mit in die Wagschale zu legen. Manche konnten ihre Gedanken nur schwer verständlich machen, sie hatten ihre Rede vorher zu Papier gebracht. Aber wenn sie auch nur anüeuten konnteil, was sie wollten, die krackte Schilderung der jämmerlichen Löhne und des gesamten E l e nd s der Heimarbeiter wirkte mit der Deutlichkeit von Scheinwerfern. Es waren ja etliche Abgeordnete und Regierungsvertreter anwesend. Aber man hatte ihrer viel mehr gewünscht. Denn gegenüber der unmittelbaren Schilderung von Not und Elend verflüchtigen sich die Bedenken der Leute am grünen Tisch wie die Nebel vor dem hellen Tageslicht.
Ter Referent, Prof. W i l b r a n d t aus Tübingen, hob mit großern Nachdruck hervor, daß die Kernfrage des ganzen Heimarbeiterschutzes die Regelung der Lohn frage ist. Aber gerade dagegen sträubt sich die Regierung. Sie will keine staatliche Festsetzung von Mindestlöhnen. Sie hält das für einen Sprung ins Dunkle. Taber ist es höchstens 53 Jahre her, daß die Regierung z. B. die Löhne der Bergarbeiter festsetzte. Doch es mag sein; staatliche Mindestlöhne sind für uns heute etwas Ungewöhnliches. Auch die Arbeiterschaft lehnt diese sonst rundweg ab. Hier handelt es sich aber um eine Gruppe von Arbeitern, die sich selbst nicht helfen können. Die Organisation der Heimarbeiter ist nur in ganz wenig Fällen gelungen, so z. B. bei den Portefeuillern. Ter Vertreter dieser Gruppe lehnte darum auch rundweg die staatliche Regelung ab. Alle anderen aber waren einmütig dafür. Sie erklärten zusammen mit dem Referenten,
Feuilleton.
(Nachdruck verkotcn.)
Berliner Stimmungsbilder.
Von Paul Lind cnb erg.
Vearllnditng der Kaiser-Wrlhelm-Gesellschaft. — Beginn der Gesellschaftssaison. — Die ersten Bälle. — Tanzweisrn und Modelaunen. — Die Schneiderttiranne, der Bühnen.— Frau Karin Michaelis. — Ihr Vortrag und das „Gefährliche Alter . — Die Spielzeug-Ausstellung vergangener Jahrhunderte. — Aus dem Theaterleben.
Das war ein guter Jahresanfang, nicht nur sür Berlin, sondern für das gesamte Reich, daß hier soeben die Kaiser- Wilhelm-Gesellschast zur Förderung der Wissenschaften tatkräftig ins Leben getreten! Freudig muß anerkannt werden, welch opferwillige Unterstützung die fruchttragende Idee gefunden, und wenn man naturgemäß bei einem Ausnahmebeitrag von 20000 Mark mld einem jährlichen Beitrag von 1000 Mark auch nicht von einer Beteiligung „der weitesten Kreise" sprechen kann, so genügt schon, daß die obersten Tausend Ntöglichst zahlreich zur Stelle sind! Jene breiten Volksschichten nehmen indirekt um so innigeren Anteil an der Entwicklung und Tätigkeit der exklusiven und doch so populären Gesellschaft, deren reiche Mittel — wie es Geh. Rat Professor I>r. Fischer in seinem bedeutsamen Vortrag im Kultusministerium her- vorgchoben — dazu dienen sollen, den Volkswohlstand zu heben.
Und das ist wichtiger wie all der Saug u>ld Klang, mit dem jetzt die eigentliche Saison begonnen! Vorläufig herrschen in dem vielstimmigen gesellschaftlichen Konzert die zarteren Weisen der Schalmeien vor, um sich zu vergewissern, ob bereits die nötige Stimmung Kr die mit volleren Tönen einsetzenden Instrumente vorhanden —, ist dies der Fall, so geht's im tollen Wirbel los. Die Reihe der großen öffentlichen Festlichkeiten vornehmerer Art eröffnte diesmal in den schönheitsvollen Räumen des neuen ÄMdwchroffizier - Kasinos am Zoologischen Garten der
daß alle anderen Bestimmungen z. B. über gesunde Wohnräume, Verbot einer zn langen Arbeitszeit usw. eine Last für die Arbeiter sind, die sie nicht tragen können, wenn sie nicht anständig verdienen. Ohne Lohnregelung würde das ganze Gesetz bloß eine Regulierung der Not durch Strafen bilden. Dabei braucht man den von der Regierung bekämpften Ausdruck staatliche Lohnämter gar nicht anzuwenden. Vielmehr kommt es darauf an, daß von Arbeitern und Arbeitgebern Lohnkommissionen _ gebildet werden, welche Lchntarife festsetzen, die z w i n g e n d e s R e ch t werden müssen. Solche Lohnkommissionen sind bereits heute vielfach vorhanden. Einsichtige Unternehmer sind durchaus dafür. Es kommt nur darauf an, daß sie zwingendes Recht werden, damit eine Schmutzkonkurrenz unmöglich wird. Dann mutz die sogenannte Regi- st r i e r u n g hinzu kommen, d. h. die Arbeitgeber müssen Listen von sämtlichen Beschäftigten aushängen, damit die einzelnen Arbeiter sich kennen lernen.
Andere Länder das wurde geschickt betont — haben uns längst das Experiment vorgemacht. Am frühesten Viktoria in Australier,. Dann seit einigen Jahren England. Auch in Österreich und Frankreich fängt man an. In England hat sich gezeigt, dah die Festsetzung von Mindestlöhnen sich geradezu glänzend b e w ä h r t hat. Sie hat die Organisierung der Arbeiter ungemein glücklich gefördert.
Wir wollen hoffen, daß dieser neue und letzte Appell der Heimarbeiter seine Wirkung nicht verfehlt. Tie Regierung ist ja allerdings augenblicklich in sozialer Beziehung ohne alle Initiative. Sie fürckitet sich, der Sozialdemokratie entgegenzukommen. _ Aber wenn ein so besonnener Mann wie der frühere Minister v. Berlepsch heute sagen konnte: Jedes Zögern ist von, Übel, so kann man bei den. Widerstrebenden nur noch vom bösen Willen sprechen.
Politische Kberstcht.
Die Kage des deuischerr Aebeitsmarktes.
Tie Berichte der Arbeitsnachweise für den Monat Dezember 1910 ergeben, daß der Andrang Arbeitssuchender auf je 100 offene Stellen von November aus Dezember 1910 nur' um 4,9 in die Höhe gegangen rst, während er int gleichen Zeitraum des Jahres 1909 uni 7,4 gestiegen war. Er ging 1909 von 157,7 auf 165,1, iin Jahre 1910 von 146,7 'auf 151,6 hinauf. Die Erleichterung gegenüber dem entsprechenden Vorjahrsmonat, die im Oktober erst 4,6, im November 10,1 betragen hatte, ging im Dezember auf 13,5 hinauf. Wie im Monat November, so gab es auch im Dezember seit 1896 nur vier Jahre, irr denen der Andrang noch n,e- driaer war. nämlich die Hochkonjunkturjahre 1898 und
Ball des Berliner Schriftsteller-Klubs, der seine in den letzten Jahren erprobte Zugkraft von neuem erwiesen; denn aus unseren besten Gesellschasts- schichten hatte sich ein großer Kreis Teilnehmer und Teilnehmerinnen eingesunden, darunter Träger und Trägerinnen vieler bekannter Namen der Reichshauptstadt. Das Programm des Festes bot viele Abwechslungen in sorgsamer Zusammenstellung; den unterhaltenden Mittelpunkt bildete um Mitternacht die „Schlager-Revue", die uns einen fanrosen Auszug brachte der packendsten und amüsantesten (lesangseinlagen unserer vielgespieltesten Operetten und Possen. Wenn man auch unter den Besucherinnen einige Aschenbrödelerscheinungen bemerkte, die durch irgend einen Zufall hierher verschlagen sein mochten, so fiel im allgemeinen die große Zahl geschmackvoller und reicher Toiletten auf, die einen erheblichen Umschwung zum Bestem gegen früher bedeuten. Noch nie vorher war wohl Frau Mode so vielgestaltend und kapriziös wie in diesem Winter mit dem Motto: „Erlaubt ist, was gefällt", und die gleiche Abwechslung wie im Entwurf der Kostüme herrscht in der Wahl der Stoffe vor. Vom malerischen Standpunkt aus ist es freudig anzuerkennen, daß jene gewisse Gleichförmigkeit der Balltoileiten, die noch vor wenigen Fahren auf dem glänzenden Parkettboden unter dem flimmernden Schein der Kronenleuchter vorherrschte, geschwunden ist; kommen auch jetzt noch mancherlei Geschmacksentgleisungen vor, so übt doch nicht mehr das berüchtigte Schema B gleich 0 seine Herrschaft aus, dem sich früher oftmals Blond und Braun und Schwarz willig unterworfen — bequemer war's freilich, aber Kr die anderen desto langweiliger!
Wer einen Vergleich zwischen „so'ncn und svnen Toiletten anstellen wollte, der brauchte sich in jetter Nacht vom Schriftstellerball nur zum Metropol- Theater- Ball zu begeben, um völlig aus seine Rechnung zu kommen, falls er sich davon zu überzeugen gedachte, daß das Ungeahnte wirklich zum Ereignis werden kann. Hl-r merkte man, daß die Saat, die der Pariser Künstler-Schneider Paul Poiret ausgestrcnt, auch aus märkischem Boden aufgegangen! Donnerwetter, diese losen Gewänder mit ihren leicht zn lösenden Rätselausgaben paßten völlig zu der losen
1899, sowie 1905 und 1906. Sehr befriedigend bat sich im Dezember besonders das Verhältnis von Angebot und Nachfrage am Arbeitsmarkt für Weibliche gestaltet: während bei Männlichen der Andrang von 161,1 im November auf 191,2 im Dezember stieg,, ist er ber Weiblichen von 108,5 ans 90,7 zurückgegangen. Im Vergleich zum Jahre 1909 weist vor allem die Nachfrage nach weiblichen Arbeitskräften eine kräftige Zunahme auf: dre Zahl der offenen Stellen, die am Arbeitsmarkt für Männliche nur um 9 Prozent über bte vom Dezember 1909 hinausging, ist die Zahl der offenen Stellen für Weibliche um 17 Prozent gestiegen. Allerdings ist auch das Angebot der Frauen und Mädchen stärker gestiegen als das der Männer; die Zahl der männlichen Arbeitsuchenden war nur um 0,5 Prozent, die der werblichen aber um 12 Prozent größer als inr Dezember 1909. Wenn das Angebot männlicher Arbeitsuchender relativ so wenig zugenommen' hat, so mag das in der Hauptsache daran liegen, daß die milde Witterung, die fast den ganzen Dezember hindurch herrschte, die Aufrechterhaltung eines Teils der Bautätigkeit gestaltete, sowie überhaupt die Arbeiten un Freien bis zu einem gewissen Grade noch ermöglichte. Aus zahlreichen Gegenden wird berichtet, daß die Bauarbeiten noch fortgeführt wurden, in anderen natürlich schwächte sich die Bautätigkeit erheblich ab. Im allgemeinen wurde durch die geringere Abschwächung der Bauarbeiten auch der Arbeitsmarkt in den abhängigen Gewerben günstig beeinflußt. In der Eisen- und Metallindustrie sprechen wieder anders Umstände mit, die eine Ermattung im Dezember bewirkten. Die meisten für die Metallindustrie wichtigen Orte berichten über einen unbefriedigten Geschäftsgang der Metallindustrie : in Berlin, Flensburg, Duisburg, Konstanz. Bamberg, Augsburg usw. wurde die Nachfrage nach Metallarbeitern als uilbefriedigend resp. das Angebot als zu stark bezeichnet. In der Roheisenindustrie ivar die Lage des Arbeitsmarktes nach wie vor günstig. Ungleichmäßig entwickelten sich Angebot und Nachfrage in der Textilindustrie, während Plauen und Rheydt über eine befriedigende Gestaltung des Arbeitsmarktes im Textilgewerbe berichten, ließ sich die Lage in Cre- feld und M.-Gladbach nicht gut an. Die Nachfrage nach ungelernten Arbeitern war bis zum Weihnachissest lebhaft, flaute dann aber stark ab
Glosse» xrrm Srcker-Vrorrb.
Abgeordneter G o t h e i n veröffentlicht über den Greifswalder Prozeß gegen Rittergutsbesitzer Becker, in der „Hilfe" eine Anzahl von Glossen, aus denen folgendes entnommen sei:
„Eine der schwierigsten Aufgaben der Rechtsfindung ist die Bemessung der Strafe. Und da bleibt dem gesunden Menschenverstand einfach der Verstand
Gesellschaft, die sich-eingefunden! Und auch das Geld mutz recht lose im Portemonnaie gewesen sein, denn wer nur einmal und selbst bloß ganz flüchtig die Nase hineingesteckt in unsere ersten Modesalons, der weiß, was so ein französisches „Gedicht" ans Spitzen und Tüll, aus Sammet und Federn, aus Seide und Brokat, aus Schleiergeweben und Silberstickerci kostet! — Es war sehr hübsch, auch hier beobachten zn können, daß es immer noch eine» Ausgleich ans unserem vielgeschmähten Erdball gibt; trugen doch beispielsweise die unbedeutendsten Künstlerinnen die künstle- rischosten Kostüme, und je kleiner die Rolle ist, die sie spielen, desto größer die Schleppe, die sie hinter sich Herrauschen lassen! Wie es mal heutzutage der Brauch, werden diese Dämchen vielleicht besser angeschrieben sein bei de» Leiter» ganz bestimmter Bühnen, als ihre Kolleginnen, die mehr über darstellerische Gaben verfügen, wie über kostbare Garderobe. Denn auch darin ahmen wir Paris nach, daß von bestimmten Bühnen eine wahre Schneidcrtyramier ausgeübt wird, die viel Unheil anrichtet. Konnte man doch neulich in einem hiesigen sehr verbreiteten, illustrierte Blatte lesen, daß man im Theater L. eine Koinödie von X. spiele, und hieß es dann wörtlich: „In diesem sranzüsijchen Gesellschastsbild bewundert das Publikum vor allem die hochmodernen Toiletten der Darstellerinnen." Also Dichter und Darstellerkunst ist jenem scharfen Beobachter ganz gleichgültig. Und dabei handelt sich's hier nicht um ein Theater zehnten Ranges und um eine der gleichgültigen Pariser Farcen, sondern um eine unserer ersten Bühnen und um ein von der Kritik aufmerksam beachtetes Stück!
Mit der „Beachtung" ist es oft eine eigentümliche Sache, mancher und manche inöchte sie mit allen Mitteln der Kunst, selbst der Unkunst, erzwingen, und es glückt ihm nicht, anderen gelingt es wie im Traum, aber sie haben keine rechte Freude daran. Zu letzteren gehört Frau Karin Michaelis, die dänische Dichterin, deren so heiß umstrittenes, vielgelesenes und vielangefeindetes Buch „Das gefährliche Alter" selbst in stillen Philisterkreisen wie mit Explosivkraft gewirtt. Das nach Dänemark hinübergehallte Echo ans Deutschland muß doch sehr stark und erregt gewesen sein, wenn es diese schüchterne Frau, die bis-
