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Wiksbliökim Sagblatt.

«-ÄSi- Wöchentlich 12 AusgaSm. Gegründet 1852. rfKSÄ»

ots 8 Uhr abends. ^ <K*w*/.a

Wöchenttitz 12 Ausgklbm.

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Mr. «1.

Tagblatt-Haus" Ar.KÜsS-SZ. Bon 8 Uhr morgens bis 8 Uhr abends, außer Sonntags.

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Freitage LZ. Januar LD1L.

SS. Jahrgang.

Morgen - Ausgabe.

1. WLaLL.

Der Kampf Segen die Schundliteratur.

Dieser Tage fand in Berlin im Reichstagsgebäude sine sehr interessante Ausstellung statt. Man sah zahlreiche Schundromane, fast alle niit bunten grellen Bildern auf dem Titelblatte und den auffälligsten Titeln: 'Der Mädchenmörder von Boston, Die tote Frau im Glasschrank, Lebendig begraben. Die bren­nende Stadt. Am meisten fielen die Nik-Carter-.tzefte ins Auge. Tie Hefte waren alle auf schlechtem Papier gedruckt. Aber trotzdem sind die Hefte ungeheuer ver­breitet.

Durch Vorträge wurde man weiterhin in die Be­deutung der Schundliteratur eingeführt. Dt. Ernst Schnitze, der verdienstvolle Begründer der deutschen Dichter-Gedächtnisstiftung, der seit Jähreu den Kampf gegen die Schundliteratur führt, teilte mit, daß nach seiner Schätzung in den letzen Jahren je für 2030 Millionen Mark Schundliteratur verkauft tvorden ist. Ein Berliner Lehrer hat bei einem Fortbildungsschülcr 1600 Hefte entdeckt. Ter Lehrer Trost in Dresden hat festgestellt, daß daselbst 1200 verschiedene Schund­romane verbreitet sind. Tie meisten dieser Romane sind ungeheuer lang, sie umfassen im Durchschnitt 106 bis 200 Hefte. Nik-Carter-Heste gibt es irr Deutsch­land 230, in Amerika sogar gegen 600. Tie Nik-Carter- Hefte sind jedes einigermaßen abgeschlossen, was sonst nicht der Fall ist. Manche Romane bringen es aus über 3000 Seiten.

Tie Auflage der Schundromane ist sehr verschieden, von 20 000 bis 100 000. Bei einem Roman hat der Verein für Sozialpolitik genau festgestellt, daß dieser beim hundertsten Hefte noch 60 000 Abonnenten hatte, beim 160. waren es nur noch 20 000, beim letzten Hefte fanden sich nur noch 13 000 Abnehmer aber dies ist immer noch genug.

Tie Gassenlektüre ist unter den ärmsten Leuten ver­breitet, selbst bei denen, die von der Armenpflege leben. In den Asylen für Obdachlose vertreibt man sich die Leit damit.

Eine Hauptsache für die Flickschuster der Romane ist, daß der Faden in jedem Hefte an einem spannenden Punkt abreißt, womöglich mitten im Satze. Ter In­halt muß möglichst aufregend sein, und wenn es wie Kraut und Rüben durcheinander geht und wenn man auch am Schluß keine Ahnung mehr hat, wie der An­fang gewesen ist. Die Mache bei solchen Werken ist Ungeheuer dürftig. Tie Charaktere ändern sich wieder­holt, am Schluß werden die Helden oft ganz anders ge­schildert wie am Anfang.. Trotzdem werden sie vom Publikum verschlungen, weil sie aufregen und die tollste Phantasie befriedigen.

Seit Jahren hat man versucht, diese Literatur zu verdrängen und bessere an die Stelle zu setzen. Auch die erwähnte Ausstellung zeigte hierfür die mannig- fachsten Bestrebungen. Da ist der Wiesbadener Volksbücherverlag, die deutsche Dichter-Gedächtnis- Stiftung, die deutsche Jugendbücherei usw. Ein sehr wichtiges Hilfsmittel ist auch eine stärkere Verbreitung der Tagespreise. Die Dienstmädchen und die Lehrlinge, die eine Tageszeitung lesen, greifen in der Regel nicht zu Schundromanen.

UMtische Merßcht.

Z«v Norgoschichte der: ReichstKgSKUflosMrg im Jahrs 190G.

Seit deur Tode des Grafen Ballestrem hören die Enthüllungen über die Vorgeschichte der Reichstags­auflösung von 1906 nicht auf. Ten Reigen eröffnete dieGermania" mit dem sichtlichen Bemühen, das Zentrum wegen seiner ihm jetzt natürlich sehr pein­lichen Haltung in der Kvlonialfrage zu entschuldigen. Jetzt ist nun ein Konservativer in derDeutschen Tageszeitung" bei dieser Mohrenwäsche behilflich: er erzählt, daß er kurz vor der Auflösung Bülow mitge­teilt habe, das Zentrum sei bereit, nachzugeben, Bülow habe aber erwidert, jetzt sei es zu spät. Daß das Zen­trum zwischen zweiter und dritter Lesung den gewohn­ten Kuhhandel erhoffte, beweist eine kleine Episode, die Dt. Herz in seiner eben in,Hilfe"-Verlag erschienenen Broschüre:Reichsfinanzreform, Reichsfinanznot,

Reichspolitik" mitteilt. Herz erzählt:Mir ist von

einem Ohrenzeugen am Bundesratstisch' erzählt wor­den, daß Graf Ballestrem, als der Reichskanzler die Mappe hervornahm, in der die Auflösungsordsr lag, erschreckt herunter gerufen habe: Wir haben ja noch die dritte Lesung, daß jedoch der Chef der Reichskanzlei geantwortet habe: Nein, wir lösen gleich auf."

Was heißt das anders als: Tie Soldaten und Gelder, die ihr für Südwestafrika braucht, sind ja zu haben, wenll ihr das angemessene Entgeld zahlen wollt. Und was der Preis sein sollte, toar nicht schwer zu erraten, die Entlassung D e r n b u r g s. Er sollte beseitigt werden, ganz wie vorher Hohenlohe, der das Verbrechen begangen hatte, Katholik und doch nicht Zentrumsmann zu sein. Aber das Zentrum, desseir Führung den feinen Tiplomatenhänden Hertlings ent­rissen war, verkannte die Situation. Erstens konnte Bülow Dernburg nicht fallen lassen, der damals zu fest in der Gunst des Kaisers saß. Und dann: Bülow brauchte möglichst bald Reichstagswahlen. Diese mußten stattsinden, ehe die furchtbare wirtschaft­liche Krisis, die in Amerika drohend aufstieg, Deutsch­land erreicht hatte. Er benutzte dazu die gute Gelegen­heit, die ihm eine nationale, antiklerikale Wahlparole

gab und die ihni einen Reichstag bringen mußte, den er für die unvermeidliche Finanzreform brauchte, nämlich einen Reichstag, in dem Sozialdemokraten u>ld Zentrum nicht mehr eine Mehrheit bilden konnten. Die Rechnung stimmte. Sie hatte nur einen Posten falsch eingestellt, der sonst so feine Menschenkenner Bülow hatte den unbeugsamen Willen der Konser- v a t i v e n zur politischen Vorherrschaft unterschätzt. So har nicht der Reichskanzler das Zentrum getäuscht, es selbst hatte sich über die Zwangslage der Regierung ge­täuscht, die denkbar bald Neuwahlen brauchte.

Gster'r'srch «rrd- dsv M-rUksm.

m. Rom, 10. Januar,

Daß die plötzliche Abberufung beS Wiener Nunzius, Monsignore Granito di Belmonte, in katholischen und diplomatischen Kreisen großes Aufsehen Hervorrufen und zu den seltsamsten Mutmaßungen Anlaß geben würde, war vorauszusehen. Die. einen ziehen aus ihr den Schluß, daß Pius X. überhaupt die Nunziaturen aufheben wolle, die anderen glauben, daß der Papst be­absichtige, Kaiser Franz Joseph einen ihm befreundeten kirchlichen Würdenträger auf den Wiener Posten zu schicken, um den Monarchen auf diese Weise von einem Besuch Roms während der diesjährigen Jubiläums­ausstellung abzuhalten. Gegenüber solchen weit her- geholten Vermutungen muß gesagt werden, daß die Abberufung des Wiener Nunzius ganz andere, ein­fachere Gründe hatte und daher den eingeweihteren Kreisen keineswegs überraschend gekommen ist. Tal- sächlich war seit dem Rücktritt des letzten österreichischen Vertreters im Vatikan, des Grafen Szeczen, die Stellung des Nunzius di Belnwnte tu Wien unhaltbar geworden. Das hatte seine besondere Ursache. Nach­dem nämlich die Haltung des Wiener Vertreters des Vatikans in der Angelegenheit des Professors Wahr- nmnd in Innsbruck, dessen modernistische Neigungen die Kurie beunruhigten, zu diplomatischen Zwischen­fällen mit dein Grafen Aehrenthal geführt hatte, war Monsignore di Belmonte am Wiener Hof nur noch ge­duldet. Daß daurals nicht schon die Abberufung er­folgte, lag daran, daß der österreichische Botschafter am Vatikan sich gegenüber der Kurie in einer ganz ähn­lichen Lage befand. Ten Grund zu diesem kühleren Verhältnis hatte die bekannte Hostienangelegenbeit ab­gegeben, die dadurch entstand, daß Graf Szeczen in etwas leichtfertiger Weise zwei Wiener Israeliten Zu­tritt zur Papstmesse verschafft hatte. Auf Grund dieser beiden Vorfälle ließ sich dann zwischen Wien und Rom leicht ein Einvernehmen wieberherstellen, indem ein­fach der Hof Kaiser Franz Josephs den Nunzius di Bel- nionte behielt, dafür, daß der Vatikan den Grafen Szeczen weiter duldete. Von dem Moment an aber, da der letztere Rom verlassen hatte, war auch Belmonte als Nunzius in Wien nicht mehr möglich, und seine Abberufung daher ganz natürlich. Mail war freilich

FZZMeLon.

(Nachdruck verboten.)

Radium.

Von Erwin Rosen.

Also Skrupel haben wir keine mehr?" fragte Jimmy.

Nein!" antwortete Tom und schlug auf den Tisch, daß die Gläser tanzten und dis Whiskyflasche vorwurfsvoll Segen ihren mit Sodawasser gefüllten Nachbarn anklirrte. »Skrupel? Ich habe keine Skrupel. Weshalb sollten wir, ausgerechnet wir, Skrupel haben? Jimmy! Hier sitzen wir beide, Doktoren der Medizin, mit einem tadellos be­standenen Examen und einem wunderschönen Diplom der altehvwürdigen und berühmten Universität von Jersey hier sitzen wir in der großen Stadt New Dort, und zwischen Unserer Gelehrsamkeit und dem Verhungern steht weiter nichts als unser Gesamtvermögen von lumpigen zweihundert Dollar. Nein, Skrupel Hab ich keine mehr. Mich kannst du ullt Röntgenstrahlen durchleuchten und du wirst kerne Skrupel finden."

Jimmy nickte.Seit drei Monaten kein einziger Patient! Wir müssen Geld verdienen. So oder so. Geht's Urcht rechts, dann geht es links."

Wenn wir vielleicht eine neue Pille auf den Markt brächten?" meinte Tom.

Nee", sagte Jimmy,Pillen grbt's heutzutage so un- uwlich viele, daß die Verdauung dieses großen und glor­reichen Landes auf Jahre hinaus gesichert sein sollte. Wer

uns mal ordentlich inserieren, daß wir unsere Patienten «uf ganz kleine Ratenzahlungen behandeln. Gesundheit aus Abzahlung! Das ist was Neues."

Nein, Jimmy, das ist nicht originell genug. Wird übrigens schon gemacht. Hm!Konstruiere" sagte immer Allein, Lateinlehrer. Konstruieren wir. Seien wir logisch

Wir sind also Charlatane. Wir sind wenigstens aus dem besten Wege, Charlatane zu sein. Wir haben sozusagen die feste Wsicht, Charlatane zu werden. Was braucht ein Charlatan? Trommeln muß er. Originell muß er sein. Eine feine Idee muß er haben! Jimmy, schenk dir noch einen kleinen Whisky ein, denke nach, strenge deinen Schädel an. Zeig, daß du Phantasie hast. Ich helfe dir. Eine Idee muß her . . ."

Geld, Charlatan, Idee" murmelte Jimmy betrübt.

Und goß sich noch einen dritten kleinen Whisky ein. s

Der Verkehr auf dem Broadway stockte. Der durch­schnittliche New Uorker ist nämlich so ungefähr der neu­gierigste Mensch der Welt. Die Menschenmasse staute sich einen Augenblick, ein Gedränge entstand, Tausende von ver­blüfften Gesichtern starrten das merkwürdige Haus an, man lachte, man spottete, man stellte neugierige Fragen, bis auf das sterothpe mahnende Hove on des Polizisten wieder Bewegung in die Masse kam und der Paffantenstrom weiter- slutete. Den ganzen Vormittag aber wiederholte sich das gleiche Schauspiel. Kein Vorübergehender, der nicht stehen geblieben wäre und grinsend oder kopfschüttelnd, je nach Temperament, dieses komische Haus, diese neueste Blüte auf dem Baum der Reklame, angestarrt hätte. Auf. der Börse machte man schlechte Witze darüber, und am Abend bildete das gelbe Haus das Gesprächsthema in Tausenden von Familien.

über Nacht hatte sich das ein wenig unscheinbare, ein wenig kleine Haus an der Ecke von Broadway und 18. Straße verwandelt. Gestern abend war es noch das schmutzig:grau angestrichene Heim von einigen Dutzend Läden und Offices. Heute morgen schrie es den Leuten sozusagen ins Gesicht. Es brüstete sich in einem unverschämt schreienden Gelb. Gelb angestrichen von oben bis unten. Es leuchtete förmlich. Und über die ganze Fensterreihe des ersten Stockwerkes war straff eine weiße Leinwand gespannt.

In meterhohen gelben Buchstaben stand ans dieser Lein­wand geschrieben:

Radium! Radium! Radium!

Und darunter war in den gleichen Riesenbuchstaben zu lesen:

Dt. I. F. Dclaney und Dt. T. A. Manegen, Radrumärzte. Konsultation frei.

Am ersten Morgen schon drängten sich dis Leute au? der Treppe des gelben Hauses. Die allermeisten kamen aus purer Neugierde, aus dem unwiderstehlichen Bedürfnis, heranszubekommen, was eigentlich hinter diesem gelben Haus steckte. Andere wurden ini strikten Sinne des Wortes von der geheimnisvollen Kraft des Radiums angezogen. Radium! Radium war eine große Sache. Folglich mußten die Radiumärzte auch eine große Sache sein. Das rnußte man probieren! Alle aber beherrschte der gleiche Gemüts­zustand, eine grenzenlose Neugierde. Langsam stiegen sie die Treppe hinauf, überall an den Wänden leuchteten ihnen lakonische Plakate entgegen: Radium . . . Radium. Sie fanden sich in einem halbdunklen Vorzimmer. Dunkelgrüne Stoffe bedeckten die Wände, die Fenster waren verhängt, überall dunkles Grün. Die Teppiche dunkelgrün, das riesige Sopha dunkelgrün. Auf dem runden Tisch in der Mitte des Zimmers stand die Bronzesigur einer Frau. In den Händen hielt die Figur ein schweres Etwas, das wie ein Stein mit rauher Oberfläche aussah. Und ans dem Stein drangen in weichen Fluten alänzend grüne Lichtstrahlen. Diese merkwürdigen Strahlen kamen von einer sehr geschickt verborgenen grünen Glühbirne Aber die meisten der naiven Besucher glaubten steif und fest diese geheimnisvoll leuchtende Kraft sei ein großes Stück Radium, tso standen sie staunend im Vorzimmer. In Zwischenräumen von einigen Minuten öffnete sich eine Weiße Tür. ein Vorhang wurde zurückgeschlagen und eine sonore, wichtig und autoritativ klingende Stimme (das war Jlmmy) sagte: .Wer ist an der Reihe, wenn ich bitten darf?"