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Wiesbadener Tagblatt.

WWntlitz 12 Ausgaben. Gegründet 1852. >-WS S^y a>

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Rr. rs.

Dormerstag, IL. Januar LT LZ.

SS. Jahrgang.

Morgen - Ausgabe.

1. Matt.

Die BaZdMmhn.

Die Nervosität, die sich namentlich der eirglischen Presse bei den Meldungen über eine deutsch-russische Verständigung in bezug auf Persien bemächtigt har, läßt sich sehr Wohl verstehen. Was biher über die Ein­zelheiten der deutsch-russischen Vereinbarungen mitge- teilt worden ist, kann zwar auf aktenmäßige Richtigkeit keinen Anspruch machen, nicht etwa weil die betreffen­den Londoner Blätter nur dies und das gehört haben und anderes nicht, sondern weil überhaupt noch kein Protokoll (denn auf ein solches werden die Verhand­lungen hinauslaufen müssen) unterzeichnet worden ist. Auch konnte noch keines unterzeichnet werden, weil die Verhandlungen bisher nicht abgeschlossen worden sind. Gleichwohl sind die Angaben der LondonerEvening Times" über den Inhalt der erzielten Verständigung keine leere Erfindung, sondern sie enthalten, wie man inzwischen mit einiger Überraschung erfahren hat, den ungefähren Wortlaut des Vertrags e n t w u r f s, den die russische Regierung nach Berlin geschickt hat. Die Verständigung braucht zwar nicht diesem Vertragsent­wurf zu entsprechen, aber sie kann es, und jedenfalls weiden sich die beiden Mächte ungefähr auf das einigen, was dieEvening Times" ausgeplaudert hatten, d. h. es wird vereinbart werden, daß Rußland für den Fall, daß es eine Bahn nach Persien finanziert, der Bagdad­bahn den Anschluß an diese russisch-persische Linie ge­währleistet. Ter Gegenwert, den wir unsererseiss an Rußland konzedieren, beruht im wesentlichen darauf, daß wir dem Nachbarreiche freie Hand in der Ver­folgung seiner nordpersischen Pläne lassen, womit' sich also Rußland, das sich über Persien zunächst mit Eng­land verständigt hatte, eine Rückendeckung verschafft, gegen die, so sollte man meinen, England nichts einzu­wenden hätte, die in London sogar willkommen sein wüßte. Denn auch der englischen Regierung sollte es nur recht sein, wenn ihre Verständigung mit Rußland die zwar nicht verlangte, sedoch immer nützliche in­direkte Billigung der deutschen Politik findet. Statt dessen aber beobachten wir einen ganz anderen Zustand, nämlich den der wachsenden Unruhe an der Themse über die in Aussicht stehende deutsch-russische Eisenbahu- Lbereinkunft. Woher diese Unruhe? Sie läßt sich, wie gesagt, unschwer erklären, und sie will nicht weichen, obwohl, um es zu wiederholen, die Zustimmung unseres Auswärtigen Amtes zum russisch-englischen Abkommen über Persien auch in London als eine Entspannung von möglichen Schwierigkeiten angesehen werden darf. Aber was der englischen Politik somit an Sicherheit zuwächst, das soll ihr, so fürchtet man senseits des Ka­nals, wieder genommen werden dadurch, daß Rußland fortan ebenso, wie es an uns eine Rückendeckung für seine persischen Pläne gewinnen wird, uns seiner­seits eine Rückendeckung in bezug ans die

Feuilleton.

Zloreutmer Brief.

Italienische Porträtkunst aus drei Jahrhunderten. Wieder- ausfindun« des Studierzimmers des Großherzogs Francesco I.

Florenz, Anfang Januar.

Bei der großen nationalen Feier zum Gedächtnis des kyjährigen Bestehens des italienischen Königreichs will auch Florenz, das auf kurze Zeit die Hauptstadt des Reiches war, seinen Schwestcrstädten nicht nachstehen. Rom und Turin werden in ihren Ausstellungen zeigen, was Fleiß und Aus­dauer, Intelligenz und Strebsamkeit aus den Arbeitsge­bieten des praktischen Lebens in Italien geleistet haben, Florenz, das liebliche, stille, bereitet seinem Namen zu Ehren eine große Blumenausstellung und eine Llostra äst iitratto vor. Der große Garten des R. Societa Toscana wird im Monat Mai eine interessante Zusammenstellung der neuesten Erzeugnisse der Blumenzucht geben, der Gemüse- «nb Obstknltur und zugleich die besten Systeme einer ratio­nellen Ackerwirtschaft und deren technische Möglichkeiten dorführen.

Für die Portraitausstcllung hat die Stadt Räumlich­keiten zur Verfügung gestellt, wie man sie sich schöner und stimmungsvoller für eine Bildnisausstellung großer Herren und Fürsten aus alten Geschlechtern nicht wünschen kann. Im ersten und zweiten Stockwerk des Palazzo Vecchio in den Quartieren Costmos I.» Papst Leos X. und Eleonoras da Toledo, die Vasari und seine Schüler so farbenfroh und prächtig schmückten, werden die Bilder dahingegangener Geschlechter wie ein lebendig gewordenes Stück Geschichte %u uns hiuabschruen. Sie werden uns auch in Gemächer

Bagdad bahn gewähren wird. Mit anderen Worten: Rußland trennt sich von der Gruppe der Westmächte, die bis dahin laute und leise Oppo­sition gegen diese deutsche Unternehmung gemacht hatten, es zieht seine eigenen Interessen in Betracht und ist bereit, sich mit uns direkt zu verständigen. Rußland tritt mit einem durch deutsche Zugeständnisse freilich reichlich ausgewogenen Wohlwollen dem Bag­dadbahnunternehmen freundlich näher, und wir werden also von dieser Seite her in Zukunft eine Entlastung zu merken haben. Tie konservative englische Presse drückt diesen Sachverhalt gang richtig aus, wenn sie ihre Un­zufriedenheit mit der russischen Politik betont. Statt mehrerer Zeugnisse hier nur eines: DerDaily

Graphrc" erklärt, je mehr er von den Abmachungen der Potsdamer Zusammenkunft höre, um so weniger ge­fallen ihm diese. Herr Ssasonow soll nun zwar ain Quai d'Orsay und in Downing-Street die beruhigend­sten Erklärungen abgegeben haben. Aber was seien die Tatsachen? Vor 10 Jahren hätten Frankreich, Eng­land und Rußland in ihrem Widerstande gegen die Bagdadbahn gemeinsame Sache gemacht. Zu einer gewissen Zeit wäre England bereit gewesen, sich mit Deutschland zu verständigen. Damals sei es nicht au Rußland gebunden gewesen, und es hätte nur das., eigene Interesse zu Rate zu ziehen brauchen. Später sei die Entente gekommen, und einer ihrer Punkte sei die Feststellung der gemeinsamen Inter­essen in Mittelasien gewesen, was natürlich ein ge­mein s a m e s Handeln gegenüber der Bagdad- bahn erheische, und nun regle Rußland die Frage mit Deutschland auf eigene Rechnung und offenbar, ohne England und Frankreich zu Rate zu ziehen. Was hätten unter solchen Umständen Ssasonows Erklärungen noch für einen Wert! Der Kern der Frage würde nicht ge­troffen, wenn gesagt würde, das Gleichgewicht der Mächte würde nicht gestört. Was gestört würde, sei die Solidarität der d r e i f a ch e n V e r st ä n d i g u n g über die Bagdadbahn.

So derDaily Graphic", und wir möchten wieder­holen, daß sich seine Argumentierung ganz gut ver­stehen läßt. Wir haben auch gar keinen Grund, uns aegen diese Darstellung zu wehren, wir können vielmehr ruhig zugeben, daß uns in dieser Angelegenheit ein Er­folg zuteil geworden ist. Jedoch darf nicht übersehen werden, daß England in der Bagdadbahnfrage einen Faktor darstellt, dessen Wichtigkeit durch diplomatische Errungenschaften vielleicht um einiges verringert, niemals aber völlig ausgeschaltet werden kann. Es wird immer wünschenswert sein, daß wir eine Ver­ständigung auch mit Großbritannien suchen^und finden, zumal die Stituation Englands in dieser Frage schon rein territorial ziemlich günstig ist. England hat in Kuweit, dicht am beabsichtigten Endpunkt der Bagdad- babn. militärisch bereits festen Fuß gefaßt. Wir können diesen Endpunkt nicht gegen den britischen Willen er­reichen, aber warum soll eine Verständigung mit Lon­don unmöglich sein? Wenn wir etwas zu fordern haben, so haben wir doch auch viel zu gewähren. '_

führen, die erst durch die Vorbereitungen zur Mostra ent­deckt wurden und durch die rührige Tätigkeit der Direktion ihre einstige Gestalt und Ausschmückung wiederbekommen haben. So führt uns von der Sala dei Cinquecento ein dunkler Gang in einen kleinen länglichen Raum, der einst Vorzimmer zum tesoretto hieß, in den; man aber jetzt das Studio Francescos I. erkannt hat. Es charakterisiert mehr als alle Beschreibungen den hochgebildeten, phantastischen und abenteuerlichen Gatten der Bianca Eapelli. Die Bücher­schränke verbergen sich hinter einer reichen Holztäfelung, ihre Türen sind mit Medaillonbildern in reich vergoldeten Rahmen geschmückt. Darüber zieht sich wie ein Fries eine Reihe allegorischer Darstellungen' hin, aus Schiefer gemalt, die daS Weben der Elemente veranschaulichen. Zur Ver­herrlichung des Wassers erfand Vasaris Phantasie Dar­stellungen wie die Perlensischerei, den Walfischfang, den Ursprung der Korallen und des Bernsteins, den Durchgang durch das Rote Meer und die Wollwäsche. Ihnen gegen­über sehen wir Vulkans Tätigkeit, wobei der Maler nicht vergaß, auf FranceScos Neigungen zu alchimistischen Studien und chemischen.Experimenten anzuspielen, wie sie sich kundtun in den Darstellungen der Erfindung des Pul­vers, einer Geschützgießerei, einer Glasfabrik, im Labo­ratorium eines Alchimisten und Goldmachers, und in den Thermen von Pozzuoli. Die Urkräfte selbst sind ln den Fresken der Decke verbildlicht, während die acht Wandnischen an den Ecken des Raumes die Gottheiten der vier innig gesellten Weltbildncr als Bronzestatuen bergen. Malereien und Bronzen, bisher an den verschiedensten Orten zerstreut, schassen hier einen malerischen Gesamtcindruck von unge­wöhnlicher Stärke. Ein kleines Fenster gewährt einen Aus­blick auf die Dachgärten der Fürstin Eleonora. Eine kleine versteckte Treppe führt hinab aus die Straße,, während eine andere die Verbindung mit dem Schatzkämmerlcin des

Politische Merstcht.

Gins neue Zkwdrats-AffLre.

Nach dem Erlaß des Reichsvereins-Gesetzes ist vont Minister des Innern eine Instruktion an die Land­räte erlassen worden, in der es wörtlich wie folgt heißt: Gerade in dieser Beziehung sind lebhafte Klagen über mißbräuchliche Anwendung erhoben worden, daß z. B. Personen wegen ihrer Zugehörigkeit zu Ver­einen in ihrem Erwerbsleben geschädigt worden sind, daß Gastwirts irgendwelche Nachteile davon hatten, weil sie ihre Versammlungssäle bestimmten Personen zugänglich machten. Ich erwarte, daß be­gründete Beschwerden dieser Art in Zukunft vermieden werden."

Wie wenig von den Herren Landräten nach dieser Anweisung gehandelt wird, das beweist ein Fall aus einem schlesischen Kreise, über den uns folgende Mit­teilungen zugehen, die wir vorerst ohne Nennung der. in Betracht kommenden Namen veröffentlichen:

Durch das Vertrauen seiner Mitbürger war der Gastwirt Th. in G. als Gemeindeschöffe gewählt wor­den. Bevor aber seine Bestätigung stattfand, erössnete ihm der Landrat ungefähr folgendes:Wenn er als Schöffe vereidigt werden sollte, müsse er den Eid der Treue ablegen, und da er vor kurzem eine sozial­demokratische Versammlung in seinem Lokal geduldet habe, so werde sich dies fernerhin nicht mit seinem Gewissen vereinbaren lassen; er dürfe deshalb bei Annahme des Amtes diese Versammlungen in seinem Lokal nicht mehr dulden." Hierauf er­bat sich der Gastwirt Th. eine Bedenkzeit und ließ als­dann dem Landrat folgende Erklärung zugehen:Als guter Patriot könne er mit reinem Gewissen sagen, daß er das Amt eines Gemeindefchöffen zu, übernehmen gern bereit sei und daß es ihm an Königstreue und Vaterlandsliebe in keiner Weise mangle, er aber durch sein Gewerbe gezwungen sei, der Öffentlichkeit und da­mit der Allgemeinheit zu dienen; er würde sich die eigene Existenz direkt lahm legen, wenn er der Sozialdemokratie seinen Saal vorenthalten würde. Er stelle deshalb anheim, ob er sonach würdig sei für das Amt eines Schöffen."

Auf diese durchaus verständige und würdige Ant­wort erfolgte: Die Nichtbestätigung der Wahl.

Von seiten des Gastwirte-Verbandes des betreffen­den Kreises wurde hierauf an den Minister des Innern eine Beschwerde über den Landrat einge­reicht, in der es mit vollem Recht heißt, der Gastwirt Th. müsse sich durch diese Nichtbestätigung schwer ver­letz; fühlen, noch mehr aber fühle sich der Gastwirte­stand verletzt, der in jenem Verhalten des Landrats eine Verletzung der ihm, wie sedem Staatsbürger gewähr­leisteten Rechte erblicke. In dem Vorgehen des Land- raies sei auch eine Verletzung der Verfassung enthalten, die bekanntlich bestimmt, daß die öffentlichen Ämter für alle dazu Befähigten gleich zugänglich sein sollen. Th. sei für befähigt erachtet worden und besitze das

Großherzogs herstellt. Für die Wiederherstellung des phantastisch geheimnisvollen Studierzimmers von Fran­cesco I. gab außer genauen Vermessungen besonders die Beschreibung des Zeitgenossen Borghini die nötigen An­haltspunkte.

In den geschilderten Räumen sollen mehr als vier­hundert Bilder ihre Ausstellung finden, teils von italienische Malern geschaffen, teils von ausländischen, die im Auftrag« italienischer Herren arbeiteten, und zur Vervollständigung des Gesamteindruckes werden auch einige Bronzebüsten und Medaillen von Cellini, Bernini, Canora und Bartolini der Mostra einverleibt werden. Da die Ausstellung nur Werke des späten Cinquecento bis ins Quattrocento berücksichtigt, wird man beobachten, wozu auch die Jahrhundertausstellung in Berlin Gelegenheit gab, daß in Zeiten künstlerischer Decadence das Portrait noch eine Blütezeit erlebt, und daß Maler, die uns sonst leer und manieriert erscheinen, im Por­trait Zartheit der Auffassung und feines Empfinden für dekorative Wirkungen an den Tag legen. Gruppen italie­nischer Waler aus allen Gegenden des Landes werden zu Worte kommen, Galerien und Kunstsammlungen aller, europäischen Länder, und die Paläste und Villen der Adels­familien werden ihre Schätze zu dieser Manifestation italie­nischer Portraitkunst leihen. S. M. der König von Italien hat der Ausstellung ungefähr 80 Bildnisse aus den Villen und Palästen seines Privatbcsitzes überlassen, die eine lebendige Illustration der Häuser Medici, Farnese, Bour­bon und Savoyen ergeben. Zn den schönsten Gruppen wird die venezianischer Portraits gehören mit Werken von Domenico Tintoretto, Leandro Bassano, Pietro und Alessandro Longhi, Rosalba Earriera, Tiepolo und Piaz­zetta. Unter den lombardischen Künstlern treten Sofonisbs Angaissola, Francesco del Cairo, Daniello Crespi und Francesco Cittadmi besonders hervor. Eine große übev-