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Nr. 17 .
Mittwoch, 11. Januar 1911.
59. Jahrgang.
Morgen - Ausgabe.
1. Matt.
Ire Zustande in den Neichsianden.
Mehr als ein Beurteiler der elsaß-lothringischen Verhältnisse hat schon die Meinung ausgedrückt, daß die Wiederverschmelzung der dortigen Deutschen mit dem alten Vaterlandc in den letzten Jahrzehnten nicht nur keine Fortschritte, sondern sogar Rückschritte gemach: hat. lind dabei sind doch alle nur möglichen Systeme im Laufe der Zeit versucht worden, entgegenkommende Und schroffe, diplomatisch-sanfte und altpreußisch gefärbte. Geholfen hat keines von ihnen, aber jedes har Befürworter wie Gegner gehabt. Wenn jetzt in Metz die denkbar ärgste ilnklugheit, die von einem Teile der Bevölkerung begangen werden konnte, tatsächlich verübr worden ist, wenn dort tiefbedauerliche Ausschreitungen mit Straßenaufläufen und dem üblichen Zubehör von Krawallen stattgefnnden haben, so nimmt sich die in verschiedenen Berliner Blättern angestimmte Klage darüber, daß das die Früchte einer unzuverlässige:: Milde seien, wenig eindrucksvoll aus. Man könnte mit demselben Rechte behaupten, es seien die Früchte eines allzu polizeilich gestimmteu Regiments. Wir wollen unsererseits weder das Eine noch das Anders sagen; es läßt sich da überhaupt nichts Abschließendes bemerken, sondern politische Stimmungen allein sind für die Stellungnahme maßgebend, und Stimmungen haben keinen Tatsachenivert. Über das Eine freilich müssen wir uns klar sein, daß es noch immer nicht gelungen ist, die Mehrheit der elsaß-lothringischen Bevölkerung für den unverbrüchlich gegebenen Zustand zu gewinnen und eine innerliche Annäherung jener Landesteile an Altdeutschland durchzuführen. Tie Ausschreitungen in Metz sind umsomehr zu bedauern, als die Gegner der Gewährung einer Autonomie an die Reichslande selbstverständlich nicht verfehlen werden, Kapital aus diesen Vorgängen zu schlagen und bei der bevorstehenden Beratung des Derfassungsent- wurfs im Reichstage warnend die Finger zu erheben. Eigentlich ist es doch sonderbar, daß wir mit den Elsaß- Lothringern nicht weitergekonnnen sind. Man hat sich daran gewöhnt, die Reibungen zwischen. dem großen deutschen Volkskörper und einer widerstrebenden Minderheit an unseren Grenzen im Osten, int Norden und im Westen, als eine innerlich gleichwertige Angelegenheit zu betrachten, und doch sind die Perschiedon- fieiien aroß. Tenn wir haben cs im Osten mit den Polen, im Norden mit den Dänen, im Westen dagegen überwiegend mit deutschen Volksgenossen zu tun, so daß man meinen sollte, die Schwierigkeiten müßten hier wesentlich geringer als in jenen beiden anderen Kampfgebieten sein, da es sich in Elsaß-Lothringen doch nicht um den Gegensatz zu einer anderen Nationaliät Handel:. Allerdings haben wir dort auch eine französische Bevölkerung, jedoch tritt sie an Zahl weit hinter die
Feuilleton.
(Nachdruck verboten.
Das erste Ei.
Von Walter Bormann.
Der Bäckermeister Müller hatte durch den jahrelangen Verkauf von kleinerem und größeren: Backwerk soviel Rein- derdienst erzielen können, daß er endlich seinen und den Lieblingswunsch seiner Frau erfüllen konnte, den nämlich, aufs Land zu ziehen. So mieteten sie sich denn ein schönes Häuschen in einem entlegenen Vorort der Stadt, Um dort von den Zinsen ihres Kapitals anspruchslos, aber gemütlich zu leben.
Sie hatten einen kleinen Garten, in dem sie Blumen, Gemüse und Beerensträucher pflegten. Eine von Jasmin und Geißblatt umwncherte Laube mehrte den Genuß.
Aber Madame Müller hatte noch eine Sehnsucht. Sie wollte Hühner haben, um so billig in den Genuß frischer Eier zu kommen und außerdem etwas Leben in die Einsamkeit zu bringen. Eines Tages baute sich denn Müller eine Voliere zurecht, deren Boden er mit Torfmull ansstreute. In eine Ecke ward ein steinernes Trinkbccken gestellt Und ein Napf für das Futter. Der Bretterverschlag dahinter sollte als Schlafkammer für das Hühnervolk dienen. Zur Anreguirg und als Sitzort stellte der praktische Hühnervater vier mit Stroh ausgefütterte und mit einem Nestei versehene niedrige Zigarreirkistchen hin. Madame Müller beaugen- scheinte das Werk und sah, daß es gut war.
Also zog denn eines Morgens Herr Müller mit seinem zehnjährigen Sohne Fritz in die Stadt zum Markte, um dort der kunstvoll aufgeführten Behausung Bewohner zu beschaffen. Sie fanden denn auch bald einen Bauen:, der schöne junge Hühner feilbot.
deutsche zurück, und sie ist merkwürdigerlveise sogar vielfach die bequemer zu behandelnde Gruppe. Soviel man nun auch gegen den Verfassungsentwurf des Herrn Bethmann-Hollweg ernzuwenden hat, so ist anzuer- kennen, daß er von einem billigenswerten Grundgedanke!: ausgeht. Der Reichskanzler lvird sich gesagt haben, daß keines der bisher angewandten Systeme erfolgreich fein konnte, weil keines von ihnen auf der Erwartung beruhte oder beruhen konnte, daß die Elsaß-Lothringer durch die Gewährung einer Autonomie überhaupt erst dazu zu bringen sein werden, ihre Zugehörigkeit zum Deutschen Reich als ein wertvolles Gut zu betrachten, dessen Vermehrung und Ausgestaltung ihnen am Herzen liegen müßte. In diesen: Sinne faßt auch eine sehr beachtenswerte Würdigung des Verfassungsentwurfs in den „Preußischen Jahrbücher!:" (aus der Feder ihres Herausgebers des Professors Leldriick) die reichsländische Frage auf. Delbrück sieht den Tatsachen ins Gesicht und findet demgemäß, daß die Zahl derjenigen Elsaß-Lothringer, die ganz auf dem Boden des Deutschen Reichs und der deutsche!: Bildung stehsn,m:och imn:er nicht groß ist. Er schreibt u. a.: „Ein Teil ist katholisch-klerikal, ein Teil «st sozialdemokratisch, ein Teil ist französisch gesinnt. Tie französisch Gesinnten sind gerade in höhere!: Schichten, denen man sonst und in andere'.: Landschaften mit dem größten Vertrauen die Regierung in die Hand geben kann, aber auch die katholische Geistlichkeit hat starke Sympathien für Frankreich, und die Sozialdemokraten sind auch nicht Prediger nationaler Gesinnung. Die Möglichkeit, mit einer jo _ gestimmten Bevölkerung ein Land als deutsches Reichsland zu regieren, beruht erstens darauf, daß die allerwichtigsten politischen Funktionen überhaupt nicht Sache des Landes, sondern des Reiches sind, und zweitens darauf, daß man die verschiedene!: Gegensätze tu der Volksvertretung sich derart gcgei:seitig neutralisieren lassen kann, so daß das Interesse des Deutschtums gewahrt bleibt. Inden: der politische Kampf entzündet wird, zwingt er mit Notwendigkeit die Parteien im Elsaß, Klerikale wie Liberale und Sozialdenwkraten, Anlehnung bei den Gesinnungsgenossen diesseits des Rheins zu suchen, und wirkt dadurch germanisierend, die Träger der Bewegung selber mögen es wollen oder nicht." Das ist eine Auffassung, der man von jedem 'Standpunkt aus zustimme:: kann. Ganz von selbst ergibt sich zwischen den Parteien und den Fraktionen in den eiuzelstaatlichen Volksvertretungen eine Gemeinschaft, die für unser ganzes deutsches Parteileben bestimmend ist. Nur gerade zwischen den Parteien in Elsaß-Lothringen und den verwandten Richtungen in Altdeutschlaud besteht solche Gemeinsamkeit bisher kaum, sie wird sich aber fortan heranbilden, und damit wird der Vcrschmelzungsprozeß zwischen öen: Reich und de:' Reichslandei: voraussichtlich in einer Weise gefordert werden können, die manche, aus. de::'bestehenden unerfreulichen Zuständen hergeleitete Besorgnis hoffentlich hinfällig mache!: wird.
Rentier Müller tat, als ob er ein Kenner von Hühnern sei: prüfend besah er die kleinen Eirrlegcr und urteilte:
„Dis sind noch jung?"
„Gewiß, gewiß, entgegnete der Bauer. Es sind Herbsthühner."
„Welche Raffe?"
„Echte Landhühner", antwortete der Bauer. „Die besten, die es gibt." Er nahm ein Hühnchen heraus, kniff es in die Brust und erklärte: „Junges Fleisch, schönes junges Fleisch. Solls ein Braten werden?"
„Nein, nein", antwortete Müller. „Znm Eierlegen."
„So! Dann kann ich sie Ihnen sehr empfehlen. Es gibt keine besseren Legehühner als diese. Sie legen jetzt schon. Als ich heute früh den Korb nachfah, hatten — ich lüge nicht — sieben von den Hühnern gelegt."
Müller nickte befriedigt. „Was solle,: sie denn kosten?"
Der Bauer überlegte einen Augenblick.
„Alle acht geb ich Ihnen für zehn Mark. Ich lasse sie Ihnen nach Hause schaffen."
Müller erlegte ein Zehnmarkstück, gab seine Adresse an und wollte gehen. Da hielt ih>: der Bauer zurück.
„Aber Sie haben noch keinen Hahn dabei. Oder haben Sie bereits einen zu Haus. Dies sind alles Hennen."
„Einen Hahn Hab' ich noch nicht; aber ich will auch keinen, die krähen und fressen doch nur und sind sonst zu nichts nütze. Mir ist's um die Eier zu tun."
„Ja, aber dann werden sie nicht brüten."
Müller überlegte. Ob er schließlich doch auch noch einen Hahn nahm? Um Küchlein zu ziehen?
„Also sonst brüten sie nicht?"
„Das wohl", meinte der Bauer. „Aber die Eier taugen nichts. Dann müssen Sie fremde Eier . .
Müller verstand nicht recht, was der Bauer meinte. Er wußte nur, daß Bruteier zum Essen nicht reckt taugten. So winkte er dom ab.
Volitikchr Merstcht.
Die Servsgrmg der KevölkrvrrrtF i« Mercherr im Jahve 1909.
Im preußischen Staate sind im Laufe des Jahres 1909 beurkundet worden: 1287 030 Geburten, 705772 Sterbe- fälle (einschließlich 37990 Totgeburten) und 307901 Eheschließungen. Der Geburtsüberschutz beträgt sonach 581258 oder 14,9 auf das Tausend der Bevölkerung. Die Zahl der Geburten ist feit 10 Fahren sich nahezu gleich geblieben, während die der Gestorbenen abgenommen, die Zahl der Eheschließungen zngenommen hat. Es sind beurkundet:
Geburten
Sterbefälle
Geburten-
Ehe-
einschl. T
otgeborme
Überschuß
schließungcn
1900 .
1275 921
785 538
490383
293004
1901.
1301 292
754 511
546 781
288 567
1902 .
1296163
7176(1
578502
231532
1903 .
1274845
747 491
527354.
285 884
1904 .
1304901
742424
562477
294 732
1905 .
1280 251
765244
515007
299988
190«.
1309082
713 068
596 014
309 922
1907 .
1298463
719 723
578740
313 039
1908 .
1808 435
733017
575 418
311131
1909.
1287030
705 772
581258
307 904
Man sieht also,
daß trotz der Klagen über den Gebnrtenrück-
gang, der, wie die vorstehende Übersicht zeigt» aus den absoluten Zahlen noch nicht zn ersehen ist, der Geburtenüberschuß, auf den cs doch sehr ankommt, im Jahre 1909 gegenüber den beiden Vorjahren noch gestiegen ist und nur dem Rekordjahr 1906 gegenüber um etwa 2tzh v. H. zurücksteht. Die Zahl der Eheschließungen hat allerdings den drei Vorjahren gegenüber abgenommen. Wichtig sind noch die Verhältniswahlen. Es stellte sich auf 1000 der Bevölkerung:
die
Gcburts-
die Sterbe
der Geburt n-
die Heirate«
ziffer
ziffer
überschuß
- ziffer
1900 . . .
37,5
23.,
14,<
17.,
1901 . . .
37,7
21.8
15,8
16,7
1902 . . .
36,»
20,5
16,4
16,,
1903 . . .
35,s
21,»
14,8
16,»
1804 . . .
36,»
20,5
15.5
16,8
1905 . . .
34,8
20,8
14,0
16,8
1906 . . .
85,,
19,i
16,»
16,«
1907 . ..
34,-
19.»
15,2
16,5
1908 . . .
34,»
19,8
15,0
16,2
1909 . . .
33,«
18,,
14,»
15,8
Während also die Geburtenziffer um etwa 12 v. H. gesunken ist, hat sich die Sterbeziffer un: nahezu 22 v. H. verringert; der Geburtenüberschuß ist infolgedessen sich verhältnismäßig nahezu gleich geblieben. Die Heiratszisier ist ebenfalls etwas gesunken — möglicher-, oder vielmehr, wahrscheinlicherweise handelt es sich hier um eine Schwankung, die mit der wirtschaftlichen „Konjunktur" zusammenhängt.
Dem Gvschlechte nach verteilten sich die Geborenen und Gestorbenen der letzten drei Jahre folgendermaßen:
1909 . . 1908 . . 1907 . .
Geborene
männl.
862287
wcibl.
624743
darunter Tot- oedorene männl. ! weibl. 2121ö > 16 775
673 479 669 658
634956
21 979
628805 | 2! 681
16 912 16 678
Gestorbene einschl.
Totgeborene männl. ! weibl. 369 85« 336416
384616 ! 348 401 377 845 ! 341878
Von den Lebendgeborenen waren unehelich: 1909: 48946 Männlich, 46 852 weiblich; 1908: 48 646 männlich, 46 647 weiblich; 1907: 47 842 männlich, 45245 werblich.
„Ich will vorläufig mal die Hühner nehmen. Adieu!"
Andern Tages trippelten in der Voliere die acht jungen Hühner umher, tranken und fraßen und pickten im Sande. Vater, Mutter und Sohn standen vor dem Drahtgitter und schauten schmunzelnd dem munteren Treiben zu. Verschwand eins der Hühner einmal im Bretterverschlag und veMieb dort eine Weile, so wurden sofort die Zigarrenkisten revidiert ; aber mit negativem Erfolge.
„Sie werden doch die Eier nicht aufsressen", meinte Müller sorgend zu seiner Frau.
„Ach wo. Es ist noch zu viel Unruhe. Es ist den Tierchen noch zu fremd hier. Fühlst du dich behaglich am ersten Tag in einem neuen Hause?"
„Das nicht, aber ich brauch auch keine Eier zu legen."
Am nächsten Tage war immer noch kein Ei zu sehen. Und acht Tage später war es noch ebenso. Sonntags kam ein Bekannter von Müller aus der Stadt, der ctwas^ von Hühnern verstand. Er sah sich die trippelnde Gesellschaft von Hühnern an und meinte dann:
„Schöirc Tiere. Es sind gute Leghühner."'
„Du willst mich wohl verulken."
„Nicht doch. Wie alt sind sic denn?"
„Das wollt ich dich fragen. Zwei Jahre?"
Der Gast lachte.
„Du bist ein rechter Hühncrvater. Wem: sie drei Monat alt sind, ist es viel. Nicht eilten Monat mehr."
„Und wann legen sie?" frug Müller kleinlaut.
„Im Frühjahr. März oder April."
„O weh!"
„Vielleicht, daß sie früher anfangen. Aber vor Mitte Februar brauchst du garnicht nachzusehen."'
„Zu Muckers Geburtstag; das wäre sein", rief Fritz dazwischen,' der aufmerksam zugchört hatte.-
Am 13. Februar hatte Madame Müller Geburtstag. UM das Unwahrscheinliche warb znm Ereignis. In einem
