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Nr. 15.

Dienstag. 10 Januar 1911.

59. Jahrgang.

Morgen - Ausgabe.

__1. Matt.

Eine schwere Anklage.

In den „Münchener Neuesten Nachrichten" ver­öffentlicht der Geh. Hofrat Prof. Dt. v. Soxhlet nun­mehr eine ausführliche Darstellung der eigenartigen Beziehungen, der Deutschen Landwirtschaftsgesellschaft bezw. des Bundes der Landwirte zum K a l i s y n d r - tat, welche in diesen Tagen die Öffentlichkeit mehr­fach beschäftigten. Bekanntlich ist Dr. v. Soxhlet mit dem Bayerischen Landwirtschaftsrat wegen dieser Be­ziehungen in Differenzen geraten, die schließlich zu einem Bruch mit der letztgenannten Korporation ge­führt haben. Nach der Darstellung Prof. Dt. v, Soxhlet, für die wir ihm die Verantwortung überlassen müssen, hat die Deutsche Landwirtschaftsgesellfchaft, an die sich die genossenschaftlichen Verbünde . und der Bund der Landwirte im Lauf der Jahre angegliedert.hatten, von 1890—1909 oit Provisionen beim Verkauf von Kunst­dünger 11745 589 M. eingenommen, und davon noch Gewähr der Rückvergütungen an die Käufer 5 704 557 .Mark für sich zurückbehalten. Der Löwen­anteils traf auf das K a l i g e f ch ä f t. Das Kalisyndikat hat ihr an Verkaufsprovision nicht weniger als 8978 195 M. bezahlt, wovon sie 3 812964 M. für sich behielt.. Diesen Provisionen verdankt die Gesellschaft ihr jetziges Vermögen von 3,2 Millionen Mark. Bei denr Vertrag sind Landwirtschaftsgesellschaft und Bund de r L a n d w i r te, die beide Geld für ihre besondere Zwecke gebrauchen, der schwächere Teil, wenn es gilt, vom Kalisyndikat Vorteile' für die Landwirte pt erreichen. Das war auch der Fall bei dem Vertrag vom Februar 1910, über den es zu den erwähnten Differenzen zwischen Professor Soxhlet und der Gesell­schaft kam. Da wieg ersterer sogleich darauf hin. wie gut die Deutsche Ländwirtschaftsgesellschast, der Bund der Landwirte und der Reichsverband der landwirt­schaftlichen Genossenschaften für s i ch und wie schlecht sie für die Landwirte gesorgt hatten, eine Schuld, die dadurch noch besonders schwer werde, daß die ver­schlechterten Bezugsbedingungen nicht nur für 'ihre Mitglieder, sondern für alle deutschen L-ndwirte gelten. Im einzelnen zeigt dann Prof. Soxhlet, daß die landwirtschaftlichen Verbände sich nicht darauf hin- ausredeu können, vour „hartherzigen" Kalisyndikat seien bessere Lieferungsbedingungen für die Landwirte nicht zu erzielen gewesen, da sie es doch recht gut ver­standen hätten, größere Vorteile für sich durchzusetzen. Im Anschluß hieran führt Soxhlet weiter aus:

„Man kamt nur eilten EutschuIdiguttgsgrUnd da­für gelten lassen, daß die Deutsche Landwirtschaftsge- sellschaft und derBund derLartdwirte mehr zumNutzen des

Kalisyndikats und zu ihrem eigenen wirkten, als zum Vorteil der Landwirte. Tie landwirtschaftlichen Ge­nossenschaften müssen sich in das Genossenschaftsregister, die Deutsche Landtvirtschaftsgesellschaft und der Bund der Landwirte aber müssen ihre „Firmen" und die 'Namen der Vorstandsmitglieder ins H a n d e I s - reg ist er eintragen lassen. Und so sind dann (k. Amtsger. Berlin Mitte Abt. 8. Nr. 2693) neben den übrigen Mitgliedern des Vorstandes die beiden Vorsitzenden, der König!, preuß. Staatsminister für Landwirtschaft, Domänen und Forsten v. Arnim und sein Ministerialdirektor Dr. Hugo Thiel, als die Firma­träger einer Handelsagentur eingetragen, und eine spätere Eintragung vermeldet, daß der Herr Ministe­rialdirektor zum Wirk!. Geheimen Rat mit dem Prädi­kat Exzellenz ernannt wurde. Nicht minder köstlich ist die Eintragung über den Gegenstand des Handels- gewcrbes: Belebung des Handels mit deutschen land­wirtschaftlichen Erzeugnissen und Hilfsmitteln ini Jn- uitd Auslande". Wie der 1. Vorsitzende, Minister von Arnim, bei der Hauptversammlung 1904 berichtete, ist die Firma der D. L.-G. „nach Maßgabe ihrer Vermitt- lungslätigkeit tu das Handelsregister eingetragen wor­den". Das Handelsgesetzbuch kennt aber keine andere „Vermittlungstätigkeit" als die der Handelsagenten, und für sie schreibt 8 84 vor, daß sie „das Interesse des G e s ch ä f t s h er rn mit der Sorgfalt eines ordent­lichen 'Kaufmanns wahrzunehmen haben".

Ter Hauptangrissspunkt Soxhlets war der soge- uannte Propagaitdagelder-Paragraph. Im neuen Vertrag 1910 sollten sich die Körperschaften für diese Propagandagelder „verpflichten, für die Steigerung des Absatzes der Kalisalze durch Versuchs-, literarische Uitd Vortragstätigkeit unablässig Sorge zu tragen", d. h. sie ntußten. selbstverständlich unter V e r s ch w e i - gung der Tatsache, daß diese Leistungen vom Kali- s v n d i k a t bezahlt werden, ihre Versuchstätia- keit, die landwirtschaftlichen Zeitungen und die Wander- lehrtätigkeit in den Dienst der Reklame für das Kalt­syndikat stellen: überdies mußteit sie stcd die detnütigende Vorschrift gesalleit lassen, „dem Kalffyndtkat einen Ltochweis der Verivendung vorzulegett". Diese Bcr- tragsbesttmmungeu, die mit Wund das Licht der Öffentlichkeit zu scheuen hatten, wurden ängstlich ge­heim gehalten, wie denn auch der ganze Kalivertrag nur wenigen Eingeweihten zu Gesicht gekommen ist. Soxhlet nannte die Bestimmungelt zuerst „schimpflich", ein Ausdruck, den er später auf gütliches Zureden eines ehemaligen Kollegen zurücknnlun itttb durch „unwür­dig" ersetzte. Wegen dieser Kritik ist Soxhlet dann ans dem Tüngerausschuß ausgeschlossen worden.

Soweit die Soxhletsche Darstellung. Es bleibt ab- zuwarten, was die Herren von der Deutschen Land­wirtschaftsgesellschaft und vom Bund der Landwirte zu dieser erbaulichen Geschichte sagen.

Deutsches Deich.

Wie entsteht die Thronrede zum Landtag? Von diplomatischer Seite wird uns geschrieben: Die Thronrede, mit der der Landtag eröffnet wird, läßt mit ihrem sach­lichen, nüchternen und offiziös geglätteten Inhalt sicherlich nicht darauf schließen, wie chaotisch und tausendmal ge­ändert sie noch wenige Tage vorher aussah, und wieviel Konferenzen, Vorberatungen und Entwüffe dazu nötig waren, wieviel diplomatische Arbeit und Ministerschweiß daran klebt. Trotz ihrer Nüchternheit muß sie doch das ganze Regierungsprogranrm des Ministerpräsidenten ent­halten, und es ist bekanntlich Nicht leicht, selbst in Form be­stimmter Gesetzentwürfe ein Programm «ufzustellen. Bevor der erste Entwurf der Thronrede hergestellt wird, muß jeder Minister über den Umfang der Arbeiten in seinem Ressort Bericht efftatten. Die Thronrede, bezw. ihr Ent­wurf, wandert also von einer MiNisterialkanzlei in die andere und wird sofort stürmisch wegen der „Unauffchieb- barkeit der Arbeit" von einer dritten Kanzlei verlangt. Die Boten fliegen also zwischen den einzelnen Ministerien um­her, ttm den Entwurf herumzutragen. Schon glaubt einer der Ressortminister, daß der Teil der Thronrede, der sein eigenes Arbeitsgebiet umfaßt, wirklich fertiggestellt ist und einer Feile nicht mehr bedürfe; da bringt ein neuer Tag eine neue Arbeit, einen neuen Plan, und es ergibt sich, daß auch diese Angelegenheit in der Thronrede behandelt wer- deit muß. Nun wird sie von dein anderen Ministertnm wieder schleunigst zurückgcfordert. Hier ist sie aber auch nicht mehr und bereits an eine dritte Stelle gewandert, wo sic auch unbedingt notwendig war. Sie muß also wieder zum ersten zurück, und genau dasselbe Spiel geht in in allen Ministerien vor sich. Kurz vor Beginn des Landtags treten nun die Ressortminister tmter dem Vorsitz des Ministerpräsidenten zu Konferenzen zusammen, unt die „endgültige Form" festzustellen. Am nächsten Tag zeigt sich, daß die EndgültWeii der Form sehr fraglich war, denn sie muß aufs neue umgestohen werden. Nette Arbeit, nette Konferenzen der Minister. , Endlich erscheint das Manu­skript so wett fertig-gestellt, daß auch nichts mehr daran zu ändern ist und daß kein wichtiger Plan darin unbesprochen bleibt. Sinn geht cs an die „Redaktion" der Thronrede, die vom Ministerpräsidentett selbst vorgenommen ivird, be­vor sic dem König vorgelegt werden kann. Zu diesem Zweck hat der Ministerpräsident einen Vortrag bei dem Monarchen, wo auch die Wünsche des Kaisers zur Geltung gebracht werden. Das Für und Wider wird zwischen Monarch und Ministerpräsident eifrig verhandelt, und dies ist die allerletzte Redaktion, die der Thronrede zuteil ivird. Aus dieser Konferenz geht sie in der unabändcrlichctt Form hervor, die späterhin dem Landtag zur Kenntnis gebracht ivird. Nun erscheint jedes Wort selbstverständlich und läßt nicht mehr die Kämpfe und Arbeit ahnen. Hier sei eine kleine Erinnerung gestattet, ans der hervorgeht, daß die Konferenz zwischen. Monarch und Ministerpräsident nicht immer ohne jeden Widerspruch verläuft. Mait erzählt sich tläiillich in diplomatischen Kreisen, daß entgegen der all­gemeinen Auffassung bei der Abfassung der Thronrede des

Feuilleton.

Sklaverei in Marokko?)

Wo Anhänger des Propheten zu. finden sind, gibt es auch Sklaven. Nichts erscheint dem frommen Moslin unge­rechter, ja unheiliger und sinnwidriger, als Las Verbot des Sklavenhandels, wie ihn beispielsweise die Türkei unter dem Druck europäischer Mächte erlassen hat. Die Institution des Sklavenhaltens ist durch Koran und jahrhundertealten Brauch geheiligt, und wo ungläubige Christenseelen wenig oder gar keinen Einfluß haben, blüht sie öffentlich und un- eingeschränkt durch Rücksichten aus Fremde. So in Marokko.

Trotzdem dies „Geschäft" in den letzten Jahrzehnten bc- deutend nachgelassen hat, werden immer noch alljährlich einige hundert Neger aus dem Süden gebracht, und zwar aus verschiedenen Strichen zwischen Wendekreis und Aguator. Diese Schwärzet! stehen aus denkbar niederster Kulturstufe. Fragt jeden, der mit Schwarzen zu tun hat, Forscher und Kaufmaim, Weiße und Araber, Mssionare und Schiffsmannschaften, jeder wird es bestätigen. Und wer je einen wirklichen SKavenmarkt gesehen hat — viele Europäer dürften cs nicht sein —, weiß, daß man niemals herzzer­reißende Gefühlsszenen steht, wie sich der weichherzige Europäer vorstellt. Man darf patriarchalische Orientalen nicht mit Amerikanern verwechseln, Onkel Toms Hütte nicht in den Orient verpflanzen. Die Form der Sklaverei im Islam ist himmelweit entfernt von dem, was Abendländer darunter verstehen. Der Mohammedaner behandelt tmter «Am Umständen seinen Sklaven als Glied der Familie. Er beschafft dessen Unterhalt, er kleidet und pflegt ihn, wenn er erkrankt. Der orientalische Familienvater verheiratet sein«

*) Wrr entnehmen diesen Aufsatz mit Erlaubnis der Be mgsbuchhandlung Strecker u. Schröder in Stuttgart dem i »tesem Verlage erschienenen Buch: „Artbauer, Kreuz und qu- mrrch Marokko, Kultur- und Sittenbllder aus dem Sultanc des Westens".

dunkelhäutige Dienerschaft und sorgt für die Kinder, die mit seinen eigenen aufwachsen und gleich diesen gehalten werden. Andererseits ist nur der Druck fühlbar, der Leiden schafft. Negersklaven fühlen aber den moralischen Druck der Unfreiheit nie, den pekuniären äußerst selten. Warum soll sich also der kindische Schwarze nach Freiheit sehnen? Da­mit er selbst den rauhen Kampf ums liebe Dasein ausnehmen muß? Dazu ist er viel zu pfiffig Wird er von seinem Ge­bieter schlecht behandelt, so gibt die verhältnismäßig große Bewegungsfreiheit, welche Sklaven überall, besonders in Marokko genießen, genügend Möglichkeit zur Flucht. Doch kommt dies selten vor. Im Gegenteil! Wenn nach nicht- jährigem braven Dienst der Herr seinem Negersklaven die Freiheit schenkt, wie alte Sitte es erfordert, so ist hundert gegen eins zu wetten, daß der Freigelassene den üblichen Freibrief seinem Herrn zurnckgibt mit der Bitte, er möge ihn „ausheben", weil er freiwillig weiter im Hause verweilen will, an das er gewohnt ist.

Der größte Snk er Rkuk Marokkos befindet sich natur­gemäß in Marrakesch, in der südlichsten Hauptstadt des Landes, wo die uralte Karawanenstraße aus den „schwarzen" Ländern mündet. Da Sklavenhandel in Marokko absolut gesetzmäßig ist. werden auch die Märkte mit menschlicher Ware offen abgehalten. Jeden Mittwoch, Donerstag und Freitag ivird das vorhandene Material ausgestellt und an den Meistbietenden los ' -. schlagen.

Ein gitterbedeckter Gang hinter dem Basar der Wollcn- wcbcr führt zum arkadcnumsämntcn Hof einer geräumigen Okalla. An den Wänden stehen oder kauern Kauflustige, stimmkräftige Ausrufer führen Reger beiden Geschlechtes umher, ihre Vorzüge preisend. „Seht diese Schultern, diese Muskeln! O Gott, welche Kraft!" So ruft ein Händler, aus einen kohlschwarzen Sohn des palmenreichen Südens zeigend. „Zeige deine Arme, o Freund!" ruft er ihn an, und der Schwarze läßt grinsend seine Muskeln spielen. Ein anderer Ausrufer hat junge Mädchen. „O über diese ungeknickten (d. h. jungfräulichen) Blumen! Mögen sie den Harcni eines Paschas zieren! Wo ist der, dem Allahs Güte

Reichtum geschenkt!?" Diese Sorte Blumen ist nämlich ein bischen teuer! Wieder ein anderer hat ältere Arbeits-- sttavinnen: „109 Duros, 109 Rial, wer braucht Hilfe für die Gebieterin seines Hauses? Guten Kuskuffu kann sie kochen und Durra reiben und Brot backen! 100 Taler! Sie ist gar nicht so alt!" meint er treuherzig zu einem Käufer, „nimm sie, wenn sie nicht folgt, schickst du sie mir wieder!" Ein vierter führt an jeder Hand einen Knaben und versucht sie möglichst günstig loszuschlagen. „O, wie fleißige Wächter sind dies, von starken Eltern und wohlgeformt I Wie müssen Gerichte munden, die von ihnen aufgetragen werden! Wenige Jahre und sie sind groß und stark lvie die Palmen des Ba'b Dutkala!" In solcher Tonart werden Säumige ausgemtmtert. Da findet tnan stämmige Sudanhünen, weiß- bärtige Neger, deren gekräuselter Mannesschmuck sonderbar das schwarze Gesicht umrahmt, Knaben aller Altersstufen, daneben kleine Mädchen, auch reifere junge Frauen mit kleinen Kindern. Dies natürlich nur für den Fall, daß sie geradewegs aus denr Süden kommen, also noch keinen mohammedanischen Gebieter hatten, denn wird die Sklavin j Mutter, so darf sic nicht verkauft werden, hat sie vom Ge­bieter einen Sohn, ivird sie sogar frei. Auch viele welke Frauen von abstoßender Häßlichkeit mit Ziegenbrüsten und wirren Haarsträhnen. Unter des Südens furchtbarer Sonne welkt die Frau so rasch! Die meisten Negerirmen kommen direkt über den Atlas oder von den Gebieten nördlich des Senegals, selten werden welche von ihren Herren zunt Ver­kauf geschickt. Denn der marokkanische Städtebewohner liebt Negerinnen in seinem Harem, nur pekuniäres Mißgeschick — ober Freude an Abwechslung — bewegt ihn zu deren Verkauf. Es sei erinnert, daß weiblicke Sklaven nach den '

Stt”fdfttlfST ^ rem Bieter auch geschlechtlich zu

' Verkauf vollzieht sich wie jedes andere Geschäft. Os tst eine absolut ofsentliche Sache, und man benimmt sich auch danach. Das Publikum befühlt Arme und Beine der zu Kaufenden, prüft Muskelstärkc und Kenntnis der arabtschen Sprache (ohne welche der Sklave um vieles ge-