Einzelbild herunterladen
 

Seite 2. Mend-Ansgabe, 1. Matt. Wiesbadener TngblaLt»

und nicht zur Gegnerschaft führen wird. Wer die Der-- hciltnisse kennt, der wech ganz gut. daß die Feindselig­keiten, mit denen sich manche Vororte gegen Berlin stellen, keineswegs aus einem gegebenen inneren Gegensatz hervorgehen, daß auch keineswegs Berlin allein an ihnen schuld ist, sondern daß sie nur der Widerhall der allgemeinen Abneigung sind, mit der die Mutterstadt nach tragikomischen Überlieferungen von der Regierung und besonders vom Landtag bedacht wird. Damit dies unleidliche, gewiß in keinem anderen Lande sich wiederholende Verhältnis aushöre, bedarf es freilich auch einer gemeindepolitischen Klugheit und Gewandtheit, die man in Berlin leider öfter zu ver­missen hat. Aber es braucht ia nicht alles zu hleibeir, wie es ist. Die Pflicht zur Lösung größerer Aufgaben kann doch wohl einmal die rechten Männer am rechten Platz finden. Mit Recht empfindet man es als Un­freundlichkeit gegen Berlin, daß beide Land­kreise vollständig in den neuen Zweckverband cintreten sollen, aber wäre es nicht ein lohnenderes Ziel für den Ehrgeiz der Gemeindebehörden, die be-den Herren Landräts mit in den gemeinsamen Interessen- kreis zu ziehen, statt sie als Gegner vor den Toren stehen zu lassen? Also hier winkt bereits eine Ausgabe.

Deutsches Mich.

- Hof- und Personal-Nachrichten. Der Kronprinz ist Sonntag in Lahors eingetrofien. Es fand kein, offizieller Empfang statt. Nachmittags unternahm der Kronprinz tn Be­gleitung des Gouverneurs und des gesamten Gefolges aut Elefanten einen Ritt durch die Eingeborenenstadt und besich­tigte das Fort und andere Sehenswürdigkeiten.

Die K r o n p r i n z e 1 s l n rst von Assuan nach Luksor ad-

ßerei |)er König von Württemberg ist seit einigen Lagen durch einen Hexenschuß ans Zimmer gefesselt.

Als Vertreter der internationalen Schuldenkommnsron m Konstaritinopel ist als Nachfolger von Herrn Tosta der letzrge Gesandte in Mexiko, vr. Büntz, ernannt worden.

* Eine offiziöse Mitteilung über die deutsch-russischen Verhandlungen. Die „Köln. Ztg." schreibt über Las deutsch-russische Abkommen: Man muß sich daraus gefaßt machen, Laß die nächste Zeit noch manche Nachricht über die deutsch-russischen Verhandlungen bringen wird, die nicht viel mehr sind als Fühler, Lurch die man die Wahrheit herauslockcn möchte. Wenn setzt englische Blätter den .Wortlaut des Abkommens zwischen Deutschland und Ruß­land veröffentlichen, so ist darauf nur zu erwidern, daß Zwar Verhandlungen zwischen den beiden Staaten schweben, aber noch keinerlei Vereinbarungen getroffen worden sind, daß sich die Verhandlungen ungefähr aus der Basis bewegen, wie in den englischen Blättern ange- >geben wird, liegt so nahe, daß ihre Herausfindung keine große Sehergabe erfordert. Wir wiederholen, daß sich die Angelegenheit im Stadium der Verhandlungen befindet und daß noch kein Abschluß vorliegt.

* Die silberne Hochzeit des Fürsten v. Bülow. Heute feiern der Fürst und die Fürstin v. Bülow in Rom ihre silberne Hochzeit. In Wien vermählte sich der damalige Botschaftsrat der deutschen Botschaft in St. Petersburg, Bernhard v. Bülow, am 9. Januar 1886 mit Maria Becca- delli di Bologna aus dem Hause der Principi di- Campo- reale, nachdem ihre erste, am 15. Mai 1867 geschlossene Ehe mit dem Grafen Karl v. Dönhoff 1884 gerichtlich ge­trennt und vom Papste aufgelöst worden war. Auch Graf Dönhoff war Diplomat; er ist 1906 als preußischer Ge­sandter in Dresden gestorben. Zwei Kinder sind dieser ersten Ehe der jetzigen Fürstin v. Bülow entsprossen: die Gräfin Eugen-.e Dönhoff, Gemahlin des Grasen Nikolaus v. Wallwitz, der im vorigen Jahre als deutscher Gesandter in Brüssel aus dem Reichsdienst schied und seitdem in Wiesbaden lebt, sowie der unvcrmähltc Dr. phil Graf Siegfried Dönhoff in Cöln a. Rh. — Die „Nordd. Mg.

nießen, einige Tatsachen verloren gingen. Ich habe Poeten gehört, die trugen miserabel vor, hausbacken, trocken, lang­weilig; Dr. Waldschmidt dagegen trug vor wie ein Dichter, der noch ganz unter dem Eindruck der Wunder des Orients, unter dem Einfluß der Sonne Homers steht. Trotzdem keine Weitschweifigkeit, kein unnützes Spiel mit Worten. Es war kein wissenschaftlicher Vortrag, obwohl die Wissen­schaft nicht fehlte; es war der Vortrag eines Gelehrten, der vor allem das Schöne, das Leben beachtet — und liebt. Eine große Anzahl vorzüglicher Lichtbilder unterstützte die Wirkung des gesprochenen Worts; dieselbe künstlerische Be­schränkung, die sich der Redner als Sprecher auferlcgie, wahrte er auch bei der Auswahl des Mldsrmaterials. Das Publikum — leider wenig zahlreich — schenkte ihni begeisterten Beifall ch.

* Friedrich Nicolai, Aus Anlaß des hundertsten Todes­tages von Friedrich Nicolai (im Feuilleton unseres Blattes der Morgenausgabe des vergangenen Freitags) ertnucn ein Leser an eine merkwürdige Episode im Leben des Ge- nannten, die zu ihrer Zeit viel Aussehen erregte und erst einige der, man darf wohl sagen: Bosheiten, mit denen Goethe seine „Walpurgisnacht" zu Ehren Nicolais gespickt hat, richtig verständlich macht. — Nicolai hatte mit seinen geschäftlichen Operationen nicht immer Glück gehabt. .Als einen Aufklärer und Neuerer, der nicht viel vom Kirchen- glauben hielt, hatte ihn die nach Friedrichs TL Tode kräftig einsetzende Reaktion besonders liebevoll aufs Korn ge­nommen; seine Schriften wurden verboten und der Verfasser sah sich in mancherlei Art schiLaniert und geschädigt. So begannen für Nicolai die neunziger Jahre des vorvcr- gangenen Jahrhunderts recht trüb und der beinahe Sechzig- jährige bemerkte Gesundheitsstörungen obendrein an sich, dir ihn zuerst verblüfften, später aber zum energischen Kampf dagegen antrieben, der auch dann endlich zu deren Über­windung führte. Nicolai hatte nämlich zu jener Zeit regel­rechte Gesponstererscheirmngen am Hellen Tage. Er sah anfangs einzelne, später Phantome in Menge, die seine Wohnung ganz erfüllten und nur ihm allein sichtbar waren. Nicolai, der gar keinen Hang zur Mystik hatte und dem nichts ferner lag als metaphysische Spekulationen, nahm die Erscheinungen keinen Augenblick als ioirüiche, sondern zweifelte nicht daran, daß es sich um Halluzinationen, krank­hafte Vorgänge im eigene» Hirne, handelte. Er riet auf

Ztg." schreibt zum heutigen Tage: Am 9. Januar feiert das Fürstenpaar v. Bülow das Fest der silbernen Hochzeit. Von weiten Kreisen der europäischen Gesellschaft, voran denen der deutschen Reichshauptstadt, wird der Familienfeier auf­richtiger und warmer Anteil entgegengcbmcht. Wir wünschen dem fürstlichen Paare, das den Tag in der Villa Malta zu Rom begeht, Glück und reichen Segen.

* Noch eine offiziöse Lanze für die Reichszuwachs­steuer. Die „Nordd. Mg. Ztg." schreibt in ihren Rückblicken: Bald nach Wiederbeginn der Sitzungen wird der Reichstag die Beratung über das Zuwachssteuergesetz zu Ende führen. Wie wir hören, besteht die Absicht, mit der zweiten Lesung des Entwurfs etwa am 16. Januar zu beginnen. Dadurch wird die unentbehrliche Grundlage für die wettere Be­ratung des Etats geschaffen. Denn der Ertrag der Zu­wachssteuer bildet einen entscheidenden Bestandteil der Einnahmen, welche erforderlich sind, um bei Hinzutritt der Heeresverstärkung und der verbesserten Veteranenver­sorgung das Gleichgewicht des Etats zu erzielen. An dem wichtigsten Grundsatz ihres Finanzprogramms, keine neue Ausgabe ohne gleichzeitige Deckung einzustellen, werden die Verbündeten Regierungen unbedingt festhatten; die Parteien des Reichstags haben sich nicht minder ent­schlossen gezeigt, ihn wie für 1910 auch für den nächst­jährigen und die folgenden Etats mit Strenge durchzu- sührcn. Nachdem das Zuwachssteuergesetz jetzt in drei­maliger Lesung in der Kommission «ine über das gewöhn­liche Matz Weit hinausgehende Durcharbeitung erfahren hat unv alle Einwendungen zu wiederholten Malen dnrch- gesprochen worden sind, darf vorausgesetzt werden, daß der Reichstags dem von ihm selbst unter Zustimmung weitester Volkskreise angeregten Gedanken nunmehr den Charakter einer endgültigen Entschließung geben- wird. Die Trag­weite dieser Entschließung ist so groß, daß sie durch den Widerstand vereinzelter Gruppen und örtlicher Interessen nicht mehr wird beeinträchtigt werden können.

A Geistlicher und Volkszählung. Man schreibt uns: Betreffs des in Nr. 6, Abend-Ausgabe, von Lndwigshasen gemeldeten .,klerikalen Übergriffs" sei folgendes mitge- fcflt: Nach Verfügung des König!. Konsistoriums in Wies­baden vom Oktober v. I. haben die evangelischen Geist­lichen des Bezirks eine statistische Tabelle, betreffend die kirchlichen Einrichtungen, nach einem 31 Spalten umfassen­den Formular aufzustellen, und zwar „im Anschluß an die im Dezember stattsindende allgemeine Volkszählung". Da­bei sind zu unterscheiden Lutheraner, Reformierte, Unierte, Katholiken, sonstige Christen, Juden, andere und Unbe­kannt. — Eine ähnliche Verfügung hat wohl auch das be­treffende Ordinariat erlassen und der betreffende Geistliche aus dem Bayernland ist von dem Verdacht eines klerikalen Übergriffes gerettet.

* Graf Hoensbroech als Reichsiagskandidat. Nach einer Meldung der „Köln. Zig." beabsichtigt die fortschrittliche Volkspariei in Osnabrück, den Grafen Hoensbroech dort als Reichstagskandidaten aufzustellen.

* Keine Kandidatur v. Schuckmanns in Arnswalde- Friedberg! Die vor einigen Tagen in der Presse wieder­gegebene Meldung über die Aufftellung einer Kandidatur v. Schuck mann für die nächsten Reichstagswahlen in Arnswcttdo-Friedbcrg gegen den Antisemiten Bruhn wird der „Kreuzztg." von zuständiger Seite aus dem Wahl­kreis als unzutreffend bezeichnet.

* Großer Geländeerwerb durch die Stadt Berlin. Der Berliner Stadtverordnetenversammlung ist der Kausver- trag über den Erwerb der Wnhlheidr zugegangen. Danach erwirbt Berlin für M/s Millionen 2108 Morgen zwischen Rummelsburg und Köpenick. Hiervon sind Mg Morgen sür einen Volkspark vorgesehen.

* Gerüchte über den Ankauf portug'cstscher Besitzungen. In Paris waren Gerüchte von einem angeblichen Verkauf ehemals portugiesischer Besitzungen des Fürsten von Monaco im Hinterland von Mozambique an Deutschland verbreitet. Wie dem „L.-A." mitgeteilt

Blutfülle und schritt deshalb zu einer ebenso drastischen als radikalen Kur, indem er sich am anderen Pole seines Körpers — Blutegel ansetzen ließ. Nach wenigen Blutentziehungen schon hörten denn auch die Erscheinungen aus und kehrten niemals wieder in den zwanzig Jahren, die Nicolai noch zu leben hatte. — Und nun nehme man einmal den Faust zur Hand und folge mir zur Walpurgisnacht. Man fragt sich heute erstaunt, wie eS nröglich gewesen ist, daß der große Goethe dem kleinen Nicolai soviel Beachtung geschenkt, ihn seines olympischen Zornes derart gewürdigt hat, daß er sich in höchst persönlichen Ausfällen, wobei sogar die Blut- egelknr herhalten muß, gegen den Gegner ergehen konnte. Für manchen Goethe-Verehrer mag sogar die Verquickung des Zeitgenössischen an dieser Stelle mit einem Werke, das über allen Zeiten steht, etwas zu stark sein und sie sähen gerne ihren Goethe etwas weniger menschlich. Aber trotz alledem: Nicolai kann Goethe dankbar sein, denn er hat ihn für immer davor bewahrt, im Staube der Vergessenheit nnterzugehen. Kein Goethe-Biograph, ja, kein Laie, der sich mit ganzem Herzen in die Werke des Heroen versenkt und eftklebt, kann von der GeWlt des alten, ehrlichen „Proktophantasmistett" vorbei. Und so wird auch die Spur seiner Erdentage nicht in Aeonon untergchsn. 6. I>. F.

C. IL Wie KSnigSvederr entstehen. Wenn man alle die Reden und Ansprachen. sammelte, die ein Monarch, dem es vergönnt war, längere Zeit über sein Land' zu herrschen, als erster Diener des Staates gehalten hat. man würde ein Lebenswerk von fast übermenschlicher Vielseitigkeit des Wissens und der Interessen gewinnen. Nicht mit Unrecht konnte Lord Rosebery kürzlich sagen: „Um alle die Reden zu entwerfen, die König Eduard gesprochen hat und deren Gegenstände von der Kunst bis zur Landwirtschaft sich er­strecken, von der Chemie bis zur Viehzucht, dazu müßte man die Beredsamkeit des Demosthenes mit dem Inhalt einer ganzen Enzyklopädie im Kopfe haben." Es ist in der Tat dem Monarchen nicht möglich, alle die Gegenstände, über die er zu sprechen hat, mit der erschöpfenden Kenntnis eines Fachmannes zu beherrschen, er muß große Hilfsmittel aus- nutzen und bas Wissen anderer zu Rate ziehen, ehe er als Monarch zu sprechen beginnt. Eine englische Zeiffchrift er­zählt interessante Einzelheiten über die Art und Weise, wie die königlichen Ansprachen entstehen, über den komplizierten und Langwierigen Vorberettungsprozetz, den eine solche Rede durchlaufen muß, che sie als gesprochenes Wort an die

Montag, 8. Januar 1911. _ Vit. 14. _

wird, entbehren diese Gerüchte jeder Begründung. Weder ist das Deutsche Reich an einem Kaufgeschäft dieser Art beteiligt, noch ist bis jetzt etwas davon bekannt, daß deutsche Reichsangchörige in jenen Gegenden Landankäuse be­trieben haben.

* Ein Erfolg der deutschen Industrie im Ausland. Die rumänische Regierung hat der Firma Siemens und Halske die Ausführung des neuen Telephonamtes in Bukarest für 14060 Teilnehmer (erster Ausbau 6000 Teil­nehmer) nach scharfer Konkurrenz gegen europäische und amerikanische Firmen übertragen. Das alte, zu ersetzende Amt war amerikanischen Systems.

Die Feuerbestattung in Preußen. Die Blättermel- dungen. daß die Vorlage über die Feuerbestattung in diesem Jahr nicht mehr den Landtag beschäftigen werde, ist nach der „Tägl. Rundschau" vollkommen unzutreffend. Wenn auch die Thronrede die Vorlage wahrscheinlich nicht erwähnen dürfte, so stehe doch absolut fest, daß der Ent­wurf im Laufe des Februar an den Landtag gelangen wird.

* Sozialdemokmtische Demonstrationen in den Reichs­landen. Die Sozialdemokrätie demonsttierte gestern in Straßbnog, Kolmar, Mülhausen und Metz durch Volksver­sammlungen und Umzüge gegen den geplanten Berfassnng-- entwurf. Der Straßburger Umzug umfaßte 1509 Personen. In den gefaßten Resolutionen wurde entschieden Einspruch erhoben gegen die geplante Gründung einer preußischen Krondomäne, gegen die Errichtung einer Ersten Kammer, gegen das Alterspluralwahlrecht und die Wohnsitzklaufel. Gefordert wird ausreichende Vertretung Elsaß-Lothringens im Bundesrat. die republikanische Regierungsform, das Propottionalsystcm und die Volkskammer. Nach den Ver­sammlungen fanden große Straßendemonstvationen mit Musik und Gesang der Arbeiter-Marseillaise statt, die ohne Störung Verliesen.

* Die Bevölkerung des Erotzherzogtnms Hessen zählt wie die „Darmst. Zig." mitteilt, nach einer vorläufigen Zusammenstellung der groß-herzoglichen Zentralstelle sür die Landesstatistik nach der letzten Volkszählung 1282109 Personen gegen 1209175 Personen im Jahre 1605.

* Die Auswanderung über Br e m e n betrug im Dezem­ber 8597 Personen (im Vorjahre 11915), darunter Deutsche 560 (gegen 460); im ganzen Jahre 182 454 (gegen 166 690). darunter Deutsche 13 913 (gegen 11962). Die Auswanderung über Hamburg betrug im Dezember 1910 7523 Personen gegenüber 12127 im Dezember 1903 und 10393 im Novem­ber 1910. Im ganzen Jahre 1910 betrug die Auswanderung 118131 Personen gegen 113 535 im Jahre 1909.

* Zur Arbeiterbewegung im Rnhrrevier. Im Rnhr- rev'er fanden gestern Bergarbeiter- und Belegschastsver- fammlungen statt, die sich mit der Lohnsrage beschäftigten. In einer christlichen Versammlung wurde eine Resolution angenontmen, in der die Bergarbeiter anfgefordert werden, sich nicht durch Beschlüsse von Belegschastsversammlungen beeinflussen zu lassen. In den Versammlungen der drei anderen Verbände wurde eine Resolution mitgeteilt, die sich für die Weiterverfolgung der ausgestellten Lohnforde­rungen ausspricht.

MghsftöWesmrg.

4. naffauischer Wahlkreis. Die Fortschrittliche Volks- Partei des 4. nassaulschen Reichstagswahlkreises in Diez stellte den Rechtsanwalt Güth - Wiebaden als Reichstagskandiidaten auf.

Eine nationalliberale Arbeiterkandidatur. Die natio- nallrberäle VcrtrauensmännerversamMlnng des Reichs­tags-Wahlkreises Göttingen-Minnden hat einstimmig be­schlossen. den Bahnschlosser Gustav Jckler, Vorsitzenden des Kartells deutscher Reichs- und Staatsarbeiterverbände. als Kandidaten aufzustellen.

RechtspvechÄttg rrrrd UerwalLmig»

Prinz Wilhelm als Referendar. Prinz August Wil­helm ist heute mittag im Schwurgerichtssaal des Pols-

Ohren der Hörer dringt. Wenn der König ein wissenschaft­liches Institut eröffnet oder einen Jubilar der Gelehrteir­schast feiert, muß er einen Überblick über die Leistungen und Errungenschaften der Vergangenheit geben, muß informiert sein über tausenderlei Fragen, die der Laie kaum vorn Hörensagen kennen wird. Nehmen wir an, daß einem , Monarchen die Ausgabe wird, das neue F'lügelgebäude eines großen Hospitals feierlich einzuweihen. Hier kommen die KraukenHausbehörden dem Herrscher zu Hilfe, sie sind es, die die Rede in ihren Grundzügen vorbereiten. Gewöhnlich bildet sich in einem solchen Falle ein Kouritee, eine Art Kommission, die das wichtigste historische Material gruppiert und zusammenstellt. Dieser erste Entwurf der Rede sieht gewöhnlich eine Sprechzeit von einer Stunde vor; erst dann, wenn das Material hierzu bereit liegt, beginnt die eigent­liche Bearbeitung: die erwähnenswerten Fakten werden wieder revidiert, eine kürzere und doch zugleich erschöpfende Fassung gesucht, eine knappe stilistische Form geschmiedet, und nach langer, umständlicher Arbeit entsteht so eine Rede von einer Sprechdauer von etwa 15 Minuten. Bon diesem ersten Destillat werden dann vier Abschriften hergestellt und dem Privatsekretär des Monarchen vorgelegt, der nun seiner» scrts Änderungen, Kürzungen oder Erweiterungen vor­schlägt. Erst dann gelangt das Manuskript in die Hände des Königs, der die Rede genau dnrcharbeitet und sie wiederum nach seinem persönlichen Geschmack und seiner Sprechweise umsormt. Nunmehr kommt das Manuskript in die Staats- druckecci, wird mit großen dnnkelrotcn Lettern auf Bütten­papier gedruckt und dem Könige wieder zugestellt. König Eduard lernte anfangs die aus diese Weise entstandenen Reden auswendig, aber mit der Erfahrung wuchs auch sein Selbstvertrauen, und in den letzten Jahren seiner Regierung vereinfachte er wesentlich den Werdegang einer solchen Rede; er las den ihm überreichten Entwurf sorgsam durch, prägte sich sie wichtigsten Fakten ein und überließ es dann der Gunst des Augenblickes, ihm den besten und schlagendsten Ausdruck einzugeben. So konnte er schließlich darauf ver­zechten, die Reden abzulesen. Aber die umständlichen Vor. berettungen zu jeder rednerischen Kundgebung des Monarchen fallen damit nicht fort; noch stets müssen einge- wechte Fachleute zunächst eine vierfach größere Ansprache ausaroetten, die dann ans dom Instanzenwege immer mehr znsammenschruMpst und zuguterletzt vielleicht nur als eine Ansprache von zwei Minuten das Licht der Öffentlichkeit erbiMt.