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Nr. IS.
Sonntag, 8. Januar 1SII.
F». Jahrgang.
Morgen - Ausgabe.
1. Matt. _
Dom Deichslmryler.
Es liegt uns fern, die Lobsprüche ironisieren zu wollen, mit denen Herr v. Bethmann-Hollweg neuerdings von einer Reihe von Beurteiler» bedacht worden ist, von denen einige jedenfalls den Anspruch auf be- iondere Beachtung erheben dürfen, während andere, die sich vorzugsweise im "Reiche luftiger Phantastik zu bewegen lieben, doch nach ihrer Stellung wie nach ihrer bornehmen Geistesrichtung gewürdigt sein wollen. Zu den Männern der ersteren Kategorie gehören Schmoller und Frhr. v. Zedlitz, zu denen der zweiten Ordnung rechnen wir u. a. Lei: wunderlichen Schwärmer. auf einem Lehrstuhl der Berliner Universität, den wiederholt genannten Geschichisprofessor Kurt Breisig, mit dessen gewagten psychologischen und historisch-politischen Konstruktionen wir uns schon mehrfach zu beschäftigen gehabt haben. Was aber Schmoller und den freikonservativen Führer betrifft, so sei wiederholt, daß uns die Charakteristik, die sie vom Reichskanzler jüngst entworfen haben, zu keinem Sarkasmus und zu keiner Ironie verführen soll, obwohl wir sie uns nach keiner Richtung hin zu eigen machen können, obwohl wir vielmehr überzeugt davon sind, daß diese beiden Beobachter der Bethmannschen Psyche durch eine allzu optimistisch gefärbte Brille gesehen haben. Schmoller möchte den Kanzler als einen neuen Fabius Cunctator betrachtet wissen, als einen Mann, der nicht etwa aus Mangel an politischem Urteil oder an Entschlußkraft die Zügel schleifen lasse, sondern der vielmehr einen festen und wohlüberlegten, bei konsequenter Durchführung wirkliche Erfolge verheißenden Plan verfolge. Dieses Urteil ist auch das des Frhrn. v. Zedlitz, der mit dem berühmten Nationalökonomen in der Meinung übereinstimmt, daß, wie die Dinge jetzt liegen, nur mittelst vorsichtigen Balancierens zwischen den Parteien die Geschäfte des Reichs ohne schwere Krisen bis über die Reichstagswahlen fortgeführt werden könnten. Herr v. Bethmann-Hollweg würde geradezu unveranl- wortlich handeln, Wenn er, um den Vorwurf der Passi- dität zu vernreiden, zu einer krisengefährlichen AktionS- politik, gleichviel ob nach 'dem Herzen der äußersten Richten oder nach dem der Linken, hätte den Karren längst gründlich festgefahren, im Reich oder in Preußen. Freiherr v. Zedlitz hat mindestens ein Dutzend Gründe dafür zur Verfügung, daß der.verantwortliche Staatsmann keine andere als gerade die von ihm gewählte Politik cinschlagen kann. Schon in normalen Zeiten, so meint er, ist die Reichspolitik zumeist auf Balancierung zwischen den Parteien angewiesen. Für ein parlamentarisches Regiment, so fährt er fort, „fehlt im Reich die unerläßliche Voraussetzung: die Scheidung
in zwei große in sich geschlossene Parteien. Bei unserer Partcizerflitterung bildete sogar der Bestand einer festen regierungsfähigen Mehrheit eine seltene Aus
nahme von kurzer Tauer. Selbst die Kartellmehrheit spaltete sich schon bet den Getreidezöllen. Insbesondere haben die Liberalen seit mehr als einem Menschenalter der Regierung niemals eine nur einigermaßen sichere Mehrheit zu stellen vermocht. Daß ein parlamentarisches Regiment mit je nach der Reichstagsmehrheit wechselnder politischer Richtung auch im Bundesrate auf beinahe unüberwindliche Schwierigkeiten stoßen würde, bedarf der näheren Darlegung nicht. Ebensowenig, daß ein liberales Parteiregiment notwendig zu einer" schweren Krisis in Preußen führen müßte. ES ist daher durchaus kein Zufall, sondern die einfache Konsequenz unserer politischen . Zustände, daß, von Plötzlichkeiten abgesehen, die Reichspolitik in der Regel eine mittlere Linie eingehalten hat, von der aus ein Balancieren zwischen den Parteien möglich war, unter Bismarck so gut wie unter seinen Nachfolgern." Freiherr v. Zedlitz verliebt sich in diese Vorstellung, je länger er ihr nachgeht, zuletzt so sehr, daß er sich sogar zu einem hymnischen Lobgesang auf die Eigenart des Reichskanzlers aufschwinai, indem er schreibt: „Wer
übrigens Herrn v. Bethmanns politische Passivität für gleichbedeutend mit Stillstand in der Gesetzgebung Mischen wollte, würde sich einem kaum begreiflichen Irr- tume hingeben. Zum Beweise hierfür genügt ein Blick auf das Arbeitspensum des Reichstags. Kaum jemals ist die gesetzgeberische Initiative der Re'chsregierung so stark gewesen wie gerade jetzt. In der Fülle großer gesetzgeberischer Vorlagen, mit denen der Reichstag in dieser Tagung befaßt ist, erscheint der von Herrn Beth- mann öfters ausgesprochene Gedanke in die Tat. um- gesetzt, daß gemeinsame ernste und positive Arbeit an großen sachlichen gesetzgeberischen Aufgaben das beste Mittel zur Sammlung der durch den Streit um die Reichsfinanzreform ausemandergesprengten bürgerlichen Parteien sei."
Wenn der freikonservative Herr doch lieber nicht von der „Fülle großer gesetzgeberischer Vorlagen" in der gegenwärtigen Reichstagssefsion gesprochen hätte! Solange sich die Kritiker des Herrn v. Bethmann-Hollweg, die in ihm den Meister einer klugen Zauderpolitik erblicken, nur in Allgemeinheiten bewegen, solange könnte es scheinen/ als sei etwas dahinter. Das Bild ändert sich aber, wenn inan auf die wirkliche Tätigkeit der Rc- gierung und auf die Erwartungen blickt, mit denen sie diese ihre Tätigkeit begleitet, die doch selbst ein Fabius Cunctator nickst unterlassen kann (weil die Maschinerie eines großen Staatswesens eben nicht still stehen darf). Man bekommt alsdann nämlich immer oon neuem den geradezu half loten Eindruck, daß Herr v. Bethmann-Hollweg durchaus an die doch einmal mögliche Verwirklichung einer hinreichend als Unmöglichkeit erwiesene Idee glaubt, also an die Heilkraft .seiner „Sammlungsparole", mit der er alle bürgerlichen Parteien gegen die Sozialdemokratie ver- einiaen möchte. Er meint immer wieder (seine Reden und seine ganze Taktik zeigen esst daß gutes Zureden helfen könnte, daß die Parteien von rechts bis links, das Zentrum mit eingeschlossen, doch endlich einmal einsehen mühten, was er, der Reichskanzler, längst ern-
gesehen hat, nämlich, daß diese bürgerlichen Parteien gut daran täten, das Kriegsbeil zu begraben und. trotz aetrennten Marschierens vereint auf den politischen Radikalismus loszuschlagen. Es klingt fast banal, wenn man sagt, daß Herr v. Bethmann-Hollweg gerade diese und keine andere Wahlparole hat, aber niemand als er selbst kann dafür, daß dies eben eine Banalität ist. Die Parteien hören es und kümmern sich nicht darum, keine einzige von ihnen kümmert sich, darum, keine einzige denkt daran den Kampf gegen eine gegnerische bürgerliche Partei einzustellen, bloß weil me Sozialdemokratie von der Fortdauer dieses. Kampfes Gewinn zu erwarten hat. Was bedeutet da also die Politik eines „Fabius Cunctator"? Nur eine leere Redensart ist das Wort, und wenn es schon Zutressen mag. daß sich nicht Hilflosigkeit dahinter versteckt, sondern daß Herr v. Bethmann-Hollweg einem bewiitzt ergriffenen Plane folgt, so bleibt die Nötigung bestehen, ihm zu sagen, daß gerade diese Politik die verfehlteste
Politische Übersicht.
Die „Krermeitimg."
Die Knebelung der Presse, wohlgemerkt der den Konservativen unbequemen Presse durch gesetzliche Bestimmungen von der denkbar schroffsten Beschaffenheit, ist, wie man sich erinnern wird, in der „Kreuzzeitung" jüngst in einem Artikel verlangt worden, der sogar von konservativen Blättern mit Ausrufen -des Enffctzens begrüßt worden ist. Alle Schrecken der Jnqnisrtionstrtbunale würden, wenigstens nach der moralischen Seite hin, zurückkehren, .wenn die Vorschläge der „Kreuzztg." jemals Gesetzeskraft erhalten könnten. Aber -gerade die fanatische Wildheit der erhobenen Forderungen bietet die beste Bürgschaft dafür, daß dieser Unsinn ewig zu den „frommen" Wünschen einer Gruppe verzweifelter Menschen gehören wird, die sich und ihre egoistischen Inter e-s s e n nicht anders als durch brutale Ausnahmegesetze retten zu können glauben. Die „Kreuzztg." läßt nun freilich nicht locker, sie gibt jetzt wieder dem merkwürdigen Mitarbeiter das Wort, der -am 29. Dezember des vorigen Jahres seine liebenswürdigen Gedanken über die Presse hatte entwickeln dürfen. Man muß schon sagen: dieser ungenannte Herr versteht sich auf sein Handwerk. Er müßte ein geradezu glanzender Verteidiger fein, -wenn der „Kreuzztg." einmal in Zukunft das Unglück passierte, in die Maschen ihrer eigenen Gesetzesvorschläge zu geraten und wegen Mißbrauchs der. Preßfreiheit unter Anklage zu stehen. Nämlich nichts Geringeres bringt der interessante Mitarbeiter als den Nachweis, daß die „Kreuzztg.", deren Verleumdnngsfeldzug gegen den Fürsten Bismarck in -den siebziger Jahren zu ihren schwärzesten Taten gehört, damals ebenso unschuldig wie vornehm, -ebenso überlegt wie gerecht und schonungsvo-ll gehandelt habe! Das ist freilich ein starkes Stück, wohl das stärkste, dessen man sich überhaupt versehen konnte. Leider fehlt der Raum, das spitzfindige Plaidoyer hier wiederzu- geben, aber niemand sollte es ungelesen lassen, der sich an einem Musterbeispiel darüber belehren will, welcher unheimlichen Verdrehungskunst das leitende
Feuilleton.
(Nachdruck verboten.
Der Schnellzug Uv. 115.
Von Guy de Türamond.
Autorisierte Übersetzung von Gut ti Alfen.
Als die Kirchuhr des Dorfes langsam sechs Schläge ertönen stieß und mit ihrem weittragenden Echo das noch schlummernde Land weckte, sprang der Eisenbahnbeamte Rivard vom Bette auf und kleidete sich rasch an, uni auf feinen Posten zu eilen.
Seit einiger Zeit auf der kleinen Station Aubrc- vohe, die auf der Strecke voii Vendsime lag, angestellt, bekleidete er hier die verschiedenen Ämter eines Gepäck- absertigers, Billettverkäufers, Lampenanzünders und Weichenstellers. Tie Beschäftigung ivar nicht allzu schwer. Tie Reisenden waren selteii und der Durchgang voit Waren gleich.Null. Ausgenommen an den Markttagen, welche alle Bauern der Umgegend in die nächste Stadt führten. Dieses Amt war das unangenehmste, da es ihm eine große Veraiitwortlichkeit auferlegte.
Mittags 12 Uhr kam der Schnellzug Nr. 113 in vollster Fahrgeschwindigkeit aus Paris an. Nivard mußte nach denn einige hundert Meter vor den Signalen gelegenen Schuppen laufen und die Kleinbahn, die eine Viertelstunde vor dem Exprpß ankam, auf dem Gileise vorüberfahren lassen. Da bis 2 Uhr dann kenr weiterer Zug vorüberkam, war Rivard frei und konnte l>ach seinem am anderen Ende des Dorfes gelegenen Hänschen zurückgehen, um hier ruhig zu frühstücken.
Infolge seiner Pünktlichkeit und seines Eifers im Dienste bei den Vorgesetzten aufs beste angeschrieben, hatte man ihm schon oft Beförderung vorgeschlagen. Er hatte sie immer abgelehnt.
Friedlichen Gemütes und. wenig ehrgeiziger Natur, liebte er seine Heimat und sein Haus. Vor sechs Jahren hatte er ein junges Mädchen aus dem benachbarten Kanton, eine geschickte, kräftige, pausbäckige Nor- mannin, die gesund wie ein Apfel war, geheiratet, und die EisenbahngeseMMt hatte ihr als Hochzeitsgeschenk die Stelle der Schlagbaumwarterin von Aubrevove versprochen, sobald die jetzige Inhaberin ihren Abschied genommen haben würde. Dieser Umstand ließ der jungen Frau übrigens vollste Zeit, die kleine Madelewe, die ein Jahr später gekommen war und ihre Häuslichkeit durch ihr helles Lachen erheiterte, zu erziehen. .
Er schob auch ein wenig den Augenblick hinaus, m welchem Rivard das Gärtchen aufsuchen konnte, dem er alle ferne Mußestunden und alle Urlaubstaa? widmete, da er hier mit größter Mühe herrliche Blüten, die die Bewunderung der Vorübergehenden erweckten, züchtete.
Doch tröstete er sich darüber, wenn er daran dachte, daß sie mit dem Geld, das seine Frau auf diese Weise verdiente, eiiie beträchtliche Mitgift für ihr Kind beiseite legen könnten. .. .
Und besaß das Häuschen der Schlagbaumwarteru, ii'cht auch einen Garten, der sogar arößer war als der seine, und Öen er in ein immerblühendes Blumenbeet verwandeln würde?
Weinblätter rankten sich längs der Mauer tmd er sah bereits, wie sich das Spalier tu den ersten Serbst-
tagen unter der Last der tiefroten Trauben neigen
würde. ^ ,
.... Nachdem ec den schwarzen Kaffee, m den er Butterschnitte tauchte, getruiiken hatte, holte er seine silbergestickte Mütze vom Mantelhaken, um fortzugehen. Da fragte eine kindliche smifte Stimme voii dem kleinen Bettcheii in der Zimmerecke her, in welche die durch die halb offenen Fensterladen dringende Sonne ihre Strablen verspritzte:
„Darf ich dich abholen, Papa?"
Er kehrte zu dem kleinen Mädchen zurück, dessen blonder Kopf mit den blauen, iioch schlaftrunkenen Augen einen goldenen Schein auf. dem Kissen verbreitete uiid beugte sich zu ihr, um sie zu küssen:
„Du weißt sehr gut. mein Liebling, ich stiebe es nicht, daß du ohne Mami ausgehst . . .. und zu der <,eit muß sie gerade unser Frühstück zubereiten . . •
„O Papa, ich verspreche dir, so gilt aufzupassen . . . sag lieber, guter Papa, dasi du es Mir erlaubst.- .... .
<va hatte er nicht mehr den Mut, ihr ein Vergnügen zu verweigern, das ihn selbst mit so viel Freude er- stillte, und er stimmte bei: .
„Nun gut, einverstanden... Du wirst mich ab- hclen kommen!"
„O Papa", rief das Kind und schlang ihre schmeicheln- den rosa Ärmchen wie einen Schraubstock um den Hals ihres Vaters, „wie liebe ich dich!"
Und Rivard wandte sich zu seiner Frau und schürfte ihr nochmals ein: „In keinem Falle laß sie vor 12(4 Uhr von hier fortgehen, nicht wahr?"
„Wie schwach du bist", erwiderte sie lachend, „immer - oibst du nach!"
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