Nr. 12 * _ Mcnd-Ausgabe, 1. Blatt. Wiesbadener Tagblatt. Samstag, r. Januar 1911. Seite 5.
. —- Personal-Rackricktcn. Der frühere Vizekonsul in Cordoba «Argentinien). Ingenieur Adolf Kettler in Wiesbaden, erbrelt den Roten Adlerorden 4. Klasse, der Arzt Dr. Hans Kt es in Hochheim den Königlichen Kronenorden 4. Klasse, Volrzeidiener Peter Pau li e in Cratzenbach «Usingen), die Bahnwärter a> Dl Anton Diel in Ems, Kornelius Füchter ut Griesheim. Christian Krieger in Nied und Anion Mohr m Eddersheim, Schreinerborarbeiter Wilhelm N i e h o f f und Werkmeister Friedrich S t e r n b e r g in Biebrich das Allge- meme Ehrenzeichen. — Den Regierungskanzlisten Friedrich Valccker, Emil Fritsche und Wilhelm E-teinmetz zu WleLbaden ist der Titel Kanzleisekretär verliehen worden.
— Justiz-Personalien. Die Rechtskandidaten Barn und Gr es sind, nachdem sie die erste juristische Prüfung bestanden haben, zu Referendaren ernannt und als solche dem Amtsgericht in Hochheim resp. Wehen zur Beschäftigung hingewiesen worden.
— Post-Personalien. Verliehen der Titel Oberpostassistent den Postassistenten Drescher in Höchst. Wilhelm Kaiser in Geisenheim und Hermann Z i v v in Wiesbaden. Etatsmäßig angestellt die Postassistenten Ehrh in Höchst und Heine» mann in Dillenburg.
— Kurgäste. Es ist hier eingetroffen: Gras b. ft tc I =
Mannsegge aus Mannheim im „Hotel Nassau und Cecilie". Kammersänger Professor Dr. v. Bary aus Dresden im „Hotel Prinz Nikolas".
.. — Das Jubiläum des Kaufmännischen Vereins rückt immer näher; die Vorbereitungen aus die Festtage am 13., 14. und 15. Januar werden in eifrigster Weise gefördert. Das Fest- vrogramm verspricht eine würdige, dem Ansehen des Vereins entsprechende Feier. Eingeleitct wird das Jubiläumsfest durch Schmückung der Gräber der verstorbenen Mitglieder und eine Gedenkfeier am Freitag,, den 13. Januar, nachmittags 3 Uhr, am Grabe des verstorbenen Vorsitzenden Böhmer. Der Samstag bringt dann die Gäste von auswärts, die sich in großer Zähl angemeldet haben. Das Empfangsburean befindet sich im Hotel „Prinz Nikolas", Nikolasstrahe 29/31. Als Eröffnungsfeier findet am Samstagabend im Festsaalc der Turngesellschaft (Schwalbacher Straße) ein großer Festkommers statt unter Mitwirkung des Männergesangvereins „Concordia", der „Wiesbadener Tnrngesellschaft" und namhafter Wiesbadener Künstler. Professor Dr. Kindermann aus Stuttgart wird die Festrede »alten. Ein gut besetztes Orchester bestreitet den musikalischen Part.■ Für die Damen sind zum Kommers beide Galerien reserviert. Sonntag, den 15. Januar, folgt die Hauptfeier, die eröffnet wird am Vormittag 114» llhr im Residenz-Theater durch eine Matinee, deren Einnahmen dem Baufonds zur Errichtung eines Wiesbadener Kaufmännsheims zufließen. Nach einem Lustspiel, dem ein Prolog, von I. Chr. Glücklich versaßt, borauf- aebt und in dem die ersten Kräfte des Residenz-Theaters austreten. folgen Darbietungen der Königl. Opernsängerin «räulein Krämer, der Herren Professor Mannstaedt und Kapellmeister Jrmer u. a. Der „Wiesbadener Männirgesängverein" wird durch einige Chöre erfreuen. Nachmittags 2(4 Uhr findet rm Weinsaal des Kurhauses ein Festessen mit Damen statt und ein Festball im Wartburgsaale, abends um 8 Uhr beginnend, wird dem Feste einen fröhlichen Abschluß geben.
- Giiterrechtsregistcr. Die Eheleute Weinhändler Johann Baptist F u h r m a n n und Margarese, geb. ^ Büttner, von Estrich, Maler Peter Anton M a n n und Franziska, geb. Kunz, zu Schönberg i. T.. Landwirt Ludwig Thomas und Philippine Luise, geb. Krieger, zu Cronberg, Viaurer Peter Paul und Susanna. geb. Freund, zu Kleinschwalbach, Gastwirt Johann Steuer und Anna, geb. Westinner, in Dausenau a. d. L., Rentner Friedrich Buhl m a n n und Dora. geb. Drumm, zu Biebrich a. Rh, und Maurer Wilhelm Feld zu Frauenstein und Emilie Christiane Philippine, gcb. Schwatbach, haben Gütertrennung vereinbart.
— Steckbrieflich verfolgt wird die Händlerin Luise L ä u - ding er, geb. am 19. März 1891 zu Hochstätten, Kreis Kirchheimbolanden. wegen Betrugs und Diebstahls.
— Kleine Notizen. Der R e i n e r t r a g des am 19. Dez. vom Zerlettschen Frauenchor zum Besten des Vereins zur Speisung bedürftiger Schulkinder veranstalteten Konzerts ttt der Ringkirche beträgt 1141 M. — Die Eisbah« Adolfshöhe ist spiegelglatt. Dein zurzeit im „Hotel Erbprinz" auftretenden Da me no r ch e st e r gebt der Ruf voraus, daß es musikalisch das beste Damenorchestcr fei. Es besteht ans 9 Damen und 1 Herrn. .
Theater, Kunst, Vorträge.
* Königliche Schauspiele. (S p i e l p I a n.)' Sonntag, den 8. Januar, Abonnement D: „Götterdämmerung". Anfang 6 Vi llhr. Montag, den 9., Abonnement 8: „Die Welt, in der man sich langweilt". Anfang 7 llhr. Dienstag, den 19., Abonnement A: „Undine". Anfang 7 Uhr. Mittwoch, den 11., Abonnement B: „Tannhäuser". Anfang 7 Uhr. ' Donnerstag, den 12., Abonnement L: „Die Jüdin". Anfang 7 Uhr. Freitag. den 13., Abonnement D: „Goldfische". Anfang 7 Uhr. Samstag, den 14., Abonnement L: „Mignon". Anfang 7 Uhr. Sonntag, den 15., nachmittags 2 1 /a Uhr: „Die Karolinger". Abends 7 Uhr, Abonnement-ch: „Tiefland".
* Residenz - Theater. «S p i e I p l a n.) Sonntag, den
8. Januar, nachmittags %4 Uhr: „Kavallerie". Abends 7 Uhr. »Der scharfe Junker". Montag, den 9.: „Die Silberfischchen". -.1. Klasse". „English spokeu". Dienstag, den 10.: Einmaliges Gastspiel Rosa Poppe mit Ensemble: „Sappba".
Mittwoch, den 11.: „Der scharfe Junker". Donnerstag, den 12.: ..Die Silberfischchen". „1. Klasse". „English spokeu". Freilag, den 13.: „Kaserncnluft".
* Kurhaus. Aus Anlaß der 100. Wiederkehr des Geburtstages des großen deutschen Dialektdichters Fritz Reuter (geboren U November 1810) veranstaltet die Kurverwaltung am Mittwoch kommender Woche eine Fritz-Reutcr-Feier. Die Feier konnte leider an keinem früheren Termine stattfinden, da der bekannte Reuter-Interpret Herr Königl. Hofschauspieler August Junkermann nicht zur Verfügung war. : — Das 8. Kur- »au s - Z h k lu 8 - Ko n z e r t unter Leitung des Direktors des K. K. Hofopern-Tbeaters in Wien, Herrn Felix Weingartner, und Fräulein Lucie Marcel als Solistin, findet diesmal an einem Donnerstag statt, und zwar am Donnerstag der Nächsten Woche, den 12. Januar.
* Bortrag Werner. Wir machen noch einmal auf den Vortrag des Frankfurter Pfarrers Werner aufmerksam über das aktuelle Thema: „Weibliche Kulturleistung ohne bolitisches Frauenstimmrecht" und bitten, aus dem Anzeigen- leil dieser Nummer, Seite 9, das Nähere zu ersehen.
Gerichtliches.
Aus Wiesb-rdrrrev Gerichts >a!en.
— Jung verdorben. Unter Bezugnahme auf die in der Morgen-Ausgabe Des „Wiesbadener Tagblatts" vom 2- Januar veröffentlichte Gerichtsfaalnoiiz geht uns von luristischer Seite folgende Richtigstellung zu: Am Schluffe des Berichts über die am Mittwoch vor der hiesigen Strafkammer stattgehäbte Verhandlung gegen die jugendliche M. ist gesagt: „Ein Antrag der Verteidigung, sie zur bedingten B e g n a d i g u n g in Vorschlag zu bringen, ivurde abgelehnt. dagegen wird in Erwägung gezogen, ob sie nicht der F ü r s o r g e e r z i e h u u g zu überweisen sei." Es liegt hier ein Mißverständnis Ihres Berichterstatters bor. Die Beschlüsse, welche, wegen Empfehlung zum bedingten Strafaufschub ergehen (die Strafkammern haben sich hierzu nur gutachtlich zu äußern), werden nicht verkündet, und eS ist dies auch in« vorliegenden Falle nicht geschehen. Wenn Ihr Herr Berichterstatter der Verkündung »es Urteils entnommen hat, daß das Gericht den Fall als Lür Einleitung der Fürsorgeerziehung geeignet angesehen
hat (die Strafkammern haben sich in dieser Hinsicht nicht einmal gutachtlich zu äußern), so ist darauf hinzuweise», daß ein segensreicher Erfolg der letzteren nur in Verbindung mit einem Strafauffchnb, der womöglich dazu führt, die Angeklagte von der Verbüßung der kurzen Freiheitsstrafe zu bewahren, erwartet werden kann."
■wc. Der Buchhalter ohne Papiere. Eine hiesige Firma der Lebensmittelbranche hatte vor einiger Zeit einen Buchhalter engagiert, welcher ivedcr eine Jnvälidenkarte noch dine polizeiliche Abmeldcbescheinigung vorzulegen vermochte, der sich jedoch erbot, die Papiere gleich andern Tags -bcizubringcu. Mehrfach wurde in der Folge an die Einlösung dieses Versprechens erinnert, immer aber vergeblich, und als nach acht Tagen noch immer nicht die Papiere zur Stelle waren, sah der Prinzipal sich um so mehr veranlaßt, den Angestellten zu entlassen, als er einmal bereits wogen Beschäftigung eines jungen Mannes, der nicht inr 'Besitz einer Jnvälidenkarte war, bestraft worden ist. Der Buchhalter jedoch glaubte, daß ein gesetzlicher Entlassungs- grund nicht vorliegc und beschritt den Wog der Klage vor dem Kaufmannsgcricht, und sein Vertreter legte gelegentlich der Verhandlung eine Bescheinigung der Landesver- sichcrungsanstalt Hessen-Nassau vor, wonach die Nichtbeibringung der Jnvaliditätskarte tatsächlich nach rechtskräftigen Entscheidungeir einen gesetzlichen Entlassungsgrund nickt abgebc. Nichtsdestoweniger aber wurde der Buchhalter mit seiner Klage abgewiesen aus folgenden Erwägungen: Der Beklagte habe frcn Kläger — was zugegeben werde — mehrfach aufgcfordert, die Jnvalidenkartc bei- zubringen; es habe auch die Möglichkeit Vorgelegen, der Aufforderung zu entsprechen. Wenn er das nichtsdestoweniger nicht getan habe, so liege eine beharrliche Weigerung vor, einer Anordnung des Prinzipals nachzukommen, und damit ein Grmtd für die sofortige Entlassung. Im übrigen habe auch sonst der Kaufmann alles Interest« daran, daß die Leute, die er in seinem Geschäfte anstelle, ihm ihre Papiere vorlcgtcn.
Aus auswärtigen Gerichtsfäleu.
Die Moabiter Straßenkrawalle vor Gericht.
8. & H. Berlin, 6. Januar.
Nach Eröffnung der heutigen Sitzung fährt Rechtsanwalt Wolfgang Heine in seinem. Plawoyer fort: Der Staatsanwalt hat angedeutct, es wäre eine planmäßige Leitung der Krawalle nicht erwiesen, aber wahrscheinlich. Damit konnte er Nur die sozialdemokratische oder gewerkschaftliche Organisation meinen. Deutlicher hat sich noch die polizeioffizös inspirierte Presse ausgesprochen. Gegen eine solche Bezichtigung müssen wir uns mit aller Macht wehren. Tie Moabiter Arbeiter gehören zu den besser situierten Arbeitern. Wenn diese Arbeiterschaft durch die Arbeiterbewegung ein gewisses Ehrgefühl bekommen hat, so daß sie Prügel nicht mehr uüt dem blöden Lächeln eines russischen Muschik hinninnnt, so nimmt die Sozialdemokratie die Verantwortung hierfür gern ans sich. Der Haß der Arbeiterschaft gegen die Polizei, der in gewissem Maße vorhanden, ist erwachsen aus dein Gefühl, daß die Arbeiter die Polizei immer auf der Seite ihrer Gegner finden, namentlich auch in wirtschaftlichen Känipsen. Durch das ungeschickte Vorgehen der Beamten ist erst die Aufregung in die Bevölkerung hinemgetragcn worden, es zeigte sich aber ein absoluter Mangel an sachgemäßer Leitung. Charakteristisch für die „Revolutionäre von Moabit" ist es, daß sie nach ihrer Arbeitsstätte eiten, sobald die Fabrikpfeife ertönt. Im Falle Hermann, der an den Folgen der ihnr beigebrachten Verletzungen starb, liegt einfacher Totschlag vor, und wenn die betreffenden Beamten ermittelt werden könnten, kämen sie vor das Schwurgericht. Direkt verbrecherisch war das Einschlagen der Beamten auf bereits am Boden liegende Personen. Schlimmer sind im letzten Kriege unsere Verwundeten von den Z u a v e n u n d T u r k o s auch nicht behandelt worden. Schuldige befinden sich unter den Angeklagten und unter der Masse, aber die Schuld dafür, daß die Dinge diesen Umfang annehmen konnten, liegt bei der Polizei. — Nach der Pause erhebt sich der Erste Staatsanwalt, um die Beamten gegen die Behauptungen der Verteidigung in Schutz zu nehmen. Wenn die Verteidigung hier Hunderte von Zeugen genannt hat, so habe sie dies getan, nicht um der Sache zu nützen, sondern Um der Behörde eins anzubringen. Die Verteidiger protestieren gegen diese Auslassungen. Der Gerichtshof zieht sich darauf zur Beratung zurück. Der Vorsitzende verkündet nach kurzer Beratung, daß der Gerichtshof kein Mittel besitze, uni den Staats«,tzvalt zu zwingen, derartige Ausführungen zu unterlassen. Das Gericht richte aber einmütig sowohl an die Staatsanwaltschaft wie die Verteidigung die Bitte, gegenseitige Angriffe zu unterlassen. Der Erste Staatsanwalt führt dann fort, die Angriffe der Verteidigung auf die Beamten zurückzuweiscn. Er habe vor allem der Meinung widersprechen müssen, als wenn d>e Verbindung der einzelnen Strafsachen aus politischen Gründen heraus erfolgt sei. Diese Behauptung stehe in krassem Widerspruch zu den Ausführungen der Anklageschrift. Die Polizei habe nach bestem Wissen Ordnung zu schaffen gesucht, wen« sie sich tu einzelnen Mitteln vergriffen habe, so sei das eben ein menschlicher Irrtum. Hierauf plaidicrt der zweite Verteidiger Rechtsanwalt Heinemann. Er geht speziell auf die Fälle Wandt, Schulz. Weiß, Heinemann und Ehrenreich ein und sucht nachzuweisen, daß sich die Beamten nicht in rechtmäßiger Ausübung ihres Amtes befanden, als sie auf die Menge einschlugen und daher die Vergehen der Angeklagten milder anzusehen seien. Die Beamten haben geglaubt, ihre Autorität wahren zu müssen, das sei eine völlige Verkennung der gesetzlichen Vorschriften und eine über- hebnng. Darin, daß die Beamten die feste Überzeugung hatten, sich mit dieser Auffassung im Recht zu befinden, liegt der Schlüssel für die ganzen Vorfälle. Das Volk hat jedenfalls kein Verständnis dafür, daß jemand ungestraft Bluttaten begehen darf, daß aber dem, der diese Bluttaten scharf aber richtig mit „Bluthunde" kritisiert, sechs Monate aus seinem Leben gestrichen werden sollen. Jeder Richter, der eigentlich souverän ist, ist an strenge gesetzliche Bestimmungen gebunden, ein subalterner Polizeibeamter dagegen verhängt Körperstrafen, wie es ihm beliebt.
" Morgen werden die Plaidoyers fortgesetzt.
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lu Berlin, 7. Januar. Das Urteil im Moabiter Krawall-Prozeß soll erst am Mittwoch gefällt lverden, da
der Dienstag für Beratungen frei bleiben soll. Gleichwohl wird der zweite Krawall-Prozeß vor dem Schwurgericht am Montag seinen Anfang nehmen. Die Anklage wird in diesem Prozeß Oberstaatsanwalt Preuß selbst vertreten.
Kleine Chronik.
Eisenbahnunfälle. Ein vormittags Von Paris nach der Bretagne abgegangener Eisenbahnzug ist in Rambouillet entgleist. Man spricht von mehreren Verunglückten; der Sachschaden ist bedeutend; mehrere Wagen brennen. Der Unterstaalssekretär Guisthau, der sich in dem Zuge befand, ist unverletzt. — Einige hundert Meter vom Bahnhofe Mons (Belgien) entgleiste ein Personenzug. Der Heizer und Lokomotivführer konnten sich durch Abspringen retten, dagegen wurde der Zugführer getötet. Ihm wurde der Kops vom Rumpfe gerissen. Außerdenr erlitten 13 Reisende mehr oder minder schwere Verletzungen.
Ein großer Diamantcnschwindel. Ein polnischer Jude, welcher unlängst in Antwerpen -eingetroffon war und sich das Vertrauen der Mitglieder des hiesigen Diamanlcn- klubs zu erwerben gewußt hatte, hat sich gegen einen völlig Wertlosen Scheck in den Besitz von Diamanten im Werte von 86060 Fr. gesetzt und ist dann geflüchtet, man glaubt, daß er in Begleitung seiner Frau nach Deutschland entkommen ist.
Ein Fiaker von seinen Fahrgästen erschlagen. In Untermais bei Meran erschlugen nachts zwei Zwischenhändler und Hazardspieler den Fiaker, der sie nachmittags von Gasthaus zu Gasthaus geführt hatte und dem sie das Fahrgeld verweigerten. Die Leiche wurde ans der Straße gefunden; die Täter wurden verhaftet.
Schwerer Rodclunsall. In Kalten und im Hölterhof sind mehrere zu Tal fahrende Rodler, die mit ihren Schlitten einander nicht ausweichcn konnten, weil die Bahn zu schmal war, auf- und gegeneinander gefahren. Sieben Personen wurden verletzt, darunter mehrere schwer.
Erfrorön. Auf der Landstraße hei Brich wurde ein Arbeiter erfroren aufgesunden.
Ein Paffagierdampfer gestrandet. Der Passaqierdampfer „Everton Grange" strandete kurz nach seiner Abfahrt von Adelaide und sitzt fest. Man weiß nicht, wie viel Passagiere an Bord sind. Das Schiff kostete über zwei Millionen und hat eine Ladung von über zwei Millionen an Bord.
Handel. Industrie.
i=i Volkswirtschaft. t=i
Inventur-Ausverkäufe.
C. A. Berlin, 6. Januar.
Kaum ist das Weihnachtsgeschäft vorüber und schon wird ■die Saison der großen Inventur-Ausverkäufe angekündigt, die in diesen Tagen beginnt. Man sollte meinen, die Kauflust des Publikums habe sich in den Weihnachtstagen so stark betätigt, daß keine neuen Reizmittel sie nach kurzer Zeit schon wieder neu anregen können. Und doch täuscht man sich in dieser Annahme. Die Kunst, das Publikum in seiner Einkaufstätigkeit zu lenken, ist durch die neueste Entwicklung des Detail- geschäftes so sehr ausgebildet, daß auch das scheinbar Unmögliche zur Wirklichkeit wird. Ob diese Entwicklung volkswirtschaftlich erfreulich ist, darnach kann ja die geschäftliche Praxis, die ihre Methode nach den finanziellen Erfolgen be- mißt, überhaupt nicht fragen. Hat erst ein Unternehmen mit dem Inventurausverkauf Glück gehabt, so muß die Konkurrenz in die nämliche Bahn einlenken, Will sie nicht den Gewinn aus , solchen Verkäufen einigen Wenigen in der Branche überlassen. Gewiß sind die Inventurausverkäufe als solche nicht neu, aber so allgemein und systematisch inszeniert waren sie bis vor wenigen Jahren nicht. Daß zu diesem allgemeinen Brauche in erster Linie die Praxis der Warenhäuser und der großen Spezialgeschäfte 'mitgewirkt hat, kann nicht verkannt werden. Hier sammeln sich im Laufe des Jahres Berge von Waren an, die u n t e r dem üblichen Preise an den Mann gebracht werden müssen. Die Größe des Unternehmens bedingt, daß in allen Artikeln stets eine reichliche Auswahl vorhanden ist. Der Ge- < Schmack des Publikums ist nicht vorher zu bestimmen und von dem vorhandenen reichen Lager geht ein Artikel rasend, andere weniger gut, wieder andere fast gar nicht. So bleiben am Jahresschlüsse Restbcslände von sogenannten Ladenhütern, zu denen noch zahlreiche Waren kommen, die in den Auslagen etwas gelitten haben oder sonstwie in der Qualität nicht mehr ganz einwandsfrei sind. Auch Waren, die mit der Mode nicht mehr gleichen Schritt halten, sollen nicht im neuen Jahre die Vorräte belasten. Alle die genannten Waren machen in den großen Geschälten bedeutende Mengen aus, deren Verkauf zu besonders niedrigen Preisen einem großen Teil des Publikums es ermöglicht, eine ganze Reihe von Haushalts- und Gebrauchsgegenständen billig zu erwerben. Die Fehler der Ware sind oft minimal und kommen angesichts der Preislage kaum in Betracht Und der Erfolg gibt den Veranstaltern der Inventurausverkäufe recht. Das Publikum läßt sich die Gelegenheit nicht entgehen: es nimmt die Gelegenheit wahr und entwickelt gleich nach Weihnachten wieder einen Bedarf, der kaum vermutet werden sollte.
Dabei ist allerdings zweierlei beachtenswert: nicht alle Geschäfte erfreuen ,sich bei den Ausverkäufen eines kauflustigen Publikums, sondern nur die großen und größten Unternehmungen des Detailhandels. Nicht nur, daß hier der Inventurausverkauf gleichfalls reiche Auswahl bietet, auch die Preise sind so niedrig kalkuliert, wie das von kleinen Geschäften kaum nachgemacht werden kann. Das liegt an der Größe der Gesamtumsätze dieser Detailriesen. Der kleine Geschäftsmann, der kaum sein Einkommen aus dem Umschlag seiner Waren verdient, kann wohl die Preise bis zu einem gewissen Grade zurücks^tzen, aber er kann nicht gut auf Kosten des übrigen Gewinn bringenden Umsatzes so weit mit den Preisen heruntergehen, wie dies der große Detailbetrieb kann, der auf der einen Seite äußerst niedrige Einkaufspreise genießt und auf der anderen Seite nicht einmal Geschäftsunkosten in die Ausverkaufspreise einzukalkulieren braucht, da diese durch die- Umsätze 1 aus dem Verkauf zu regulären Preisen hinlänglich ■ gedeckt sind. Dies begünstigt die Inventurausverkäufe der Warenhäuser und der großen Spezialgeschäfte.
Eine zweite Beobachtung, die sich auf das Publikum bezieht, ist gleichfalls lehrreich. Die Gelegenheit, bei den Inventurausverkäufen den Bedarf an einer bestimmten Ware billig einzudecken, hat nur ein Teil des Publikums. Nur wer nach Weihnachten die nötigen Mittel hat, schon wieder größere Einkäufe namentlich in Tisch-, Belt- und Leibwäsche zu machen, der hat gewisse Vorteile von dem Brauch der
