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Verlag Larrggaffe 21

„Tagblatt-Haus".

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Nr. 11

Samstag, 7. Januar 1911,

59. Jahrgang.

Morgen - Ausgabe.

_1. Wtctkt.

Wie es kommen mußte.

Bei der Agitation für die Erhöhung der Geireide- 3ötle haben die Gegner hauptsächlich mit zwei Grün­den gearbeitet. Sie haben erstens dargelegt, baß die hohen Getreideprcise sofort'in steigende Grund­rente umgewandelt würden und daß für die prakn- Ichen Landwirte die höheren Bodenpreise von sehr zweifelhaftem Wert seien. Diese Wirkung ist lhst mit der Sicherheit eines Naturgesetzes ein getreten. Überall sind in den letzten Jahren bei Verkäufen viel höhere Preise erzielt worden. Den rein statistischen Nachweis hat int neuesten Heft von Schmollers. Jahrbüchern Walter Rothkegel gebracht.

Doch noch eine andere Wirkung ist eingetreten, die noch auffälliger ist, die aber von den Zollgegnern eben­falls voraus gesagt worden ist. Tie deutsche Landwirtschaft leidet unter einer sehr starken Verschuldung. Tie Agrarier sagten damals: Eben deshalb verlangen Nur höhere Zölle, weil wir die höheren Getreidepreise zur Schulden t i l g u n g be­nutzen wollen. Einsichtige Leute lächelten über diesen Köhlerglauben.

■_ Heute können wir prüfen, wer recht hat. In der Zeitschrift des Königs. Preuß. statistischen Landes­amts wird über die Hytzothekenbewegung in Preußen ln den Jahren 1904—1908 berichtet. Und ztoar auf Grund der jährlichen Neueintragungen und Löschungen tu den Grundbüchern nach den Angaben der Amtsge­richte. Das Ergebnis ist von höchstem-- Belang. Wir uaden da, daß die deutsche Landwirtschaft von 1899 bis 1901 ihre Schulden nur wenig gesteigert hat. In den vwhreir 1901—1902, sowie 1903—1904 ist die Steige­rung sogar etwas abgeflaüt. Eine sehr große Mebr- berschuldung findet sich dagegen in den Jahren 1905 bis 1906 irnd 1907—1908. Es betrug nämlich der Überschuß der Eintragungen über die Löschun- Len in Millionen:

1899 .

... 387

1904 .

. . . 407

1900 .

. . . 396

1906 .

... 469

1901 .

. . . 401

1906 .

. . . 515

1902 .

... 393

1907 .

. . . 556

1803 .

. . . 444

1908 .

... 584

Noch ein paar Jahre hin und die Verschuldung der deutschen Landwirtschaft hat sich verdoppelt. Wir dürften das wohl noch unter dein j ctz i a e n Zoll­tarif erleben. Wir haben ja in den sechs Jahren von 4802—1908 eitle Zunahme der Verschuldung von mehr als 50 Prozent.

Wir können schon heute wieder weissagen, bei der Erneuerung des Zolltarifs in einigen Jahren werden die Agrarier wieder rufen: Wir brauchen noch höhere Zölle, „nur unsere schulden abzahlen zu können". Hoffentlich sind dann die Wähler nicht zum zweiten Male so töricht, auf diesen Schwindel hereinzufallen.

Englisches Kapiial im Ausland und in den Kolonien.

ii. London, 5. Januar.

Ungeachtet der Beschränktheit der natürlichen Hilfs­quellen ihres Landes und der Notwendigkeit, den größten Teil dessen, was sic für ihre Notdurft und Nahrung erfordern, in der Fremde, ja oft in den ent­ferntesten Teilen der Erde kaufen zu müssen, haben es die Engländer doch verstanden, so ungeheure Reich- tümer anzusammeln, daß sie heutzutage die größte Gläubigernation der Welt sind. An der Hand von ARionärlisten, amtlichen Registern und dergleichen mehr wurde neuerdings festgestellt, daß das in aus­ländischen Stnatspapiercn, Bahnwerten, Minenaktien nsw. angelegte britischeKapital zurzeit etwa 3 200 000060 Pfund Sterling (64 000 000 000 M.) beträgt. Ein sehr beträchtlicher Teil der ausländischen Anlagen der Eng­länder läßt sich indes nicht Nachweisen, und die Stati­stiker greisen vermutlich selbst dann noch wesentlich zu niedrig, wenn sie den Gesamtbetrag auf 3 600 000000 Pfund Sterling akrunden. In diesem sind aber die gewaltigen Summen noch nicht berücksichtigt, die eng­lische Kapitalisten auch während der letzten zwölf Neonate wieder fremden Staaten und Unternehmungen aller Art vorgeschossen haben, und die sich auf weitere 165 000 000 Pfd. Stert, belaufen. Wie der hiesige „Economist" nämlich soeben mitteilte, erreichten die in London während 1910 herausgebrachten Emissionen 267 439 100 Pfd. Sterl. gegen 182 356 000 Pfd. Stert, in 1909 und 192 000 000 Pfd Sterl. in 1908, und etwa 100000 000 Pfd. Sterl. ersterer Summe stellten ein­heimische Kapitalaufnahmen, für Konversionen erfor­derte Beträge und die Beteiligung des Anstandes an hier Herausgebrachtcn Anleihen dar. Ter bei weitem größte Teil der überseeischen Anlagen Englands wurde während der letzten beiden Generationen gemacht, und die Mittel dazu verdankte cs dem Unternehmungsgeist und Geschäftssinn, sowie der hohen Arbeitskraft und Sparsamkeit seiner Bevölkerung, die Geld nicht nur zu verdienen und zurückzulegen, sondern es auch überall da im.In- und Ausland zu beschäftigen versteht, wo das mit dem größten Nutzen geschehen kann. Eisen­bahnen, Kohlengruben, Minen, Tee- und Gummi»

Feuilleton.

(Nachdruck verholen.

üoipfttioneii ans farbigen CdeWnen.

Die Kunst, durch geschmackvolle Zusammenstellung far­biger Steine ein schönes harmonisches Schmuckstück zu bil­den, ist lange Zeit vernachlässigt worden. Man legte das Hauptgewicht ans recht schön geschliffene wertvolle und leltene Steine ohne Berücksichtigung der künstlerischen Wir­kung, und namentlich war es der Brillant, d--r den Ge­schmack der Juweliere erworben hat. Das zahlungsfähige Publikum begehrte vor allen Dingen Brillanten — die Dame,: der vornehmen Welt glaubten im Schmuck der Bril- mntcn am besten prunken und glänzen zu können, und der Grillantschmuck, den die Herren den von ihnen verehrten schönen zu spenden pflegen, ist geradezu sprichwörtlich ge­worden. In unserer Zeit regt sich aber wieder mehr das künstlerische Gewissen der Juweliere, die berufen sind, den E esch-mack des Publikums zu bilden.

, Der Brillant ist der Stein, der sich am schwersten in die farbigen Kompositionen eingliedern läßt; er ist vorwiegend ^asserhell, eigentlich also farblos, sprüht aber, je nach der -beleuchtung und Lichtbrechung, die verschiedensten Farben °us. tritt durch seinen hohen Glanz sehr anspruchsvoll aus und ist denigemäß ein Faktor, der immer vorherrschen und 'ch nicht gern dein Willen eines Künstlers unterordnen will. Er ist wie eine auffällige Schönheit, die sich ihres Glanzes 7 ?kvußt und sehr schwer zu behandeln ist. Aber auch andere Edelsteine haben ihre Launen, und wer sich die Aufgabe bellt, schöne Kompositionen aus Edelsteinen zu erzielen, "der auch nur Schmuckstücke mit Verständnis auszuwählen, 'Uuß die besonderen Eigenschaften der Steine und ihre varbenwirküng im Verein niit anderen berücksichtigen und

allen Dingen auch die Abendbeleuchtung in Betracht »kehen. R. Burnett hat in „Chambers Journal" ans Grund ^ner reichen Erfahrung viele interessante Einzelheiten über ,7» Reiz und die Farbenwirkung der verschiedensten Edel- nerne mitgeteitt. Ich will das Wichtigste hier für meine Eewr wicdergebcn.

Die Ansichten über den Smaragd sind sehr geteilt. Lieb­haber ausgesprochener intensiver Farbentöne sind vom Smaragd entzückt, während andere ihn als barbarisch be­zeichnen. Die feinsten Steine zeigen aber ein sanftes Gras­grün, das fiir Farbenkomposiiioncn sehr geeignet ist. Die Färbung ist leider häufig ungleichmäßig, aber man nimmt sogar Fehler und Risse bei schöner Färbung mit in den Kauf, zumal ein fleckenloser Smaragd eine große Selten­heit ist. Vor etwa 30 Jahren trugen nur ältere Damen Smaragde, und sie waren infolgdeffen im Werte etwas gesunken. Jetzt ist ihr Preis, für schöne Exemplare wenigstens, sehr hoch; sic kosten bis zu 1500 Mark das Karat, auch wenn es sich um kleine Steine handelt. Bei besonders großen und ausnehmend schönen Steinen steigt der Preis poch bedeutend. Die Smaragde paffen sehr gut zu Brillanten, und ihr schönes Grün verleiht jedem Schmuck­stück einen deutlich ausgesprochenen Charakter.

Der Rubin ist viel allgemeiner beliebt, als der Smaragd, doch hängt seine Verwendbarkeit in der Juwelier­kunst gleichfalls von seiner Farbe ab, die vom Rötlichbraun der geringeren Sorten bis zu dem vollen, lebhaften, ins Rosa spielenden Rot der Steine von Birma variiert. Die letzteren, als Taubenblutrubikren bekannt, sind unvergleichlich schön. Die gewöhnlichen Sorten haben nur wenig Farben­spiel und erscheinen daher leblos. Der Rubin ist verhält­nismäßig fehlerfrei; daher richtet sich seine Qualität be­sonders nach seiner Farbe. Er Paßt gut zu Brillanten, auch wohl zu Perlen und Opalen, zu letzteren allerdings nur in geringerem Maße. In sehr kleinen Exemplaren paffen die Rubinen gut zu Aquamarinen, deren Glitzern aber leicht einem Schmuckstück einen Schein von Kälte ver­leiht, wenn nicht ein wenig Wärme durch lebhaft gefärbte Rubinen oder dergleichen hineingebracht wird.

Die gewöhnliche Qualität von Rubinen kostet etwa 100 bis 200 Mark pro Karat, die feinsten Taubenblutqualitäten können aber wohl das Zehnfache kosten. Sie sind die kost­barsten aller Edelsteine, sowohl wegen ihrer Seltenheit, als auch wegen des eigenartigen Zaubers ihrer Farbe. Infolge­dessen werden zahlreiche minderwertige Edelsteine von ähn­licher Farbe und verwandter Beschaffenheit häufia unter

Plantagen- sowie viele andere arbeiten in allen jünge­ren Ländern vorwiegend mit englischem Kapital, und das Resultat ist, daß nicht ilnr Eilglands Reichtunt be­ständig zunimmt, sondern auch die Prosperität der ge­samten Welt mit einer, noch vor kurzeni wahrscheinlich für ganz undenkbar gehaltenen Schnelle gewachsen ist. Angesichts alles dessen kann man sich der Einsicht nicht verschließen, daß englischem Kapital eine bemerkens­werte Rolle als kultureller Faktor zugesallen ist. Eng­land bezieht für seine Finanzierung des Auslandes jetzt nachweisbar an Stufen nicht weniger als 166 000 000 Pfd. Sterl. (3 320 000 000 M.) und erhält diesclbeir in Gestalt von Produkten überseeischer Länder. Tie indirekten Vorteile, die ihm durch jene Kapitalanlagen erwachsen, sind noch ungleich bedeutender als die direk­ten. Mit Hilfe britischen Geldes vermochte in Indien, Australien, Argentinien und anderwärts nicht nur die Landwirtschaft mächtig aufzublühen, sonderir es wur- den auch treue Industrien in jenen Ländern heimisch und ausgedehnte Bahnsysteme geschaffen. Auf diese Weise entstand ein beständig wachsender ausländischer, Bedarf für Maschinen, Bahnmaterial und dergleichen, desieit Deckung in England von beit Darleihern von jeher zur Bedingung getnacht zu werden pflegt. Int Fall staatlicher Anleihen gelingt es natürlich nur ge­legentlich einmal sich die doppelten Vorteile zu sichern, und im Augenblick ist man z. B. in englischem In» dustriekreisen im höchsten Grad darüber aufgebracht, daß Japan, von dessen Anleihen seit dem Krieg mit Rußland die Engländer etwa 90 000 000 Pfd. Sterl. übernahmen, sie gelegentlich seiner neuerlichen Zoll­revision in der rücksichtslosesten Weise behandelt. Da­her erschienen auch heute neben den Ankündigungen einer neuen japanischen Anleihe für die Südmandschn- rische Eisenbahn, offene Briefe verschiedener Handels­kammern in einem Teil der Presse, in denen das Publi­kum ersucht wird, Japan ferneren finanziellen Bei­stand zu verweigern, so lange es aus seiner unfreund­lichen Behandlung des vielgepriesenen Verbündeten bcharrt. Es steht indes' zu befürchten, daß dieser Appell unbeachtet bleibt, denn er wird von der unionisti- schen Presse nicht unterstützt, die schadenfroh erklärt, es geschähe den Freihändlern recht, wenn ihnen der japanische Markt jetzt verschlossen würde, denn nur durch Schaden könnten sie klug werden und einsehen lernen, daß England ein Schutzzollsystem dringend nor- tut. Zudem kommt es den Garanten solcher Anleihen gar nicht in den Sinn, ihre schöne Kommission zum Besten der Wollwaren- oder anderen -Fabrikanten zu opfern, und auch der Kapitalist mag sich die Gelegen­heit gewiß nicht entgehen lassen, ein 4Aprozentiges feines Papier zu 98 zu erwerben.

dem Namen Rubinen verkauft. Wer einen schönen Stein kaufen will, nehme keinen, der irgend einen Namen mit Vor­silben, wie Balas-, Kap- oder böhmischer Rubin trägt, und lasse sich auch immer eine genügend große Anzahl zur Aus­wahl, nicht bloß einen oder zwei, Vorlegern Die Farbe täuscht uird kann nur durch Vergleichung richtig gewählt werden.

Sehr wichtig für den Käufer von Rubinen ist der Um­stand, daß gegenwärtig der Handel mit sogenannten „rekonstruierten" oder „synthetischen" Rubinen immer größere Dimensionen annimrnt, obwohl die besten Juwelier- firmen noch immer Front gegen denselben machen. Es ist aber nicht zu leugnen, daß die rekonstruierten Rubine in spezifischem Gewicht,. Härte, Farbe und Schönheit nicht von natürlichen Steinen zn unterscheiden sind, und da ihr Preis nur etwa ein Fünfzigstel desjenigen eines natürlichen Steißes gleicher Schönheit und Qualität beträgt rtnd sie vielfach mit echten Brillanten zusammen verarbeitet werden, ist es wohl verständlich, daß manche Dame sich lieber einen rekonstruierten, als einen natürlichen Rubin kaufen wird. Besonders in London, Paris und Berlin blüht der Handel mit diesen Steinen. In einer- Hauptstraße von Paris liegen zwei schöne Läden nebeneinander. Der eine führt nur teure, echte Steine, der andere rekonstruierte Rubine und vorzügliche künstliche farbige Steine in Verbindung mit echten Brillanten. Welchen Wert hat nun die Ankündigung „piorres rentables" in dem ersten Laden für eine Dame, die im Nebenladcn ein genau fo schönes Schmuckstück für eilt Viertel des Preises sieht? Beint Kaufe von Rubinen ist daher die Frage, ob die Steine natürliche oder rekon­struierte sind, wohl berechtigt.

Der Saphir ist, obwohl von gleicher Formation wie der Rubin, auch nicht annähernd so wertvoll. Er kostet etwa zwei Fünftel soviel, ungefähr 20 bis 100 Marl pro Karat. Bei ihm macht die Größe des Steines wenig für den Karatwert aus.. Bei großen Steinen, die beim Saphir häufiger Vorkommen als bei anderen Edelsteinen^ ist die Farbe gewöhnlich eine allzu tiefe, wodurch der Wert vermindert wird. Steine uiäßiger Größe unter einem Karat sind meist am schönsten, besonders, wenn die Farbe