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Nr, S.
Freitag, 6. Januar 1911.
59. Jahrgang.
Morgen - Ausgabe.
1. Wkcrtt. _
Sozialpolitische Umschau.
— Anfang Januar. —
Das neue Jahr trägt ein wenig Vertrauen erwecken- oes Gesicht. Zwar bewegt sich unser Wirtschaftsleben M aufsteigender Richtung, aber die hohen Preise aller wichtigen Nahrungsmittel und nament- uch des Fleisches werden voraussichtlich in absehbarer Zert nicht sinken und, wie im verflosseilen Jahre, dre Lebenshaltung der ärmeren Bevölkerung trotz der gestiegenen Löhne Herabdrücken. Außerdem gehen wir vermutlich weiteren heftigen inneren Kämpfen Und einer Verschärfung der politischen Gegensätze entgegen. Natürlich wird das auch auf unsere soziale Gesetzgebung zurückwirken. Immer mehr wird von manchen einflußreichen Seiten betont, daß, wir an einem Überfluß der Sozialpolitik leiden und man ber Industrie eine weitere Belastung nicht zumuten wnne. Für manche Industriezweige ist dieser Wunsch sthr berechtigt, aber trotzdem müssen wir sozialpolitisch tortschreiten, sobald wir industriell vorwärts wollen. Wenn gespart werden muß, so darf das nicht an der Sozialpolitik geschehen. Man soll der Industrie andere Erleichterungen schaffen, sie durch eine bessere Steuer- und Zollpolitik entlasten, aber man soll in unsere gesamte soziale und gewerbliche Entwicklung nicht durch eine Stillegung der Sozialpolitik hemmend eingreffen; denn eine der wichtigsten Vorbedingungen unserer sozialen und nationalen Zukunft ist das kulturelle und wirtschaftliche Auf- stergen der arbeitenden Klassen, zu denen Nicht nur die Lohnarbeiter zu rechnen sind.
Eine wichtige Stufe in dieser Aufwärtsbeweguiig ■ sind unseres Erachtens die A r b e i t s k a m m e r n, dre berufen sind, die gemeinsamen wirtschaftlichen Angelegenheiten von Unternehmern und Arbeitern auf öffentlich-rechtliche Grundlage zu stellen. Wie in den Handelskammern, Handwerkskammern und Landwirt- schoftskammern sollen in den Arbeitskammern die Arbeiter als mündige Mitarbeiter und Berater des Staates anerkannt werden. Es bedeutet das ein wichtiges Stück vorwärts auf dem Wege der Selbstverwaltung öffentlicher Angelegenheiten durch das Volk. Gleichzeitig bedeutet es aber auch ein gutes Stück Vertrauen von oben auf den gesunden Sinn des Volkes, auf die Einsicht, Klugheit und Besonnenheit der Arbeiter und ihrer Vertreter in wirtschaftlichen Angelegenheiten. Diesen Vertretern hat der Minister für Sozialpolitik Dr. Delbrück während der Beratung des Arbeitkammergesetzes im Reichstag' ein Zeugnis ausgestellt, wie es glänzender noch keiner Berufsgrupps von einem Minister erteilt worden ist. Der Minister betonte, die Arbeitersekretäre seien für die Arbeiter ganz unentbehrlich, gleichwohl will er jedoch nicht, daß sie in die Arbeitskammern gewählt werden, wo sie den Arbeitern am nützlichsten, ja am „unent
behrlichsten" sein würden. Auch die Eisenbahnarbeiter sollen, keine Vertretung in den Arbeitskammern finden. Die Mehrheit des Reichstags mit dem Zentrum tze- steht jedoch auf dieser Forderung, die von der Regierung unbedingt abgelehnt wurde. Wir sind überzeugt, daß diese auf die Fernhaltung der Arbeitersekretäre und der Eisenbahnarbeiter zu viel Wert legt. Der Einfluß dieser wichtigen Beamten der Arbeiterorganisationen wird selbstverständlich sehr bald in den Arbeitskammern zu spuren sein, auch wenn sie nicht Mitglieder sind, und die Regierung kann auf die Dauer den Eisenbahnarbeitern Errungenschaften nicht' vorenthalten, die durch Vermittlung der Arbeitskammern erreicht sind; nicht einmal das 'Organisationsverbot wird sich- gegen diese Arbeiter noch lange aufrechterhalten lassen. Wir würden es sehr bedauern, wenn an den Arbeitersekretären und Eisenbahnarbeitern das ganze Gesetz scheitern sollte; doch es sind Aussichten vorhanden, daß zwischen Negierung und Reichstag bei der dritten Lesung ein Ausgleich zustande kommt, der von sozialfortschrittlich Denkenden mit Genugtuung begrüßt würde.
Tie Reichs wertzu w a chssteuer ist in der Kommission erledigt unb zur zweiten Lesung im Reichstag bereit. Was ans diesem Gesetzentwurf wird, ist noch immer nicht mit Bestimmtheit vorauszusehen. Wahrscheinlich wird er im wesentlichen in der Kommissionsfassung angenommen. Tie Regierung will aus der Zuwachssteuer jetzt nicht mehr 40, sondern 70 Millionen herausschlagen, dagegen hat man jedoch im Reichstag die ernstesten Bedenken, und wenn der Schatzsekretär hier nicht nachgibt, kann leicht das ganze Gesetz scheitern. Denn man fürchtet, daß die Regierung sehr bald das Gesetz noch weiter „ausbauen" wird und daß auch die Gemeinden erhebliche Zuschläge erheben, was ihnen gestattet sein soll. Von dem Ertrag der Steuer sollen auch nach den letzten Kommissionsbeschlüssen 50 Prozent dem Reich, 40 Prozent den Gemeinden und 10 Prozent den Bundesstaaten zufallen.
Tie Versicherung der Privatbeamten ist zu einem reinen Wechselspiel geworden. Bald heißt es: die
Vorlage kommt bereits im Januar an den Reichstag, bald will man wissen, daß dafür nicht die geringste Aussicht sei und sie sicher erst von dem kommenden Reichstag erledigt werde. Ob sie wirklich in dieser Session zustande kommen wird, ist in der Tat sehr fraglich. Auch die Erledigung der Vorlage über die Einführung von Schiffahrtsabgaben auf den deutschen Strömen wird vielleicht erst eine Aufgabe des nach den Neuwahlen kommenden Reichstags sein, was Freunde unserer wirtschaftlichen Entwicklung und der in langen Kämpfen errungenen notwendigen Freiheit der deutschen Ströme nicht bedauern werden.
Das Schicksal der gleichfalls von diesem Reichstag noch zu erledigenden reichsgesetzlichen Witwen- und Waisen Versicherung ist nicht abzusehen. Ganz allgemein, darf man wohl sagen, ist man im deutschen Volk davon überzeugt, daß der Regierungsentwurf eine Reihe von. Bestimmungen enthält, die den Wert dieser Versicherung ganz erheblich herab setzen. Man wünscht, und das ist eigentlich selbstverständlich, daß
jede Arbeiterwitwe, die kein ausreichendes Vermögen besitzt, und nicht nur die kranken und fast erwerbsunfähigen, eine Rente erhält und daß ihre und die Waisenrente in einer Höhe gezahlt wird, die auch wirklich nennenswert ist und in der Tat eine Hilfe be- deutet. _ Die Kostenfrage ist nicht so erheblich, daß sie das Reich, das jährlich weit über tausend Millionen Mark für militärische Zwecke ausgibt, bei ernstlichem Millen nicht lösen könnte, ohne Unternehmer und Arbeiter allzuschwer zu belasten.
Bemerkenswert ist die Einführung der Arbeit?- Io scnVersicherung von der Stadt Schöneberg. Die Träger dieser Versicherung sind nach dem in Gent einaeführten System auch in Schöneberg die Berufsorganisationen der Arbeiter, denen man einen bestimmten Betrag zu der von ihnen aufgewendeten Arbeitslosenunterstützung zahlt. Um jedoch diese Wohltat auch den nicht bei einer Organisation unterstützungsberechtigten Arbeitern zuzuwenden, zahlt die Stadt unter gewissen Voraussetzungen ihnen die Hälfte des wegen Arbeitslosigkeit in einer Woche von ihrem Sparkassenbuch abgehobenen Betrages, doch nicht mehr als 6 M. wö ch e n t l i ch. "Natürlich sind Vorkehrungen getroffen, um einen Mißbrauch dieser Einrichtung zu verhüten. — In Dänemark treten jetzt Bestrebungen hervor, die darauf hinzielen, die bisher bestehende etwa 11 Millionen Mark im Jahr erfordernde Altersversicheruna der Arbeiter, zu der Staat und Gemeinden je die Hälfte, die Arbeiter jedoch nichts zahlten, in eine Alters- und Invalidenversicherung umzuwandeln. Es wird eine zwangsmäßige Volksvec- sicherung verlangt, zu der alle Arbeiter vom 18. Lebensjahr ab Beiträge leisten sollen.
In O st e r c e i ch ist der Finanzminister mit der Bildung eines staatlichen Garantiefonds iu Höhe von 200 Millionen Kronen einverstanden, der die Sicherheit für zweite Hypotheken auf Häuser mit Kleinwohnungen übernehmen soll, und zwar bis zu 90 Proz. des Wertes dieser Häuser.
In England haben die Neuwahlen den Liberalen abermals die Mehrheit gebracht. Das wird nickt nur die Lösung der Frage über die Machtstellung des Oberhauses, sondern auch eine weitere kräftige sozialpolitische Entwicklung bedeutem Tie Schutzzollparole, hat bei den englischen Wahlen völlig versagt. Als Wahlzugmittel wird sie in Engand dauernd überwunden sein. Man will nunmehr an den weiteren Ausbau der Sozialpolitik, an wichtige Reformen zunächst auf dem Gebiete der Altersversorgung der Arbeiter und dem der Heimindustrie gehen. Für die englische politische und soziale Entwicklung sind das sicher er freuliche Ausblicke. Wir können mit herzlicher Teilnahme von ihnen Kenntnis nehmen; und ohne Neid. Denn wenn uns das neue Jahr auch ein wenig Vertrauen erweckendes Gesicht zeigt, so wird doch auch bei uns das Gesetz der Entwicklung stärker sein als alle Hindernisse. Auch bei uns geht es vorwärts, kulturell und wirtschaftlich. Als eines der zahlreichen Beispiele für unser; kulturelles Aufsteigen ist der starke und ständige Rückgang des Alkoholverbrauchs zu nennen,
FemUetorr.
Ein Freund und Feind der Literatur.
Zum hundertsten Todestage Friedrich Nicolais (6. Januar 1811).
Am 6. Januar 1811 starb in Berlin der Buchhändler, Schriftsteller und Gelehrte Christoph Friedrich Nicolai, ein Mann, der als Buchhändler Hervorragendes leistete, als Gelehrter sich vieler Anerkennung erfreute und als Schriftsteller ebenso furchtbar wie fruchtbar war. Furchtbar nicht in dem Sinne des Grausigen, wie vielmehr in seiner Eigenschaft als eigensinniger Bekämpfer der Philosophen Kant und Fichte, als Verhöhner Goethes und Herders. Tie von ihm entfachte und geführte heftige Fehde erstreckte sich des weiteren auf Bürger, Hamann, Voß, Lavater, Jung- Stilling und Wieland.
Tie eigenartige Wut des schriftstellernden Buchhändlers, der ohne mündliche Anweisung in seinen Mußestunden Lateinisch, Griechisch und Englisch, sowie Mathematik, Philosophie und Geschichte studierte, gegen das Aufblühen der deutschen Literatur und Philosophie wütet um so seltsamer an, als er an der Seite Lessings und Mendelssohns, mit denen ihn treue Freundschaft berband, seine literarische Laufbahn begann.
So gaben Nicolai und Moses Mendelssohn vom -fahre 1757. ab in Leipzig die „Bibliothek der schönen VWenschaften" heraus, in der die deutsche, französische,
englische und italienische Literatur Berücksichtigung fanden. Tann verlegte Nicolai vom 4. Januar 1759 ab die allwöchentlich erscheinenden und i.n der Hauptsache von Lessing und Mendelssohn bearbeiteten „Briefe, die neueste Literatur betreffend". „Diese Briefe", so sagte z. B. Biester in seiner Gedächtnisrede auf Nicolai, „welche durch Vollendung der Form, Gediegenheit des Inhaltes einzig in ihrer Art dastehen, sind mit der größten Leichtigkeit geschrieben, mitunter in frohem, liebenswürdigem Mutwillen; sie liefern dabei einen Schatz von literarisch kritischen Nachrichten, von philosophischen _ Erörterungen, von ästhetischen Bemerkungen. Lessing waltete in ihnen mit voller Jugendkraft: Moses Mendelssohn ward in seinen trefflichen Aufsätzen von diesem Feuer mit ergriffen; später traten andere geistreiche Köpfe hinzu."
Eine erweiterte Fortsetzung dieser Literaturbriese stellte die „Allgemeine deutsche Bibliothek" dar, welche von 1765 an erschien. Dieses Krilikwerk der zeitgenössischen Dichter, Philosophen und Theologen bedeutete für Jahrzehnte das bedeutsamste kritische Organ. Es kam in Verfall, als Nicolai begannen einseitigen Urteilen, in blindem Fanatismus gegen die literarisch bedeutsamsten Männer seiner Zeit zu wettern; doch brachte die „Bibliothek" es insgesamt auf 260 Bände, deren letzter 1806 erschien.
Schon vor Begründung der „Allgemeinen deutschen Bibliothek", als 42jähriger, im Jahre 1775 begann Nicolai die Angriffe, welche das Bild des trefflichen Buchhändlers verdunkeln .und entstellen. Ein Jahr
vorher waren Goethes „Werthers Leiden" erschienen. Flugs setzte sich Nicolai hin und schrieb in drei und einem halben Tage ein abgeschmacktes Schriftchen „Freuden des jungen Werthers; Leiden und Freuden Werthers des Mannes", worin er plump und widersinnig Goethe parodiert. Zwei Jahre später folgte „Eyn feyner kleyner Almanach vol schönere echterr lieb- licherr Volkslieder, lustigerr Rehen und kleglicheh Mordgeschichten, gesungen von Gabryel Wunderlich, weyl. Benkelsengeren zu Dessau". Diese Zusammenstellung von Gassenhauern usw. bedeutete eine Verhöhnung Herders und Bürgers, der beiden Miederbeleber des deutschen Volksliedes.
Ähnlich wie mit den Dichtern verfuhr Nicolai mff den Philosophen. „Ich studierte", so sagt Nicolai in seiner Autobiographie, „über 12 Jahre lang die Kritil der reinen Vernunft, ehe ich öffentlich ein Wort dar»? über sagte. Aber, obgleich ich dem Scharfsinn des Er-, frnders derselben beständig habe Gerechtigkeit widerfahren lassen, so waren mir doch die vielen, unbestimmten, zum Teil sich einander widersprechende« Behauptungen immer sehr anstößig, und ich konnte mich von verschiedenen wesentlichen Sätzen des kritischen philosophischen Systems bei der ernsthafteste« Untersuchung nie überzeugen."
^.Also schrieb Friedrich Nicolai einen Roman „Ge-, schichte emes dicken Mannes, worin drei Heiraten und drer Korbe, nebst viel Liebe" (1794) und veralbert« darrn die Kantsche Philosophie. Ein ähnliches Machwerk „Leben und Meinunaen SemvoniuZ. GundibertS,
