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Nr. 5 .

Für die Aufnahme von Anzeigen an vorgeschriebcnen Tagen und Plätzen mird keine Gewähr übernommen.

Mittwoch? 4 . Januar 1911 .

59. Jahrgang.

Morgen - Kusgabe.

1. Mcrtt.

§«W MW esslSttistze» Fleisches.

Wir erörterten kürzlich die Frage, was können die Gemeinden zur Abhilfe der Fleischteuerung tun? Wir empfehlen ihnen, soweit sie eigenes Land besitzen, eine Musterviehzucht einzuführen. Aber dieser Weg bietet höchstens eine geringe Vermehrung der verfügbaren Viehbestände im Verlaufe eines längeren Zeitraumes. Es entsteht die Frage, ob sich nicht schneller wirksame Maßregeln ergreifen lassen. Da das Inland nicht ge­nügend Vieh ausweist, richtet sich der Blick auf das Ausland. Und da die Einfuhr lebenden Viehs durch allerhand Sperrmaßregeln erschwert ist, könnten sich die Städte mit dem Import g e s ch l ach t e t e n Viehs befassen.

Das wichtigste, wäre, wenn sie amerikanisches Fleisch in gefrorenem oder gekühltem Zustande einführen könnten. Merkwürdigerweise ist das aber durch das Fleischbeschaugesetz von 1903 durchweg verboten. und Ausnahmen sind nicht durchzusetzen. Es könne also nur die Einfuhr frischen Fleisches etwa aus Holland, Däne­mark oder Frankreich in Betracht kommen. Auch das ist sehr erschwert. Tenn frisches Fleisch- darf nur im ganZen Tierkörper, die bei Rindvieh, ausschließlich der Kälber, und bei Schweinen nur in Hälften zerlegt sein können, eingeführt werden. Mit den Tierkörpern müssen Brust und Bauchfell, Lunge, Herz, Nieren, bei Kühen auch der Euter, im natürlichen Zusammenhänge Verbunden sein. Trotzdem ist die Einfuhr möglich. Selbst im Sommer bei der nötigen Kühlung. Die Schuen z. B. führt mannigfach frisches Fleisch aus dem Auslande ein, selbst and Dänemark. Bei . uns haben sich die Schlächter bisher, mit Ausnahme der Grenzge­biete, gesträubt. Sie wollen sich nicht selbst Konkurrenz inachen.

In Thüringen haben etliche Gemeinden schon er­folgreiche Versuche gemacht. In Gotha hat der Stadtrat im November angefangen, mehrere Sendun­gen dänischen Rindviehes zu beziehen und zum Selbst­kostenpreise zu verteilen. In Koburg desgleichen, die kleineren Gemeinden des Herzogtums sind dem Bei­spiel gefolgt. In Meiningen ist Hildburghausen vor- nngegangen. Es verlautet, daß das Rindfleisch zu 66 bis 67 Pfennig abgegeben werden konnte. Man kann nur zu allgemeinem Vorgehen raten. In Weinrar soll eine Konferenz von Stadtvertretern zu diesem Zweck zusammentreten.

In Wilmersdorf gab es jüngst in der Stadtverord- netenversammlung erne Debatte über die Einführung von Seefischen. Daß die Seefische billig und nahrhaft sind, ist bekannt. Ter Privathandel ist zwar im allge- weinen ans dem Posten. Aber wenn die Gemeinden auch ihrerseits vorübergehend behilflich sind, dem Volke sin billiges Nahrungsmittel zugänglich zu machen, so kann das nicht schaden. Es ist namentlich dann am

Femüeton.

Der öamische Teufel?)

Humoreske von Maximilian Krauß.

Ein Münchener Sportzug auf dem Tegernseer Bahn­hof. Wes drängt schon auf die Plattform der Wagen hin­aus. Man kann cs kaum erwarten, vis der Zug hält. Denn nun hockt man schon anderthalb Stunden in den Coupss beisammen, ein Chaos von Männlein und Weiblein, Skis und Rodelschlitten und Rucksäcken, und hat nichts als den winzigen Ausblick durchs Fenster auf die strahlende, funkelnde Winterlandschast, auf die Berge, die immer näher kamen, immer herrlicher emportauchtcn in den tiefblauen Himmel ... Da hat jeder den Wunsch: Aützi möcht' i'

Und nun stiebt das Volk auseinander, jeder einzelne seinen Winterspo-rtabentcuern entgegen. Rur noch ein Paar llanz langsame, ein paar Umstandskrämer an der Perron­sperre, die mit ihren Skis, Rucksäcken und Rodeln nicht fertig werden.

Darunter ein Freund von mir, der Huber Nazi. Ein ganz braver, etwas sehr dicker Mensch, der in einem Münchener Ämtlein eimnicht unbeschauliches Dasein führt und auch sonst sich noch nichts hat zuschulden kommen lassen; nur schlecht terteln tut er. Er verpatzt jedes Spiel. Und wie!

*) Wir entnehmen diese Skizze des bekannten Münchener Milletoniften der letzten Nummer (3521) der „Leipziger Illustrierten Zeitung", die in der Hauptsache der Schilderung der landschaftlichen Schönheiten des Winters und dessen sport­uchen Reizen gewidmet ist. Bilder und Text, beide in bunter »alle, ergänzen sich aufs beste, und der Erwerb dieses Sonder­heftes kann ebenso wie das Abonnement auf die beliebte Wochen­schrift, das eine Reihe besonderer Vorteile bietet, nur empfohlen werden.

Platze, wo der Privathandel noch etwas schwer- fctütq ist.

Zu den Seefischen ton.men neuerdings die Wal­fische. In Magdeburg setzt ein Geschäft allein täglich 3—400 Pfund WAftschlleisch im Kleinverkauf ab. Von Leipzig berichtete der norwegische Vizekonsul, daß dort 13 000 Kilogramm verkauft worden sind. Die nordi­schen Länder kommen den Versuchen von unserer Seite sehr entgegen.

Das alles sind zwar zur Abhilfe der Fleischnot P a I l i a t i v m i t t e l. Aber da wir aus die großen Mittel, Grenzöffnung und Zollermäßigung, vorläufig noch keinen Einfluß haben, sind selbst kleine Mittel nicht zu verschmähen. ^

Schritte eines thüringischen Staates.

Das fürstliche Ministerium von Schwarzburg- S o n d e r s h a u s e n hat rni Hinblick auf die vielen Klagen über die Fleischteuerung mit zwei leistungs­fähigen Großschlächtereien in Holland und Dänemark Verhandlungen angekuüpst. Die Großschlächtereien wollen holländische, frisch aus geschlachtete Schweine bei Abnahme, von mindestens 39 Stück zu 57,50 Mark frei Eisenbahnwagen Oos (Holland), dänisches Ochsenfleisch zu 68 Pfennig das Pfund, Fleisch von guten Mittel­kühen zu 58 Pfennig das Pfund liefern (Mindsstquan- tum für Rindfleisch 2000 Kilo). Das fürstliche Ministe­rium hat sich bereit erklärt, die Fracht auf die Staatskasse zu übernehmen, soweit sie nicht von den Firmen getragen wird, in der Voraussetzung, daß die Gemeinden das Fleisch nicht in größeren Quanti­täten als vier Pfund und überhaupt nur an M in d er­be m i t t e l t c abgeben, ohne dabei etwas zu ver­dienen._ _

Zur Füge LZr AlWnsionsre

wird uns geschrieben:

In den Tagesblättern wurde nach langer Pause wieder einmal auf die traurige Lage der Altpensionäre gegenüber den veränderten wirtschaftlichen Verhält­nissen und dem jetzigen geringeren Geldwert hinge- wiesen und dazu erwähnt, daß von 10 000 Altpensio- nären 2500 Unterstützungen erhielten, wobei aus den Kopf im Durchschnitt nahezu 300 M. fielen.

Mit dem Wunsche — ejne gesetzliche. Gleichstellung zwischen Alt- und Neupensionare.n herbeizuführen — wird der Staat nach den bisherigen Erfahrungen sich leider schwerlich befreunden, er wird sich vielmehr bei Vorlegung des nächsten Etats in die Brust werfen und sagen: Seht, wir haben abermals zur Verbesserung der Lage der Altpensionäre den Unterstützungsfonds erhöht, tun alles, um in Bedürfnisfällen aushelsen zu können. Haben wir Allpensionäre also wenig Hoffnung, daß man für Recht erkennt, was unverzeihliches Unrecht ist daß man. Greise, welche während ihrer Dienstzeit großenteils mit geringen Löhnen von Staat, _ Kirche und Gemeinde abgcspeist wurden, wie das niemand mehr als die alten Landlehrer erfahren haben, an ihren! Lebensabend nicht die Freude einer Pensions-

Heut macht er seine erste Rodelpartie. In Fürsten­feldbruck auf der Kinderrodelbahn hat er am letzten Sonn­tag den Sport ausprobiert. Die Kinder haben eine Mords­gaudi dabei gehabt. Denn der Nazi mit seinen hundert­achtzig Pfund hat beim Rodeln ganz merkwürdige Kapriolen ausgeführt. So etwa, wie wenn ein Elefant Menuett tanzt. Aber schließlich hat er sich mit seinem Rodel doch so ziem­lich angefreundet, und das Resultat war daß er in seinem stolz geschwellten Sportbewußtsein beschloß, alsbald einem Rodclberg eine Visite zu machen.

Und so kam er heute nach Tegernsee, vergnügt und auf­geräumt Wie ein Spatz.

Wie er seine Körperfülle nebst dem Rodel, den er aus dem Rücken trug, durch die Perronsperre glücklich durchge­zwängt hatte, hört er hinter sich seinen Namen rufen.

Er schaut sich um, und der ganze Humor, der ihn bisher erfüllt hatte, war flöten gegangen. Denn der, der ihn ge­rufen hatte, war sein größter Feind, der Weberwastl, auch Sportsmann und auch Kartenspieler. Aber einer, der das Terteln kann, ein richtiger „Champignon der Tertelkarte", wie man ihn am Stammtisch getauft hatte.

Noch einmal ruft der Wastl. Aber Nazi brummt was in seinen Bart, das nicht gerade eine höfische Liebens­würdigkeit war, und geht seiner Wege. Man wird sich doch nicht mehr mit einem solchen Kerl einlassen, der einen coram publico, vor der ganzen Tertelkorona nicht nur einen Patzer, einen elendigen Patzer, sondern auch noch einen damischen Teufel schimpfte! Damischer Teufel — so eine Gemeinheit! Das ist gegen die persönliche Ehre. Und darum Schluß mit einer solchen Freundschaft.

In dieser Form setzte sich der Huber Nazi mit dem Wastl auseinander, den er einen Lackl nannte, worauf dieser noch einmal mit einem damischen Teufel quittierte. Und so kamen die zwei Männer, die jahrelange Freunde

Regulierung bei ihrer Steuererhöhung erleben läßt. In einer großen Zahl von Fällen wird da zur Wahr­heit, was ein alter Dorfbürgermeister vom hohen Westerwalde zu Ratsuchenden sagte: „Mein lieber:

Freund, es gibt dreierlei Recht. Recht ist Recht, aus Unrecht inacht man Recht, und wie man's macht, ist es recht." Krasse Beispiele hierzu bieten mir drei Kollegen, die ich von innen und außen kenne, Altpensionäre im: Greisenalter. Sie unterbreiteten ihre Gesuche ein und dersetben Regierung. Das Resultat vollzog sich nach deni Bibelwort: Wer da hat, dem wird gegeben, daß ep die Fülle habe.

Fern liegt es mir. die Regierung beschuldigen zw wollen, sie kann ihre Maßnahmen nur nach den vor­liegenden Akten treffen; sie kann nicht wissen, welche Art von Recht des zitierten Bürgermeisters hier zu­grunde liegt, wozu ich aus meinem Dienstleben zur Zeit des „Regens von Zuwendungen" aus der Staats­kasse ebenfalls starke Proben liefern könnte. So riel mir auch noch auf dem Herzen liegt, ich will mich kurz fassen und sagen: Ter Modus des Staates hinsichtlich der Unterstützungen wird von allen Akt- Pensionären bis auf die „Berufsbettler" verurteM. Nicht erhöht von Jahr zu Jahr, sondern stark be­schnitten müßte der Fonds und das Geld zum an­nähernden Ausgleich zwischen Alt- und Neupensionären verwandt werden. Wie auch die finanzielle Lage des Staates sein mag, müßte derselbe mit dem Landtag nicht rasten und ruhen, bis eine ausgleichende oder an­nähernde Ausbesserung der Altpensionären zu den Neupensionären zu mindesten % statt % des Neu­gehalts ihrer letzten Stelle von Rechtswegen aeschaffsA würde.

UsMsche Merftcht.

Ksrrserwatioe Mahttaktik.

Tie konservative Parteileitung nimmt, wie sich aus, der „Kreuzzeitung" ersehen läßt, das Vertrauen den Wähler darauf in Anspruch, daß die demnächstige Ent­scheidung über die Haltung der Partei bei den Reichs­tagswahlen nach allen in Betracht kommenden Momen­ten werde getroffen werden. Solches Vertrauen ge­bührt naturgemäß jedem Parteivorstand, selbstver­ständlich jedoch mit dem Vorbehalt der kriti­schen Würdigung durch die P a r t e i a n ge­hör i g e n. Auf der Rechten macht sich das Geschäft dieser kritischen Prüfung nun aber merkwürdig früh wahrnehmbar. Die „Kreuzzeitung" hatte, wie erinner­lich, vor kurzem erst damit gedroht, daß die Konser­vativen in Stichwahlen zwischen liberalen und sozial­demokratischen Kandidaten (nationalliberale Kandi­daten mit eingeschlossen) Gewehr bei Fuß stehen, also nichts gegen einen etwaigen Sieg der Sozialdemokraten tun würden. Damit scheint die Meinung der konser­vativen Wählerschaft wirklich getroffen zu sein. Min­destens nennt eine Zuschrift eines Herrn v. Bülow an die „Kreuzzeitung" den betreffenden Artikel „ausge­zeichnet", aber derselbe Herr v. Bülow, auf dessen Ein­

gewesen waren, auseinander. So weit auseinander, daß nicht einmal die gemeinsame Liebe zum Rodelsport sw wieder zusmmnenzufügen vermochte.

Ein wenig verstimmt über die unvermutete Begegnung entschloß sich Nazi zu einem Schoppen Roten, obwohl er in München schon gehörig untergelegt hatte. Erstens konnte es nichts schaden, zweitens schwemmte es den aufquellenden Haß hinunter, und drittens ging man durch den kleinen Aufenthalt dem Wastl, diesem elenden Menschen, aus dem Weg . . .

Der Schoppen Rote war gut. Er brachte den Nazi wieder ins Gleichgewicht, und aufgeräumt trat er nun den Weg zum Hirschberg an. Von dort wollte er herunterrodeln und damit sich gewissermaßen das Patent als fertiger Rodel­sportler holen.

Zuerst ging die Sache ganz gut. Allenthalben er­munterte er sich durch öftere Umschau. Je höher er kam, um so prächtiger gestaltete sich das Landschaftsbild mit seinen großartigen Farbenkontrasten, dem blendenden Schnee, den tiefblauen Schatten und- dem leuchtenden Man des Himmels, eine Sinfonie von Weiß und Blau, die sogar die patriotische Saite im Herzen meines Nazi erklingen machte, denn er fand diese Winterlandschast „echt bayerisch".

Allmählich aber verlor er das Interesse an den Farben­nuancen im besowdern wie an der Natur im allgemeinen und hatte nur den einen Wunsch, endlich das Unterkunsts­haus zu erreichen. Das stundenlange Steigen aus der zum Teil scharf gefrorenen, glatten Bahn ermüdete den schweren Mann ebensosehr, lvie es seine Kehle austrocknete, und be­sonders dieses war ein Zustand, der seinen Sportenthusias. mus ganz erheblich herabstimmte.

Schimpfend, stöhnend, strauchelnd, rutchend und wieder schimpfend — so ging's empor. Dutzende von Rodlem und Rodlerinnen Lausten mit lautem Hallo in schneidiger Fahrt