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i. Wkatt.

Mdflhilst M §ÄWs«U der Flkisüjitt!!.

Ta die Regierung hinsichtlich der Fleischnot ,in ab- soluter Untätigkeit verharrt und damit zeigt, wie stack sie unter der agrarischen Fuchtel steht, entsteht für die Städte die Frage: Können sie sich vielleicht selber

helfen? Was könnte da geschehen?

Man hat den Städten empfohlen, die Schlachtge­bühren herabzuletzen, damit ist aber kaum etwas anzu­fangen. Die Gebühren dürfen noch den Gesetzenso bemessen werden, daß die Kosten der Unterhaltung und des Betriebes, sowie ein Betrag von 8 Proz. des An- laaekapitals und der etwa gezahlten Entschädigungs­summe gedeckt werden." Tie Behörden haben die Ge­bühren zu genehmigen. Bei Annahme der üblichen Gebühren von 5 M. für ein Rind, 2,75 für ein Schwein, 60 Pf. für ein Schaf, wird das Kilogramm Rindfleisch um 2,5 Pf., das Schweinefleisch um 3,3 Pf. und, das Hammelfleisch um 2,4 Pf. verteuert. Tie private Fleischbeschau ohne Schlachthäuser ist fast nicht billiger. Sie stellt sich für die drei Fleischsorten auf 1,4, 1,9 und 8,0 Pf. Also mit der Verbilligung der Schlachthaus­gebühren ist's Essig. '

Man hat den Städten weiterhin empfohlen, selbst den Schlächter zu spielen. Die Städte sollen das Vieh aufkaufen, abschlachten und es an das Publikum ver­teilen. Tas könnte natürlich nur eine vorübergehende Maßregel sein, die dann Zweck hätte, wenn das Vieh durch einen Händlerring und das Reisch durch die Schlächter verteuert wäre. Solche Fälle kommen w

vor. Und ein städtisches Konkurrenzunternehmen ist Hann ganz anr Platze. Es ist unter diesen Umständen auch erforderlich, und wenn, es auch nur dazu dient, die Fleischer zu Preisnachlässen zu zwingen.

Kleinere Städte besonders, wo die Wirkungen über­sehbar sind, haben auf diese Weise hier und da Gutes acstiftet. Selbst eine Großstadt wie Wien, das doch seit kai'gen Jahren unter christlich-sozialer Herrschaft steht, die einer Konkurrenz des Handwerks gar nicht beson­ders gewogeii ist, machte 1904 eine Großschlächierm auf Nktien unter kommunaler Mitwirkung auf. Tie Stadt beteiligte sich an dem Kapital von 5 Millionen Kronen mit einer Million. J-r jedem Stadtteil wurde imn- destcns eine Verkaufsstelle eingerichtet, wo das Fleisch mit 5 Proz. Aufschlag verkauft wurde.

Doch diese Aktiengesellschaft hat nicht viel erreicht, fjur Verbilligung des Fleisches hat sie kaum etwas bei-

getragen. Dadurch aber, daß die Stadt selbst 75 Proz. des Bedarfs für ihre Anstalten von der Gesellschaft entnahm, hatte sie stets einen sicheren Absatz. Tie Ver­waltungen haben ja heute für ihre Krankenhäuser, Ar­beitshäuser, Obdache und etioaige Schulspeisungen einen starken Fleischbedarf. Insofern läßt sich darüber reden, ob die Städte gut tun, für ihren Verbrauch selbst zu schlachten. Für das große Publikum zu schlachten muß inan ihnen im allgemeinen streng abraten. , Die Agrarier reden da heute nur deshalb gut zu, Werl sie derr Zwischenhandel sowohl im Vieh wie im Fleisch für die Teuerung verantwortlich machen wollen. Heute können sie aber damit keinen Beifall finden. Tenn die jetzige Teuerung entspringt lediglich der Viehknapp- heit Wenn das nicht so wäre, könnten ja die Agrarier selbst Schlachthäuser aufmachen und den Fleischabsatz in die Hand nehmen. Sie haben das ja früher ge­legentlich versucht. Man braucht nur au die Perle­berger Genossenschaftsschlächterei zu erinnern, die mit viel, Tamtani aufgemacht worden war.

Ten Fleischabsatz zu organisieren, ist gar keine io ganz einfache Sache. Selbst den Konsumvereinen, die doch eine feste Kundschaft haben, gelingt das läiigst nicht immer. Eine Genossenschaftsbäckerei läßt sich viel leichter betreiben als eine Fleischerei. Brot ist eine glatte Ware. Mehleinkauf, Brotpreis, Absatz machen keine Schwierigkeiten. Ten Vieheinkans muß man verstehen. Vom Zerteilen, davon, daß möglichst wertvolle Fleischsorten berausgehackt und daß die weni­ger wichtigen Fleischsorten zu Wurst verarbeitet wer­den, bängt der Gewinn ab. Im Sommer muß der Fleischlieferant seinen Absatz besonders genau berech­nen, namentlich bei wechselndem Wetter. Sonst ver- dilb! ihm leicht etwas. In Konsumvereinskreisen weiß man heute genau, ein Schwein gibt keine glatte ge­nossenschaftliche Ware, und ein Rind ebensowenig. Mali hat da zu üble Erfahrungen gemacht. Nur ganz große erfahrene Konsumvereine wagen sich heute noch an Schlachtereien. Stadtverwaltungen müssen aber noch viel bureaukratkscher Verfahren als Konsum- Vereine.

Kurz, als allgemeine Abbilfsmittel in der jetzigen Fleischnot können städtische Schlachtungen in keiner Weise in Betracht kommen. Gerade jetzt nicht. Tenn es ist bekannt, daß bei teuren Viehpreisen die Schläch­ter am schlimmsten draii sind. Kürzlich wurden in Breslau unter amtlicher Aufsicht Probeschlachtungen ausgeführt. Unter Aufsicht von Vertretern der Stadt und Landwirtschaftskammer kauften, schlachteten und verkauften Fleischernleister etliche Tiere. Tas Ergeb­nis ivar überraschend. Zum Teil ergab sich ein Minus, zum Teil ein ganz geringes Plus._

Ganz aiiders liegt die Frage, wenn es sich um Vieh Produktion durch die Gemeinden Han« delt Die Viehzucht zu übernehmen, ist entschieden für die Gemeinden leichter als die Viehverarbeitung. Zwar hat sich die Viehzucht bisher im großen viel weniger bewährt als im kleinen. Das ist ja ein Hauptgrund der Viehknappheit bei uns, daß in Preußen, nameiit- lich im Osten, zu viel Großgrundbesitz vor. haudeu iit, und der Großlandwirt auf den Hektar Land viel weniger Vieh hält als der Kleinbauer. Das Vieh braucht liebevolle Pflege, und die kann ihm natürlich der Kleinbauer viel eher angedeihen lassen als der Herr Baron, der lediglich mit fremden Leuten ar­beiten muß. . ^

Aber unmöglich ist die Massenviehzucht nicht. Ter gute Pod, der frühere Minister, besitzt Ställe m't Hunderten von Schweinen. Und er hat Glück damit. Er ist auch nicht ohne Nachfolger geblieben. Mit Kapital und mit rationeller Erfassung läßt sich dre liebevolle Pflege ersetzen.

Durch die Rieselfelder sind ja manche stadte rechte Latifundienbesitzer geworden. Berlin ist 'heute einer der größten Landbesitzer. Und feine Landwirtschaft ist nicht übel. Es ist deshalb gut. daß es sich neuer­dings auch der Viehzucht zugewendet hat. Es gewinnt schon einen großen Teil der Milch für seine Anstalten, und zwar recht gute. Auch mit dem schlachtreifen Vreh hat es bisher Glück gehabt. Tie städtischen Anstalten sind mit dem Vieh aus den Rieselfeldern durchaus zu-

frieden. ...

Die Stadt Charlottenburg hat für die Müllabfuhr das Treiteilungssystem durchgesetzt. So bekommt es die Speiseabfälle getrennt gesammelt und läßt damit eine Schweinemästerei betreiben allerdings nicht in

eigener Regie. .

Auch Industrieunternehmen begeben sich Heine, durck, die Not ihrer Arbeiter veranlaßt, auf diejes Ge­biet So hat die grosse Essener Konsumgenossenschaft Eintracht der Firma Krupp kürzlich den Beschluß ge­faßt, eine Schweinemastanstalt zu gründen. Ebensd hat die Harpener Bergbaugesellschaft bereits rnr Herbst 1967 ein riesiges, großes Hcidegelände erworben und dort eine Schweinezucht eingerichtet. Bei Abfassung des Geschäftsberichts 1909 waren die Ställe mit 1685 Schweinen belegt. .

Tie Gemeinden, die Land besitzen, sollten die ,etz:ge Teuerung benutzen, durchweg dem Plane eigener Bieh- ziichtung näherzutreten. Viehzucht ist einträg­licher als Getreidebau. Und wenn man verhaltnw- mäßig klein anfängt, lassen sich Geschick und Sorgfalt wohl erlernen. Besonders ist auch die getrennte Müller n s a m m l u n g zu empfehlen. Tenn hier

Feuilleton.

(Nachdruck verboten.)

wiener Streiflichter.

i.

P aris hatte leinen Ehantecler, New Hork bat seinen neuesten Puccini und Wien anscheinend Z- seinen Medardus. Das Burgtheater ausverkauft AAher wenigstens bei jeder Vorstellung dieses L>chauspicls ln fünf Akten und einem Vorspiel. Für die Dauer eines fast imgcstrichencuDon Carlos" sitzen die Wiener und lauschen. Und Baron Berger reibt sich vergnügt die Hände. Seltsamkeiten genug um nach ihren Ursachen zu forschen. Seltsamkeiten, denn darüber ist die literarische Kritik sich einig: Tiefe poetische Worte, erschütternde Ge­walten sind cs nicht, die von 7 bis um 11% Uhr das Publi­kum bannen Außerdem glaubt mir wären solche vor­handen, sie würden nicht bannen» nicht so viele wenig­stens.Man" würde vielleicht hineingehen, der Mode -u Liebe,weil die Sach' halt von unsrem Schnitz­le r ist", aber bei der dritten, vierten AnMhrung wür­den in den Reihen bedenkliche Lücken klaffen endlich noch eine kleine Schar schöNheitshungrigcr Seelen erscheinen

_ und aus wäre >es wieder. Leider! Es geht in Wien

wie überall. Die Leute wollen sich amüsieren und lachen _ oder Sensationen auskosten. Nur keine leisen Herrlich­keiten, keine verschwiegenen Tiefen! Ein Blick auf die Ver- anügungsliste Wiens. Bon oa. 20 Theatern sind knapp vier nicht auf Operetten, Schwänke oder Schmarren eingestellt!

Aber wo verzeiht man das lieber, als gerade in Wien. Fn Wien, das reicher ist an Holdseligkeiten des Lebens als alle ander« Städte der Welt, reich an alter Kultur und jungem Blut, an edlen Frauen und süßen Mädeln, an weh­mütigen Liedern und goldigem Humor. Versiebst du ibreu Träumen, ihrenStimmungen nachzugehen wie einerGeliebteu, wird dich diese Skaidt in ihre weichen Arme nehmen und ihr Herz für immer neue Schönheiten offenbaren. O ihr Frühlingssahricn im Prater, zum blauen D'onaustrom, ihr ichwergonden HevMvälder von Meyerlink und Heiligen-

kreuz, ihr herrlichen Konturen der dunklen ehrwürdigen Burg in bellen Sternennächten, du alter Steffelturm und ihr lieben Leute vom guten Kaiser hinab bis zu den Gaunern, den Fiakern, wie lieb sei'd's ihr alle! Und du Peter Alteuberg und du Luise Karton sch vom Theater an der Wien . . . (doch von dieser später!) Wo verzeiht man lieber als in Wien?

UNd wem verzeiht man leichter als Artur Schnitz­ler, dom Autor desAnatol", derLibelle", dem himmlischen Maler der Welt des süßen Mädels, dem Schenker von allerhand Köstlichkeiten, die unvergeßlich bleiben, dein Wiener Träumer und Poeten Artur Schnitzler!

D e v jun g e M c d a r du s": im Vorspiel schon geben zwei ins Wasser, der Prinz von Valois und die bür­gerliche Buchhäudlerstochter Agathe, Medardus' Schwester. Stondesvorurteile, unglückliche Liebe, Selbstmord. Außer­dem schreibt mau 1809. Die Franzosen sind vor Wien. Alles zieht in den Krieg. Medardus auch. Das heißt jetzt, da seine Schwester tot ist, bleibt er zurück, sie zu rächen. An wem. da der Prinz auch tot ist?! An den Standesvor- urteilcn, an den Valois sagt Schnitzler. Annächst jedoch im ersten Ak t verliebt er sich ans Tod und Leben in die Prinzessin Helene, die Schwester des Prinzen von Balms anläßlich der Beerdigung der beiderseitigen Ge­schwister. Helene liebt ihn wieder. Natürlich! Nebenbei ist sie in eine Verschwörung verwickelt. Der Herzog, ihr Vater, aspiriert aus den französischeu Königsthron. Hofft auf eine Verschwörung in Frankreich, während Napoleon vor Wien steht. Aufregende Fäden von Wien nach Paris. Belagerung von Wien. Einzug Napoleons. Prinzessin Helene heiratet den jungen Marquis von Valois, entsendet ihn aber vor der Brautnacht nach Paris, zur letzten Rettung der Verschwörung. Inzwischen ruht sie in den Armen von Medardus. Doch dieser hat im dritten Akt genug daran. Das heißt: man weiß das nicht genau. Ob cs nur die R ach eg ed>a n>ken smd, die mit der Liebe kämpfen, ob er

etwas anderes sinnt? _. , ... ,

Mir ist, als hätten unbekannte Machte ntich bis heute durch einen rätselhaften Dämmergang getrieben." Bis heute, da Napoleon seinen Onkel erschießen läßt. Napoleon hat inzwischen überhaupt sehr viel schießen lasten, auf

Wien durch Granaten, heimlich auf die Helfershelfer der Valois, kriegsgerichtlich auf verdächtige Wiener Bürger usw Endlich reift in Medardus die Tat. Er Will Napo­leon erschießen. UuMMcherweise hat Helene von Valors dieselbe Idee und will Medardus zu dem beredten, wozu sein Herz schon entschlossen war. Dadttrch verliert der junge Medardus wieder alle Lust. Im fünften Mt erzählt man sich Helene sei die Geliebte Napoleons geworden. Medar­dus glaubt das, während Helene Napoleon nun selbst er­stechen will, und ersticht Helene. Napoleon will Medardus begnadigen, dieser aber aufgeklärt über die Ab|icht Helenenis droht, Napoleon zu töten, und wird er­schossen!

Das Stück hat 68 nennenswerte Rollen ohne Napoleon, der allerdings nicht auftritt, von dem aber min­destens zehn verschiedene Leute berichten. Von seinen ent­setzlichen Augen berichten sie. Und Ähnliches. Das Stück bat ferner' als dramatische Momente: Selbstmorde, Morde, Erschießungen, Beschießungen, Verschwövnngen, VoKsge- murmel in allen Variationen, Maffenkämpse, Einzelkämpfe, Liebesabenteuer, Begräbnisse. . . uff!

Geradezu ein Sensationsfall für die Regie. Und Berger, dieser eminent begabte Regisseur für Äußerlich­keiten, hat ihn mit Enthusiasmus aufgegriffen.

Man merkt schon, wo des Pudels Kern steckt! Der dankbare Wiener bewundert die Meisterleistung denn eine solche i st es seines neuen Burgtheaterdirektors, sieht an einem Abend fast das ganze Personal, alle seine Lieblinge, und von 7 bis nach 11% Uhr passiert ununterbrochen irgend etwasfurchtbar Aufregendes".

Nur wenn er, wie jener alte König in derschönen Nisette", fragen wollte,warum" .das alles eigentlich geschieht", ein Glück, daß es inr nächsten Augenblick irgendwo schießen oder stechen würde und der Nachbar einer Antwort enthoben wäre, die er nicht geben könnte!

Und doch ist vieles nicht ungeschickt gemacht. Es finden sich wundervolle Skizzen von Volksstirmnungen und er­greifende, rührende Einzelheiten. Z. B. wenn der alte, fast blinde Herr mit dem kleinen Mädchen an der Hand auf der Bastei erscheint während der Belagerung, das Kind schilt, weil es nicht weitergehen will, und gar nicht merkt, daß