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Nr. 605.
Wiesbaden. Donnerstag. SS. Dezember LSLS.
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58. Jahrgang.
Morgen - Ausgabe.
1. Wkcrtt.
Jüv öas 1 . GuavLcrL 1911
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Fibrralismus und Klrrilmlrsrrms.
Es gibt keinen vernünftigen Menschen in Teutsch- land, der einen neuen Kulturkampf entbrennen lassen möchte. Wir haben genug von den Kämpfen der siebziger Jahre, und die Spuren der damaligen falsch eingeleiteten, falsch durchgeführten und deshalb vorweg zur Unfruchtbarkeit verurteilten Politik müssen uns von einer Wiederholung abschrecken. Das kann man sagen, ohne die Bedeutung des Problems zu verkennen, das sich mit der Unterdrückung jeder freieren Megung im Katholizismus durch den Vatikan, mit dem Feldzug gegen den Modernismus in seiner ganzen drohenden Größe darbietet. Aber eine wichtige Unterscheidung ist vonnöten. Ob die Maigesetze gut oder schlecht waren, jedenfalls wurde nach der Gründung tzes Reichs der Kampf uns durch die streitbare Papstkirche aufgezwungen, und er begann mit peinlichen Übergriffen der katholischen Gewalten in das Gebiet des 'weltlichen Staates, mit einer Kriegserklärung geradezu des Vatikans an das neue Reich. Also waren Reich und Staat in eine Verteidigungsstellung gedrängt, aus der sie dann freilich zunr Angriff übergingen, nur daß dieser Angriffskrieg wieder seinerseits, was wir offen anerkennen wollen und müssen, zu Übergriffen in das kirchliche Gebiet führte. Hierin namentlich lag der Fehler der polizeilich beeinflußten, die Gewissen der gläubigen Katholiken mannigfach verletzenden Kirchenpolilik des Fürsten Bismarck, der ans diesem Felde dieselben Erfahrungen machen mutzte wie auf dem der Bekämpfung der Sozialdemokratie. Der Gegner erstarkte, weil seine Überzeugungen ange tastet wurden. Was aber sehen wir heute? Tie katho tische Kirche hütet sich weislich, den Mächten des Staates und den außerhalb des klerikalen Bannkreises stehenden Volksschichten nahezutreten, und sie hat es
nur mit denen zu tun, die sich zu ihr rechnen. Sie wendet sich mit ihren Befehlen und Verboten nur an die Geistlichkeit, sie behandelt den Feldzug gegen den Modernismus als eine ausschließlich innerkirchliche?ln- gelegenheit. Tie Fragen, die für die Regierungen, für Protestantismus und Liberalismus, auch für den nicht im Zentrumsbannc befangenen Katholizismus sonnt entstehen, verlieren ans diese Weise allerdings nichts von' ihrer kulturellen Bedeutung, vielmehr werden sie gerade dadurch nur um so sorgenvoller, aber das Kampfgebiet scheint der Sphäre gesetzgeberischer Einwirkung völlig entrückt. Wohl eröffnet sich, die Perspektive auf einen neuen Kulturkampf, jedoch wird er nicht nnt den Mitteln der staatlichen Gesetzgebung geführt werden dürfen, sondern wir müssen uns damit begnügen, Zuschauer eines Dramas zu sein, das sich innerhalb der katholischen Kirche selber abzuspielen hat. Wir werden jede im Namen der Geistesfreihelt versuchte Auflehnung gegen den Gewissenszwang, den der Moderniste»cid bedeutet, mit ermunternder, Anteil- nähme begleiten, und unsere katholischen Mitbürger, die sich der ihnen zugemuteten Geistesknechtung nicht fügen wollen, sollen wissen, daß sie an den Machten der modernen Entwickluna einen starken moralischen Rückhalt finden werden. Aber eingegriffen darf, nicht werden, kann auch nicht werden. Ist der Vatikan stark genug, den Modernismus niederzuzwingen, dann mag sich freilich in Zukunft, wenn der Übermut des Siegers zur Überschreitung der Grenzlinien zwischen Kirche und Staat führt, eine Lage ergeben, die bestimmte Entschlüsse nötig iiiacheir könnte. Man Wird zunächst aber abzuwarten haben, ob der Vatikan wirklich so stark ist. Auch mit der Durchsetzung des Modernisteneides wird er noch nicht erreicht haben, was ihm als Ziel vorschwebt. Denn wie dieser Eid verstanden wird und wie nach ihm gehandelt wird,, darauf allein wird es ankommeii, und auch namentlich das wird man ab- warten müssen.
Diese unsere grundsätzliche Stellung zur Sache, haben wir betonen müssen, weil sich neuerdings in der Öffentlichkeit zwei Tendenzen zeigen, die, tvenn ihnen nicht rechtzeitig enigegeiigetreten wird, Verwirrung anstiften könnten. Die eine ist die des Evangelischen Bundes, der allerdings noch nicht gesagt hat, daß er die Zeit für einen neuen Kulturkampf gekommen glauoe, dessen Wortführer aber gelegentlich Äußerungen getan haben, die mißverstanden werden könnten und von denen jedenfalls nicht die Auffassung, daß sie. Gern e i ng u t von Liberalismus und Protestantismus seien, aiifkommen darf. Tie zweite Tendenz ist die gefährlichere. Im konservativen Lager möchte man es so darstellen, als verlange der Liberalismus die .Kriegserklärung an ben Vatikan. Kein liberaler Mann, keine liberale Richtung hegt solche Wünsche. Das mit aller Deutlichkeit auszusprechen, dünkt uns nicht bloß ein Gebot der politischen Klugheit, sondern etne Ge- wissenspflicht. __
Feuilleton.
Machdruck verdokrn.)
Parisee Ztuöentenstreiche.
Von Karl Lahm.
Wo sind die Studenten, die an Jugend und Humor alle müderen übertreffe-n? — Es gab eine Zeit, die, wenn sie vorüber sein sollte, jedenfalls noch Nicht sehr lange vorüber ist wo die Mehrzahl der Schiedsrichter unbedingt für deutsche Burschenschafter plädiert hätte. Rur wenige würden ail Oxsovd g.vdacht hüben, manche dagegen an Paris. Die Pariser Studenten und die deutschen Studenten, — der Unterschied ist himmelweit. Wer heute die Berliner sieht, die so stolz sittd ans ihr Korps, ihren Komment, ihre Mensur, der glaubt mitunter, daß ihnen bei allem Wtchs eines doch verloren -ging: die Jugend. Meyer-Försters in der Heimat schon etwas überholtes „Alt-Heidelberg" hat im Pariser Odeon immer wieder einen so beträchtlichen Erfolg, weil das rührende Stück all jene anzieht, die i>n Gefolge des Romanciers Provost oder des Zeichners Bac von dem „Vieil-Allemagne" schwärmen, von jenem alten Deutschland, das im Verschwinden begriffen ist, dem die Franzosen vor dem Krieg zuströmten, wie Viktor Hugo, als er sein .,D? Rhin" schrieb, und dessen sie wehmütig gedenken, weil es noch „das Laüd der Dichter und Denker" war, noch nicht in Winkender Rüstung, die Faust am Schwert, dastand, und das größere Frankreich in den Schatten stellte. Der Heidelberger Student soll nach Meyer-Förster etwas von der rheinischem Romantik übrig behalten haben. Auch diese Jugend trink: zwar, aber sie singt auch und sie liebt. Der Berliner Student (uitlb auch der Münchener schon), der nach Jules Huret den erwachsenen Und bedeutenden Mamr spielt — er findet bei den Franzosen keine Sympathien.
Hat der Pariser Student mehr Jugendsrische? Wenn man die Bürschlein mit den schwarzen Samtmützen, den „berets", über die Boulevards ziehen sieht, schwere Stocke schwingend oder Arm in Arm mit den Grisettchen, die feine Tugend kennen und die Murgcr besang, die Maupaffaut nicht verurteilte, — dann Mutzt man gern, daß dies lebensfrohere, wenn auch moralisch etwas verdorbeuere Jugend ist. In Wahrheit — und es muß gestanden werden — sind die Samtmiitzenträgcr nicht die vollgültigen Dnrchschnitts- repräsentanten der Pariser Universität. Es sind die Provinzler, die sich in ihrer ersten Pariser Zeit hauptstädtisch aus toben wollen. Das Gros der Studiosen macht die „rnonomss", die Gänsemarsch-Manifestationen gegen irgendeinen unbeliebten Professor nicht mit. Es tanzt auch nicht abends im Büllier den letzten Cancan: die Cavalcade mit den Wäscherinnen zu Faswacht interessiert es nicht. Das Gros besteht aus Söhnen guter Familien, die der Straße abhold sind und arbeiten. Trinkgelage, wie in deutschen Kneipen, gibt cs nicht. Die Cafes des „Boul-Mich" (Boulevard Saint Michel), woran Sonfflet, Vachette, Le Source, Stmebe und Macht cu, verlieren mehr und mehr die studierende Kundschaft. Henry Bordeaux, der der vorletzten SovWme-Generation angehörtc, konstatiert es in seinein großenteils dem „lateinischen Viertel" gewidmeten Roman „La Croisee des Chemins“, er beklagt es, daß die romantischen „üd heroischen Diskussionen, in denen so mancher Charakter schnell für hohe Taten reifte, heute in- den selteneren Tischgemcinschaften recht trockenen und theoretischen Debatten gewichen sind. Ein Korpsgeist existiert nicht, kaum Freundschaftsbündnisse, die etwa ein Dutzend. Kameraden des Abends zusanuuenführen. Zwar hat die „A“ ihre Bedeutung; die Association Generale des Etudiant.s vereinigt die Mehrzahl der Universitätsschüler, vertritt ihre Interessen dem Lehrkörper gegenüber, hat ein Präsidium, das mitunter beim Unterrichtsministcr, der den Titel „Grand- üaitre de l’Universite" fuhrt. Audienz hat. besitzt seit kur»
Politische Uberstcht.
Ubsr d-n Mangel arr GL-sattis-rtro« im Uderalerr Kager
klarst der Abgeordnete O. Naumann in der neuen Nummer der „Hilfe". Er betont als eine der wichtigsten Fragen, „daß jetzt endlich der Liberalismus an. fängt, sich ordentlich zu organisieren. Das ist schwerer als'das Reden über Hoffnungen und Möglichkeiten. An dieser Stelle liegt die Krankheit des Liberalismus: er ist zu organisationslos!" Naumann fährt fort: f
„Was wir bis jetzt an Vereinen haben, ist klein und mager gegenüber dem Vereinsbestand der Sozialdemo- frutert, der Klerikalen und des Bundes der Landwirte. Man muß sich wundern, daß wir bei so geringer Zahl von Vereinen und Vereinsmitgliedern noch )o gute und starke Wählerbe st ände besitzen. Das spricht für die Kraft der liberalen Ideen und für die Aner- kennung die das Verhalten der Liberalen in- Parla- nrente findet. Es wurden im Jahre 1907 abgegeben an Stimmen (unter Zurechnung angeschlossener Wild- liberaler):
Ncstionalliberal ...... 171bbv0
Fortschrittliche Volkspartei . . 1 310 000_
~ 3 026 000
Das ist eine außerordentlich gute Basis sür werte- tett Ausbau. Aber man täusche sich darüber nicht, daß drei Millionen Wähler nicht von selber znsam- menbleiben, wenn für ihren Zusammenschluß wenig geschieht! Meist haben wir bisher weniger Vereine als die mit uns im Kamps stehenden Parteien. In den Wahlkreisen, die von unseren Abgeordneten vertreten werden, mag es noch einigermaßen gehen, obwohl es auch von diesen solche gibt, die schlecht organisiert sind. Aber wie sieht es dort aus. wo erst die Eroberung einsetzen soll? Wie sieht es in den -cw.er- vativen Gebieten aus? ... Es fehlt an Mut und Geld. Wir wollen cs ganz offen sagen: es wird bei den Liberalen viel zu wenig geleistet. Wo besteht denn regelmäßige Zahlungspflicht und wer beteiligt sich anchr? Wie aber kann man die Konservativen aus dem Lattel werfen, wenn man selber lau und lahm ist!
Tie Aufgabe des neuen Jahres beißt Mobil- machung, und zwar Mobilmachung von Arbeitskraft und Geld. Dabei denken wir wenig an e:n- inalige größere Beiträge als an d:e regelmäßige Selbsteinschätzung. Große Parteien können nur bestehen bei großen Mitgliedschaften."
Das Zentrum im Westen.
Vom Rhein wird uns geschrieben: In der ZM
trumspartei des Westens gärt und brodelt es so, daß man den nächsten Reichstagswahlen mit großer Spannung entgegensehen darf. Die „Finanzreform" bat viele den minderbemittelten Ständen angehörende Wähler stark enttäuscht, und man hört so manchen
zom ein eigenes Haus mit Lesesäileu nstv. aber ein frisch-fröhliches Zusammenleben, wie es in deutschen Korps üblich ist, das kennt „ran auch im Schoß der „A" nicht.
Wer ein klein wenig eiitdringen möchte in die Pariser Stiidenlcnexistenz, der müßte also bald ans dir Beobachtung en bloc verzichten —sobald die Hörsäle sich leeren, zerstreut sich die Monge. Man kann sie dann noch in die billigen Massenrostgurants verfolgen — und sieht die ärmere Kategorie. Man kann sie im Lurcurbeurg-Gartcn mit und ohne Flirt bei der Promenade erspähen — und hat schon den besseren Teil. Man kann auch im Ausflugsort Robinson auf den gastlichen Bäumen, oder aus den Seine-Dampferchen und in den Ruderbooten der Marne Stndenten beim Sonn- tagsvergnngen treffen, — aber doch immer nur zufällig, mitten unter Ladenkommis und Ladendemoiselles. Die Jugend der Pariser Alma mater ist so vielseitig wie das Großstadtleben selbst. .Ich habe brave Bürgersöhne gekannr, die für dias viele von dm Eltern aufgewandte Geld ge- rvrssenschaft sämtliche Hosenböden durchsahen, während sie Kant und Spinoza .zu begreifen versuchten; ich traf andere, die sogleich das Studium vom StaüdpuNkt des Humbugs anffaßten, gewillt, ihr Examen mit „moyens de fortune" zu bestehen; ich traf auch solche, 'die das Angenehme mit dem Nützlichen verbanden, die mitunter lerntsn — und mit aufgeweckten Köpfen — und die mitunter über die Sträng« schlugen — wie man es jungem Mut, das austoben will, gern verzeiht.
Der meiste Humor — und auch der derbste — ist, wie leicht doriikbar, auf der medizinischen Fakultät zu. finden. Manche „Philister" schütteln die Köpfe und reden von Roheit der zukünftigen Wohltäter der Menschheit. Wenn sie die nach Paris versetzten Provrnzprofessoren nicht zum Wort kommen lassen wollen und sie mit faulen Eiern und Tomaten bombardieren, bis die Pölizci die privilegierte „Antononne" -der Universität verletzen muß, sind vielleicht
/im erillen acnciat. di« etwa»
