Nr. 602. Mewd-Ansgabe, 1. Blatt. Wiesbadener Tagblatt» Dienstag, 27. Dezember 1810. Seite 8.
ihrer Gründung und Unterhaltung. Durch reichliche Gaben hätten Gönner und edle Freunde es der Anstalt ermöglicht, ihren Pfleglingen eine Weihnachtsfreude zu bereiten. Diese mochten nun auch das in ihr Herz gelegte Gefühl der Dankbarkeit hegen und pflegen, daß es zü mächtigem Baume emparwachse. Bluten und Früchte trage, dagegen das daneben wuchernde Unkraut des Neides und der Mißgunst ersticke. Redner gedachte des edlen Gründers der Anstalt, des vor 31 Jahren verstorbenen Hofrats Dr. Alexander Pagenstecher, widmete dem Andenken des tungst heiMgegangenen Oberregierungsrat Stumpfs warme Worte, hretz Landgerichtsdirektor Grimm zur Mitarbeit willkommen. , Es fet, sagte er, eine schöne Sitte der begüterten Patienten, die durch Geheimrat Professor Dr. H. Pagenstecher ihr Augenlicht wieder erlangt hätten, für die unbemittelten Leidensgefährten srei- betten (20 000 M.) zu stiften oder durch Geldspenden^ und Legat Freistellen sicher zu stellen. Die Oberschwester Sophie und der Verwalter Westhaus verteilten dann die praktischen Gaben und Spielsachen unter dem Jubel der Kinderschar an die bedürftigen Augenkranken.
— Weihnachtsbescherung in der Kinderbewahranstalt. Am Freitag und Samstag vor dem Feste fand im Speisesaal der Anstalt in herkömmlicher Weise die Bescherung der Tages- und der Hauskinder statt. Bestrahlt vom schön geschmückien mächtigen Christbnum in der Mitte dos Saales trugen lange Reihen Tische die süßen und die nützlichen Gaben für die vielen erwartungsvollen Kinder, deren Zahl in diesem Jahre besonders groß war. Der Christbaum ist der schönste Baum in allen Landen, und das deutsche Weihnachtsfest bleibt das heiligste Fest der deutschen Herzen, das war der Grundton der der Bescherung vorangehenden kleiner! musikalisch-deklamatorischen Feier. Ansprachen der Herren Pfarrer Gruber und Dekan Bickel an die Kinder und die zahlreich erschienenen Gäste wiesen auf die ,Bedeutung des Festes hin und zeigten, wie es in rechtem Smne gefeiert werden soll. Hierauf mahnte der Vorsitzende. Herr Geheimer Regierungsrat Professor Kalle, die Kinder zur Dankbarkeit, die sich im Gehorsam gegen die Hauseltern und deren Helfer und Helferinnen und in guter Führung^im Leben zeigen müsse, dankte allen denen, die auch in diesem Jahre durch Gcld- und andere Gaben die Zwecke der Anstalt zu fördern geholfen haben, und gab dairn die Namen der vier aus der Kellerstiftung prämiierten Kinder (2 Mädchen und 2 Knaben) bekannt. Für jedes derselben wurden stiftungsgemäß 40 M. auf ein Sparkassenbuch der Nassauischen Landesbank cingezablt, das ihnen bei erreichter Großjährigkeit ausgehändigt wird. Nun eilten die Kinder an ihre Plätze, um ihre Geschenke einzupacken, und bald herrschte fröhlicher Jubel in allen Räumen des Hauses. — Mittwoch, den 28. Dezember, nachmittags 4 Uhr, wollen. die Kinder für die eingeladenen Gönner und Freunde der Anstalt ein Weihnachtsfestspiel aufführen, das am folgenden Tage für die Angehörigen der Kinder wiederholt werden soll.
— „Tagblntt"-Snmmlu!!gen. Dem „Tagblatt"-Verlag gingen zu: Für Paulinenstift, Kinderbewahranstalt, Rettungs- Haus, Armenaugenheilanstalt und Blindenschule: von H. je 2 M.
Für den Krüppelfürsorgeverein: von B. W, 10 M.
Theater, Kunst, Vorträge.
* Residenz-Theater. Auf mehrseitigen Wunsch, gelangt morgen Mittwoch Lenghels ergreifendes Drama „Taifun" zur Ausführung. Am Donnerstag findet die erste Wiederholung der mit so großem Beifall aufgenommenen Sportkomödie „Kavaliere" statt und am Freitag wird das effektvolle militärische Schauspiel „Kasernenluft" gegeben. Für Samstag (Silvester) ist ein besonders interessantes Programm zusammengestellt: Den Abend eröffnet ein Silvesterprolog aus der Feder Julius Rosenthals, hieran schließt sich die erstmalige Aufführung von Ludwig Thomas neuestem Einakter „Erster Klasse", dann folgt ebenfalls zum erstenmal der Einakter „Die Silberfischchen" von Beniöre und den Schluß bildet der humorvolle einaktige Schwank „English spokeii" von Bernard.
* Kunstsalon Aktuaryus, Taunusstraße 6. Neu ausgestellt: Kollektion Walter Bertelsmann-Worpswede: „Sturm in der Niederung", „Spätabend" an der See", „Spätsommertag", ..Sommertag an der Nordsee", „Sommer", „Sturm auf dem Berge", „Stürmische Seefahrt", „Frühlingstag", „Eingang auf der Unterweser", „Frühlingssonne", „Herbstnachmittag in Worpswede", „Helgoländer Reede im Sturm", „Erster Frühlingstag", „Spätabend an der unteren Weser", ..Eichenhof". „Frühlings Erwachen".
* Bortrag Werner. Einer Bitte der kirchlich-sozialen Frauengruppe Wiesbadens folgend, wird Pfarrer, Julius Werner- Frankfurt a, M. am 0. Januar 1911 hier über das Thema sprechen: „Weibliche Kulturleistung ohne politisches Frauenstimmrecht". Bei der allgemeinen Beliebtheit, deren sich der geistreiche Redner bei uns erfreut, und bei der Zeitgemäßheit des Themas dürfen wir wohl aus ein zahlreiches Publikum für den Bortrag hoffen, über den man das Nähere im Anzeigenteil dieser Nummer, Seite 10, Nachlesen wolle.
K.rrs dem KanÄkreis Wiesbaden.
a. Biebrich, 24. Dezember. Vier Angestellte der Firma D h ck e r h o f f u. W i d m a n n hier konnten gestern ihr Jubiläum feiern, und zwar der Werknreister Friedrich Sternberg und der Vorarbeiter Wilhelm Niehoss ihr 40 söhriges und die Vorarbeiter Peter Paul und Christian Hilge ihr Wjätzriges. Herr Landrat Kammerherr v. Hei m- hur g überreichte den Jubilarcn das Allgemeine Ehrenzeichen.
Uassainsche Nachrichten.
bs. Niedernhausen, 26. Dezember. Dieser Tage verun- ilückte dahier der Zimmermann Igstadt. Derselbe wollte spät Abends noch Viehfuttcr aus der Scheune holen und stürzte dabei aus beträchtlicher Höhe ab und direkt auf die Tenne. Er zog sich schwere Verletzungen am Kopfe zu, daß es fraglich ist, ob er mit dem Leben davon kommen wird, — Der Verunglückte ist inzwischen im St. Josephshospital in Wiesbaden seinen Verletzungen erlegen.
bs, Nicderseelbach. 26. Dezember. Recht traurige Weihnachten feierten die Eheleute Maurer Wilhelm Christ hier- selbst. Ihr ältestes Kind, ein Söhnlein von 6 Jahren, bekam im Verlaufe des Jahres Fehler an den Augen. Dies Leiden verschlimmerte sich so, daß die Sehkraft jetzt vollständig geschwunden ist. Dem bedauernswerten Kinde und seinen Ettern wendet sich allgemeine Teilnahme zu.
6. Idstein i. T., 25. Dezember. Als heule früh der Küster der evangelischen Kirche um 6 Uhr in gewohnter feierlicher Weise das Weihnachtsfest einläutete, mußte er plötzlich seine Feiertagsstimmung bei Seite legen und Sturm läuten, denn es brannte der Dachstuhl in dein Gerichtsgefängnis. Das Haus ist massiv zweistöckig aufgeführt, im Parterre ivohnt der Gerichtsdiener urtd Gefangenenaufseher Harrach, im 2. Stock befinden sich die Arrestzellen, von denen heute früh zwei durch Gefangenen belegt waren. Die städtische Feuerwehr war gleich zur Stelle und legte zwei Hvdrantenlcitungen an. Die Gefangenen wurden schleunigst anderweit in sickeren Gewahrsain gebracht. Wie das Feuer entstanden ist, ist bis jetzt nicht aufgeklärt. Von dem Dachstuhl stehen noch die Kamine intakt, das übrige ist ausgebrannt.
ob, Brombach (Taunus), 25. Dezember. Beim Holzfällen im hiesigen Gemeindewald zog sich der Arbeiter Heinrich Müller von hier durch einen Axthieb eme schwere Verletzung zu, er wurde in die Klinik nach Gießen gebracht.
Aus der UMgsbrmg.
Neuer Raub- und Mordversuch, r. Griesheim, 24. Dezember. Heute wacht gegen 12 Uhr ist ein neuer Raub- und Bl orid v er su ch auf dem Exerzierplatz verübt worden. Ein Bürger von hier wurde plötzlich von cinern Mann .angehalten, der hinter einem Baum hervorzpvang und Feuer Verla,ngte. I« dem AugeiMick, als ar dem Menschen 'das Gewünschte reichte,
erhielt es einen Stich in die Bin st. Da der Überfallene laut um Hilfe schrie, ergriff der Rauher die Flucht; doch soll er dem überfallenen die Uhr entrissen haben. Die WuNde,dos Verletzten^ ist nicht lebensgefährlich. Er konnte noch die Polizei benachrichtigen. Sowohl die von Frankfurt als auch dis von hier und Schwanheim war die ganze Nacht mit Nachforschungen beschäMgt. Bis heute früh ohne Erfolg. Es scheint nicht ausgeschlossen, daß der Täter mit dem Mörder des Reisenden Bi euer identisch ist.
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r. Vom Main, 26. Dezember. In der Bienerschen M o r 'ds ache hat die Polizei ermittelt, daß am Tage der Auffindung des Ermordetem ein Unbekannter mit einem Notizbuch Bienors bei einer Frau in Nied erschienen ist, um dort Geld für die noch nicht ganz bezahlte Nähmaschine einzukassteren. Die PMzei verfolgt die Spur dieses FreMden.
^ Frankfurt a. M„ 27 . Dezember. Fm hiesigen Schlacht- und Vrehhof wurde am Montag an vier Stück Rindvieh unter einem Transport von 62 Stück die Maul- und Klauenseuche amtlich festgestellt. Vom Regierungspräsidenten ist die Sperre für den Schlacht- und Viehhof verhängt worden. Es ist fraglich, ob am Donnerstag der Viehmarkt stattfinden wird.
* Mainz, 27. Dezember. R b e i n p e g e l: 2 m 4 cm gegen 1 m 97 om aiü gestrigen Vormittag.
Gerichtliches.
A»s arrsrviirtiget, GerichtsfSfe».
Ein Homöopath wegen fahrlässiger Tötung vor Gericht.
8. & H. Detmold, 24. Dezember. Vor der hiesigen Strafkammer hatte sich der homöopathische Heilkundige August Wie mann aus Barntrup wegen fahrlässiger Tötung zu verantworten. Er hatte im Oktober d. I. den Ziegler Strunk in Behandlung genommen, der mit einer Verletzung am Oberarm zu ihm gekommen war. Er erkannte, daß bereits Blutvergiftung eingetreten war, ver- schriesb einige homöopathische Mittel, riet dem Patienten aber, zu einem Arzt zu gehen, der eventuell eine Operation vornehmen werde. Strunk befolgte aber diesen Rat nicht und kam nach einigen Tagen wieder zu Wiemann, der ihm weitere homöopathische Mittel gab. Nach wenigen Stunden erlag der Kranke einer Gehirnhautentzündung. Die medizinischen Sachverständigen, die die Leiche obduziert hatten, führten die Gehirnhautentzündung auf die fortgeschrittene Blutvergiftung zurück und Wiemann wurde infolgedessen unter Anklage gestellt. Der Angeklagte führte zu feiner Verteidigung an, daß er in den 13 Jahren seiner Praxis zahlreiche Leute mit Blutvergiftung durch seine Methode geheilt habe. Er hatte einige seiner ehemaligen Patienten als Zeugen laden lassen, und diese bestätigten ihm, daß sie durch seine Methode geheilt worden wären. Dagegen bezeichnete der Sachverständige Sanitätsrat Dr. Theopold einzelne Methoden der Homöopathie als „horrenden Blödsinn". Der Verteidiger betonte, daß, wenn alle Allopathen angeklagt würden, die sich eine den Patienten schädliche Behandlung zu schulden kommen ließen, die Anklagebank überhaupt nicht leer werden würde. Der Verteidiger beantragte auch die Heranziehung eines homöopathischen Arztes als Sachverständigen. Der Gerichtshof lehnte aber den Antrag ab und verurteilte den Angeklagten aus Grund der Beweisaufnahme zu drei Monaten Gefängnis. In der Begründung wurde gesagt, daß zwischen der Behandlung und der Todesursache ein ursächlicher Zusammenhang bestehe. Der Angeklagte habe die Behandlung übernommen und fortgesetzt, obwohl er cinschen mußte, daß eine Operation notwendig war. Wäre dies geschehen, so wäre der Kranke gerettet worden; der üble Ausgang falle daher allein dem Angeklagten zur Last. _
Sport.
* Fußball-Resultate von den Feiertagen. Sportverein Wiesbaden — Viktoria-Frankfurt 4 :1. S p o r t v e r e i n 2. — Obersteiner F.-K. 10 :1, Sportverein 3B — Germania- Frankfurt 3 :2, Frankfurter Fußballsportverein — Germania- Bieber 7 :4, Germania-Bockenheim — Germania-Frankfurt 7 :5, Kickers-Frankfurt — Amicitia 6 :0, Karlsruher Fußball- Verein — F.-K. „Holstein"-Kiel 3 :6, Offenbacher Kickers — Britannia 6:0. — Nach einer Frankfurter Meldung: Hamburger Viktoria — Karlsruher Futzballverein 4 :0.
Kleine Chronik.
Trr frühere Oberleutnant Hofrichter hatte vor einiger Zeit ein selbstverfatztes Gesuch um Wiederaufnahme des Verfahrens überreicht. Tiefes Gesuch ist von zuständiger Stelle abgewiesen worden.
Eine verhängnisvolle Verwechslung. In dem Ge- fäi'gnis in Figuoras hatten sich in der Nacht zwei Patrouillen, welche glaubten, dass Gefangene einen Ausbruch versuchten, gegenseitig beschossen, wobei ein Korporal getötet, ein Hauptmann und ein Syldat verwundet wurden.
Ein Kiuouratographcnbrand. In der Wohnung eines Musikdirektors geriet am Sonntagabend bei kiue- matographischen Vorführungen ein Film in Brand. Durch Stichflammen wurden vier Personen verletzt, darunter eine so schwer, daß sie dem Krankenhaus zu- gefiihrt werden mußte.
Panik in cincr Kirche. Während des Hochamtes in der Pfarrkirche zu Baden bei Wien löste sich von der Decke ein Stück des Gesimses ab und stürzte in das Kirchenschiff, ohne jemand zu treffen. Trotzdem entstand unter den Kirchenbesuchcrn eine Panik und alles drängte nach den Ausgängen. Schließlich gelang es aber einigen Besonnenen, die Ruhe soweit wieder herzustellen, daß die Kirchenbesucher die Kirche verlassen konnten, ohne daß ernstliche Verletzungen zu verzeichnen waren.
Ein Eisenbahnräuber. Auf der Eisenbahnfahrt von Zürich nach München bemerkte ein Reisender, daß ihm die Hintere Tasche durchschnitten und seine Geldbörse geraubt war. Eine Leibes-Durchsuchung führte zur Verhaftung eines Mitreisenden, der bei der Ankunft in München der Polizei übergeben wurde. Es stellte sich
heraus, daß es sich um den aus der Strafanstalt Buelach bei Zürich ausgebrochenen Ludwig Haidacher aus der Gegend von Kufstein handelt, der vor einiger Zeit in Frankfurt a. M. unter dem Namen eines Barons Balfv Betrügereien begangen hatte und auch eine Reihe anderer Straftaten verübt hat.
Von der Eisenbahn überfahren. Wie aus Nogent gemeldet wird, ist ein mit 9 Personen besetzter Wagen beim Bahnübergang von Chateaudum von einem Zug erfaßt und völlig zertrümmert worden. 6 Personen wurden getötet, die 3 anderen verletzt. Tie Gesellschaft wollte zu einer Tauffeierlichkeit fahren. —Am Samstag zwischen 6 und 7 Uhr fuhr ein Eisenbahnzug bei Bolssowar in eine Gruppe Kinder, von denen 3 getöiet, 2 schwer verletzt wurden.
Ein Felssturz. In Gibraltar ist ein mehrere tausend Tonnen schweres Felsstück abgestürzt und hat mehrere Verkaufsbuden zertrümmert, die jedoch glücklicherweise wegen des Weihnachtsfostes verlassen waren. Personen sind nicht zu Schaden gekommen, jedoch ist der Materialschaden sehr bedeutend.
Ein Raubmord. Am Weihnachtsabend wurde in der Herzogstraße zu Bern ein älteres, in bescheidenen Verhältnissen lebendes Ehepaar namens Hirschi in seiner Mansardwohnung ermordet aufgefunden. Der Mörder hatte das Zimmer in Brand gesteckt, um die Spuren zu verwischen. Beide Leichen weisen zahlreiche. Hieb- und Stichwunden auf. Unzweifelhaft-, liegt Raubmord vor. Der Täter entkam unerkannt.
Eine Grubenexplvsion. In San Jovanno Valsarnr (Italien) erf olgte eine Grubencrplosion, wodurch ein Teil des Kohlengebirges einftürzte. Ter Schacht ist verschüttet, jedoch sind Menschenleben nicht zu beklagen. 200 Familien sind durch den Unfall brotlos geworden.
Unfälle durch Nebel. Infolge des Nebels sind in Italien zahlreiche Unfälle zu verzeichnen. 7 Personen stürzten ins Wasser, von denen 8 ertrunken sind. Über 60 Personen sind infolge von Zusammenstößen mit Wagen oder durch Eisenbalmunfälle verletzt worden. Bei Porto Viktoria stieß ein Personenzug mit einem Gllterzug zusammen, wobei 2 Personen getötet und 15 verletzt wurden.
Ein Schiffszusammenstoß. Am Montagmorgen 2 Uhr fuhr der transatlantische Dampfer „Finnland" gegen den in der Scheldemündung vor Anker liegenden Dampfer „Baltic". Letzterer wurde so schwer beschädigt, daß er in wenigen Minuten sank. 6 Mann der Besatzung, die in ihren Kajüten schliefen, sind umgekom- nien, die übrigen konnten sich retten und wurden an Bord der Finnland ausgenommen. Über die Ursache des Zusammenstoßes ist noch nichts bekannt. Es herrschte weder Sturm noch Nebel und an Bord der „Finnland" hatte porher der Fluß-Pilot seinen Dienst ausgenommen. Drei Mann der Besatzung des „Baltic" konnten sich, nur mit einem Hemd bekleidet, retten. Die Reeder der „Finnland" hatten dem Kapitän befohlen, nach Southampton zu dampfen und dort ins Trockendock zu gehen. Der Umfang der Beschädigungen der „Finnland" ist noch nicht bekannt.
Seenot. Der spanische Dampfer „Jndustria", der nach dem Zusammenstoß mit dem französischen Dampfer „Jean Concel", der infolgedessen sank, von einem deutschen Dampfer nach Carthagena geschleppt wurde, ist bei der Ankunft u Chartagena ebenfalls gesunken. — In Coruna sind noch verschiedene Leichen von dem deutschen Dampfer „Palermo" ans Land geschwemmt worden.
Tie Cholera. Nach einer amtlichen Statistik über die Cholera auf Madeira zeigten sich einzelne Fälle der Krankheit zuerst am 14. November. Tie Cholera nahm dann allmählich zu bis zum 9, Dezember, wo 31 Erkrankungen gemeldet wurden. Bis züm 18. Dezember, an welchem Tage kein Fall zu verzeichnen war, ließ die Cholera wieder nach. Bis zum 18. Dezember kamen in Madeira 979 Choleraerkrankungen und 281 Todesfälle vor
Wirtschaftliche und soziale Wochenschau.
Mit dem Weihnachtsfest ebbt die Lebhaftigkeit des Wirt schaftslebens mächtig ab. Wäre nicht der rege Detailveiiehi mit seinen riesenhaften Umsätzen vor den Festtagen, so \vürd< der Dezember überhaupt ein sehr ruhiges Gepräge haben. S« freilich verdeckt das Getriebe im Detailverkehr die zunehmend« Ruhe in der Warenherstellung, das Nachlassen der Geschäftstätigkeit. am Geldmarkt, das allmähliche Anwachsen der Arbeitslosigkeit. An der Börse waren die Interessenten mit derr Verkehr der letzten Wochen sehr wenig zufrieden. Die Ge. sehäftslust war gering und anregende Momente für Kursveränderungen blieben aus oder wurden gar nicht beachtet: das Geschäft schleppt sich träge weiter und ermattet mit den Weih-, nachtsf-eiertagen vollends ganz. Daraus darf aber nicht der Schluß gezogen werden, daß diese Ruhe eine ungünstige Erscheinung sei. Gerade umgekehrt muß die Unruhe und Hast der Wertveränderungen als unerfreulich für das Wirtschaftsleben bezeichnet werden. Je größer die Stabilität der Kurse, desto besser ist das für die Warenherstellung und den Arbeitsmarkt. Daß dabei an der Börse weniger Zwischen gewinne gemacht werden können, mag für einen Teü der Börsenbesucher bedauerlich sein, ist aber vom volkswirtschaftlichen Standpunkt aus durchaus zu begrüßen. Freilich in den Börsenberichten kommt immer die Stimme der Börsenbesucher zum Ausdruck, die ihren Standpunkt verallgemeinern und der Öffentlichkeit ein reden, daß eine schlechte Börsenzeit auch schon ein Unglück für die Volkswirtschaft sei. So liegen die Dinge nun nicht. Und wenn die Börse das Jahr 1910 in ziemlicher Ruhe schließt, so ist darin gar nichts Ungünstiges für das Wirtschaftsleben zu erblicken. Im Gegenteil wäre ein Zurück- drängen der zunehmenden Spiel sucht an der Börse sehr zu wünschen.
Auch in der Warenherstellung brachte der Dezember wie immer ein starkes Abflauen, das durch die Witterungsverhältnisse teilweise noch verschärft wird. Namentlich auf den Beschäftigungsgrad im Kohlenbergbau wirkt die milde Witterung
