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Nr. 682.
Wiesbaden. Dienstag, 27. Dezember 1910.
58. Jahrgang.
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_ 1. Matt.
Iüv öcrs 1. gmctrfaC 1911
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MoMsche Merstcht.
Zm« Ablebrtt des Grafen Kallestrem.
Die Nachricht vom Tode des Grafen Ballasttem wird überraschen, obwohl man wußte, daß der sechs- undsiebzigjährigeHerr air denFolgen eines vor 2 Jahren erlittenen Schlagän falls körperlich zu Icibeit hatte. Geistip dagegen war er frisch geblieben. Ter Name des Grafen Ballestrem ist mit der Geschichte des deutschen Reichstags dauernd verknüpft', auch vom Standpunkt des politischen Gegners aus gebührt ihm das Zeugnis, daß er. ein mittleres Maß beträchtlich ü b e r r a g t e. Schon bevor er im Jahre 189O zum lZizepräsideuten des Reichstags gewählt wurde, kannte und nannte ihn die politische Welt als einen der führenden Männer der Zentrumspartei, der sich neben Windthorst, Herrn v. Schorlemer und dem Freiherrn p Franckenstein als selbständige Potenz zu behaupten wußte und den ganz bestimmte Eigenschaften von diesen seinen in: Vordergründe stehenden Früktions- freundeir unterschiede^', denn er vertrat gewissermaßen die besondere Nuance des Altprenßentums iui Klerikalismus, er hatte in seinem Wesen manches von der cstelbischen Art, nur freilich in das spezifisch Katholische gewendet. Als ihn, gleichfalls int Fahre 1890, seine Fraktion zum Vorsitzenden bestimmte, gewann er damit auch nach außen hin die Führerstellung, die er vor- übergehnd allerdings aufzugebcn hatte, als er sich zu den wenigen Zentrunrsabgeordneten schlug, die seinerzeit die Caprivische Militärvorlage annahmep. Er
trat freiwillig vom Posten des Vorsitzenden seiner Fraktion zurück und blieb auch fünf Fähre lang, von 1893 bis 1898, dem Reichstag fern. Er hatte wohl wieder kandidiert, mußte jedoch seine Zustimmung zu der Cäprivischen Heeresrefornr mit dem Verlust seines Mandats bezahlen. Voir 1898 an jedoch gehörte er wieder bis zu den Blockwahlen vonr Januar 1907 dem Reichstag au, und zwar als dessen erster Präsident. In dieser Eigenschaft erlangte er, wie man ruhig anerkennen kann, eure gewisse Popularität. Er war von einer nicht gewöhnlichen 'Schlagkraft und Gewandtheit! ihm stand'in jeder kritischen Stunde die Gabe des Humors mrd des Witzes zur Verfügung, er konnte auch die Gegner durch manche schnell gefundene Wendung besänftigen nnb versöhnen, die eine drohende Spannung unschädlich zu lösen vermochte. L>o wrrd es im Gedächtnis der Parlamentsbesucher hasten bleiben, daß Graf Ballestrem einmal, als ein Abgeordneter Pfui rief, diesen Ausdruck mit deir Worten rügte: „Pfui ist kein parlamentarischer Ausdruck, wie einer meiner Vorgänger einmal sestgestellt hat." Tiefe erheiternd wirkende Wendung bezog sich darauf, daß Graf Ballestrem selber mit dem berühmten Pfuiruf, den er im Dezember 1874 dem Fürsten Bismarck entgegenschleirderte, zum ersten Male die Aufmerksamkeit der breitesten Öffentlichkeit aus sich gelenkt hatte. Diese Szene ereignete sich, als Fürst Bismarck von Kuliniau». der aus ihit in Kissingen int Sommer 1874 ein Pistolenattentat verübt batte, in einer leidenschaftlichen Rede bemerkte, dieser Mensch hänge an den Rockschößen des Zentrums. Tie Antwort war, wie gesagt, eiir Pfuiruf des Grafen Ballestrem, Eine außerordeul- liche Aufregung bemächtigte sich des Reichstags, und Fürst Bismarck erwiderte mit. ben berühmt gewordenen Worten: Pfui sei ein Ausdruck des Ekels, und der
Verachtung: man möge nicht glauben, daß ihm diese Gefühle fremd seien, wenn er auch zu höflich sei, sie zu äußern. Der Wandel der Zeiten kann übrigens nicht deutlicher zum Ausdruck kommen, als er in und mit den weiteren Schicksalen des Grafen Ballestrem geschah. Derselbe Mann, der in der Zeit des Kulturkampfes m der äußersten Opposition gegen das damalige System stand, durfte später, ohne von seinen wahren Gesinnungen abzugehen. als Reichstagspräsident in gute Beziehungen auch zum Hofe treten, und das Wohlwollen des Kaisers ehrte ihn durch die Verleihung der Würde eines Wirklichen Geheimelt Rats mit dem Prädikat Exzellenz. Der Verstorbene gehörte zu den reichsten Großgrundbesitzern Schlesiens. Die Dallestremschon 'Güter umfassen etwa 10 00» Hektar und nach bedeutender ist der dazu gehörige Bergwerksbesitz. Mehr als 30 000 Angestellte waren vom Grafen Ballestrein ab-
häugig. Man rühmt allgemein seinen Wohltätigkeits-- sinn und seine Freigebigkeit auch für öffentliche Zwecke; so hat er auch eine Reihe von Kirchen in Oberschlesien ganz aus eigenen Mitteln erbaut.
Tie wichtigsten Taten über den Lebenslauf des Verstorbenen. sind die folgenden: Franz Xaver Graf von
Ballestrem war am 5. September 1834 auf Schloß Plawniowitz in Oberschlesien geboren. Er erhielt ferne Bildung in geistlichen Lehranstalten, zuletzt in Namur und studierte von 1853—-1856 auf der Universität Lüttich. Fm Oktober 1855 trat er damr in die preußische Armee eilt und gehörte in ihr kurze Zeit dem Leib-Kürasster-Regiment 1 an. In diesem machte erden Feldzug gegen Österreich, wo er sich den Roten Adlerorden vierter Klasse erwarb, und den Krieg gegen Frankreich mit. Aus diesem kehrte er mit dein Eisernen Kreuz geschmückt heim, dock mußte er darauf, durch einen Sturz vom Pferde in Frankreich Invalide geworden, ben Abschied aus dem aktiven Heeresdienst nehmen. Schon im folgenden Jahre wurde er als Vertreter des Kreises Oppeln Mitglied des deutschen Reichstags, wo er bald zu deir rührigsten Mitgliedern der Zentrumspartei gehörte. 21 Fahre hindurch hat er diesen Wahlkreis im Reichstag vertreten. Im Fähre 1903 wurde als Majoratsherr von Plawuiowrtz-Ruda ei bliches Mitglied des preußischen Herrenhauses. Von seinen zahlreichen Ehrenämtern seien erwähnt die Mitgliedschaft im schlesischen Provinziallandtag, im Kreistag von Gleiwitz imd Zabrze und das Päpstliche Geheini-Kämnrereramt di spada e cappa, das er seit 1873 bekleidete
Leilcidskundgebuugcn.
Der Kaiser hat au den Grafen Valentin v.,Balle- sirem folgendes Telegramm gerichtet: Schmerzlich bewegt durch die Meldung von dem Hirrscheiden Ihres teuren Vaters spreche ich Ihrer Frau Mutter, Ihnen i'nd den übrigen Hinterbliebenen zu dem schweren Verlust mein wärmstes Beileid aus. Ter hervorragenden Verdienste wie der charaktervollen Persönlichkeit des Entschlafenen werde ich stets gern und daitkbar gedenken. Wilhelm K
Anläßlich des Kinscheidens des Grafen Ballestrein telegraphierte der P r ä i i d e n t d e s R e r ch s t a g « au die Gräfin: „Tief erschüttert vom Heimgang nhres von mir hoch verehrten Gemahls sende ich Euere:. Exzellenz und zugleich im Namen des Reichstags den Ausdruck allerherzlichster Anteilnahme. Mit dein ge- so.mten dentschen Volk wird der.Reichstag dem wng-
ZenMeton.
<N-»dkUck »frtotm.)
Wintersport und verkehr.
Von E. Curth
Es schneit!! Noch freilich gleiten die großen Flocken träge und zögernd zur Erde, um dort im Schmutz zu der- sinken und doch begrüßt all imd jung sie nnt Freuden; sind sie doch die Vorboten der weißen, glatten Bahn, au, der die klingelnden Schlitten leicht knirschend dahinsliegen. Fn der Großstadt hat sreilich auch der festeste Schnee lerne bleibende Stätte; die methodisch durchgefuhrte Straßen- rcinigung beseitigt ihn zu schnell. Höchstens kann man noch in vernachlässigten kleinen Seitenstraßen m denen der Verkehr keine allzuschnelle Reinigung erheisch:, die Kruder sich bei ihrem Lieblingsvcrgnsigen tummeln sehen Dre Droschkenschlrtten, deren Berlin noch eine ganze Anzahl, meist in wenig schönen Exemplaren, besitzt, haben nur selten Gelegenheit, in Wtion zu treten. Auf dem flachen -ande, wo der Schnee liegen bleibt, bis er wegtaut, kommen den Winter hindurch die -alten, von den Großvätern ererbten, oft recht prunkvollen Schlitten wieder zu Ehren, und manch einer erinnert an die Prunkschlitten des 17. Jahrhunderts mit ihren reichen Schnitzereien und ihren schöngezaumten, schellenbehangencn Pferden unter wehenden, vorn Waide geblähten Schlittettdeckcn.
Der Schlitten hat eine chrwüroige Nergangenyerr: er bildet das älteste Verkehrsmittel der Menschheit überhaupt. Ursprünglich, in seiner primitivsten Form, als »Schleift , Itjar er keineswegs auf die Schnee- und Eisbahn beschrankt. Auck» in warmen Ländern beförderte man Personen und Lasten auf mehr oder minder glatter Erdbahn mittels der Schleife. Die Steinkolosse der alten Ägypter gelangten gleichfalls auf diesem Beförderungsmittel von den Brüchen nach dem Anfstellungsplatze. Noch letzt ist die Schleste m einigen Gegenden im Gebrauch, so in Siam bei der Reis- kultur und aus den Saumpfaden, die über die ^"oler .chcksi Übergänge führen. Das hier übliche Gefährt ist allerdings keine reine Schleife, sondern eine Kombinatton von Wag- _ und SMeiie. Auf der Landstraße bat die-es von einem
Pferde gezogene Fahrzeug vier Räder; sobald cs jedoch an den steilansteigenden, holperigen Fußweg gelangt, der über das Joch oder die Bergwiese führt, werden die Hmterrader nebst Achse abgenvmmen und bleiben meist bis zur Rückkehr neben der Straße liegen. Statt ihrer treten nunmehr zwei lange, durch den Gebrauch kufenartig gebogene Schlcpp- stangen in Tätigkeit, die, hinten aus dem Boden entlang schleifend, eine wirksame Bremse bilden und zugleich d:c in einem großen, breiten Weidenkorb ruhende Last tragen.
oder eigentliche Schlitten ist im Gegensatz zu der Schleife als ursprüngliches Verkehrsmittel nur in eis- und schnccreichen Ländern anzuircffen. In den Polargegenden haben sich als Zugtiere Hunde und Renntierc bewährt, so die elfteren in Sibirien vor den Postschlitten oder Narlcn, die auch dem Passagiervcrkehr dienen. Auch in Kanada wird die Post im Winter auf Schlitten befördert.
Der Schlittensport, der bei uns noch ziemlich jung ist, kam zn uns von Skandinavien und Kanada. Die kleineren und kleinen, für die Sportilbnngen besonders geeigneten Schlitten entstammen verschiedenen Ländern, sind aber jetzt infolge der Universalität des Sports Allgemeingut geworden Die Hörnerschlitten des Riesengebirgcs, dessen Kufen nach vorn zu langen, ausgcbogenen Hörnern verlängert sind, ist zwar jetzt ein auch in anderen Gebirgen verbreitetes, beliebtes Sportmittel, bildet aber daneben auch noch ein unentbehrliches Verkehrsmittel im Gebirge für die langen Wnrtermonate, wenn der Schnee meterhoch liegt._ Darum besitzt auch tm Riesengebirge jeder Haushalt mindestens einen Hörnerschlittcn, der im Sommer an der Haus- oder
Stallwand aufgchängt ist.
Sehr beliebt sind dre verschiedenen klernen Rittlch- schlitten, deren Modelle teils den Schlitten primitiver Volker, teils dem Kinderspielzeug entnommen sind. Zu ihnen hören die Kjälke Norwegens, dre Schlittel der Schweiz und die Rodelschlitten Oberbayerns. Em kufenloser Schl-tcn, der auf der ganzen Breite der Unterstriche und darum sehr sicher laust, ist der kanadische Toboggan, uripranglich em wichtiges Verkehrsmittel der Indianer. Andere kleine Spottschlitten sind Skeleton, Rennwols und Peekschtttten, während der Bobsleigh sich aus zwei beweglich Miteinander verbundenen Schlittengestelleir zusammcnsetzt. l Verlangen die genannten Svonichlltten zu thrcr Be
tätigung hügeliges Land, so braucht vielmehr der -Segelschlitten große Flächen, vorzugsweise EiS. Er i]t daher auch nur in den kalten nordischen Gegenden, in Nordamerika und Rußland, als Sport- und Verkehrsmittel bekannt und beliebt Von seinen drei scharsbeschkagencn Kufen schneiden zwei in paralleler Lage beim Lauf in das Eis ein; die dritte dient zugleich als Steuer. Je größer er gebaut ist. desto stärkeres Eis verlangt er. Für den Sport eignet er sich hauptsächlich deshalb hervorragend, weil er leicht zn zerlegen und zu transportieren ist, sowie durch die enorme, rasende Geschwindigkeit, die sich bei günstigen, Wmde mit
ihm erzielen läßt. .,
Eines der ältesten Verkehrsmittel rn den nororichen Reeionen ist der Schlittschuh. Die nordische Göttersage gibt ihn dem schönen Gotte Ullr als Attribut, wie uns dre Edda zu melden weiß. Daß der Schlittschuhsport auch bet Deutschen schon lange beliebt ist, beweist Klopstocks Ode an den Eislauf". Jetzt bildet der Schlittschuhlauf fert Zähren schon den beliebtesten Wintersport in unseren Breiten wenn nicht die allzu große Milde des Winters ein Veto chtlent In den Dienst des Schliitschnhiports hat ,rch die moderne Technik gestellt, riicht nur durch zahlreiche Vcr- bcsscrmlgcu und Verfeinerungen an den Schuhen letvp, sondern auch, indem sie durch neuere Kiihlvcrsahren für das m'-tne 'gabt Eisbahnen schuf, auf denen der rehone Sport
auch im Sommer gepflegt werden kann. Der Bruder des
Schlittschuhs ist der Schneeschuh, nnt dem der Sportler Pt,er wtttc Schneeslächen, w,c auch ubm schneebedeckte Ab- bänae dahinfliegen kann. Der Sportstt ist skand-mavpcheu Ursprnngs. In seinem Heimatlande hat er sich in mehreren Gegenden zu verschiedenen Typen ausgebildet. In den deutschen Mittelgebirgen besaß man, bevor der Sport auch dorthin den Dkl trug, zwar auch schon- Schneeschuhe, doch von bedeutend primitiverer Form. In vielen ^Fällen genügten schon zwei Faßdauben, die man mit Bindfaden unter den Sohlen festband, ->m dom Fiiß auf den Schneeflachen die nötige Sicherheit zu verleihen. In Österreich m» -Italien macht das Militär im Winter ausgedehnte G.oiig^-- nbnngcn aus Schneeschuhen, und der Forstmann kann sie in iein-nn Revier auch nicht entbehren. So keyrt der Schneeschuh'vom Sport wieder zu feinem ursprünglichen Zweck, dem Verkehr, zurück.
