Wiesbadener Taablstt
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Wiesbaden, Donnerstag, 22. Dezember 1919. _58. Jahrgang.
Nr. 595.
Morgen - Ausgabe.
_ 1. Matt.
Aür: öcrs 1. GucrrtcrL 1911
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Der mecklenburgische Konflikt.
Mag auch die für die Reichslande vorgeschlageue Verfassungsreform noch in rnanchen Punkten unzuläng- lich und recht verbesserungsbedürftig sein, so wird man sie doch in einem Teile unseres deutschen Vaterlandes mit dem wehmütigen Gefühl des blassen Neides betrachten. Wir meinen die beiden mecklenburgischen Großherzogtümer, deren verfassungsrechtliche Zustände noch bei weitem keinen Vergleich niit den bisher in Elsaß-Lothringen bestehenden aushalten und die, nachdem sogar die Türkei und Montenegro in die Reihe der Verfassungsstaaten übergetreten sind, den letzten im politischen. Sinne antediluviani- schen Rückstand in dem Europa des zwanzigsten Jahrhunderts darstellen.
Wie man sich erinnern wird, ist die durch die Jnitia- tive der Großherzöge von Mecklenburg-Schwerin und Mecklenburg-Strelitz eingeleitete Verfassungsaktion, nachdem sie zweimal an dem Widerstand, der privilegierten Ritter gescheitert war, in diesem Jahre zum dritten Male eingeleitet worden — anscheinend mit demselben Erfolg. Das war von vornherein zu erwarten, denn während der dem mecklenburgischen Landtag, zugegangene neue Verfassungsentwurf es in Bezug auf die grundsätzliche Organisation bei. der in keiner Weise dem niodernen Repräsentativsystem entsprechenden ständigen Zusammensetzung des geplanten Parlamentes bewenden ließ, wies der Entwurf doch im einzelnen etliche Verbesserungen auf. Hinter diesen Umständen war natürlich auf eine freiwillige Zustim-
FemlleLmr.
«achdruck v»boten.)
Das Weihnachtskabarett.
Humoreske von Josepha Metz-Bielefeld.
So viel hatten sie heraus, die beiden Jüngsten -- zehn- und zwölfjährig — der Fremdenpension: -öü
einem Kabarett wurde gesungen, aufgeführt und schlechter Wein getrunken. Es war „doll amüsant", wie Herr Brock sagte, und „unverschämt teuer".
Und so sollte es bei ihnen auch sein, bis auf den schlechten Wein und das hohe Entree.
Sie hatten es wohl überlegt: Man konnte sich mcht lnlmer Schokoladen-Zigarreu, Cakes und Bonbons von den Großen „umsonst" schenken lassen, man mußte sich revanchieren. „Genilemen schenken immer was zurück", meinte Sidney, der Deutsch-Amerikaner, und Erich, nachdem er sich flink über den Begriff Senttcmen informiert, stimmte bei. „Ja, wenn wir Schentelmänner sind, inüssen wir das auch tun." Aber was?
Deutschland und Amerika starrten nachdenklich vor sich hin.
Endlich kam der erleuchtende Gedanke. Ja, w sollte es sein. Besseres gab's einfach nicht: Eine Werh- nachtsaufführung. „In Aufführungen gehen sie alle gern, und wenn sie nichts dafür zu bezahlen brauchen, noch mal so gern." . Also abgemacht.
Sidney war für eine Kombination von Theater und Zirkus. „Könnten wir nicht lieber Parademarsch machen und nachher die Kronprinzessin einholen? Das war' doch so wunderschön", schlug der mililärisch veranlagte Erich vor, der in seiner 2000 Seelen umfassenden Heimatsstadt Oberbefehlshaber der Straßenjugend war.
Aber dieser Plan wurde als ganz unzeitgemäß verworfen. Schließlich einigte nian sich auf das Kabarett.
„Das ist genau wie Theater, nur daß es noch viel mehr Spaß macht'."
Am Vorabend des großen Ereignisses erklang es vor jeder Zimmertür: „Wünschen Sie reservierten
Platz?" Natürlich wünschten alle reservierten Platz.
ui ui! g der Ritterschaft noch weniger als vorher zu rechnen. Jni übrigen wandte man bei der Beratung der VerfassnNgsvörlage dieselbe Verschleppungsmethode an, deren Zuverlässigkeit sich, schon früher hinreichend erprobt hat. Wenn man nicht, weiß wie und wo, dann gründet man eine Conrniissio! Und so übertrug denn das Plenum des m'ecklenburgischen Landtages die Verfassungsreform einer Kommission, in der die Ritterschaft und die Landschaft durch je neun Abgeordnete vertreteii sind niid die mit den Vertretern der Schweriner und der Strelitzer Regierung „deputatisch-kom- missarischc Verhandlungen" pflog, über ein Ergebnis dieser Verhandlungen hatte man bisher nichts erfahren, und nur aus dem jetzt im mecklenburgischen Landtag eingebrachten Antrag des Abg. p. Treuen- fels-Klenz, der die Regierungen aufforderte, die gegenwärtige Vorlage aus Abänderung der bestehenden Landesverfassung zurückzuziehen, da sie keine Aussicht auf ein befriedigendes Ergebnis biete, erfuhr man, daß die Tinge in Mecklenburg noch genau so stehen, wre sie immer gestanden haben.
Jetzt aber ist die Verfassungsfrage urplötzlich ttt cm neues Stadium getreten, und sie hat sich zum Ver- fassungskottflikt erweitert, wobei die treibende Ursache durch das alte Sprichwort erläutert wird: Das Geld regiert die Welt! Wir haben schon früher darauf hingewiesen, daß der Reformentwurf der mecklenburgischen Regierungen nicht deren Volksfreundlichkeit, sondern ihren Geldnöten seine Entstehung verdankt, da die Ritterschaft, die durch ihre Vorrechte geschützt ist und noch heute keine höhere Grundsteuer entrichtet wie im achtzehnten Jahrhundert, sich keine neuen Steuern auferlegen lassen will. Dieser Etatskonflikt setzte im Jahre 1904 ein, wo die Schweriner Regierung von dem Landtag einen Zuschuß van 630 000 M. ans der Landessteuerkasse, die aus den Steuern gespeist wird und den allgemeinen Staatsausgaben dienen soll, zur „Renterer" verlangte, welche die Kasse des Großherzogs darstellt und in die die gewaltigen^ Einnahmen aus dem „Tomanium" fließen. Tie Stände verstanden sich mit Hängen und Würgen zu einem Zuschuß von 381 000 M. für zunächst drei Jahre, ivobei die Landschaft als Bedingung für die Weiterbewilligung die Lösung der Verfassungsfrage darstellte. Im Jahre 1907 wurde das „Aversum" verlängert, und die Vec- fassungsreform wurde gleichzeitig wieder — versprochen. Jetzt verlangt die Regierung, nachdem sie int vorigen Jahre sogar 700 000 M. erhalten hatte, nicht weniger als 1800 000 M. für die verschuldete
Anderen Tags um die Frühstückszeit wurde durch den Türspalt des Speisezimmers die Bitte laut: nicht hinzusehen, wenn gleich ein Stück Kabarett durchgetragen würde. Sofort erklang in den verschiedensten Idiomen das heilige Ehrenwort, diese Bitte zu berücksichtigen. Das „Stück Kabarett", ein langer, weißer Gegenstand von zweifelhafter Sauberkeit, wurde m'.t Blitzesschnelle borbeigezerrt. Und bald begann in Sidneys Schlafzimmer, dem Schauplatz künftiger Taten, ein Gehämmer und Gepolter, als solle eine Welt in Szene gesetzt werden. Während der Mahlzeit machte ein Schulheftblatt folgenden Inhalts die Runde:
Bitte, weitergeben!!!
Bitte, anfzubcwahren I!!
Weil es nachher wieder eingesammclt wird. (Kley.)
Heute Nachmittags, Punkt 4 Uhr große Weihnachtsvorstellung des Weihnachts-Kabbareh's!
I. „Tie alte Dame und der Einbrecher", oder „Ter Schutzmann und der Schossöhr", Teaterstück. Gedichtet von Herrn Erich und Herrn Sidney. Aufgefuhri von
denselben Herren. ^
II. Gesänge!! (Kler.) Gelungen von Herrn Sid-
ney und Herrn Erich. „ _ rr
Pause! In derselben werden allen Zuschauern Erfrischungen angeboien, welche sind: 1. Schokolade,
2. Amerikanische Papierfahnen. Letztere können auch ins Knopfloch gesteckt werden!
III. Hinterher kommt zum Schluß noch ein Niggertanz, getanzt von Herrn Sidney, und ein Parademarsch, vorgeführt von Herrn Erich.
Sämtliche Vorstellungen und Erfrischungen kosten Nichts!!!
Soldaten und Kinder nebst Hunden diirfen frei mitgebracht werden. Letztere nur an der Leine.
Weggcgangen darf nicht eher werden, als bis alle Vorstellungen zu Ende sind!!!
Herr Erich und Herr Sidney,
. Direktor und Kohnfeeranzjeh.
Natürlich befand sich das Publikum nach Lesung dieses Zettels in fieberhafter Erregung. Die Stun- mung wurde glänzend. Nur rührte Herr Brock Mit seiner Frage, ob nicht auch Wundertiere zu^ sehen waren, leider an eine wunde Stelle in Sidneys Innern.
Renterei, während die Verfassungsreform nicht um einen Schritt vorwärts gerückt ist. Daraufhin hat das „Komitee" der Landschaft die Forderung der Regierung abgelehnt und die Entscheidung der Landschaft wird zweifellos in demselben Sinne fallen. Da aber diese, die mit der Ritterschaft zusammen den Landtag bildet, durch ihren Widerspruch die Regierungsforderung allein zu Fall bringen kann — denn zur Genehmigung gehört die Zustimmung beider Stände—, so ist daniit der Konflikt gegeben, hnc. das ja auch durch das deni Landtag zugegangene Regierungsreskript, welches die Forderung eines Ultimatums aufweist, offenkundig geworden ist. ...
Die Weiterentwicklung dieses Konfliktes beansprucht das größte Interesse, denn die Drohung der Regierung, daß sie die verlangten Beträge aus dein Domanialkapitalfonds oder aber aus einer Anleihe entnehmen wolle, wird die Landschaft, das heißt die Vertreter der Bürgerschaft, schwerlich gefügig f machen. Sinngemäßer wäre es freilich, wenn die mecklenburgischen Regierungen der Lösung des Problems näher treten, wie sie den Widerstand der Ritterschaft gegen die Vorfassungsreform zu brechen vermögen. Vielleicht verschärfen die jetzigen Geldnöte. das politische Verständnis und die politische Energie der bisher chronisch erfolglosen mecklenburgischen Regierungen!
Deutsches Reich»
TAI Zum Verfaffungsrntwurf für Elsaß-Lothringen. Der Führer der elsaß-lochringischen Liberalen, Landesaus- schnßmitgliöd Georg Wolf, äußert sich in der neuen Nummer der „Hilfe" über den Verfassungsentwurf für Elsaß-Lothringen. Er hebt hervor, daß die — im Entwurf bekanntlich nicht gewährte — volle Autonomie eine Forderung sei, aus die die Elsaß-Lothringer niemals verzichten könnten, von deren Erfüllung darum auch die endgültige Beruhigung und Befriedigung Elsaß-Lothringens ab- hänoe. An der Zusammensetzung der Ersten Kammer bemängelt Wolf hauptsächlich, daß der Kaiser, gar noch aus Vorschlag des Buudcsrats, das Recht erhalten soll, 18 Mitglieder, d. h. die Hälfte, zu ernennen. „Damit wird die Erste Kammer um jeden Kredit gebracht und verliert ihren Charakter als einer Vertretung der im Volk vorhandenen Interessengemeinschaften. Eine Majorisierung der gewählten durch die ernannten Mitglieder muß ausgeschloffen und die Zahl der vom Kaiser aus Vorschlag des Statthalters zu ernennenden mindestens ans die Hälfte reduziert werden, wenn diese Kategorie nicht ganz beseitigt werden
Es war nämlich sein heißester Wünsch, seinen Gästen Abnormitäten, wie Barnum und Baily sie darbieten, vorzusetzen. Aber es gab ja in dieser langweiligen Pension nicht einmal einen lumpigen Mann mit zwei Bäuchen, oder einen anderen verwendbaren Artikel.
Endlich war die große Stunde da. Nicht aber das Publikum. — Eine Fremdenpension gibt im allgemeinen nnr ein nwttes Echo aus Kinderträume, selbst wenn sie sich zu Weihnachtskabarett-Vorstellungen kristallisieren. Doch einige Wenige, die auf Kinderseelen eingerichtet sind, finden sich zum Glück immer noch zusammen. Schließlich hatte man ein Parterre von acht Gemütern beieinander.
Das geheimnisvolle „Stück Kabarett" entpuppte sich als Vorhang, der das Zimmer in zwei Hälften teilte. Es war ein geborenes Tischtuch, stark mitae- nommen von den Mahlzeiten der vergangenen Woche, deren Speisenfolge man bequem ablesen konnte, wach Herr Brock denn auch ausgiebig besorgte. Dieser Stein des Anstoßes ausgenommen, zeigte das Publikum ein tadelloses Benehmen und harrte in stummer Ergebung der angekündigten Genüsse. Alle zwei Minuten erklang es vertröstend: „Nun geht's aber auch sofort
los!" Plötzlich bemerkte man das Schattenspiel eines ratlosen Hin und Her hinter dem Speisetuchvorhang.
„Nu haben, wir die Klingel vergessen!. Nee, eine Klingel müssen wir aber haben! Wenn einer so gut sein möchte ... sie steht im Speisezimmer auf dem großen Tisch/und wenn sic da nich is, aus'm kleinen Tisch Oder wenn sie aus'm kleinen Tisch auch nich rs, dann aber ganz sicher in der Küche vorm Fenster." —. Pas wichtigste Requisit aller Kindervorstellungen war'zwar weder hier noch dort, wurde aber von einem genialen Kopf in der Speisekammer entdeckt.
Ein letzter kleiner Streit hinter der gedrängten Wochenübersicht, wahrscheinlich um die Ehre, klingeln zu dürfen, ein Aasendes Gebimmel, dann wurde der, Vorhang zur Seite geschleudert.
„Meine Frisierjacke! Und schon zerrissen!" — Dieser Ausruf einer schnöde Hintergangenen Mutter leitete das Weihnachtskabarett stimmungsvoll ein.
Das Stück begann. Tie alte Dame in der ramponierten Frisierjacke verwickelte den Einbrecher, der als.
