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Nr. »77.
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Morgen»Kusgabe.
_ 1. Matt.
Me Politik der Woche.
Ter deutsche Reichstag hat die Beratung des Reichs- haushaltsetats diesnial unter ungewöhnlichen Umständen begonnen, nämlich ohne die Anwesenheit des Reichskanzlers v. Bethmann-Hollweg. Altem Herkommen gemäß pflegt die erste Lesung des Etats von den Parteien zu einer allgemeinen Auseinandersetzung über die Politik der Regierung benutzt zu werden, und es ist deshalb Brauch, daß der leitende Staatsmann, mag er auch sonst im Parlament noch so sehr durch Abwesenheit glänzen, bei dieser Gelegenheit in eigner Person seine Politik verteidigt oder die Gelegenheit zu irgendwelchen Aufklärungen benutzt. Obwohl nun der Reichskanzler das Präsidium des Reichstags davon in Kenntnis gesetzt hatte, daß er durch die Teilnahme an der Hofjagd, die der Kaiser zu Ehren des Erzherzogs Franz Ferdinand in Springe veranstaltet hat, am Erscheinen im Parlament verhindert sei, hat doch der Seniorenkonvent daraus keine Veranlassung zur Verschiebung der Etatsdebatte genommen. Das hat vielfach Erstaunen erregt, und den einen gegenüber, welche meinen, daß die parlamentarischen vor den höfischen Verpflichtungen rangieren, betonen die anderen, daß hier eine Pflicht der äußeren Politik derjenigen der inneren Politik vorangegangen fei und daß es sich bei der Repräsentation gegenüber dem Thronfolger des verbündeten Reiches auch uni eine dringliche Aufgabe gehandelt habe. Aber dies Verhalten des Senioren- konvents ist nicht das einzige Anzeichen dafür, daß die Beziehungen zwischen dem leitenden Staatsmann und der Reichstags nr e h r h e i t zurzeit nicht die besten sind. Hat doch der eigentümliche Appell, den Herr von Heydebrand im Reichstag an Herrn v. Belhmann-Holl- weg gerichtet hat, gezeigt, daß die konservative Parteileitung, der es seit dem Wahlausfall in Lobiau-Wehlau bänglich zumute wird, bereits beginnt, ihre Betz i n g u n g e n zu stelleir. Und andererseits hat die Partcigruppierung bei der Abstimmung über das Arbeitskammergesetz die Regierung darüber belehrt, daß init des Zentrums „Mächten ist kein ew'ger Bund zu flechten".
Aber aus der inneren Politik erwachsen der Reichsregierung: zugleich in der äußeren Politik Schwierigkeiten, wie das recht deutlich ans dem Beispiel des Sch iffahrtsab gaben ge setzes hervorgeht, flwar hat Preußen die süddeutschen Staaten zu seiner Meinung „bekehrt", wenn es auch mit der von seiten der Regierung betonten „Einmütigkeit des Bundesrots" in dieser Frage etwas schwach bestellt zu sein
Feuilleton.
Der Krans.
Novellctte von Jacques Ermstimt.
Autorisierte Übersetzung von Gutti Alsen.
Hätte Jean Sousflard Flügel an den Fersen gehabt, er hätte den Raum, der den Boulevard de Clichy von der Rue de Meaux trennt, nicht schneller durchmessen können. '
Er landete in jener geräumigen Stätte des Elends, die der Hof Charraud bildet, und erkletterte eine seit lanaer Zeit ungefegte Treppe im Hintergrund eines düsteren, von den verschiedensten muffigen Gerüchen verpesteten Ganges. Sein Herz schlug noch heftiger vor Erregung, als er an eine von zu viel unsauberen Berührungen glänzende Tür klopfte.
Die benachbarte Tür wurde von einem Weib in roter Moraeniacke geöffnet:
„Tie Maloche? Sie ist nicht da, mein Junge! Du findest sie im „Kleinen Topf" ober im „Stelldichein der Kutscher", in der Deutschen Straße. Sie hat schlechte Nachrichten aus dem Krankenhause erhalten. Und du weißt ja, wenn sic Unannehmlichkeiten hat, muß sie trinken,"
„So, steht es schlecht um die Flaupe?".
„Es scheint, daß sie draufgeht!" . . . .
*
Das ganze Viertel kannte die Kleine, die das Standesamt Marguärite-Rosa Maloche benannte, unter dem Beinamen „Flaupe".
Es war ein hübsches Mädchen, das den fünfzehnten Frühling noch nicht erlebt hatte, obgleich es schon wie eine Frau gebaut war. Wie Jean hatte sie das Licht der Welt im Arbeiterviertel erblickt, . Sie waren zusammen durch den schmutzigen Rinnstein des Hofes im Schlamm gewatet, hatten auf den Bürgersteigen La
Wiesbaden, Sonntag, II. Dezember 191©.
scheint, und auch im Reichstag muß angesichts der Meinungsverschiedenheiten, die innerhalb der meisten Parteien über diese heiß umstrittene Frage herrschen, mit der Möglichkeit der Einführung von Schiffahrts- abgaben gerechnet werden. Größere Schwierigkeiten aber erwachsen der deutschen Regierung vom Ausland her, da sich Österreich und Holland durch Verträge die Abgabenfreiheit der Elbe und des Rheins gesichert haben. In Österreich scheint aber bisher durchaus keine Neigung für eine solche Belastung der Elbschiffahrt zu herrschen, und was den Rhein betrifft, so hat der Minister van Swinderen soeben erst in der Zweiten holländischen Kammer deutlich genug erklärt, daß die Regierung nicht an einen Verzicht auf die durch die Rheinschiffahrtsakte garantierte Abgabenfreiheit denke. Mit größerem Vergnügen dürfte man dagegen in Berlin die Äußerungen des Ministers vernommen haben, welche sich gegen die Verdächtigung der den! scheu Negierung in der Frage der angeblich gegen England gerichteten Befestigung von Vlissinge» wandten.
Einen lebhaften Widerhall haben in Deutschland auch die freundlichen Worte erweckt, welche der Präsident der N o r d a m e r i k a n i s ch e n Union bei der Einweihung des S t e u b e n - Denkmals in Washington gesprochen hat und die den Beziehungen zwischen den beiden Nationen in vorurteilsfreier Weise gerecht wurden. Auf eftnrn sehr friedlich- freundlichen Ton war ebenso die Botschaft gestimmt, die Herr Taft an den Kongreß bei dessen Wiederzusammentritt gerichtet hat, wobei sich der Präsident in den Fragen der inneren Politik begreiflicherweise einer tatkräftigen Z u rückhaltung befleißigte, da ja die republikanische Mehrheit im Repräsentantenhanse binnen kurzem einer demokratischen Platz machen wird.
Ein solcher U m s ch w u n g ist _ in England nicht zu erwarten, denn wenn auch die bisherigen Ergebnisse der Neuwahlen zum Unterhaus nicht geeignet sind, die Liberalen mit sonderlicher Befriedigung. zu erfüllen, da sie günstigsten Falls ihre bisherige Mehrheit behaupten und nach wie vor in Abhängigkeit von den Iren bleiben werden, so hat doch der so ruhmredig geführte Feldzug der konservativen Partei mit einem Mißerfolg für diese und somit für das Oberhaus geendet.
Auch der sogenannte „Sieg", den die Franzosen im Wadailande errungen haben, kennzeichnet sich nicht bloß durch die schweren Verluste der „Sieger", sondern auch durch die Einbuße an Prestige im ganzen Sudangebiet als eine Niederlage, die weit schwerer ist, als es das Kabinett Briand aus Gründen sehr begreiflicher Schönfärberei zuzngeben für nötig gehalten har. Tie Franzosen sind seit der Schlappe von Faschoda, die
Villetes Possen gerissen und gemeinsam die Ohrfeigen der Eltern eingeheimst. Soweit Jean auch in seinen Erinnerungen zurückging, immer fand er darin das Bild Flaustes.
Hatte die Witwe Maloche nicht ihnr, dem zwei Jahre Älteren, der bereits die große Schule besuchte, ihren Sprößling anvertraut, um ihn im Vorübergehen bei der „Kinderaufsichtsanstalt" abzuliefern? . Ganz stolz über seine Beschützerrolle, wachte er mit liebevoller Sorgfalt über dem zerlumpten Kind. Wieviel Hennen oder Blasebälge aus Papier hatte er nicht verfertigt, um sie zu zerstreuen? Und wie oft hatte er auf ihre Bitte, getrocknete Mandeln oder bestaubte Pflaumen von den Auslagen der Gewürzhändler gestohlen?
Die Lehrzeit hatte sie nicht getrennt, trotzdem er in einem Fahrradgeschüft aus dem Montmatre arbeitete, während sie Federarbeiterin in einem Atelier des Sentier war. Das tat nichts: der zuerst aus dem Dienst kommende eilte dem anderen entgegn und fast jeden Tag kehrte sie an seinem Arni heim, was nicht ohne Einfluß aus die üble Laune der Mutter Maloche blieb. Bereits drehten sicb reife Männer nach Flaupe um, bewunderten ihre volle Büste, und sie errötete unter den scharfen Blicken wie unter einem Schimpf.
Ganz».plötzlich war die Krankheit bei dem Kind und Flaupe war in Decken gewickelt in das Hospital rotteten, hatte ein Krankenwagen im Hof Halt gemacht und Flaupe war in Decken eingerollt in das Hospital -Herold übergeführt worden.
Und setzt lag sie im Sterben. Nichts erschien Jean so erbärmlich und ungerecht, als d'es frühzeitige Ende. Jeder Wahrscheinlichkeit entgegen wollte er die Äoff- nrmg nicht aufgeben, doch bei dom letzten Besuch ^haffe er selbst, zu viel Verwüstungen wahrgenommen. Seine Freundin hatte nicht mehr die Kraft, den Kopf zu erheben, und selbst das Sprechen mit tonloser, erlöschender Stimme, die man kaum vernahm, bere' ete ihr
38. Jahrgang.
sie ihren englischen Freunden verdankten, in Nortz- afrika ihres Lebens nicht froh geworden^ und auch jetzt ist der Ausgang des militärischen „Spazierganges" gegen die aufrührerischen Sultane und ihre.kriegerische Gefolgschaft in diesem heißumstrittenen Gebiet des dunklen Erdteils noch recht dunkel.
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Deutsches Deiche
* Deutschlands grösste Städte. Nach den jetzt von de« wichtigsten großen Städten vorliegenden Zählungsergebnissen haben wir jetzt sieben Städte mit mehr als einer halben Million Einwohnern. Auf Berlin folgt nach wie vor Hamburg mit etwa 936 000 Einwohnern, das sich also bis zur nächsten Volkszählung, spätestens aber im Laufe dieses Dezenniums, zur zweiten Millionenstadt des Deutschen Reiches auswachsen wird. Die drittgrößte Stadt ist dann München (etwa 585000), dem Leipzig mit 585 000 Einwohnern dicht auf dem Fuße ist. Die fünfte Stelle hat Sachsens Hauptstadt Dresden mit ca. 547 000 Einwohnern, die sechste und siebenIri hüvenhöro beiden preußischen größten Städte in Ost- und Westdeutschland, Cöln mit 511090 Einwohnern, Breslau mit 510 000. Die große rheinische Handelsstadt hat also nach ihren letzten Eingemeindungen Breslau überflügelt und ist unter den preußischen Städten an die dritte Stelle gerückt. Die größeren Städte unter der Grenzlinie, von 500000 und bis 300 000, sind der Reihenfolge nach Frankfurt, Düsseldorf und Nürnberg. Fast dicht an die Grenze von 300000 Seelen, so daß sie sie demnächst überschreiten werden, kommen Hannover, Stuttgart und Magdeburg.
* Die Berliner Vororte. Von der Einwohnerschaft
von Groß-Berlin, die, wie schon gemeldet, auf 3 680000 geschätzt wird, entfallen auf die größeren Orie folgende Ziffern: Berlin 2064153 (2 040148), Charlottenburg
304 280 (239 559), Schönvberg 172 672 (141010), Rixdorf 226 378 (153 513), Wilmersdorf 108 025 (63 568), Lichtenberg 81148 (55391), Friedenau 34 572 (18 011), Steglitz 63 000 (32 825), Groß-Lichterfelde 44 500 (34 331), Köpenick 33 060 (27 721), Mariendorf 15 560 (9016), Tempelhof 20 703
(10 575), Treptow 24 782 (11314), Zehlendorf 17197 (12024), Boxhagen-Rummelsburg 51 81.5 (32 989), Frtodrichsfeld
19 689 (14072), Nieder-Schönhausen 15 589 (9164), Ober- Schöneweide 21359 (14101), Pankow' 45097 (29 077), Reinickendorf 34940 (22425), Tegel 23 080 (12 223), Weißensee 44650 (37608), Spandau 82 000 (70925).
* Das amtliche Ergebnis von Labiau-Wehlau. Nach dem vorläufigen amtlichen Ergebnis erhielten bei der Reichstagsstichwahl in Labiau-Wehlau Wagner (Forschst ul. Apt.) 9844 und Burckardt (kons.) 7223 Stimmen. (Der Liberale ist also mit einer Mehrheit von 2621 Stimmen gewählt.)
* Landeseisenbahnrat. In der Sitzung des Landes- eisenbahnrats in Berlin wurde beschlossen, die Zahl der
Mühe. Nur die schönen Augen, die größer und tiefer aus. dem abgezehrten Gesicht herausleuchteten, lebten noch? Un.d sie flüsterte:
„Jean, ich bin verloren!"
Und als er eine Geberde des Widerspruchs machte:
/Doch! Suche mich nicht zu täuschen. Geh, ich füble mich ganz ivohl dabei. Ich habe meinen Anteil gehabt."
Tie feuchten Augen straften die Worte Lugen, sie fuhr fort:
„Nur etwas gibt es, was in mir wühlt: daß ich in einem öffentlichen Grab wie unsere Nachbarin Clcnre Fassart beerdigt werdest soll. Und dann, — es ist zu dumm — nicht wahr? — hätte ich so gern einen Kranz aus weißen Rosen gehabt, aus wirklichen, blühenden Rosen, wie sie auf den Leichenwagen der Neichen liegen. Wenn das möglich wäre! In dieser Jahreszeit sind Blumen nicht teuer, nicht wahr? Aber sage Mama kein Wort davon, sie würde mich verspotten."
yfs?. her junge Mann sich am folgenden Donners, tag im Herold emfanö, war Flaupe tot und aufgebahrt.
''Jean betrachtete in stillschweigender Verzweiflung den starren Körper unter dein Leichentuch und dos blasse Gesicht mit den geschlossenen Lidern. Tie. Mutter, von der düsteren Feierlichkeit des Ortes bestürzt und bewegt, weinte einige leichte Tränen, die sie mit schmutzigem Taschentuch wegwischte.
Sie hatte übrigens Eile. Tenn dicht neben dem Krankenhause leuchteten die Glasfenster einer Destille. Tie Versuchung war zu starr. Gebieterisch schleppte, die dicke Frau ihren Gefährten mit und bestellte zwei Schnäpse. Während sie das opalschimmernde Getränk zu sich nahm, klagte sie über ihr Rheuma, das sie am Gehen, hindere, und machte ihm den Vorschlag, ihr dre für die Beerdigung nötigen Gänge abzunehmen. Mit dem Hintergedanken, die letzten Wünsche der Toten auszuführen, nahm er das Angebot an.
