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Wiesbadener Tsgblsü.

Verlag Langgaffe 21.

Tagblatt-Haus".

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2 Tagcsausgadcn.

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Bei miede-

Nr. 572.

Wiesbaden, Freitag, 8. Dezember 1910.

Für die Aufnahme von Anzeigen ein vorgef chriebenen Tagen wird keine Gewähr iibernonttnen._-

58. Jahrgang.

Morgen - Ausgabe.

__ 1. ZLta tt.___

Uier;ehu Tage Becker-Prozeß.

Aus Greifswald schreibt mau uns: Vierzehn Tage Becker-Prozeß liegeir hinter uns, und man kann er­kennen, daß die Verhandlungen diesnral einen für den Angeklagten politisch sehr viel günstigeren Verlaus nehmen werden, wie beim ersten Waffengang wobei nach wie vor die juristische Beurteilung des Falles nutzer Betracht bleiben muß. Die Verteidigung war diesmal offensichtlich noch besser präpariert als das erste Mal, und sie kam mit Anträgen und Anregungen heraus, die der Gegenseite ersichtlich unbeqnein waren. Ter Prozeß, wie er auch auslaufen möge, wird für die Beurteilung des politischen Lebens in Kleinstädten und in ländlich-ostelbischen Kreisen, für die Tatsache der konservativen Herrschaft, die wie ein Mehltau auf dem platten Lande liegt, ein unschätzbares Material bieten und daher seinen dauernden politischen Wert haben.

Einen großen Schlag zugunsten des Angeklagten führte die Verteidigung, als es ihr gelang, dem Ge­richtshöfe und hinterher dem Herrn Regierungspräsl denten die Verlesung des Berichts abzuzwingen, den her Landrat v. Maltzahn in der Angelegenheit ocr MiIi^ärkonzert->L)Perre im Grimmer Kaiser.- snal an das Negierungspräsidimn gerichtet hatte. Aus diesem klassischeu Aktenstück geht mit unziverdeutkger Klarbeit hervor, daß bei der damaligenAnregung sU Herrn Landrats, die Temminer Ulanen mochten nicht mehr rinliberalen" Kaisersaal konzertieren, dre politische Animosität gegen den Liberalen Verein eine ausschlaggebende Rolle gespielt hat.. Es ist charakten- «tsch, wie der Herr Landrat dieser, arme Dulder, per dem Superintendenten Mielke seinen Schmerz klagt über die Angriffe der Linken und der dabei Aus­drücke gegenüber seineiu Hauptgegner gebraucht,, die der geistliche Herr auch nicht andeutungsweise wieder- Ll-aeb'M in der Lage war! von den angeblichen finsteren Plänen der Liberalen redet: wie diese die

katholischen Schnitter zn sich herüberziehen wollen, wie sie den konservativen Gastwirt schädigen, und einen Maskenball teuflicherweise alsFolie" für ihre polrn- schen Zwecke benutzen: wie Maltzahn den Wirt des

Kaisersaales alsgefügige Puppe" rn der Hand der Liberalen bezeichnete und in allem und jedem, was ore Liberalen tun oder angeblich tun, einenpolitischen Hintergrund" wittert. Ter Bericht des Landrats wird Zweifellos :nit als stärkster Beweis für die politische, antiliberale Grundtendenz des Landrots verwertet werden.

Zemllelon.

Brchard Wagner und die Tierwelt.

Das Verhältnis bedeutender Geister zur Tierwelt ist okt Gegenstand der Untersuchung gewesen. Es har W babci herausgestellt, das; fast alle wahrhaft edlen Mann Tierfreunde gewesen sind.

Ganz besonders ausgeprägt erschien das Gefühl der Freundschast und Liebe zum Mrtgeschöps nn letzten Jahr­hundert bei zweien seiner hervorragendsten Kopse: bei dem Philosophen Artur Schopenhauer, der auf Grund des allen lebenden Wesen gemeinsamen gleichenWillens zum Leben das Mitlelden für das Fundament der Moral erklärt Hai, und bei Richard Wagner, dem Dichter und Musiker, der die Lehre Schopenhauers selbständig aus dem Gebiete der Kunst verkörpert und auf dem Gebiete der Religion als der Religion des Mitleidens" vervollständigt hat

In sehr dankenswerter Weise hat der auch unseren tier- schützerischen Bestrebungen so nahestehende große Junger und Schüler des Meisters, Hans Freiherr von Wolzogm. das eigenartig tiefe und schöne Verhältnis Richard Wagners zur Tierwelt beleuchtet. Das geschah zuerst vor Jahr und Tag in eine: Abhandlung, die imTier- und Menschen­freund" und später zu einer kleinen Broschüre erweitert er­schien. Diese Abhandlung ist jetzt zu einem stattlichen Bändchen von 82 Seiten angewacksen, das der Verlag Schuster u. Loesfler in Berlin, hübsch ausgestattet in Antiquaschrift und geschmückt mit 4 Bildern von Hunden Richard WagnerS, jüngst herausgegeben hat.

So liegt zum ersten Male eine umfassende Beleuchtung dieser schönen Beziehungen des großen Künstlers zur:er- welt vor. Erst die Veröffentlichungen der letzten Jahre haben ganz genaue Einzelheiten über dieses Verhältnis ge­bracht; so die Briefe Wagners an Mathilde Wesendonk (Verlag Alexander Duncker in Berlin), die Briefe an die Gattin Minna Wagn« und die vom Unterzeichneten her- ausgegebenm Wagner-Anekdoten; beides ebenfalls im Ver­mag H'chitzter p Locffler-Berlin erschienen.

Nicht niinder drastisch waren die Darlegungen hin­sichtlich der Schädigung der Witwe Müller durch die Verlegung des Kaisergeburtstagsessens. Hier hatte Herr v. Maltzahn schon immer selbst die angeblicheliberal- sozialdemokratische Verbrüderung" also ein rem politischen Moment! als Grund, des erfolgten Boy­kotts angegeben und sich dadurch die scharfe, berechtigte Gönnerschaft der Liberalen zugezogen. Darin aber, was eigentlich unter dieserVerbrüderung" zu der- stehen sei, hat Maltzahn durchaus wechselnde Bekundun­gen gemacht. Bei der vorigen Verhandlung sollte die Verbrüderung" bei den Versammlungen im Lokal der Witwe Müller stattgefunden haben, diesmal aber lehnte Maltzahn dieses Argument glattweg ab und sah dieVerbrüderung" in der angeblichen Tatsaäx. daß die Liberalen zum Wahlzettelverterlen usw auch Sozialdemokraten verwendet hatten! Eine ebenso unhaltbare Behauptung! Es ist aber nun durch d-e eigene Aussage des Landrats bewiesen, daß der politische Kanipf in Grimmen von oben her mW, der wirtschaftlichen Schädigung derer geführt worden ist, die dein politischen Gegner Unterstand ge-

^^Bon^der^betrübenden Engigkeit des Horizonts,der Arbeiterbewegung gegenüber gibt der charakteristische Fall N e h l s Kunde. Hier legte der Landrat, dre Ehrenmitgliedschaft der Schützengesellschaft Meder, weil ein Mitglied, der Gastwirt Nehls, die Gewerk­schaft der Maurer bei sich tagen ließ. In den, Dilemma, entweder einen guten, ehrlichen Verdienst schwinden zu lassen oder sich den Zorn, des Landrats -.uzuziehen, wählte der Mann vernünftigerweise ucn letzteren Ausweg. Theoretisch aber kam das Vorgehen des Landrats hier daraus hinaus, der Gewerkschaft die Ausübung des Koalitionsrechtes überhaupt zu ver­wehren. Aber auch dem Hirsch-Tunckerschen Gewerk- verein wurde, wenn auch nicht vom Landrat direkt, das Leben schwer gemacht, da das Kreisblatt wie festge- stelli wurde, eine Annonce desselben ablehnte. Las Verhältnis des Landrats zum Kreisblatt selbst wurde einer einaehendcn Besprechung unterzogen, wobei ,w ergab, daß er d"s Material, das alsdann tm Krew- blatt zu einem Schmäbartikel gegen dre Liberalen ver­wendet wurde, dem konservativen Parteisekretär allerdings privatim! übergeben hatte.

Aus den naiven Bekundungen desLandschastsra.s Rassow und des Lkonomierats Hecht ging hervor, tote diese Herren es für ganz selbstverständlich hielten daß ein Sozialdemokrat kerne W r r t s ch a ft »- konzession erhalten könnte. Hier wiegeue Herr p. Maltzahn allerdings ab, denn diese prinzipielle Ab­lehnung ist einfach ungesetzlich. Aber, es ist doch unge­mein charakteristisch, daß angesehene Männer des Kreil es

Hans von Wolzogen leitet sem Buch ein «nt ewer kurzen, feinsinnigen Betrachtung über den eigentlichen tiefsten Grund der Tierliebe des Meisters; er sagt, daß die Musik für Wagner der Ausdruck der Weltse.le sei. Schopenhaucrsche Lebenswille in idealer Freiheit und Ver­klärung. So komme in Wagners Musik nicht nur das mensch­liche Gefühl, sondern die ganze Natur zu Uielodstch. rhythmisch und harmonisch beseeltem Leben. Kein Musiker hatte vordem die Seele der Wälder und Felsen, des Femr- und der Flüsse, der Blunien und Bäume, ja der Tiere, der- aestalt zum künstlerischen Ausdruck gebracht, daß ,ie völlig mit cingcschlossen war in das ideale Reich des Ausdrucks der Weltseele, die aus Wagners Musik zum Drama gewor­den ist Diese Verbindung ist völlig natürlich und organisch, nicht äußerlich und künstlich, wie etwa bei früheren Kom­ponisten Daß nun Wagner in so überraschendem Matze auch die Tierwelt auf die Bühne gebracht Hai, ist zwar von gewisser Seite oft bespöttelt, für kindischer Märchenland und Effekthascherei erklärt worden: man beachte aber genau,

welche Bedeutung die Tiere bei Wagner erhalten haben. Wie eng verbunden mit dem dramatischen Inhalt sind z. B. d-e Gralsboten: Schwan und Taube imLohengrin" und im Parsisal"; die wunderjamcn Elemcntarwrsen der Rheintöchter"; die ergreifende Verkörperung einer ab- stcrbcnden Riesenwelt im Lindwurm Fafncr; das Wald- vöglein im Siegfried, das den einsamen, mutterlosen Knaben die Sprache der mütterlichen Natur verstehen lehrt; endlich auch Grane, das treue Roß derWalküre", das diese der Liebe Siegfrieds so innig enrpfiehlt mit der gleichen Melodie, die einst der höchsten Liebe des Wälsungenpaares Ausdruck gegeben hatte. Wolzogen weist dann ferner in hochinteressanten Aussührungen aus die tiefe Bedeutung hm. die z. B das jagdliche Wimmeln des Wartbuvgtalcs von Tieren (Rosse, Hunde, Falken), der phantastische Spuk des Venusbcrgcs (Najaden, Sirenen, Faune, der Schwan der Leda, der Stier der Europa), die Natur im Parstfal (Schwan, Blumen, Karfrcitagszauber usw.) für einander selbst und für die Handlung haben:Das Leben ist gött­lich; es ist erlösungsbedürftig: der Mensch ist berufen,

durch mitleidsvolle Erkenntn-s dieses Bedurfnlffes der Natur unid durch Umsetzung dieser seiner Erkenntnis in selbstlose

die Angehörigeir der einen Partei sozusagen^für vogel­frei halten. Und es ist ein naheliegender Schluß, daß, was hier der einen Partei zugestandenermaßen ge­schieht, der anderen auch gelegentlich _ zugesügt ward. Die Luft in jeneir agrarisch-konservativen Krersen Mi eben mit den Miasmeir der Boykottlust gegenüber dem politischen Gegner gesättigt. Das, VerfassungAprinzrp des gleich en Rechts für alle rst noch nrcht tn dre Herzen und Sinne der ostelbischen Machthaber ernge- drungen. __

Aeijchteuerung.

Von einem West er Wälder Landwirt erhalt«. wE eine -Inschrift, die Wir unverändert Wiedergaben, ob­wohl wir bricht alle Einzelheiten in der Darstellung wre z. B. zum Schluß die Behauptung von «« nennens­werten Einfluß der städtischen SchlachtyauZgebuhreu aus Fleischpreise, für zutreffend halten können:

Wieder rauscht es ringsum durch de« deutschen Blatter- Wald. bald stärker, bald leiser:Fleifchteuerung. Swdtt- schc Korporationen und ArbeiterversamnÄungen befassen sich mit dieser zurzeit im Vordergrund stehenden Frage. !rnd sei es deshalb auch einem einfachen Bauern einmal gestattet, zu diesem Thema Stellung zu nehmen uns es vor­urteilslos zu beleuchten.

Niemand kann leugnen, daß zurzeit die Bestände an schlachtreifem Riüdvieü (an fetten Schweinen ist wie hier gleich bemerkt werden soll, durchaus kein Mangel) verhalv nismäßig knapp sind, und es ist demgemäß der Prers für erstcre Gattung auch gegen die Vorjahre bedeutend ge- t-eaen Bedingt wird diese Knappheit durch die genüge Futterernte des Jahres 1909, welche durchgängig eine Dezimierung des Viehbestandes nach sich zog, werter aber durch die diesjährige reichliche Futterernte, Welche oen Landwirt beim Verkauf zurückhaltend macht. Aus diese Zu­rückhaltung folgt aber naturgemäß nach kürzerer oder tange­rer Frist ein um so stärkeres Angebot, so daß dre äugen- blicklich allerdings etwas hohen Preise sich für den- ^rehzuch- ter mit den alsdann gezahlten niedrigeren wieder ans- aleichen werden, ob aber die Fleifchkonsnmenten das Fletsch alsdann auch dem EinkanfSwert enffprechend sofort billiger erhalten, das steht auf einem anderen Blatt in der Rege! geht ja der Abschlag etwas langsamer von statten als der Ausschlag.

' Drei Argumente sind es, die noch bei jeder Fleischteue- runa laut wurden, welche aber nicht der WirKichkert cntt spreck»en und daher kurz widerlegt werden sollen, ehe rch es versuche. Mittel und Wege zu bezeickmen, wre der Vreh- ktand Deudschlands noch gewaltig erhöht und derartigen Fleischteuerungen nach Möglichkeit gesteuert wcrdcu kann.

Wenn, wie Heuer, die Schlachtviehpreise durch Knapp­heit der Bestände naturgemäß steigen, heißt es sofort: Die

Liebestatcn die Erlösung der Natur zu vollziehen im Namen des Gottes, der ihm selber sein Erlöser geworden ist. So heißt es imParsisal":

Nun freut sich alle Kreatur auf des Erlösers holder Spur, will ihr Gebet Ihm werhen Ihn selbst am Kreuze kann sie nicht erschauen, da blickt sie zum erlösten Menichen auf. der fühlt sich frei von Sundenangst und Grauen, durch Gottes Liebesopfer rein und Herl: das merkt nun Halm :.nd Blume auf den Auen, daß heut des Menschen Fuß st? nrcht zerttrtl. doch wobl. wie Gott mit yrmmlrscher Geduld sich sein erbarmt und für rhn litt, der Mensch auch heut in frommer^ Huld sie schont mit sanftem Schrrtt.

Das dankt dann alle Kreatur, . was all' da blüht und bald erstrrbt: da die entsündrgte Natur heut ihren Unschuldstag erwrrbt.

*

Den «amtlichen Inhalt des Wolzogenschen Buches bildet nun eine Art Geschichte der Tiere, die den Meister aus seinem so wechsclvollen Lebenswege beglerteten. Wie oft mußte ihn ein gutes Haustier mit seiner stummen Treue testen _ ihn, den liebebedürftigsteu aller Künstler, dem rn der ganzen Zeit seiner ersten Ehe Kinder versagt waren.

- eine Tatchche. mit der er sich oft schernbar humorvoll, im Innern aber doch schmerzlich rosig inert abfand.Kretz, psir "haben noch irmner keine Kinder, nur Peps und Papo",

also ruft er einmal dem besoeundeten Maler Kietz zn, der uns in seinenErinnerungen" auch so manches Trer- stücklcin aus Wagners Loben erzählt.Peps" war einer der berühmtesten Hunde des Meisters aus der Dresdener und Schweizer Zeit; sein Genosse warPapo", der Papagei. Beide Tiere starben in der Schweiz, und mit tiefbewegten Worten teilt Wagner dies den Freunden mit. Diese Äuße­rungen der Trauer sind bereits bekartt aus früher er­schienenen Briefbäniden.

Wolzogen führt uns durch die Kindheit des kleiner Richard, der eine Kaninchenfamilie in seinem Schreibtisch ausbewahrt, durch ein bedeutungsvolles Jagdabenteuer, das den Künstler veranlaßte, ferner nie mehr der Jagd zu huldigen, und das wohl in später Erinnerung sich zu der Sckwan-Srene im 1. Mt des ..Parsisal" gestaltete;Tu