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Wiesbadener Tsgblstt.

Langgass» 21. ___

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Nx. 565 .

Morgen - Ausgabe.

_1. Matt.

Fehde Zegen Kaiser und Reick."

In Weimar mag man zittern. Die preußischen Konservativen sind entrüstet darüber, daß das amtliche Blatt der weimarischen Regierung, dieWennarische Zeitung", gewagt hat, sich kritisch zur Gottesgnaden- rede des Herrn v. Bethmann-Hollweg zu stellen. Ten Konservativen geht es wie den Jesuiten, die den Papst in Banden halten. Herrscht im Vatikan Grimm über den Modernismus, so geraten die ostelbischen Stützen von Thron und Altar außer sich darüber, daß in den Reihen der nach ihrer Meinung zur bedingungslosen Mitwirkung berufenen amtlichen Kreise außerhalb Preußens ein aufrechter Geist seiir Recht auf natürliche menschliche Würde, sein Recht auf pflichtgemäßes Urteil nach bestem Wissen und Gewissen wahren will. Auch in der Regieruiigswelt gibt es mit der Zeit einen ..Modernismus", nur freilich, daß sich diese Regungen gemeinhin ^ außerhalb der preußischen Grenzpfähle zeigen. ^ Man kann sich denken, mit welchen unchrist­lichen Gesinnungen dieseKreuzzeitungs"-Männer, die doch neben ihrem Konservativismus nichts lieber als ihr Christentum im Munde führen, Männer bedenken wie den badischen Minister v. Bodmann oder den würt- tcmbergischen Minister v. Pischeck (der soeben den württembergischen Agrariern lebhaft auf die Zehen ge­treten ist) oder nun gar die weimarische Regierung, die e § geduldet hat, daß ihr Organ wir teilten das mit ^ über die Beantwortung der sozialdemokratischen Interpellation im Reichstag u. a. schrieb:So zeigte sich auch hier wieder, tme gründlich sich in den letzten zwei Jahren die Verhältnisse geändert haben. WaS damals der gesamte Reichstag als eine wertvolle Er­rungenschaft angesehen hatte, wird heute z u nt alten Eisen geworfe n."

Ties also veranlaßt dieKreuzzeitung" zu der Frage ob das Großherzogtum Sachsen-Weimar Kaiser und Reich Fehde ansagen will, und sogleich sorgt das edle Blatt dafür, daß seine altgewohnten Künste der Fälschung und B e r d r e h u n g nicht in Ver­gessenheit geraten. TieKreuzzeitung" schreibt näm­lich:TicWeimarische Zeitung" dürfte wohl das ein­zige amtliche Regierungsorgan im Deutschen Reich fein, das sich in der Frage der Kaiserreden an die Seite Payers und der Sozialdemokraten, also in Opposition gegen den Reichskanzler, ja gegen den Kaiser selbst stellt." Man beachte die Geschicklichkeit, mit der da plötzlich behauptet wird, daß sich das weimarische Blatt an die Seite Payers und der Sozialdemokraten" ge­stellt habe. In derWeimarischen Zeitung" selber war nur die Rede von denbeiden liberalen FraktionL- rednxrn Bassermann und Payer". Weislich unterließ

Wiesbaden, Sonntag, 4. Dezember ISIS.

es das Blalt, sich irgendwie mit Herrn Ledebour zu identifizieren. Nichts in seinen Ausführungen foimte jemand dazu berechtigen, den sozialdemokratischen Redner plötzlich für Herrn Bassermann zu substituieren, aber dieKreuzzeitung" bringt dies Taschenspieler- kunftstück mit Eleganz fertig, und wir sind keineswegs sicher, daß cs nicht Leser gegeben hat, die wirklich glauben, dieWeimarische Zeitung" habe sich einver­standen erklärt mit dem republikanischen Bekenntnis des sozialdemokratischen Wortführers.

In Weimar wird man für die Schnüffeleien, die Bosheit und die Entstellungskunst derKreuzzeitung" die entsprechenden Gefühle der Geringschätzung haben. Immerhin verlohnt es sich, dieKreuzzeitung" daran zu erinnern, daß dieWeimarische 'Zeitung" nur ge­tan und geschrieben hat, was der konservative Führer vor zwei Jahren getan und gesprochen hat. Der Heydebrand von damals und der Heydebrand von. heute, das ergibt ein so anmutiges, sich selbst hinläng­lich illustrierendes Bild, daß man es ruhig seiner siche­ren Wirkung überlassen, daß man dieser Wirkung heiter vertrauen darf. Stellen lvir also mtr zwei Aus­züge nebeneinander:

Herr v. Heydebrand am 10. November 1908: Die Erregung, die die Vorgänge, die da geschildert worden sind, auch in den Kreisen meiner politischen Freunde herborgerufen haben, ist groß und ist nachhaltig. (Sehr richtig! rechts.) Man ivürde dieser Erregung nicht gerecht werden, wenn man sie ledig­lich an die letzten Veroffentlichimgcn und an die letzten Er­scheinungen anknüpfcn wollte. (Sehr richtig! rechts und links.) Man inutz es ganz offen aussprechen, datz es sich hier um eine Summe von Sorgen, v o n Bedenken und, man kann wohl auch sagen, von Unmut handelt, der sich seit Jahren angesammelt hat, an g e sam m e l t hat auch in Kreisen, an deren Treire zu Kaiser nnd Reich bisher nochniemand ge zweifelt h a t. Sehr richtig! rechts.)

Herr v. Heydebrand am 26. November 1910: Wir empfinden cs geradezu als e i n e H e r a u s f o r d e r u n g des monarchisw-n und religiösen Willens in unserem Volke, das; der Reichskanzler hi-r vor oie Frage gestellt werden kanii, oh er es für falsch hält, und ob er es verurteilt, datz der Kaiser innerhalv der Grenzen seines verfassungsmäßigen Rechtes sich als Mann

zu einer eigenen selbständigen Überzeugung bekennt.

Daß das hier angcfochteu werden kann, daß ein Teil dieses Hauses, die Sozialdemokraten, cs wagen können, eine solche Stelle vor ihr Forum zu ziehen, das empfindet ein Teil des Volkes als Herausforderung. (Lebhafter Beifall rechts.) Die Mehrheit rnse>- s Vo les harmoniert vollkommen mit dem Kaiser. (Lebhafter Beifall rechts.)

Soll inan noch etwas hinzukügcn? Uns dünkt es überflüssig, den Lesern gewiß auch.

Die Politik der Woche.

Ter deutsche Reichstag ist mit bemerkenswertem Eifer an der Arbeit, mit in dem kurzen vorwcib nächt­lichen Tagungsabschnitt so viel wie möglich voll seinem Pensum unter Dach und Fach zu bringen. An die durch die sozialdemokratische Interpellation hervorge- rufcueu leidenschaftliche'.! Debatten über die Kvuigs- berger Kaiserrcde, welche den Unterschied der politr-

38 . Jahrgang.

scheu Situation im. November 1.908 und im November 1910 deutlich erkennen ließen, schloß sich die Beratung der heiß umstrittenen Schisfahrtsabgaben, wobei sich ebenso wie bei den Verhandlungen über das , Kur­pfuschereigesetz auffallend starke Unstimmigkeiten inner­halb fast aller Parteien ergaben. Besonders in dem letzteren Falle ist auf eine wesentliche Umänderung der scharf in das praktische Leben eingreifenden Vorlage zu rechnen, Dagegen läßt der Verlauf der Verhand­lungen in der Kommission zur Beratung des Wert­zuwachssteuergesetzes erkennen, daß hier entgegen den mehrfach verbreiteten Gerüchten eine Einigung zwi­schen der Regierung und den Mehrheitsparteien in Aussicht steht, wobei freilich nicht alle Blütenträume reifen dürften, die man im Reichsschatzsekretariat dieser kleinen -Finanzreform" entgegengebracht hat.

Tie P a r l a m e n t s s e s s i o n in Österreich und in Ungarn ist bisher ohne besondere Zwischen­fälle verlaufen, und man rechnet in Zis- wie in Trans- leithanien mit Sicherheit darauf, daß es gelingen wird, bis zum Jahrcsschluß sowohl das Budgetprovisorium zu erledigen wie den soeben den Abgeordentenhäuseru in Wien und Budapest zugegangenen Gesetzentwurf über die Verlängerung des Privilegiums der öster­reichisch-ungarischen Bank sowie des Münz- und Wäh- rungsvertrages bis zum Ende des Jahres 1917. Wie sich dann die weitere praktische Arbeit im österreichischen Reichsrat gestalten wird, das dürste freilich ganz von dem Schicksal der zunächst als ergebnislos abgebroche­nen deutsch-tschechischen Ausgleichsverhandlungen ab- hängcn, deren Kurs nicht gerade günstig notiert.

Auch der französische Ministerpräsident V r i a n d ist trotz aller Kammersiege nicht frei von Sorgen. Zwar scheint dem Kabinett bei der Revision der Koalitionsgesetze eine Mehrheit im Parlament sicher zu sein, aber ernstliche Schwierigkeiten erwachsen ihm durch die seit Jahren auf die lange Bank ge­schobene Wahlreform, die jetzt, den Ausschuß ,der Kam» nier beschäftigt und dort tiefgehende Meinungsver­schiedenheiten hcrvorgerufen hat. Unter diesen Um­ständen wird man es als sehr fraglich bezeichnen

müssen, ob Herrn Briand das Experiment glücken wird, das seinem Vorgänger Elemence.au mißlungen war.

Nicht bloß, wer die Wahlreform, sondern noch mehr, wer die Wahl ha!, hat bekanntlich die Qual. Das Kabinett A s q u i t h in England ist nicht gern und nur der Not gehorchend, nicht dem eig'nen Trieb in den Wahlkampf gezogen, den ihm das. Oberhaus

aufgezwungen dal. Aber es gab für die Liberalen,

wenn sie nicht freiwillig auf die Macht, die ihnen ihre bisherige Mehrheit im Parlament gewährt hatte, ver­zichten. wollten, nur die Möglichkeit, den Fehdehand­schuh aufzunehmeu, den das konservative Oberhaus dem liberalen Unterhaus als Antwort auf die Vcto- rcsolutionen hingeworfen hatte. Mit starker Spannung sicht man nicht bloß im Jnselreiche dem Ausgang die-

Femileton.

Die Ahr Äe§ Doktors.

Von Hildur Brcttner, deutsch von Bernhard Mann.

Tie Dämmerung war schon stark vorgeschritten und im Hause war es still, ganz still. In einem Zimmer mit alten, Weißen Empiremöbeln und einer Fußdecke in mattem Periblau saß die. kleine Frau Doktor und starrte in das verlöschende .Kaminfeuer.

Wie still es war. So still. Wie seltsam es klingt, wenn das Feuer zu erlöschen beginnt und die Glut ganz leise fällt, gleichsam als wolle sie sich bequem zu­rechtlegen, um ruhig schlafen und sterben zu können.

In einer Ecke des Zimmers stand eine alte Uhr. Sie ging mit einem schweren, deutlichen Ticktack, unter­brach aber die Stille nicht. Es war eine schöne, alte Talekarlier Uhr. Jetzt war sie weiß gemalt: aber als der Doktor sie kaufte, hatte ihr Gehäuse- einen dunklen, griinlichbraüncii Anstrich. Er hatte sie einige Meilen entfernt auf dem Lande in dem Bureau eines Säge­werks entdeckt, sich in ihre schönen Formen verliebt und sie durch Vermittlung,des Verwalters gekauft.

Jetzt schlug sie einen Schlag. Es war halb acht. Ein langer, singender, metallischer Ton.

Die kleine Frau Doktor lehnte sich im Stuhl zurück und schloß die Nutzen. Im Zimmer war es fast finster. Die erlöschende Glut warf kurze, unsichere Schatten.

Ta schallte es taut. Es war die Entreeglocke. Tie Mädchen waren nicht zu Hause. Deshalb erhob die. Frau Doktor sich selbst, um zu öffnen. Als sic an dem runden Tisch vor dem Sofa vorbeiging, zündete sie eine kleine elektrische Lampe mit gellseidenem Schirm an, die ein blasses- sparsames Licht durch den Raum ergoß. Dann trat sie hinaus und öffnete.

Draußen stand ein alter Mann. Sie sah es sofort, daß er vom Lande war. Er trat näher heran.

Ist der Herr.Doktor zu Hause?"

Tie Frage klang etwas ängstlich. Sie bedauerte, daß sie sie verneinen mußte.

Wird er nicht bald kommen?" Jetzt bat sein Auge.

Ich vermute, daß er gegen neun zurück sein wicp. Wollen Sie nicht eintreten ulid warten?"

Ter Alte überlegte.

Ja. dann muß ich wohl warten." Er sprach zu sich selbst. Tann blickte er auf.Sprechen muß ich ihn jedenfalls. Mit dem Herzen ist da wieder etwas nicht in Ordnung. Dagegen muß der Herr Doktor mir Tropfen geben."

Nun, dann kommen Sie nur herein."

Sie ging ihm voraus und öffnete die Tür zum Wartezimmer, Tort tvar cs warm und hell. Ter Alte blickte sich zufrieden um.

Nehmen Sie Platz und machen Sie es sich bequem, 'sie sind wohl müde?" __

Tanke, danke sehr. So sehr müde bin ich nicht.

' Denn Sic müssen wissen die erste Meile bin ich ge­fahren." Er lächelte listig.

Wie weit sind Sie dann noch gegangen?"

Noch eine gute Meile."

Haben Sie denn Beschwerden? Schmerzt das Herz?"

Nmt ja bisweilen. Tie Tropfen werden aber schon helfen." Er blickte sie an und seine Augen leuch- teten so freundlich.Wenn ick, fragen darf, sind Sie seine Frau die Frau Doktor?"

Ja, das bin ich."

Hm, hm, jung und schön- jung und schön," Er wollte: noch mehr sagen, schwieg aber plötzlich und lauschte gespannt. Es war die Uhr, die drinnen schlug.

Ta glitt ein glückliches Lächeln über das Antlitz des Allen. Er wuchs förmlich, und cs war, als werde fern Gesicht bei jedem Schlage lichter.

Als die Uhr verstummte, stand er mit offenem Munde da und sah sich im Zimmer um, während er mit dem Kopfe wiegte.Ja ja, ja ja." Er sprach vor sich hin, dann blickte er auf. In den Augen leuchtete es.

Ach, Frau Doktor, darf ich sie einmal sehen?"

Wen wollen Sie sehen, Väterchen?"

Tie Uhr, die Uhr. Ach, ich möchte sie so gern sehen?

Sie blickte ihn fragend an.

Ich habe sie über sechzig Jahre besessen. Ja, war­ten Sie, es waren ztoeiimdsechzig Jahre, und ich würde mich freuen, wenn ich sie noch ein einziges Mal sehen dürfte."

Ach lvas, die Uhr hat Ihnen gehört?"

Ja, ja, zweiündscchzig Jahre."

Nun, dann sollen Sie sie natürlich sehen."

Sie ging ihm voran durch das Empfangszimmer in das Weiße Zimmer. Er- folgte ihr vorsichtig, über seiner ganzen Gestalt lag . etwas gespannt Er­wartungsvolles.

Sic ergriff die fleiuc Lampe und beleuchtete die Uhr.

Du großer Gott! Wie fein sie geworden ist." Er wiegte wieder den Kopf hin und her.Daß sie bei dem Herrn Doktor schön würde, habe ich mir gedacht. Der Verwalter erzählte mir, daß er sie an den Herrn Doktor weiter verkauft hat."

Die junge Frau Doktor stellte die Lampe auf den Tisch.

Und Sie hingen so sehr an der Uhr?"

Der Alte blickte erst zu Boden, dann sah er wieder die Uhr an und sagte weich:

Ach ja, es war mir immer so, als wenn wir beide zusammengehörten!"