Einzelbild herunterladen
 

Seite 4.

Breitag, 23. November 1910.

Wirsimdsnsr Tsgblatt.

Morgen-Ausgabe, 1. Blatt.

Nr. 549.

Lruder MaurerKarl und Ferdinand D., die durch lautes Sin­gen ruhestörenden Lärnr verübten, begegneten. W. meinte es gut mit ihnen und ermahnte sie zur Ruhe. Anstatt dem Rat zu folgen, schlug K. sofort auf ihn ein und beleidigte ihn mit den Worten:Spitzbub, ich Hab' noch nicht ge­stohlen". Nunmehr zuckte es auch den Gebrüdern D. in den Fingern, sie hieben ebenfalls auf W. ein. Auf dessen Hilfe­rufe hin kam Schl, hinzu, worauf die drei Burschen vor: W. losließen und auf Schl, cinhieben. Mittlerweile verbreitete sich in der Ortschaft das Gerücht von der wüsten Keilerei auf der Landstraße. Die Eheleute B. eilten an den Kampf­platz und brachten W. und Schl, in die Lauxschc Wirtschaft, dessen Inhaber sofort die Läden herunterlietz, um vor den wütenden Burschen geschützt zu sein. W., dem sich D. nach­her nochmals näherte, gab von der Wirtschaft aus einen Schreckschuß auf diesen ab und verletzte ihn. Noch in der­selben Nacht erstatteten die drei Burschen aus der Polizei­wache Anzeige gegen W. und Schl. Bei näherer Unter­suchung stellte es sich heraus, daß sie selbst, und nicht die Denunzierten, W. und Schl., die Täter waren. Es erfolgte von diesen auch Strafanzeige wegen gefährlicher Körper­verletzung, Beleidigung und ruhestörenden Lärms. Das Schöffengericht erachtete sie in vollem Umfang für überführt und Verurteilte gemäß dem Antrag des Amtsanwalts K. wegen gefährlicher Körperverletzung, Beleidigung und ruhe­störenden Lärms zu 2 Monaten 1 Woche Gefängnis und 1 Woche Hast, die Gebrüder D. wegen gefährlicher Körperverletzung und Ruhestörung zu je 2 Monaten Ge­fängnis, 1 Woche Haft. Der: verletzten W. und Schl, wurde außerdem eine von den Angeklagten als Gemeinfchuldner Zu zahlende Buße von je SV M. zugefprochen

vc. Bitte, nicht duzen. Der Taglöhner K. von Bieb­rich war unlängst einmal bei den Erbenheimer Wasser- leitungsarbeiten beschäftigt und hatte sich während einer Arbeitspause an den Äpfeln aus einem benachbarten Grund­stück vergriffen. Von dem Maurermeister Koch war er da­bei beobachtet worden. Als dieser in Gegenwart eines Polizeisergeanten seine Beobachtung zürn besten gab, ge­riet K. in Zorn, hauptsächlich um deswillen, weil Koch ihn duzte. Er verlangte mitEr" oderSie" angeredet zu werden, beleidigte den Mann in schwerster Art und bedrohte ihn obendrein, so daß der Polizeisergeant sich zum Schutz von Koch genötigt sah, vom Leder zu ziehen. Das Schöffen­gericht verhängte wegen Beleidigung und Bedrohung neuer­dings 3 Wcchen Gefängnis über ihn.

An« answiirAae» Gerichtssirle».

Die Moabiter StraßenkrawaAe vor Gericht, ab. Berlin, 23. November. In der heutigen Verhand­lung wurden auch die englische n und amerikani­schen I ou r n al i st e n, die bei den Tumulten verletzt worden sind, als Zeugen aufgerufen. Zunächst schildert der Journalist Wile, wie er mit seinen Kollegen beschlossen habe, sobald er Nachricht von den Unruhen erhielt, sich per­sönlich davon zu überzeugen. Sie kamen im Auto angefah- ren und machten vis-a-vis dem Krankenhaus einen Augen­blick Halt, um die Vorgänge auf der Straße zu beobachten. Die Skromstraße wurde gerade durch Schutzleute vou Men­schen gesäubert, die Menschenmenge befand sich aber min­destens 206 Meter vor den Schutzleuten. Sonst war die Straße leer und auch die Straßenbahn ging. Sobald das Auto hielt, rief einer von den Beamten:AufdieLeute dort los!" Der Zeuge versuchte aufzustehen, unr zu erklären, daß sie mit den Tumulten nichts zu tun hätten, die Antwort war aber nur:Dreinschlagen!" Dar­auf wurden sie von den Schutzleuten mit Säbeln bearbeitet, obwohl sie sich im Wagen niederduckten. Der Zeuge rief sodann dem Chauffeur zu, nach dem Krankenhaus zu fah­ren, wo sie verbunden wurden. Sie hatten Schläge über Kopf und Nacken erhalten, auch die Kleidung war voll Blut. Rechtsanwalt Heine: Sie sind stellvertretender Vorsitzender desVereins der ausländischen Presse" und haben als solcher eine Beschwerde an den Reichskanzler gerichtet? Zeuge: Ja! Vorsitzender: Sie

haben darauf eine Antwort vom Unterstaatssekretär Wahn­schaffe erhalten. Wollen Sie uns bitte den Wortlaut der Antwort mitteilen. Zeuge: Ich bin vou meinem Ver­ein nur autorisiert, den Sinn der Antwort mitzuteilen. Verteidiger: Hielten sich überhaupt Menschsn in Ihrer Nähe auf, und wieviel waren das? Zeuge: Die Men­schenmenge in unserer Nähe bestand aus z>wci Mädchen, die von der Polizei mit Säbelhieben fortgetrieben Wurden.

Erster Staatsanwalt: Die Frage, ob Sie im Wagen aufgestanden sind und gestikuliert haben, haben Sic verneint.

Zeuge: Ja, ich babe nur meine Karte hochgehalten. Rechtsanwalt Rosenfeld: Haben Sie gesehen, daß die Mäd­chen, die von der Polizei sortgetrieben wurden, sich etwas zuschulden kommen ließen? Zeuge: Ihre Schuld bestand nur darin, daß sie nicht schnell genug fortliefen. Ver­teidiger: .Hat Ihnen der Chauffeur nicht erklärt, daß sein Wagen von der Polizei v o l l st ä n d i g demo­liert worden sei? Zeuge: Ja, der Chauffeur kam am nächsten Tage und erzählte, sein Chef drohe ihm mit Ent­lassung, weil das Auto durch die Schutzmannssäbel so zu­gerichtet war, daß es aus dem Verkehr gezogen werden mußte. Der englische Journalist Charles Tower schil­dert den Vorgang in ähnlicher Weise wie sein Kollege Wile. Der neben ihm sitzende Herr fei über Arm und Schultern geschlagen worden, so daß er heftig blutete. Er habe dem Chauffeur nachher zugerufen, sofort ins Polizeipräsidium zu sahrou. Erster Staatsauwalt: Ist nicht einer der Herren aufgestanden und hat nach einer bestimmten Rich­tung gezeigt? Zeuge: Nein, der Herr hat nur seinen Paß hochgehoben. Rechtsanwalt Heine: Ist aus der Richtung des Autos mit Steinen geworfen worden? Zeuge: So­weit ich gesehen habe, nicht. Die englischen Journalisten Sbaw und Lawrence bestätigen die Aussagen ihrer Kollegen. Nach weiteren Vernehmungen wurvc die Ver­handlung aus Freitag vertagt.

sh. Der Friedberger Bombenattentäter Friedrich W c r- ncr wird sich in der ersten Dezemberwoche vor dem Schwurgericht zu Gießen zu verantworten haben Werner ist beschuldigt, am 22. Juni d. I. das sensationelle Bom­benattentat gegen das Friedberger Rathaus ver­übt zu haben, durch das das Gebäude zum Teil demoliert

und die ganze Bevölkerung des freundlichen Städtchens in die größte Aufregung versetzt wurde, zumal das Attentat ran das Vorspiel zu einem Raubmordversuch aus den Friedbergcr Reichsbankdircktor bildete. Daneben bat sich Werner noch wegen eines schweren Diebstahls in der Pul­verfabrik bei St. Ingbert, wo er sich düs Sprengmittel für seine Untat besorgte, sowie wegen eines Bombenattentais auf eine Villa in der Oberlindau in Frankfurt a. M., und schließlich noch wegen eines schweren Erpresfungsbersuchs gegen hm Frankfurter Bankier Majer wLhrend dessen Ab­wesenheit in Homburg v. b. H. zu verantworten. Es sind also insgesamt fünf schwere Verbrechen, die dem Angeklag­ten zur Last gelegt werden. Dabei ist Werner erst 20 Jahre alt.

sh. Ein Nachspiel zur Affäre von Erhardt. Der frühere Ulanenrittmeister Keon Freiherr von Erhardt, der jetzt als Kunstmaler in Rom lebt, hat sofort nach Schluß der gegen ihn geführten Straflammerverhandlung wegen Beleidigung des Düsseldorfer Ehrenrats, die bekanntlich mit seiner Freisprechung endete, bei der Düsseldorfer Staats­anwaltschaft den Antrag auf S t r a f v e r f o l g n n g des früheren Referendars und jetzigen Reiseschriftstellers Dr. jux. Hans Heinz E wers wcgenM e inei d § gestellt. Ein schwerwiegendes neues Moment ist besonders die Tat­sache, daß sich inzwischen der Kunstmaler Kurrek in München mit der Behauptung gemeldet hat, daß Ewers und der Maler Wundcrwald gemeinsam die 10V6--Marksch-in- blüte beschafft halten und vou der Referendar Ewers unter dem Eid abgestritten hatte, irgendwelche Kenntnis gehabt zu haben. Ein Strafprozeß gegen Hans Heinz Ewers würde die Aufrollung der ganzen Düsseldorfer Eüronae- richtsangelegercheit zur Folge haben, die in der Mitte der Mer Jahre in der Düsseldorfer Gesellschaft große Erregung hervorries. Von Herr,» v. Erhardt, sowie dem ebenfalls im Ausland !veilenden Premierleutnaut v. Rhein und dem Kunstmaler v. Kamptz ist gleichmäßig der Antrag auf Wiederaufnahme des gegen sie geführten Strafprozesses ge­stellt worden, dessen Ergebnis alle drei bisher von der Rück­kehr nach Deutschland abgehalten hat. Da von dem Aus­gang des Erhardtschen Prozesses auch die Rehabilitierung des He'ni v. Erhardt und seiner Kameraden als Offiziere abhängt, so darf ma« dem weiteren Verlauf der Angelegen­heit mit Interesse entgegensehen.

o- und Taunusklub Wiesbaden. Der Rhein- unk

Taumisclub hier unternimmt am kommenden Sonntag, den 27. November er., eine Nachm,ttagswmrderuna in das blaue Kindchen, die wie folgt ausgesührt wird. Treffpunkt 2 Uhr Schillerpiab und von da mit der elektrischen Bahn bis zur End­station in Bierstadt Abmarsch etwa 214 Uhr auf der auSsichtS- reichen Chaussee über Igstadt. Nordenstadt. Massenheim nach ca. %6 Uhr. , Einkehr im Gasthau- Ablev Setter man ci) P/ s . Ilhr bis Baynbof Flörsbeim.

Stunde errMt ist. Rückfahrt 8.10 Uhr. Ankunft in ^lesbaren 8 46 Uhr. Wer die Wanderung nicht ganz rnitmacheri will, fahre bis Igstadt, wo er Gelegenheit hat. die Wanderer noch zu trefien.

''-Die Ski-Abteilung des Taunusklubs in Frankfurt a. M gibt begannt, daß nunmehr fünf Wege im Hochtaunus die W- zelchnung als s-k-wege tragen, Dieselben sind durch Holz- und Tragt,pannung mit roten Blechschildchen erkennt­lich aemacht, oie betreffenden Wege sind laut Verfügung der zu- L°,ndmen Behörde für den Rodelverkehr gesperrt. Gleichzeitig bringt die Skrabterlung chen «k r k u r s. welcher vom 10 . bis J.3, ,mrai(ir ftattfmbct, trt Erinnerung und bittet noch etwaige Teilnehmer ihre Anmeldungen baldigst an Herrn Karl Eloner. Taunusstraße zu Frankfurt a. M., oder an den Vorstand des TmnnwklnbS richten zu wollen, ba zu dem Kurse nur eine be­schränk.e Teilnehmerzahl berücksichtigt werden kann.

, ...* Der Wintersportverein Oberhof in Tb. lässt cur sertraen Wunsch seiner Mitglieder und Sportsfrcundc mitten im Orte eine große, dem Eissport in jeder Bczicbuna Rech n"n.a tragende .Eisbahn erbauen. Cs werben d-Äu- Zwecke zirka 7600.Kubikmeter Erdmassen bew^t und ein Wasseobeck e n geschaiffon, das bei einem halben Meter Wasser- stand eine Eisflache voll 11660 Quadratmetern bietet ^ ese neueste Errmmemchaft ist in sportlicher Hinsicht nicht nur für Oocrhor. sondern auch für ganz Deutschland von iveit- trggender Bedeutung. Bei dem zuverlässigen Oberhofer Wniterkiima laßt sich erwarten, daß die dortig,e Eisbahn un­unterbrochen 3-4 Monate benutzt werden kann. Die Eis­bahn durste am 1. Dezember c. ferttggestellt und zur öffent­lichen Benutzung freigogobcn werden.

Der Besuch der alten Pinakothek in München, der durch Landtagsbeschluß im letzten Sommer uür gegen Ein­trittsgeld gestattet war, hat der bayerischen Staatskasse bei dem starken Fremdenverkehr 50 000 M. erbracht.

Die Gasquelle in Neuengammc. Die Vorbereitungen zur Verwertung der Gasquelle in Neuengamme werden von der Unternehmerin der Bohrungen eifrig betrieben Die Arbeiten sind feit einigen Tagen im Gange. Die Gase sollen abgeleitet werden, allerdings ist noch fraglich, ob eine Nutzbarmachung der Gase überhaupt lohnend ist. da die physikalische Untersuchung über ihre Verwendbarkeit noA nicht beendet ist.

Einzug des Winters in Tirol. Der Winter hat in Tirol sehr streng eingesetzt. Die Tramways können nur mit Schneepflügen verkehren. In vielen Tälern sind aroße Schueelawinen niedergogangen; im Sarntal erfolgte" -in kolossaler Bergsturz. Auch im unteren Etschtal ist grotze Kälte eingetreten. Auf dem Übergang vom Eembratal in das Etschtal ist der Gutsbesitzer Baldessari erfroren auf- gesunden worden.

Tod in einem Schneetreiben. Ein schlesischer Arbeiter wurde auf der Chaussee bei Halle a. d. S. vou einem Schnee­treiben überrascht. Ein vom Sturm ausgerissener Baum fiel ihm auf den Kopf und tötete ihn.

Ein Duell. Im Würzburger Wald bei Dresden fand angeblich wegen geschäftlicher Differenzen zwischen zwei Männern ein Duell statt. Der eine erhielt bc- dem dritten Kugelwechsel einen Schuß in den Unterleib.

Ein blutiges Licbesdrama ereignete sich in einem Restaurant am Königsplatz zu Stettin. Der Kellner Emil Tanke erschien plötzlich in der Wohnung der Wirtslente um ein gelöstes Verhältnis mit der Tochter des Dauses wied-'r anzuknüpfen. Als er energisch abgewiesen wurde, zog Tanke einen Revolver und gab mehrere Schüsse auf das Mädchen ab, das schwer verletzt zusammenbrach Auch den Bruder des Mädchens, der zum Schutze seiner Schwester

hevbeigoeilt war, verletzte Tanke durch einen Schuß. Dann jagte er sich selbst eine Kugel in den Kopf, die seinen so­fortigen Tod herbeiführte.

Ein Eisenüahnunfall. Auf der Eisenbahnstrecke Görlitz- Zittau stieß der Persouenzug 605 kurz vor Ostritz aus eine Anzahl Güterwagen. Der Zusammcnstoß erfolgte ;nit großer Gewalt. Die Lokomotive des Personenzugks wurde zertrümmert. Auch der sonstige Materialschaden ist bedeu­tend. Eine Anzahl Personen soll verletzt fein. Vou Zittau aus ging ein Hrlfszug sofort an die Unfallstellc.

Eine Spielnffiire. Der Adjutant ciw:s bayerischen Prinzen ist mit schlichtem Abschied entlassen worden, wer! er in einer Spielergesellschast versucht hatte, das Glück zu korrigieren. Er ist unter Beihilfe einer hochstehenden Per­sönlichkeit ins Ausland geflüchtet.

Ein großer Uhrcndirbstahl. Diebe stahlen nachts in einem Geschästshause in der Oramenstraße zu Berlin goldene, silberne und Rrckeltafchenuhreu im Werte von etwa 3000 M. Augenscheinlich ließen sich die Diebe ein­schließen und gelangten über das Dach ins Freie.

Unterschlagungen eines Krankenkaffenführers. Der Kassenführer Schwarz der Anstreicher-Jnnungskrankenkasse zu Düsseldorf wurde wegen Unterschlagung von 17 006 M. verhaftet.

Selbstmord eines Wiener Advokaten. Der Wiener Hof. und Gerichts advokat On. Adolf Gutmann hat sich in Graz aus einem dortigen Friedhof ans unbekannter Ursache erschossen.

Selbstmord eines Einjährigen. Aus Kränkung dar­über, daß er beim Exerzieren einen Kameraden durch einen blinden Schuß leicht verletzt hatte, erschoß sich in der Kloster- bruck-Kasernr zu Brünn der Einjährige Oestreicher aus Wien,

Schiffbruch. Der englische DampferSirdar", mit einer Ladung Getreide vom Schwarzen Meer nach Deutsch­land bestimmt, ist im dichten Nebel bei Brest auf einen Felsen ausgelaufen und verloren. Die Besatzung ist gerettet.

Zum Schiffbruch derPreußen". Im Verlauf der Bergungsarbeiten an dem gestrandeten Fünfmaster Preußen" konnte bisher die Ladung vollständig gelöscht werden. Es wird jetzt mit den Abschleppuwgsvcrsuchen be­gonnen.

Ein Schiffsbrand. Die Direktion der ungarisch-kroati­schen Seeschiffahrtsgesellschaft erhielt von dem Komman­danten ihres DampfersBuda", der im Schwarzen Meer vor Anker liegt, die Meldung, daß an Bord ein großer Brand ausgobrochen sei, wobei drei Mann der Besatzung infolge der furchtbaren Rauchentwicklung erstickt seien.

Die Cholera. In Konstantinopel sind 24 Neuer- krankungen an Cholera und 12 Todesfälle festgestelll worden. Es sind sämtliche Schulen geschlossen worden.

Deutscher Deichsta^.

Eiacner Drahtbericht desWiesbadener TagblallL".

# Berlin, 24. November.

Am Bundesratstisch: Staatssekretäre Dr. Delbrück,

Dr. Lisco und Landwirtschas ts minist e r Freiherr v. Schor- lemer.

Präsident Graf Schwerin-Löwltz eröffnet die Sitzung um 1 Uhr 25 Minuten.

Auf der Tagesordnung steht zunächst

die Mahl eines zweiten Vizepräsidenten. Insgesamt wurden 311 Stimmzettel abgegeben, von denen 6 9 w e i tz (unbeschrieben) waren. Von den 243 gültigen Stimmzetteln lauten 186 auf Schultz (Neichsp.), 52 auf Singer (Soz,), während 5 zersplittert waren. Schultz ist somit gewählt. Er nahm die Wahl dankend an.

Daraus wird die Besprechung der Interpellation, betreffend die Nahrungsmittel-, bezrs.

Fleifchtcuerung,

fortgesetzt.

.Abg. I>r. Wicmer (Fortschr. VolkKP.): Vor zwei Jahren erhielten wir bei gleicher Anfrage Versprechungen, die aber nicht erfüllt worden sind. Jetzt stellen schon die Konservati­ven eine Interpellation wegen dieser Mißstände.

Unsere gesamte Lebenshaltung, nicht nur die Nahrungs­mittel, ist durch die bestehende Politik verteuert worden. Das in der offiziösen Presse versprochene Entgegenkommc» in der Bekämpfung der Teuerung ist gestern in der Neve des Ministers nicht aufrecht erhalten. Vorwärts können wir nur dann kommen, wenn die Junker- Politik ersetzt wild durch eine Bauernpolitik. (N i e! rechts, Lebhafter Beifall links.)

Abg, Pausche (nat.-lib.): Die Preise sind tatsächlich h o ch und treffen den Konsumenten schwer. Auch in Eng­land, im Land des Freihandels, klagt man über eine Ver­teuerung der Lebensmittel. Alle Produktionskosten sind ge­wachsen. Die Landwirtschaft tut in der Viehproduktion das mögliche. Wir können stolz darauf sein, namentlich auf die kleinen und mittleren Besitzer. Die heimische Produktion kann so gestaltet werden, daß sie auch in Zukunft den deut­schen Markt zu versorgen mag. Rotstaüdsp reise können un­serer Landwirtschaft nichts nutzen.

Abg. Freiherr v. Gamp (Reichsp.): Wir wollen stabile, nicht hohe Preise, Die Mittel, die der Teuerung begegnen sollen, dürfen jedenfalls die Landwirtschaft nicht gefährden. Die Einbringung eines Fideikommitzgesetzes ist notwendig, um den Klsinbefitz zu fördern. (Lebhafter Beifall rechts.)

Abg. Fürst Rodziwill (Pole): Jedenfalls herrscht in weiten Kreisen das Gefühl, daß seit geraumer Zeit eine außerordentliche Preisteuerung besteht, die zu einer allgemeinen Volks k a l a m ität führen könnte.

H

Seniorcnkonvent.

Berlin, 24. November. (Eigener Drahtbericht.) Der S cn i ore nkon v e nt des Reichstags trat heute vor der Plenarsitzung zusammen, um über den G esch ästs p l a » für die Zeit bis zu den Weihnachtsferien zu beraten. In dieser Woche sollen die vorliegenden Interpellatio­nen, mit Ausnahme derjenigen, betreffend die Be­kämpfung der Rebschädlinge, zur Erledigung kommen. Am Montag soll das S ch i sfa h rt s ab­gab engesetz zur ersten Beratung gelangen, dann das