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Nr. 537

Wiesbaden, Freitag, 18 November 1S1V.

58. Jahrgang.

Morgen - Ausgabe.

_1. Matt.

Politische Übersicht.

Der Landrat und die Steuereittschätznng.

Es ist das Verdienst der Herren Steinniann- Bucher und Delbrück, ziffernmäßig nachgewiesen zu haben, daß die Steuereinschätzungen namentlich auf dem platten Lande bedauerlich viel zu wünschen übrig lassen. Professor Delbrück scheute sich nicht, den Finger in die schmerzende Wunde zu legen und den be­klagten Übelstand mit darauf zurückzusllhren, daß der L a n d r a t der Vorsitzende der Einschätzungskommissio­nen ist. Aus dieser seiner Stellung, die ihni Macht verleiht, die ihm aber auch Rücksichten auferlegt, er­geben stch, so setzte Delbrück auseinander, bedenkliche Gegensätze zwischen dem, was sein sollte, und dem, was ist. Professor Delbrück ist wahrhaftig nicht einer grundsätzlichen Feindseligkeit gegen die koirservativen Grundbesitzer verdächtig und was Herrn Steinmann- Bucher betrifft, so hat dieser Herr erst kürzlich durch einen Artikel voller Hohn und Spott über vermeintliche Demagogie sogar der Nationalliberalen jeden Arg­wohn hinweggeräunit, als möchte er den Konservativen etwas am Zeug flicken. — Zuverlässigere Gewährs­männer als diese beiden dafür, daß in den Stenercin- Minfetmäen etwas nicht in Ordnung ist, kann man sich kaum wünschen. Nun aber erwächst besonders Herrn Delbrück eine Gegnerschaft in Schmollers Jahrbüchern, w denen soeben der Regierungsrat Friedr. Behrnauer- ^üsseldorf einen heftigen Angriff gegen Delbrücks An- sstsch richtet, besonders der Großgrundbesitzer sei in der Hauptsache auf d'as ungenügende Eingreifen der Land- rate zurückzuführen, deren Ersetzung durch eigene Ver- ^kaguugskommissionen hiernach zu fordern sei. Aehrnauer befürchtet, daß rein fiskalische Beamte die steuerpflichtigen nicht selten über das notwendige hinaus belästigen werden. Wenn auch gegen­wärtig noch Untereinschätzungen bei beu Landwirten ebenso wie bei allen anderen Gewerbeständien Vor­kommen, so liegt das nach Behrnauers Ausführungen hauptsächlich an der schweren Bestimmbarkeit des im Gesetz konstruierten Einkommensbegriffes überhaupt, ganz besonders aber an den Schwierigkeiten, die mit der Ermittelung des zur Besteuerung herauszuziehen­den landwirtschaftlichen Reinertrags verbunden sind, der meist schätzungsweise ermittelt werde. Wesentliche Abänderungen der geltenden Bestimmungen seien nicht notwendig. Ten Steuerbehörden sollte nicht die Ver­

pflichtung zu noch eingehenderen als den bisher vorge­schriebenen Ermittelungen des Einkommens und zur noch strengeren und genaueren -Prüfung der Steuer­erklärungen auferlegt werden, das finanzielle Ergebnis wäre da mehr als zweifelhaft. So der Regierungsrat Vehrnauer, dessen Ausführungen begreiflicherweise im agrarischen Lager mit förmlichem Entzücken vernom­men worden sind. Aber wenn es so wäre, wie es die­ser Kritiker Delbrücks schildert, warum alsdann hat es sogar der beste Freund der Konservativen, der frühere Finanzminister Freiherr v. Rheinbaben, für unvermeidlich gehalten, das Veranlagungswesen zu reformieren und den Landrat voni Vorsitz der Veran­lagungskommission zu entbinden? Diese Reform haben wir ja noch nicht, aber wir werden sie bekommen, und man weiß, wie gesagt, daß Freiherr v. Rheinbaben selber sie vorbereitet hatte. Es wird im übrigen von besonderem Interesse sein, zu beobachten, wie sich die K o n s e r v at i v e n zu Herrn L e n tz e Verhalten wer­den, wenn er diese Erbschaft seines Vorgängers an- tr'eten und entsprechende Änderungen des Veran­lagungsverfahrens Vorschlägen wird.

Schmarrblarre KrmdesvrÄderfchaft.

Tie Seelenverwandtschaft zwischen den Konser­vativen und dein Zentrum kommt besonders schön und ri'hrend zuin Ausdruck, wenn einer der beiden Freunde deil anderen heraushaut, ohne es eigentlich nötig zu haben. Diesen Liebesdienst erweist die „Germania" den badischen Konservativen, die üch in Knielingen bei Karlsruhe durch ihr Bündnis mit den Sozialdemo­krateil bei den Bürgerausschußwahlen arg in die Resseln gesetzt haben. Was die „Badische Landesztg." über diese und weitere bündlerifch-konservativ-sozial- dcmokratische Abmachungen und gegenseitige Hilfe­leistungen mitteilen kairn, das verdient, so schlimm es ist, doch auch Dank, weit die Entrüstung der Konser­vativen über den vermeintlichen barschen Großblock durch die Taten ihrer badischen Parteifreunde so an­mutig beleuchtet wird. Tie „Germania" braucht sich über diese Vorgänge doch eigentlich nicht aufzuregen, aber sie tut es in edlem Freundschaftsdrange und redet nun allerlei Verworrenes daher, fragt auch naiverweise, ob sich die Konservativen durch das geschilderte Zusam­mengehen mit den. Sozialdemokraten in einen Wider­spruch mit ihrer Versicherung gesetzt haben, daß sie die schärfsten Gegner der Sozialdemokratie seien. Eine törichte Frage, eine törichte Rechtfertigung. Aber es liegt nichts daran, was die „Germania" im einzelnen sagt: es liegt nur daran, daß sich das Zentrumsblatt verpflichtet fühlt, für die Konservativen einzutreten. Der schwarzblaue Block hält doch fest.

Deutsches Reich.

* Die Kronprinzessin wird, wie bereits gemeldet, in der zweiten Hälfte des Dezember von Ceylon nicht direkt nach Deutschland zurückkehren, sondern in Ägypten einen 6- bis 8wöchigcn Aufenthalt nehmen. Diesem wird sich dann, wie der „Lokalanzeiger" hört, noch ein Besuch an der Riviera anschließen. Daher dürfte die Kronprinzessin kaum vor Ende Februar in Berlin eintrcsfen.

* Fortschrittliche Vvlkspartei und Nationalliberale, Eine außerordentliche Hauptversammlung des volkspartei­lichen Reichsvereins erklärte sich mit einem Zusammengehen mit den Nationalliberalen in Thüringen unter der Voraus­setzung einverstanden, daß die gemeinsamen Kandidaten nach Vereinbarung mit den örtlichen Organisationen ausgewählt Werden.

* Der Bund der Industriellen und der Wahlsonds des Hansabundes. Der Bund der Industriellen erläßt in seinem offiziellen Organ zugunsten des Wahlfonds des Hansabmtdcs folgende Erklärung: „Zu der Absicht des Hansabundes, Mittel zur Unterstützung von Kandidaten aus den Reihen von Industrie, Handel und Gewerbe zunächst für die kommenden Reichstagswahlen aufznbringen, hat der Bund der In­dustriellen bereits früher ausdrücklich seine Zustimmung ausgesprochen. Nach einem Beschluß des Bundesvorstandes wurde erklärt, jene Bildung des Wahlfonds „sei als wich­tigste Aufgabe des Hansabundes anzusehen, der für gemein­same Zwecke die Kräfte der genannten Erwerbs stände zu­sammenfassen soll." Damals wurde auch der von anderer Seite gemachte Versuch einer Zersplitterung ausdrücklich be­dauert. Entsprechend jenem Beschluß des Vorstandes des Bundes der Industriellen fordern wir hierdurch erneut auf, die Arbeit des Hansabundes für die gemeinsamen Ziele von Industrie, Handel und Gewerbe auch durch die Ausbringung von Mitteln für die Wahlen zu fördern!" In der Erklärung wird dann noch zu den Angriffen der „Nordd. Mg. Ztg." gegen den Wahlaufruf des Hansabundes Stellung genom­men. Es sei, so heißt es, durch diese Stellungnahme des Regierungsorgans die Auffassung weiter Kreise von Handel, Gewerbe und Industrie bestärkt worden, daß ihr Streben nach politischem Einfluß von der Regierung iveit weniger gern gesehen werde als die gleichartige politische Betätigung der Landwirtschaft.

* Auch Sachsen erklärt sieh für Öffnung der Grenzen. Die sächsische Regierung stellt gegenwärtig Erörterungen darüber an, ob cs angezeigt ist, zur Linderung der Fleisch­not für Sachsen ähnliche Einfuhrerleichterungen für Schlackt- dich zu gestatten, wie sie jetzt in Baden und Elsaß bestehen und in Bayern geplant sind.

* Die Einfuhr australischen Fleisches. Um die bestehen- den, oft auch geflissentlich genährten Vorurteile gegen die Einfuhr gefrorenen australischen Fleisches zu beheben, macht die „Köln. Ztg." daraus aufmerksam, daß aus Australien und Neuseeland kein Stück Fleisch in den Handel

Feuilleton.

(Nackdruck verboten.)

heimisches Naturleben.

Skizzen von Walther Schulte vom Brühl.

VIII.

Marrsepack.

Die Mäuse sind eben wieder recht „aktuell", und es ist nur ein schwacher Trost, daß ein Mausejahr auch als ein gutes Haseujahr gilt. Wir leiden geradezu unter einer „Invasion" von diesen Tierchen und es scheint, als hätte ihnen diesmal der kalte, feuchte Sommer nicht viel cmhaben können, ob- sonst die Feuchtigkeit ihrer unheimlichen Frucht- ein erfreuliches Ziel zu setzen pflegt. Aber die Acker s^d Heuer wieder einmal von „Wühlmäusen" ein Sieb durchlocht, und auch die Hausmäuse Minen draußen eine gesegnete Villeggiatur durchge- Uiacht zu haben, und ihre langschwäuzige Schar zog sich wil dem Herbst vergnügt aus Hof und Garten ins Winterquartier, in unsere Wohnungen, zurück. Seit sechs Jahren blieb mein Haus von diesen Gästen ver­schont, aber jetzt raschelt es und knabbert e§ allent- .s Crt r boni bis zum Boden. Überall' und nir­

gends sind die zierlichen Nager vertreten. Sie turnen an den Vorhängen hinauf, sie schlüpfen in die Schränke und segnen den Umstand, daß meine Hündin überall rm ^ause Brocken ihres Hundekuchens verschleppt, die wr Üe em Festmahl bedeuten.

o. £ • hatte von jeher ein besonderes Wohlwollen für flinken Tiere mit den großen -Ohren, or 11, schnurrbartfrohen Schwänzchen und den Augen, -schon als Knabe konnte ich mir nicht SLjijL . m tun, sie zu beobachten, tvie sie aus ihren Erwe Taubenschlag hervorschlüpften, eine

wie ern - Zwischen die Pfötchen nahmen und sie, auf den Hinterbeinen sitzend, ver­

wie ein EiMörnchm

zehrten. Mir Jünaens hatten uns in kleinen Draht- käsigen ganze Mausezuchten angelegt, die uns höchlich ergötzten und die nur das eine Unangenehme an sich Hutten, daß sie einen sehr durchdringenden Geruch ver­breiteten. Mein Bruder ergänzte den Mausebestand fort­gesetzt auf eine originelle Weise. Stundenlang konnte er geduldig vor einen: gangbaren Mauseloch im Stalle sitzen, zwischen Daumen und Zeigefinger der Linken ein Stück angeräucherten Specks als Köder, Daumen und Zeigefinger der Rechten aber griffgerecht dicht über den: Loch. Schnupperte sich dann ein kleiner Näscher heran, so griff er zu und hatte den zappelnden Nager hinten am Kragen, ivas uns immer eine große Gaudi bedeutete. Seither ist mehr als ein Turchschnirts- menschenalter über mich dahingebraust, und wenn ich auch heute noch eine leichte Sympathie für die Haus­maus empfinde, so muß ich doch sagen, daß mir in­zwischen besonders ihre bibliographischen Interessen, der Anteil, den sie an meiner Bibliothek nimmt, sehr fatal geworden sind. Und seitdem ich neulich entdeckte, daß mir solch ein kleiner Bibliophile mit seinen haar­scharfen und stahlharten, ständig nachwachsenden Nage- . zähnchen den halben Rücken eines kostbaren Bandes von Adrian Balbis Erdbeschreibung sortnagte, und seit meine Frau einen schweren Ohnmachtsanfall erlitt, als ihr beim Gebrauch des Handtuchs ein Mäuslein da'u:S entgegen und ins Gesicht sprang, hat die Freundschaft ein Ende. Überall stehen jetzt Mausefallen umher, kleine, praktische Schlageisen, welche den Nager jählings und schmerzlos um die Ecke bringen, und'mein Turmfalke kann schon gar nicht mehr alle so zur Strecke gebrachten Mäuse bewältigen. Er verschmäht manche, obgleich es die vornehmsten von allen Mäusen und „eigentliche Mäuse" sind. „Lins musculus" ist der Name des freundlichen Tieres, zu dessen weit über 100 Arten zählen­dem Geschlecht auch seine ekelhaften Verwandten, die Wanderratte und die Hausratte, welche von jener fast ganz verdrängt wurde, zählen. Ter Unterschied ist in Bau und Lebensweise zwischen den verwandten '

„Muri dae" nicht allzu groß. Was davon, ausgewachsen, mit Schwanz unter 25 Zentimeter bleibt, ist Maus, was länger, ist Ratte, eine sehr einfache Geschichte. Der Rattenschwanz enthält auch mehr Schuppenringe als der Mauseschwanz, der bis zu 180 Ringen zählt.

Unsere Hausmaus, oben meist grauschwarzgelblich, bäuchlings heller, hat einen spitzen, bis an die Nasen­löcher behaarten Kopf, große Ohren, die angedrückt die Augen bedecken, gelblichgraue, an den Sohlen nackte Füße, deren vordere vier Zehen und eine Daumenwarze und deren hintere fünf Zehen aufweisen. Alle Mäuse zeichnen sich durch eine mehr als kaninchenartige Frucht­barkeit aus. Unsere Hausmaus hält beispielsweise im Jahre bis zu sechsmal Kindtaufe. Unter Vierlingen tat sie's nicht und oft genug sind es Achtlinge. Da nun die blind geborenen, aber bald sehend werdenden „Kleinen sehr schnell herantvachsen und mannbar wer­den, so kann schon innerhalb eines Jahres von einem einzigen Pärchen ein ganzes Mausevolk entstehen, und wenn die Natur der Vermehrung nicht durch Wiesel, Katzen, Raubvögel und gelegentliche Epidemien ein Ziel setzte, würden dre kleinen Nager tatsächlich „wie der Sand am Meere". Die Niedlichkeit und Zier­lichkeit der Maus hat dazu geführt, gewisse Spielarten vor: ihr, zumal die weiße Form mit roten Augen, eigent­lich Albinos, als Haustiere zu züchten. Zudem gebraucht die Wissenschaft die Mäuse massenhaft als „Versuchs­tiere". Als ihm von diesen Versuchstieren plötzlich viele an einer Seuche starben, entdeckte Professor Löffler in Greifswald in: Jahre 1891 den Mäusetyphus- baztllus. Es gelang ihm, dies für uns so nützliche Krankheitsprodukt weiter zu züchten, gui Brot zu ver­pflanzen und mit diesen Brocken die Krankheit aus ,/ e „„ riV-® vertragen. Durch eine auf diese Weise künstlich erzeugte Seuche vernichtete er im Jahre darauf me Feldmäuse in Thessalien, die zu einer furcht­baren Plage geworden waren, und sein listiges Ver-- fahren hat sich seither noch oft bewährt. Es richtet sick hauptsächlich gegen die sckiädliche Feldinarrs, „Ärricoia