Sette K. DietMsg, 13. November 1810.
bis deutsche Reichsregierung ein gleiches Gesuch durch die Londoner Botschaft an die englische Regierung gerichtet, dahingehend, daß ein Anwalt der Botschaft den Verhandlungen gegen Leutnant Helm oeiwohnen darf.
* Die Persönlichkeiten der englischen -pione sepgestellt. Uber die Persönlichkeit der beiden Angeklagten weitz das „Berl. Tagebl." folgende Angaben zu machen: Der Angeklagte Trench ist der Hauptmann Bernard Frederic Trench von der leichten Marineinfanterie; er entflammt einer irischen Familie, deren Haupt Lord Adolphe Ashton ist. Er ist ein Weiter des früheren MarineattachSs Trench in Berlin, und sein Vater Lewis Trench ist Chef der Jnge- nieurabteilung der London North Westernbahn. Der andere Ängeschuldigte, Vivian Brandon, der in der Marinerang- tifte als Marineassistent im hydrographischen Bureau verzeichnet steht, ist Leutnant der Marine und Bruder eines Londoner Grasschaftsratsmitgliedes, Vetter von Lady Artur Brandon und ein Schwager von Sir William Bull. Dieser, der der bekannten Anwaltsfirma Bull u. Bull angehört, hat alles aufgeboten, was er im Interesse der beiden Angeklagten tun konnte.
* Das erste französische Schlachtvieh in Baden. Am Montag ist der erste Transport französischen Viehes in die Schlachthöfe von Mannheim und Heidelberg ein- gelaufen. Von der Sendung entfallen vier Waggons aus Mannheim und einer aus Heidelberg.
* Auch Bayern lässt französisches Vieh herein. Die außerordentliche Viehzählung in Bayern vom 10. Oktober ergab, daß Rinder um 239 693 Stück oder 6,4 Prozent, Schafe um 96 981 Stück oder 13,2 Prozent abgenommen, während Schweine um 179 205 Stück oder 8,7 Prozeirt und Ziegen um 4787 Stück oder 1,6 Prozent zugenommen haben. Die „Korrespondenz Hofmann" legt in einen; längeren Artikel dar, welche Maßnahmen das Slaatsministerium des Innern getroffen hat, um einer Abnahme des Viehbestandes und dem Steigern der Flcischpreise entgegenznwirken. Unter anderem tat das Ministerium bereits Schritte, um eine Einfuhr des Schlachtviehes von Frankreich auch nach Bayern zu ermöglichen.
* Eine heimliche Romsahrt des Bischofs Korum? Wie das resormkatholrsche „Neue Jahrhundert" aus sicherer Quelle erfährt, ist Bischof Korum von Trier ganz im geheimen, und zwar vor dem Münchener Nunzius und dein Kardinal Fischer aus Cöln zur mündlichen Information wegen der neuen Papstdekrete in Rom gewesen.
* Die Stellung der Juden im deutschen Heer. Der Zentral - Verband Üeu ts ch er Staatsbürger jüdischen Glaubens hatte am Sonntag in die Philharmonie in Berlin eine Versammlung berufen, in welcher die Stellung der Juden im deutschen Heer besprochen wurde. Professor Philippson und Landtagsabgeordneter Justizrat Cassel referierten. Man faßte eine Resolution, in welcher der Ausschluß von Personen jüdischen Bekenntnisses von den Offizier- stellen als vsrfasftmas- und reichsgesstzwidrig bezeichnet und Widerspruch gegen die Fortdauer dieses Zustandes erhoben wird.
* Deutsch-soziale „Kultur", über die sich anbahnenden
Wandlungen im Verein Deutscher Studenten ist die antisemitische Presse außer sich vor Wut. Die „Deutsch-Sozialen Blätter" fallen über einen dem Liberalismus (in allerdings vielfach von unserem Standpunkt aus irrtümlicherweise) gerecht werden wollenden Artikel im Taschenbuch des Kysf- Häuser-Verbandes her und begeifern den Liberalismus u. a. wie folgt: „Der Parlamentsfreisinn steht völlig unter der Fuchtel des jüdischen Börsenkapitals, die Abstimmungen beweisen das. Er hat in rein deutschnationalen Fragen stets und ständig auf seiten der Gegner gestanden. Unter dem „nationalen Block" war er schamlos genug, dreimal Reichs- intercssen an das kulturell minderwertige Polentum zu verraten. Auch über Dänen und Französlinge hält er stets schützend seine beredten Hände. Warm und eifrig wird der Liberalismus nur, wenn es gilt, für die Börseninteressen und das Judentum einzutreten. Abraham Eierweiß, Mandelstamm und Silbersarb sind seine Ideale, die ihm m&mses smseBsm!!a! !* *Bz sBsmms£SB!& si , !! i i! . a
ihm Prinzip. Er geht davon wohl einmal ab, aber nur, um den Ertrag für einen menschenfreundlichen Zweck zu verwenden, wie er z. B. größere Summen der verfolgten Sekte der Duchoborzen zu ihrem Auszug nach Kanada zu gewendet hat.
*
* Zur Flucht Tolstois. Eine beredte Sprache spricht der von Tolstoi hinterlassene letzte Brief. Er schreibt: „Suchet mich nicht. Ich fühle das Bedürfnis, mich vom Lärm und der Unruhe des Lebens zurückzuziehen. Diese ewigen Besucher und Gäste, diese ewigen Bittsteller, die Vertreter von Kinemato-graphen-- uirb. Grammophongesell- fchaften» welche mich in Jasnaja-Poljana geradezu belagern, haben mein Leben vergiftet. Ich muß mich von dieser Unruhe erholen. Das ist für meine Seele wie für meinen sündigen Leib erforderlich, der schon 82 Jahre in diesem Jammertal gelebt. Dreißig Jahre trug ich die Lebenslüge des Luxus und der Bequemlichkeit. Nun bin ich dessen müde. In Armut will ich das unglückliche Leben abschließen." — Tolstois Schn Leo, gleich seinem Vater Schriftsteller, lebt zurzeit in Paris. Er hat die literarische Arbeit zunächst aufgegebcn und beschäftigt sich mit Bildhauerei. Einem Mitarbeiter des „Journal" gelang es, von dem jungen Grafen Tolstoi Mitteilungen über die Motive der Weltflucht des Vaters zu erhalten. Graf Tolstoi erklärte zuerst, daß sein Vater deshalb für einige Tage ins Kloster Schamardinsky gegangen sei weil seine Schwester, Gräfin Maria Nikolajewna, die Oberin dieses Klosters sei. Trotz seiner Ansichten über die Kirche sei Tolstoi mit der frommen Schwester in inniger Beziehung geblieben; er konnte keinen besseren Zufluchtsort finden. Hinsichtlich der Verlagsrechte liegt die Sache so: Alle Bücher, die Leo Tolstoi vor 1880 geschrieben hat sollten das Eigentum seiner Familie bleiben unter der Bedingung, daß Tolstoi selbst mit ihnen oder ihren Erträgnissen nichts zu tun hätte. Hingegen sollten seine neuen Schriften, die nach diesem Termin erschienen waren, aller Welt gehören, übersetzt und nachgedruckt werden können, ohne daß seine Autorisation einzuholen oder ein Honorar zu zahlen sei. Durch dieses Übereinkommen war also die Familie vom
KMosdrrdsNsr TagbLatL.
vermutlich an innerem Werte nicht nur gleichen sondern ihn möglicherweise gar noch überragen. Dieser tiberalis- imrs ist, seitdem ihm die schönen Blockselle entschwommen, nur noch bösartiger geworden; wer ihn einem bewutzr deutschvölkisch Gesinnten als gleichwertig an die Seite stellt, der beleidigt diesen." Dieses sinnlos-verlogene Geschwätz, dieser fanatische Ausbruch kindischen Hasses wird hoffentlich gerade das Gegenteil von dem wirken, was damit beabsichtigt ist. Hier wird den aus falschem Idealismus zum Antisemitismus gekommenen jungen Akademikern gezeigt, welche Unkultur und damit welche un deutsche Art in dieser Parteirichtung liegt, die die Waffe der Ver- leumdung und der Verdächtigung gegen jeden Gegner schwingt. Ein Student von Feinempsinden muß sich angewidert fühlen von diesem Treiben.
* Maßnahmen gegen Pest und Cholera. Der „Reichs- anzeiger" veröffentlicht eine Bekanntmachung des Reichskanzlers, wonach wegen des Ausbruchs der Pest in Lissabon die aus dem Hafen von Lissabon nach deutschen Häfen kommenden Schisse und Insassen bis aus weiteres vor der Zulassung zum freien Verkehr ärztlich zu untersuchen sind. — In einer anderen Bekanntmachung des Reichskanzlers Wird die Anordnung, daß Schisse und SchisfspassagiLre aus Neapel und den Provinzen Bart und Foggia vor der Zulassung zum freien Verkehr ärztlich zu untersuchen sind, aufgehoben, da nach amtlichen Nachrichten die C h o l e r a an den genannten Orten erloschen ist.
* Ein erneuter Ausruf für den Schnapsboykott. Der „Vorwärts" veröffentlicht folgenden Ausruf: Die Branntweinsteuer zeigt trotz ihrer Erhöhung einen Minderertrag von I 6 V 2 Millionen Mark. Der Schnapsbovkott tut seine Wirkung, daß die Liebesgabe rund um 10 Millionen Mark vermindert werde. Sorgt dafür, daß diese Wirkung sich ständig steigert. Weg mit der Liebesgabe für die Junker, meidet den Schnaps.
Milhistsrveglttlg.
Korell als ReichstagSkandidat. In einer Ber- trauensmänner-Versamnrlung in Wörrstadt wurde für Alzey-Bingen einstimmig wieder Pfarrer Korell als Retchstagskandidat der Fortschrittlichen Volkspartei aufgestellt.
Dsev «Kd Fiotts.
Ein Wunsch des Kaisers. Durch den Militärober- pftirrer des Gardekorps, Dr. Leinz, erfolgte am Sonntag die Einführung des neuen Militäroberpsarrers des 5. und 6 . Armeekorps, 'Dt. Joppen. In der Eröffnungsrede teilte Dt. Leinz u. a. mit, bei der Truppenvereidigung am Mittwoch habe er aus dem Munde des Kaisers das Wort vernommen: „Ich wünsche, daß meine Soldaten täglich ihr Vaterunser beten."
Ein Torpedoboot gestrandet. Das Torpedoboot „ 8 . 20" mit Depeschen auf der Reise Sonderburg-Kiel unterwegs, ist im Südoststurm bei Alsen aus den Strand getrieben worden. Nach mehrstündigen Versuchen gelang seine Ab- bringung durch ein Kriegsschiff. Das Steuer des Torpedobootes ist schwer beschädigt.
Chile und die deutsche Marine. Die Teilnahme des deutschen Volkes an dem plötzlichen Tode des Präsidenten und an der Trauer der Chilenen um ihr Staatsoberhaupt wird u. a. auch durch die Beteiligung der Marine an dem Traucrzerernonicll zum Ausdruck kommen. Auf besonderen Befehl des Kaisers haben am Tage der Ausreise des chilenischen Kreuzers die an der Weser liegenden Marine- beftstigungen halb stock zu flaggen und feuern beim Sichten, bezw. Passieren des Kreuzers einen Trauersalut von 20 Schuß. Vor der Wesermündung werden deutsche Kriegsschiffe dem Kreuzer ein kurzes Geleit geben und gleichfalls einen Trauersalut feuern.
Deirisrise Dsi-r
Selbstmordversuch eines „Sultans" in Deutfch-Oftastika. Wie man der „Tägl. Rundschau" meldet, hat der Sangu- sultan Merere, der von der deutschen Regierung wegen Un- gehörigkerten zur Rechenschaft gezogen werden sollte, einen Selbstmordversuch verübt und liegt zurzeit im Hospital des Berliner Vereins für ärztliche Mission in Kidugala als Patient des Missionsarztes Dr. Oehme.
Ertrag der Werke ausgeschlossen. Ein einziges Mal nach dem Jahre 1880 Hai Tolstoi Geld verdienen wollen, um den Duchoborzen bei ihrer Auswanderung nach Kanada zu helfen." Es ist übrigens nicht das erstemal, daß mein Vater sich von der Welt zurückzieht, um in Erwartung seiner letzten Stunde Einkehr zu halten, bisher ist er aber tmitur zurückgekehrt. Ich hoffe, daß auch diesmal die Liebe zu den Kindern der; Sieg über die Sehnsucht mack» Einsamkeit davontragen wird." — Nach einer neueren Meldung stieg Tolstoi, da er unterwegs erkrankte, mit seinem Arzt und seiner Tochter Alexandra in Astapowa im Gouvernement Rjäsan aus und liegt zurzeit im ■ Stationsgebäude. Temperatur 40 Grad. — Die Gräfin Tolstoi, die zwei Selbstmordversuche machte, ist schwer erkrankt. Zwei Ärzte sind zu ihr berufen worden.
Konzerte.
Gestern abend hallte die Friedrichstraße wider von süßem Sang und Klang; rechter Hand, linker Hand — alles Musik: dort das „Lindner-Quartett" in der Loge Plato, — hier „Rehkops-Victor" im Kasino! Aus beiden Seiten dichtbesetztc Säle; die Mitwirkenden — lauter „Hissige" und lauter Wohlbekannte. Wer die Wahl hatte, hatte die Qual. So wählte ich denn zuerst die Kasino-Konzertgeber Frau Elsa Nehkops-Westend 0 rs zeigte sich wieder im Vollbesitz ihres ausgiebigen, dunkel-timbrierten All- Organs. Ihr Vortrag läßt sich aus feinere intime Wirkungen nicht viel ein: er malt am liebsten mit starken Al-fresco-Strichen und ist da seines Eindrucks gerade auf das größere Publikum stets vollkommen sicher. Die Sängerin brachte eine Reihe neuerer Lieder zu Gehör, deren musikalischer Wert nicht gerade auf schwindelnder Höye stand, die aber, so effektvoll ausgesührt, ihre Wirkung nicht verfehlten. Nächst Bungerts „Reinigung" und einem ernst gedachten, nur noch nicht flüssig genug geschriebenen Lied „Botschaft" von E. Diener, waren es besonders Lieder von dem hier ansässigen Komponisten O. Meyer, die durch ansprechende melodische Haltung und durch ihren zwar oft etwas schwer fallenden, doch nie schwerfälligen Klaviersatz
NberrÄ-Lftrsgitbs, 1. Blatt. 634.
Ausland.
GKrrrcrch-Mnga»'«.
Vom Verhältnis zu Italien. Die ungarische Delegation nahm das Budget des Ministeriums des Äußern an und sprach dem Grafen Aehrenthal den wärmsten Dank für dis Leitung der auswärtigen Politik aus. In de: vorhergehenden Debatte erklärte in Erwiderung auf die Ausführungen der Vorredner Sektionsches Gras Esterhazy namens des Ministers des Äußern, es sei bedauerlich, daß jede zur Verteidigung des Landes ergriffene Maßnahme von der öffentlichen Meinung Italiens als ein gegen Italien gerichteter Schritt betrachtet werde. Der Schutz oer Grenzen sei kein politischer, sondern ein sachlicher Gesichtspunkt. Die Weltgeschichte lehre, daß oft nicht der Nachbar, sondern ein Dritter durch das Land des Nachbarn einen Einfall aüf ein gewisses Gebiet gemacht habe. Noch weniger gerechtfertigt sei die Auffassung der öffentlichen Meinung Italiens hinsichtlich der Offensive zur See. Um wieviel klüger und dem bestehenden Bundesverhältnisse entsprechender wäre es, wenn iw Österreich-Ungarn wie in Italien die zur Kräftigung von Armee und Marine beiderseits fortgesetzts Arbeit, von -dem Gesichtspunkt beurteilt würde, wie gut sei -es, wenn beide, Österreich-Ungarn und Italien, ans der Adria stark seien, so daß, wenn irgend ein Dtitter es wagen sollte, dort einzudringen, beide ihn mit blutigem Haupte Zurückschlagen könnten. (Beifall.)
Die Beratungen der deutsch-tschechischen Ausgleichs- kommifsion haben sowohl im deutschen als auch tschechischen Lager die Erkenntnis gezeitigt, daß eine Ausgleichsaktion vorläufig als ergebnislos zu betrachten ist. Man will nun versuchen, das bisher gewonnene Resultat durch Schaffung einer Permcmenzkommission zu reiten. Der Prager Stadtrat nahm einstimmig gegen den deutschen Spmchenvorschlag, betreffend zweisprachige Amtle-, rung in Prag, Stellung.
Frankreich.
Maßnahmen gegen die Überschwemmung. Ministerpräsident Briand hatte mit dem Vorsitzenden der Überschwemmungskommission eine Besprechung. Alle Maßnahmen, die sofort gegen die Überschwemmung getroffen werden konnten, sind bereits ergriffen; die Vorbesprechungen über die Verbreiterung und Vertiefung der Seine sowie den Bau eines Ablaßkanals haben begonnen. Die Seine steigt langsam. Die Unwetter dauern fort, besonders in der Vendee und in den Ostpyrenäen. — In der Kammer erklärte der Minister der öffentlichen Arbeiten P u e ch, welche Maßnahmen zum Schutze gegen Hochwasser der Seine getroffen worden seien. Zahlreiche Kais seien erhöht worden. Der AMeitnngskanal, der 170 Millionen kosten solle, werde längeres Studium -erfordern. Mehrere Redner tadelten die Sorglosigkeit der Verwaltung und wiesen nach, daß große Schutzarbeiten erforderlich seien. Schließlich wurde eine Bertrauenskundg-ebung durch Handausheben angenommen.
Der Mittelstandskongreß zu Paris wurde in Gegenwart von 25 auswärtigen und 800 franzöfffchen Delegierten eröffnet.
England.
Der Prozeß gegen Leutnant Helm. In der Verhandlung gegen den Leutnant Helm erklärte der General- staatsan-watt nach kurzer Darlegung der Schuldfrage: Es sei dies die erste Strafverfolgung gegen einen Offizier eines anderen Staates wegen -eines solchen Vergehens. Das Ziel der Anklage sei insofern erreicht, als es klar gezeigt habe, daß die Aufnahme von Skizzen in der Weise, wie dies von Helm geschehen sei, und die Handlungen, die er vollsührt, ein Vergehen gegen das englische Gesetz darstellten und daher streng zu bestrafen seien. Da jedoch Hclm bereits vier Wochen in Haft gewesen sei, so bitte er um mildernde Umstände für ihn, vorausgesetzt, daß er sein rückhaltloses Bedauern über seine Handlungsweise au: spreche und sich verpflichte, sein Vergehen nicht zu wiederholen. Der Verteidiger Humphreys erklärte, Helm sei auf den Rat der
Beachtung verdienten. Die kräftigsten Farben mischt der Komponist in der musikalischen Illustration der Ballade „Das Gewitter": sie ist schon voriges Jahr im Kurhaus mit Orchesterbegleitung gehört worden; und wie sehr es dem Komponisten um die Hervorkehrung der äußerlichen Züge in der Charakteristik zu tun ist, bewies der gestern zur Klavierbegleitung hinzugefügte theatralische Apparat von Glockenschwang, Windeswehen und Feiertagsklaag „hinter der Szene". In solcher Form schlug „Das Gewitter" glänzend ein. Herr Meyer begleitete seine Kompositionen persönlich und hatte auch in der zu Beginn des Konzerts mit Herrn Victor gespielten Griog-schen Violinsonate (C-Moll) die Kla-vierpartie übernommen. Er überraschte aufs angenehmste durch sein klares, glanzvolles Spiel bel äußerst sympathischem, weichem Anschlag. Auf Edvard Erreg ist Herr Meyer ja bekanntlich fest eingeschworen, d-a er sich noch der persönlichen Anweisungen dieses Meisters zu erfreuen hatte,und seinerzeit in England für die Verbreitung der Griegschen Musik hervorragend tätig war. Und gerade diese Sonate scheint ihm besonders ans Herz gewachsen!
Herr König!. Kammermusiker Selmar Victor spielte die Violrnpartie in der Sonate mit verständnisvollem Eingehen auf alle Feinheiten und Eigenheiten des namentlich im 1 . und 2 . Satz so bedeutungsreich aus-blühenden Werkes, dessen seltsam nordisches Gepräge ungewollt fesselt. Wie in der Sonate, so fand Herr Victor auch in Bruchs G-Moll-Ko-nzert Gelegenheit, seine schwungvolle Bravour zu betätigen. Er spielte gestern mit besonderer Wärme, wenn auch vielleicht etwas ungleich: griff manchmal fast allzu kühn in die Saiten und gefährdete dann dte reine Schöne oder schone Reine des Tones, oder verlor sich (wie im „Adagio" des Konzerts) in eine gewisse Verzärtelung des Ausdrucks. Doch waren das nur schnell verschwindende Schatten in dem lichtvollen Ganzen; im übrigen kam gerade das virtuose Element bei lebendig-temperament- voller Auffassung in elegantester Form zu seinem Recht.
In Herrn Kammermusiker H. H e n n i g war ein hinreichend gewandter Klavierbegleiter zur Hand. Wie Frau Rehkopi-Westendori und Herr Oskar Meyer so wurde auch
/
/
