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Wiesbadener Tsgblstt.

geäfft.« «^^Uhr mergen» 27,000 ^ÖÜKKOltCIt. ^ 2 R>ÜZt§üWZllAtR. ^ Nr^Söv^S.

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Rr. LS3.

Wiesbaden, Dienstag, IE. November LVLV.

28 . Jahxgang.

Morgen - Kusgabe.

1. Mcrtt. _ __

Me ItDt'iiins dn ptaSilta ü Puglanö.

In merkwürdigen! Widerspruch zu der Beteuerung der deutschrussischeu Freundschaft auf Grund der Pots­damer Begegnung und zu dem Schwärmen der russi­schen Regierungspresse für eine Erneuerung der heili­gen Allianz mit Deutschland zur Abwehr revolutio­närer Bestrebungen steht, das Verhalten der russi­schen Regierung gegen die Deutschen in Rußland. Jetzt soll den Deutschen, wie wir berichteten, in Wolhynien und Podolien der Erwerb von Grundbesitz verboten werden. Stolhpin begründet diese Maßregel damit, daß eine Ausbreitung der Deutschen nicht weit von der Grenze staatsgefährlich sei. Dabei haben die Deut­schen in Rußland stets zu den treuesten Staatsbürgern gehört. Außerdem hat die russische Regierung seiner­zeit die Deutschen erst herein geholt, um die öden Länderstrecken zu kultivieren und zugleich vorbildlich auf die russischen Bauern zu wirken.

Wird den Deutschen jeder Grunderwerb in den fraglichen Provinzen verboten, so haben die Deutschen keine Möglichkeit, ihre Kinder zu versorgen. Sogar in ibrem jetzigen Besitz werden ihnen allerhand Beschrän­kungen auferlegt. Es heißt: die Deutschen dürfen

keinen Boden kaufen, pachten oder nur verwalten,

cr^azu kommt ein anderes. Mit den Südwestprovin- wn fängt man an, und in den anderen setzt man später die Drangsalierungen fort. Im Südwesten wohnen nicht viel mehr als 20 000 Deutsche. Aber im Süden, nach dem Schwarzen Meer hin, zählt man gegen eine halbe Million. Auch gegen diese, die im allgemeinen recht wohlhabend sind, hat sich die russische Regierung mancherlei erlaubt. Gegen sie wird man die Politik, b'ie man im Südwesten begonnen hat, fortsetzen. Die Stockrussen sind schon lange neidisch darüber, daß die deutschen Bauern es zu Wohlstand gebracht haben, wäh­rend die russischen unmittelbar daneben zurück­geblieben sind und nichts gelernt haben.

Leider sieht man bei uns die Gewalttaten der russi- schenRegierung gegen unseren deutschenStammesgenossen viel zu gleichgültig mit an. Mit einem gewissen Fatalis­mus glaubt mau, daß die Deutschen in Rußland unrett­bar der Russisizierung verfallen sind. Bisher ist aber kaum ein einziger deutscher Bauer russifiziert. Wie ganz anders z. B. nimmt man sich in Italien der Stammesgenossen in Österreich an. Das italienische Nationalgefühl ist da außerordentlich empfindlich. Man tut da fast, als gäbe cs gar keine Landesgrenze. Bei uns aber ist über allen Wipfeln Ruh. Wenn die Nüssen unsere Erregung nicht zu fürchten brauchen, so werden sie tun, was sie wollen und können.

Politische Merftcht.

Die ZrvMrgssnLsigttimg.

Voraussichtlich in der koinmendeu Woche wird das Staatsministerium über den Antrag der Ansicdtungs- kommijsionen für die Provinzen Posen und Wcst- preußen entscheiden, wonach eine Reihe von polnischen Gütern, ungefähr 17 im ganzen, die sich über mehrere Kreise verteilen, der Zwangsenteignung unterworfen werden sollen. Es ist heute noch nicht ani Platze, sich über den mutmaßlichen Beschluß des Staatsministeri­ums zu äußern. In politischen Kreisen wird inzwischen betont, daß die Regierung ihre Stellung zu der prakti­schen . Durchführung des Zwangsenteignungsgesetzes lediglich nach sachlichen Gesichtspunkten nehmen wird, daß also wieder Rücksichten aus innerpolitische Partei- zusaminenhänge und entsprechende parteipolitische Fol­gen bestimmend sein werden, noch auch Rücksichten der auswärtigen Politik. In diesen: Zusammenhänge wird versichert, daß es sich nur um eine Legende handelt. Wenn mehrfach behauptet worden ist, es hätten seiner- zert Versuche eines auswärtigen Staatsmannes, die Anwendung der Zwangsenteignnng mindestens hin- ansschieben zu helfen, einen gewissen Erfolg gehabt. Sie konnten ihn nicht haben, weil sie tatsächlich n i e - mals unternommen worden waren. Die Legende, so wird hinzugefugt, konnte durch ihre beharrliche Wieder­holung die Reellität nicht gewinnen, die ihr von An­fang an gefehlt hat. Wenn das ZwangsenteignungS- gesetz nun bald drei Jahre besteht, ohne bis dahin prak­tisch geworden zu sein, so spricht sich darin nur die zweifellos große innere Schwierigkeit der Sache aus, daß das Gesetz nur gegen erhebliche Beden­ken auch im konservative n Lager und bis in hohe Kreise hinauf durchzusetzen war. Diese Momente könnten nach der Ansicht politischer Stellen genügen, um die bisherige Verzögerung zu erklären, so daß cs nicht des Hineinziehens von diplomatischen Rücksichten bedürfte, die, wie Wiederholt versichert wird, weder bis setzt mitbestimmend wären noch es bei der bevorstehenden Entscheidung werden sein können.

Frmnrösische Aostsve.

L. Berlin, 13. November.

Mit Genugtuung nimmt man hier wahr, daß die Ergebnisse der Potsdamer Besprechungen in den leiten­den französischen Kreisen mit ruhiger und im Grunde genommen freundlich gefärbter Auf­fassung begleitet werden, wovon namentlich eine aus französischen Regierungskreiseu stammende Korrespon­denz imNeuen Wiener Tagblatt" Zeugnis ablegt. Tie darin ausgesprochenen Ansichten verstärken den Ein­druck, den man bereits aus dem Kommentar des Temps" zu der Potsdamer Begegnung gewinnen 1

konnte. Beide Kundgebungen sind um so kemerkens- - werter, als sie sich keineswegs bemühen, die Bedeutung der stattgehabten Besprechung-:: herabzusetzen; viel­

mehr heben sie gerade die positiven Momente hervor, stellen also fest, daß bestimmte Ergebnisse erzielt wor­den sind, finden aber in diesen Ergebnissen nichts, was iir Frankreich Unruhe Hervorrufen könnte, während zu­gleich anerkannt wchd, daß man in Petersburg wie in Berlin Befriedigung über das Erreichte empfinden darf. In hiesigen politischen Kreisen begnügt man sich mit der Feststellung dieses Eindrucks. Wenn freilich der Pariser Artikel des Wiener Blattes die Begegnung Von Racconigi in Parallele mit der von Potsdam stellt und jene so naturgemäß wie diese nennt, so ließe sich manches dazu bemerken, was den wirklichen Tatbestand in anderem Lichte erscheinen ließe, aber es besteht kein sachliches Bedürfnis, den Unterschied bei diesen: Anlaß zu betonen und die Frage zur Erörterung zu stellen, ob sich das Ergebnis von Racconigi ernstlich mit dem von Potsdam vergleichen lassen kann. Wichtiger als diese Frage ist die Wahrnehmung, daß der Charakter der Entspannung, den die Potsdamer Besprechun­gen gehabt haben, mit seinen nützlichen Folgen auch an der Sei n e bereitwillig anerkannt wird.

Deutsch es Kmch.

b. Für den Weihnachtstisch des Kronprinzen im fernen Öftesten ist bereits vor der Ausreise Sorge getragen wor­den. Der KreuzerGnegenau", der am 3. d. M. Wilhelms­haven zu seiner ersten Auslandsreise verließ und nach seiner Ankunft in Colombo dein Kronprinzen zur Weiterfahrt nach China und Japan zur Verfügung steht, hat vor seiner Ab­fahrt eine ganze Anzahl für das Weihnachtsfest bestimmte Kolli- an Bord genommen. Unter ihnen befinden sich auch mehrere Frachtkistcn, in denen die für den Kronprinzen be­stimmten Weihnachtsgeschenke des Kaiserpaares und seiner Geschwister enthalten sind.

* Mutter- mrd Säuglingsschuh. Die Ausdehnung der Bestrebungen der Preußischen Landeszentrale für Säug­lingsschuh macht bemerkenswerte Fortschritte, namentlich so­weit die Angliederung bestehender und die Begründung neuer umfassender Bezirks- oder Provinzialorgamsationrn für Säuglingsschutz in Frage steht. So ist der seit mehrere» Jahren mit bestem Erfolge tätigeVerein für Säuglings- sürsorge im Regierungsbezirk Düsseldorf-' kürzlich mit einem erheblichen Pauschalbeitrag der Landeszentrale als Zwcig- verein beigetreten. Nach seinem DoMlde soll, wie vor kurzem im Anschluß an einen in Cöln gehaltenen Vortrag des Geschäftsführers der Landeszentrale beschlossen wurde, die Organisation des Mutter- und Säuglingsschutzes in den übrigen vier Regierungsbezirken der Rheinprovinz erfolgen. In besonders systematischer Weise ist vor einigen Tagen der Mutter- und Säuglingsschuh in der Provinz Sachsen organisiert worden. Die Provinzialhauptstelle ist ebenfalls der Preußischen Landeszentrale unter Übernahme eines er-

Femüetorr.

Bet Maler des alten Berlin.

Von der überwältigenden und verwirrenden Groß­artigkeit des modernen Berlin wendet der heutige Mensch gern den Blick zurück nach jenen stilleren Tagen, da auch die Residenzstadt bei all ihrer Sittlichkeit noch eine be­häbig gemütliche Stimmung zeigte, einen ungewissen Stich ins Kleinbürgerliche hatte. Die unbewegten, trauten Zeiten des Biedermeiertums tauchen wieder aus; mit den tödlichen Mädchen mit langen Schmachtlocken und weiten tzaltenkleidern wandeln die Herren in hohem Zylinder, «Nermördern und langen, farbigen Röcken. Darum bringen . lt Dich den Malern, die diese idyllische Welt gestalteten, iüle »esondere Liebe entgegen, und vor allem steht heut oer Meister in unserer Gunst, der mit scharfem Blick und dichter Anmut den verschwiegenen Zauber und die reiz- volle Schönheit des alten Berlin geschildert: Franz Krügers Kunst, deren lang verschüttete Schätze o»rch die Jahrhundert-Ausstellung ins helle Tageslicht ge­ruckt worden sind, die uns heute als die Tat eines unbe- rMaren Realisten ganz modern anmutet und die ge- lu sm Entwickelung von Chodowiecki und Schadow i,u ..cenzel und Liebermann weiter führt, wird uns nun "ner soeben erschienenen ersten Biographie des Meisters «L,. r unf> ästhetisch nahe gebracht. In der bekannten der Velhagen und Klasingschen Künstlcr- lAiu-iU*-i 1 1 ^tehlt Max Osborn mit warmherziger An- Stite-Mm. und feinem, dem Stoff sich anschmtegenden Berlin " J?? m . ^ c i en und Wirken desMalers von Alt- Watjch» k lc *. 5t äer Rokokozeit der eingewanderte Vlame üsthiclt s F.feinsten Reiz des Pariser Lebens ersah und Dpree-Ättw uuch' der beste Schilderer Berlins nicht in aus dem <5 äÄarcn, sondern war ein Landwirtssohn 1812 die eru^Aststm Anhalt, der mit 18 Jahren in: Mai »e Fahrt nach der Residenzstadt antrat, die ihn

sein Leben lang festhalten sollte. Nach der neuen Heimat, wo er die Kunstakademie besuchte, brachte er eine große Liebe zur Natur und zu den Tieren n:it, unter denen er auf dem Lande ausgewachsen war. So lockte cs ihn denn weniger nach den mit toten Gipsstatuen vollgestellten Sälen der Akademie, als nach den königlichen Marställen, wo sich ihm schöne Pferde und Hunde als Stoff für seine nner- müdliche Lust zum Zeichnen darboten. Diese Stallbesuche sollen nach alter Überlieferung den Ausgangspunkt von Krügers großer Karriere und seiner Verbindung mit dem Hof gegeben haben. Ein prachtvoller Darsteller von Pferden und Hunden ist der Künstler, der später auf lange Zeit den Namender Pserde-Krüger" trug, stets gewesen, und so ist es begreiflich, daß die Stallmeister zuerst auf den junge,: Maler aufmerksam wurden und ihren Herrn von ihm erzählten. Aber 'Krüger wußte sei:: prachtvolles

Können bald auch an der Wiedergabe von Menschen zu er­proben und bewegte sich taktvoll und frei als ein eleganter Weltmann in den Sphären der höchsten Kreise Berlins, deren Portraitist ex geworden ist. Aus seinen großen Paradebildern und den: von Gestalten wimmelnden Bild der Huldigung Friedrich Wilhelms IV. ist mit fabelhafter Lebendigkeit alles zusammcngedrängt, was die preußische Hauptstadt damals an hervorragenden Persönlichkeiten im Reiche der Politik, der Kunst und der Wissenschaft besaß. Wohl kaum eine anziehende oder bedeutende Erscheinung dieser Kreise fehlt unter jener Fülle beseelter Menschenwesm, die Krügers nimmer müde, immer sichere Hand mit Pinsel oder Stift festgehalten. Auch ein entzückendes Bildnis Bis­marcks als elfjähriger .Knabe ist durch ihn ans die Nach­welt gekommen, des frischen und munteren Jungen mit den hell leuchtenden Augen, von dem damals sein Direktor am Berliner Grauen Kloster sagte:Das ist ja ein nettes Jungchen, den will ich besonders ins Auge fassen." Un­zählige Portraits hat Krüger mit einer erstaunlichen Ähn­lichkeit gemalt, die wir noch heute nachempfiuden. Er war ein fleißiger und guter Geschäftsmann, der so bald nicht eine Bestellung ablehnte. Aber sein echter Künstlergeist fand natürlich an dem einen Modell mehr Gefallen als dem

anderen, und das kam dann wohl in seinen Preisen znm Ausdruck. Davon wird uns eine hübsche Anekdote erzählt. Ein Herr G. H., Kaufmann in einer kleinen Stadt bei Berlin, und derstattliche Mann" seiner Heimat, wollte sich von Krüger malen lassen. Zögernd wagt er erst bei der dritten Sitzung nach dem Preise zu fragen, und der von seine«: Modell entzückte Maler entgegnet:Ach was, das ist ja Nebensache. Kost' fünf Friedrichsdor." Bei so billigen Preisen beschließt nun ebenfalls der Bruder des Gemalten, der gerade kein Adonis ist, sich adkonterseien zu lassen. Krüger nimmt ihn auch freundlich auf, und die Ar­beit beginnt. Wiederum während der dritten Sitzung, wie er es von dem Bruder gehört bat, stellt er seine scheue Frage nach dem Preise. Krüger blickt von der Staffelet auf, sieht sich seinen Mann noch einmal an, nimmt den Pinsel wieder zur Hand, streicht weiter aus der Leinwand herum und sagt:Kost' zwanzig Friedrichsdor!" Tableau!"Aber, Herr Professor", stottert der Kunstfreund aus der Provinz, ich denke, cs kostet fünf Friedrichsdor?" Krüger blickt er­staunt auf:Wieso fünf Friedrichsdor?"Na, Sie haben doch meinen Bruder für fünf Friedrichsdor gernalt."Ja, lieber Herr, Ihren Bruder hatte ich schlimmstenfalls auch umsonst gemalt! Bei Ihnen kostct's zwanzig Friedrichs­dor! Punktmn!" Mit praktischem -Sinn verband Krüger einen kecken Berliner Hmnor.Er war ein echter Spaß- vogetttz erzählt uns ein guter Bekannter von ihn:, voller Allotria in Wort und Tat: eine gutmütige Satire, nur ihn «erdend, belustrgto alle, btc chm näher standen Er batte das echte Berliner Mundwerk und schonte wederchoch noch

5>cm Von Cornelius gemalten BrldeD:e ^orhollc stand der große Erfinder war an- crkamtterwetse e:n ivenig guter Kolorist meinte er, das f. ct Zcmz vortrefflich, denn es erweckt in jedem die rrchtigste Empfindung der Vorhölle. Und als bei dem älteren unter uns Wohl noch erinnerlichen großm ttcedailleudrebstahl während einer Kunstausstellung in der Königlichen Akademie, der darum rätselhaft blieb, weil et Wahrend der Nacht bei festverschloffenen Türen ausaeführt Wurde, man sich fragte, wie solcher ermöglicht werden konut^