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Nr. 508. Wiesbaden. Montag, 31. Oktober 1910.

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58. Jahrgang.

Kbend-Kusgabe.

1. WccrLI.

Die -Ußkirkift des Kilmuriizn.

Atn 3. November schifft sich der deutsche Kronprinz in Genua auf dem ReichspostftampferPrinz Ludwig" ein, um zunächst nach Colombo zu steuern, bis wo­hin die Kronprinzessin ihren Gemahl begleitet. Nach dreiwöchigem Aufenthalt auf Ceylon wird dann an Bord des PanzerkreuzersGneisenau" die Forl- setzung der Ostasienreise erfolgen, die den Kronprinzen nach zweimonatigem Aufenthalt in Indien über Batavia, Banakog und Hongkong nach Tsingtau und nach drei­wöchigem Besuche Chinas nach Japan führen wird, von' wo auch der Kronprinz mitte Mai die Rückreise über die t r a ii s s i b i r i s ch e Bahnlinie antreten wird, wobei auch ein Besuch Petersburgs in das Programm einbegriffen ist.

Offiziös ist versichert worden, daß diese Orientfahrt ^ Kronprinzen lediglich den Charakter einer Studien- u n d Informationsreise trage iVnis daß ihr irgend welche politische Zwecke oder Ab- durchaus fern lägen. Das ist formell gewiß rich- w aber wenn derjenige, der nach menschlichen,, Er- ng f . hereinst an. die spitze des deutschen Reiches P;}' e lx) i r ö, eine solche Informationsreise in den Teil s. rcrhr- antritt, der nach allgemeiner Meinung tnel= j ? c . V y , \; c größten Entwicklung s m öglich - fit e n für die Weltpolitik bietet, so liegt die poli­tische Bedeutung einer solchen Studienfahrt in der ~acfi ( '- selbst. Wie derferne Osten" für uns in Wahr- hc-ii/ längst zum nahen Osten geworden ist, wie das «MethTsche Wort, daß Orient und Occident nicht mehr trennen sind, heute, ein Jahrhundert später, ver­doppelte Bedeutung gewonnen hat, so ist auch eine solche Informationsreise nicht mehr von der Politik trennen.

ö Und die Information tut uns in Ostiasien ganz besonders not, da einmal die meisten der Fehler, welche l-' deutsche Orientpolitik in den letzten Jahrzehnten beaangen hat, auf der mangelnden oder aus falscher In­formation beruhten, und da zweitens seit der Zeit, wo Kaiser Wilhelm die Völker Europas zur Wahrung ihrer boiliasten Güter aufforderte, ein völliger U in - schwung in Ostasien eingetreten ist. War schon da- mal^. als im Jahre 1800 der gemeinsameKreuzzug" Bestrafung Chinas unter der Führung des Welt­marschalls Waldersee stattfand, die Einigkeit Europas, ein das sich. sogar Japan angeschlossen hatte, recht brüchig, so haben seitdem die Anschauungen über d,e aelbe Gefahr" einen vollständigen Wechsel er­fahren. Die Englände r, denen man ja immer nachgesagt hat, daß sie schlechte Europäer seien, ver­

bündeten sich wenige Jahre nach dem China-Feldzug mit Japan. Wieder einige Jahre später fand' die blutige Auseinandersetzung zwischen Rußland und Japan um die Vorherrschaft in Ostasien statt, und als Nachspiel zu diesem Entscheidungskampse, der mit dem Sieae des Landes der ausgehenden Sonne endete, hatten wir jetzt das russisch-japanische Man- d s ch u r e i a b k o m m e n zu verzeichnen, welches an­scheinend den Vorläufer einer noch weitergehenden Ver­ständigung darstellt.

Ist somit die Grenze zwischen Europa und Asien, zwischen Weiß und Gelb vollständig verwischt. worden, so bereiten sich jetzt auch in Chi n a, das bis dahin als der Koloß mit den tönernen Füßen galt, Wand­lungen vor, von deren Anfängen wir soeben hören, deren Ende aber gar nicht abznsehen ist. Der schlafende Riese, auf dessen Kosten sich die bisherigen weltpoliti- scheu Umwälzungen in Ostasien zumeist vollzogen haben, scheint zum Leben zu erwachen. Wie die ihresgleichen nicht findende rapide Entwicklung Japans eine Art Jmitationspolitik nach europäischen Mustern darstellte, so beginnt man jetzt im Reiche der Mrtte eine Reform der Verwaltung und des Heeres, und schon ist ein Vorparlament zusammengetreten als erster Schritt zur Verwirklichung einer Verfassung nach abendländischem Muster. Mag' auch noch viel Wasser den ?)angtsekiang hinablaufen, ehe das chinesische Niesen­reich die Anfänge jener Entwicklung durchläuft, welche die weit intelligenteren und anpassungsfähigeren Japs in wenigen Jahrzehnten fast zu schnell für die Soli­dität dieses gewaltigen Neubaues! durch gemacht haben, so kann sich doch niemand der Erkenntnis ver­schließen, daß das bei weitem größte Reich Ostasiens am Beginn einer neuen Epoche seiner Geschichte steht.

So bereiten sich im größten der fünf Erdteile Wand­lungen vor, die früher oder später zu einer Um­wälzung der Weltpolitik führen werden. Und deshalb wird man es mit besonderer Befriedigung be­grüßen müssen, daß der Kronprinz des Deutschen Reiches bestrebt ist, die Länder dieses Erdteils durch e i a e n e A n s ch a u u n g kennen zu lernen, sich, soweit das im Rahmen einer solchen Reise möglich ist, über ihre Entwicklungsmöglichkeiten, über ihre Stellung zur Weltpolitik und über die Stellung der Weltpolitrk zu ihnen zu informieren. Tie Schlappen, welche die deutsche Diplomatie im Laufe der letzten Jahrzehnte leider mehrfach erlitten hat, beruhten, wie gesagt, nicht zuletzt auf der mangelnden Information, auf der unzu­reichenden Kenntnis von Land und Leuten seitens jener Diplomaten der alten Schule, die noch ihr Heil in der R e p r ä s e n t a t i o n s p o l i t i k sahen. Es wäre erfreulich, wenn man die Jnformatwnsreise des Kronprinzen als Zeichen dafür nehmen könnte, daß sich die so oft verheißene Re f o r m unseres d i p l o m a t i s ch e n Betriebes auch nach dieser Richtung hin geltend machen soll. _

DiZ Leutsch-frmlMschen Beziehungen»

wb. Paris, 29. Oktober. Präsident FalliZres emp­fing heute nachmittag den deutschen Botschafter v. Schoen in offizieller Audienz. Der Einführer des diplomatischen Korps, Mollard, holte den Botschafter von der deutschen Botschaft ab und geleitete ihn mit dem Botschaftspersonal in einem von einer Eskadron begleiteten Wagen zur Prästdeulschaft in das Elysöe. Ein Bataillon Infanterie erwies dem Botschafter, als er vor dem Elysse eintraf, d:e Ehrenbezeigungen. Der diensttuende Offizier Hellot und der Palastkommaniant Jacquillat empfingen ihn am unteren Ende der Freitreppe, während Mollard ihn zum Präsidenten geleitete.

Bei der Überreichung seines Beglaubigungsschreibens richtete der deutsche Botschafter v. Schoen an den Prüft- Leuten Falltärcs folgende Ansprache:

Herr Präsident! Indem ich Ihnen das Schreiben über- reiche, durch das der Kaiser, mein erhabener Souverän, mich bei Ihnen als Botschafter beglaubigt, möge es nur zunächst erlaubt sein. Ihnen zu sagen, wie sehr ich die Ehre der nur mi- vertrauten Mission empfinde. Entsprechend bestimmten Be­fehlen Sr. Majestät hat diese Mission d:e Aufgaoe, die guten Beziehungen, die in so glücklicher Weise zwischen rrrankreich und Deutschland bestehen, zu erhalten und zu befestigen und die schon so zahlreichen g e m e i n f a m e n In teressen beider Länder zu f ö r d e r n. Ebenso wie meine Vorgänger, deren Mit­arbeiter ich gewesen bin, werde ich nicht aufhoren, alle meine Bestrebungen auf die Erreichung dieser so wünschens­werten Resultate zu richten. Ich werde mrch gtucklicy icyatzen. wenn ich in der Erfüllung meiner Aufgabe dahrn gelange, >Zyr Vertrauen, Herr Präsident, sowie die Unterstützung der Regie­rung und der Republik zu gewinnen. Der Kaiser beauftragre mich, bei Ihnen der Dolmetsch der Gefühle der A cht u n g und Sympathie zu sein, die Se. Majestät in so hohem Grade für Ihre Person empfindet, und Jhnen^die Wünsche zu über- Mitteln, die er für die Wohlfahrt Frankreichs hegt. ^>ch haoe die Ehre, Herr Präsident, meine ehrerbietige Huldigung »ur den ersten Beamten der Republik hinzuzufügen.

Präsident Fallitzres erwiderte mit folgenden

Worten: .. . ,

ßetr Botschafter! Ich habe das große Vergnügen, dar Schrmben, das Sie als außerordentlicher Botschafter und be­vollmächtigter Minister des deutschen Kaisers beglaubigt ent- geaenzunehmen und See willkommen zu heißen. Die ^ounjche für die Aufrechterhaltung und Befestigung der guten Be­ziehungen. die zwischen unseren beiden Landern bestehen, und für die Entwickelung ihrer gemeinsamen Jnteresten, denen Sie soeben Ausdruck gegeben haben, entsprechen den Intentionen der Regierung und der Republik. Es war nur um so angenehmer, den Ausdruck dieses Wunsches aus Ihrem Munde zu vernehmen, als diejenigen, die den Vorzug gehabt haben, Sie wahrend ,,;yrc- ersten Aufenthaltes in Frankreich zu kennen, die Gesinnungen nicht vergessen haben, welche sie stets an oen >rag gelegt habem Wie Ihr hervorragender Vorgänger, so werden Sw bm uns nur das beharrliche Bestreberi finden, -ahnen dienst u f g a b e zu erleichtern, deren Erfüllung Sie Ihre Bemühungen widmen wollen. Als Kaiser Wilhelm Sse zum reuen Dol­metscher seiner Gedanken erwählte konnte er nicht daran zweifeln, daß hier ein s b m p a t h »s ch e r E m p f a n g ^hrer harrte Ich bin ganz besonders empfänglich iur die Wunsche, die Se. Majestät mir durch sie hat übermitteln laßen ebenso kür die Fornl, in welcher Sie Ihre Mission erfüllt haben. _ ^>h ttnitbe Ihnen dankbar sein, wenn Sie Sr. Maiestat mit meinen besten Wünschen meinen aufrichtigen Dank ausdrucken wollen.

Rach Beendigung des offiziellen Empfanges entwlcke.>e sich zwischen Falliöres und v. Schoen ein sehr herzliches

Fe mllel on.

Residenz-Theater.

Samstag, 29. Oktober: Neu einstudiert:Die

Londottieri." Schauspiel in 4 Akten von Rudolf Herzog. Spielleitung: Dr. Hermann Rauch.

Nach mehrjähriger Pause erschienen HerzogsEon- botticri" in neuer Einstudierung wieder auf dem Spielplan des Residenz-Theaters. Dys Publikum nahm das . Stück fast wie eine Premiere auf und folgte dem großzügigen Werke, das in seinem temperamentvollen Draufgängertum, in seiner rhetorischen Wucht so ganz das Gepräge des der­zeit meistgelesenen deutschen Dichters trägt, mit gespann­tstem Interesse, um nach den Aktschlüssen den Autor stürmisch hervorzurufen. Auch Da-. Rauch mußte erscheinen und den Dank für die neue, geschmackvolle Aufmachung und seine lebendige Regie, welche ein intimes Verständnis für die Intentionen des Dichters zeigte, in Empfang nehmen. Die Darstellung war in der Hauptrolle, der des alten Coleone, dieselbe geblieben. Wir konnten hier wiederum die markige Kraft und die stimmgewaltige Charakterisie­rungskunst des Herrn Rücker bewundern, die im Wesen immer dieselbe ist, aber den Ausdruck mit jeder Rolle wechselt vollendete Menschendarstellung. Das säst leopardenartige, triebhafte in der Natur dieses körperlich allen, aber seelisch noch so jungen, wilden Helden, das Ver­schlagene und doch geistig überragende brachte er voll zum Ausdruck. So lange dieser Coleone unter den Lebenden weilte, ließ er nichts neben sich auffoinmen, auch das starke Talent des Herrn Nessel träger nicht, der sich erst mit dem Tode des Condottiere voll in seine Rolle fand und schon an der Leiche des Vaters zum echten Erben jener großen oder wenigstens eingreifenden Eigenschaften wurde, die einen Heerführer jener Zeit machten. Sein ganzes Wesen war wie die zähe Biegsamkeit eines Bogens, sein

Geist wie die schnellende Sehne, eine Erscheinung voll an­mutiger Kraft, die ganze Darbietung voll Ausdruck und Eigenart, so daß wir sie fast noch über das Spiel des Herrn sietebrügge stellen möchten, der früher nut schönem Erfolg diese Rolle gab. Frl. Hammer spielte die Doga- rcssa und hatte als solche manch wirksame Szene, ohne jedoch an ihre männlichen Partner voll heranzureichen. Noch allzusehr mit den Eierschalen der Ansängerschaft, mit dem deklamatorischen Stil des Konservatoriums behaftet war das Spiel des Frls. v. Arloff als Jsabella. Glück­licherweise wurde die ränkevolle Ferrareserin ja bald er­drosselt, so daß sie das Konzert nur vorübergehend stSrre. Bieder und überzeugend spielte Herr Hager den Haupt­mann Gabriele, Herr Winter war als Gesandter.Karls des Kühnen jedoch nicht ganzein Kavalier, dem man den Kriegsmann im Gesicht geschncbc» sieht". Frisch und heißblütig gab Herr Ba rt ak den ehrgeizigen Cesare, indes Herr Miltner-Schönau als Vorsitzender im Rate der Zehn und Herr Dachauer als Arzt Gutes boten. Die Neuaufnahme des Werkes dürste sich allem Anschein nach für das Repertoire als eine erfolggesegncte Tat erweisen.

Satz. v. 13 .

Ueueröffmmg öes Mainzer KtndlthMers.

Das goldene Mainz war von jeher eine sestessreudige Stadt. Run hat cs auch den Umstand, daß seine Theater- crweiterung glücklich vollendet ist, wahrgenommen, um dns Geschehnis vielseitig zu feiern und zu begießen. Me mög­lichen Ergötzlichkeiten, sogar einen SchaufensterwRtvewero, beschwor das Thcaterscst herauf. Für uns hat d'esDing an sich» natürlich in erster Linie Interesse, ^ und S-iw schnurrten wir mit unserer so bequemen Verbindung, nur derElektrischen", noch der angenehmen Nachbarstadt^hin­über, :>m uns ihrer neuesten Errungenschaft zu freuen. Freilich, wir taten cs mit einem leisen Bangen. Der Musen- Inn? ntt8 Vinn ie&CX. UM eilt kühnes Btlb

zu gebrauchen, ans Herz gewachsen. Von den Dutzendm arötzerer Stadttheater, diesich unserer Kenntnis '-«cht ent­zogen", gefiel uns gerade dieser mit fernem trutzrg kräftigen Bau. mit seiner charakteristischen Rotunde, nut seinem be­haglich-vornehmen, wenn auch vom Alter stark ange­räucherten Zuschauerraum, den eine vorzügliche Akustik aus- zeicknet und söiner stattlichen Bühne innnw noch am beiten. Würde 'die von Daurat Gelius bewirkte Umtrempelung das Werk 'des Urarchitekten Möller nicht vvrschandelt haben? Aber siehe da, dieNeubearbeitung" hat dem Werke keinen Abbruch getan, sie hat es gehoben. So viel es ging, wurde der alte Charakter mit seinen ernsten Römcr- bauanklängcn gewahrt, ja, der Eindruck ist durch seitliche Turmbauten neben der erweiterten Rotrinde noch verstärkt, ftt fall nocb wuchtiger gemacht worden, und die malerische Schönheit des Platzes hat auch keine Einbuße erlitten. Man kann der Nachbarstadt, unserer schönen Rivalm, zu d^»r Renovation und Erwetteriing nur gratitlieren, zumal auch bckm Betreten des HauseS die Raunwerbesterungen im Treppenhaus Umgängen und im Foyer, alle eben so ein­fach als geschmackvoll dekoriert, alsbald aufs angenehmste empfunden werden. Der Zuschauerraum ist derselbe ge- blieberr. Noch spannt sich die schirmartige Malerei des Plafonds über Gerechte und Ungerechte, noch grüßen uns Re alten Malereien und Dekorationen, kaum, daß man sic hie und da mit einigen frischen Farben i'.nd Vergoldungen ein wenig herauskitzelte, noch spannt sich der mächtige Proszeniumsbogen, von keinen gähnenden Logenösfuungen

... t farbenreicher, etwa durch

rote Marmorimitation, gestaltet würde, worüber sich gewiß auch der neue, als Faltendckoration gemalte, geschmackvMe Vorhang freuen würde.

Eine festesfrohe Menge füllte den Saal. Sogleich mußte dem fremden Gaste der romanische Typ der Mainzer ftnd vor allen: der Mainzerinnen aussallen, der sich so kräftig und der Stadl den berecbtiatcn Ruf verschafft hat,