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Wiesbaden, Donnerstag, 27. Oktober 1©1©.
58. Jahrgang.
Morgen - Ausgabe.
_1. Matt.
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Nautische Kbrrficht.
Kranchr das KriegSMirristerrrrm dis Trmpvltzofsr Millionen?
Wie unglücklich die Rolle ist, die dasKriegsministerium bei dem Tempelhofer-Feldhandel gespielt hat, sieht inan au den eigenartigen Rechtfertigungsversuchen, die von dieser Seite gemacht werden. Ta heißt es in offiziösen Auslassungen, das Kriegsministerrum hätte Geld gebraucht, sogar 100 Millionen. Man setzt allerdings Vorsichtigerweise hinzu — im Laufe der Jahrzehnten.
Wie steht es nun mit der Geldnot des Herrn Ministers? Im Nachtragsetat vom 9. Juni 1909 erklärte die Regierung, daß in Zukunft in, ganzen Übungsplätze gebraucht würden für das Gardekorps, die Eisenbahnbrigade, das 2., 3., 16. uild 18. Korps. Aber zurzeit hat die Negierung nur ctu großes Gelände bei Zossen sich anstellen lassen für das Gardekorps und die Eisenbahnbrigade. Tie Kosten hierfür wie für die Errichtung der nötigen Baulichkeiten betragen 5 J /4 Millionen Mark. Dazu aber braucht die Regierung noch nicht einmal den Erlös aus deni Aufmarschgelände, der 6,3 Z/ttllionen Mark beträgt. Außerdem hat die Negierung sichrere Millionen aus dem Gelände an der Dreibund- straße erzielt. Vom Erwerb lveiterer Übungsplätze ist noch kein Sterbenswörtchen laut geworden. Tie Regierung hat also zurzeit noch Geld übrig, für das sie gar keine Verwendung hat, da sie den Gewinn laut gesetzlicher Vorschrift nur für gleichartige Zwecke verwenden darf und nach allen Erklärungen auch will. Wie wenig eilig die Regierung die ganze Sache vor der Volksvertretung gehabt hat, beweist der Umstand, daß sie die Forderungen des Nachtragsetats vom Inns 1909 nicht einmal in den letzten ordentlichen Etat eingestellt hat. Bisher ist also weder der Verkauf des Aufmarschgeländes noch der Erwerb des Truppenübungsplatzes bei Zossen vom Reichstag genehmigt.
Andererseits muß man den Berliner städtischen Körperschaften das Zeugnis geben, daß sie in jeder Weise bereit gewesen sind, dem Kriegsministerium entgegenzukommen, wenn es etwa Geld für Truppenübungsplätze nötig hätte. In den Verhandlungen der Stadtverordnetenversammlung ist ausdrücklich betont worden, daß der Magistrat dem Kriegsministerium an-
Feuilleton.
Ein zerstörtes Paradies.
Die schlimmen Nachrichten von der furchtbaren Wetter- katastrophe, die Süditalien und am verheerendsten die sagenumwobene Insel Jschia am Golfe von Neapel heim- gesucht hat, gipfelt in der traurigen Kunde: Easamicoiola und Lacco Ameno sind zerstört. Nur wüste Trümmerhaufen sind übrig geblieben von diesen anmutigen Siede- lungen, wo jährlich Taufende von Kranken voll Hoffnung Erlösung von ihren Leiden suchen, und obdachlose Einwohner irren heute mit trostlosen Mienen zwischen den zerstörten Wohnstätten umher, wo wenige Tage früher noch froher Lebensmut, Gesang und Lachen herrschten. Der Bewunderer italienischer Naturschönhcit, der bei seinem Aufenthalt in Neapel sich nicht damit begnügt hat, die traditionelle Fahrt nach Capri zu unternehmen, den sein Weg auch nach dem herrlichen Jschia geführt hat, wird diesen paradiesischen Fleck Erde nicht mehr aus der Erinnerung verlieren. Schon bei der Einfahrt in das herrliche Panorama des parthenopäischen Golfes ziehen die zackigen Kuppen des mächtigen Epomeo die Blicke auf sich, und wer der Verlockung nachgibt und am nächsten Tage nach Jschia fährt, ist seines Lohnes sicher. Das unglückliche Casamiceiola liegt an der nördlichen Seite des lieblichen Eilandes; in einein weiten Halbkreis schieben sich die ruhenden Fluten des blauen Mittelmceres in eine reizvolle Bucht, und hier, zwischen dem Blau der Wogen und dem Blau süd- italienischen Himmels, liegen in malerischer Unregelmäßigkeit die kleinen weißen Häuser verstreut, in denen die Be-
geboten hat, sofort in Verhandlunden wegen Ankaufs des Exerzierplatzes im Norden Berlins einzutreten, wenn der Minister Geld brauchte. Das war ein unnötiges Entgegenkommen, auf das denn auch der Minister verzichtet hat, weil er das Geld augenblicklich gar nicht verwerten könnte. Man sieht aus alledem wiederum, daß es auch mit dem Verkaufe des Tempelhofer Feldes jedenfalls nicht so geeilt hätte.
Raster und Uatortaud.
über das Verhältnis von Partei und Vaterland äußerte sich aus dem jungliberalen Delegiertentag der Abgeordnete Dr. Maurer in bemerkenswerter Weise. Cr nahm Bezug auf den oft gehörten Satz: „Das Vaterland über die Partei!" und sagte weiter: „Dieser Satz ist schuld dvran, daß wir nicht den Parteistandpunkt im politischen Kampf betonen. Wenn man aber davon erfüllt ist, daß man durch die Verwirklichung der Partel- ideale dem Vaterland am besten dient, dann ist es auch eine Pflicht, die Erfüllung der Forderungen der Partei immer anzustreben, weil man durch sie ja dem Vesten des Vaterlandes dient." Damit hat der Abgeordnele Maurer den Unwert einer Phrase gekennzeichnet, die leider in der politischen Agitation eine große Nolle spielt. Eine Partei, die überzeugt ist, auf allen Gebieten das Wohl des Vaterlandes zu ihrer Richtschnur zu machen, kann diese Unterscheidung von Vaierlandsinteresse und Parteiinteresse nicht gelten lassen, denn für sie fällt beides z u s a tu tu c n. Wenn eine Partei die Maxime: „Erst das Vaterland, dann wir!" als die ihrige erklärt, so waltet dabei wohl der versteckte Gedanke ob: „Die anderen Parteien sind weniger edel." Dieser Vorwurf ist nur dann berechtigt, wenn die Ziele des Gegners zum Wohle des Vaterlandes in einem bewußten Gegensätze stehen. Mehr Sinn würde der Satz haben, wenn man ihn auf das wirtschaftliche Gebiet und die Klassen übertrüge: „Erst das Vaterland, die Allgemeinheit: dvnn unsere besonderen Interessen!" Aber wie schlecht würden da bet einer genauen Kritik manche fahren, die gerade mit Emphase ihre „Vaterlandsliebe" rühmen!
Russischer „KMtursegeu" in Fruukuud.
In welcher Weise die russische Negierung den Kulturaufgaben Finnlands gerecht zu werden sucht, geht aus folgender bemerkenswerter Tatsache hervor. Nachdem das finnländische Budget für 1910 nun endlich im Oktober — 10 Monate zu spät — die Sanktion des Kaisers erhalten, zeigt es eine für europäische Augen geradezu monströse Gestalt. Bei dem Läuterungs- Prozeß, den es im Schmelzofen des russischen Ministerrats ■ erfahren, sind u. a. folgende Posten für Kulturzwecke einfach gestrichen worden: für neue Volksschulhäuser 1100 000 M., für Volkskindergärten 100 000 M„ für Linderung der Arbeitslosigkeit 200 000 M„ für eine Heilanstalt für unbemittelte Tuberkulöse 300 000 M., für eine Jrrenheilanstalt 700 000 M., für ein allgemeines Krankenhaus 500 000 M., für die Einrichtung des bereits fertigen Nationalmuscums in Helsingfors 320 000 M., für notwendige Neubauten der Universität 525 000 M., für Wegebauten im nördlichen Finnland
wohner der Insel gastfrei der: Fremden aufnehmen. Die ganze Insel ist üb ergrünt von Kastanienwäldern; von Haus zu Haus ziehen sich dunkle, üppige Hecken von Myrthengebüsch, und das falte Grün des Sor&cctS leuchtet auf.
Aber Vre Natur hat die Wirkung dieses idyllischen Bildes mit ernsteren Akzenten gesteigert, an den Ufern türmen sich trotzige Felsen, und mitten durch das Grün des Hanges ziehen breite, dunkle Streifen: die Lavaströme, die einst aus den Schlünden des Epomeo niedergingen und Tod und Verheerung in die Tiefe trugen. Noch heute, sechs Jahrhunderte, nachdem der letzte große vulkanische Ausbruch stattfand, muten diese breiten, schwarzen Stein- und Aschcnströme so frisch an, als habe der Grimm des im Krater gefangenen Riesen Typhäus sie erst gestern zu den verhaßten Menschlein hinabgesandt. Doch hin und wieder ranken im Gestein Tamarinden und Oleandergebüsche, am Ufer der Lavaflüsse blühen Alcäs und Kakteen, und dicht daneben hat der Mensch seine Arbeit fortgesetzt, dunkle Orangen- und Zitronenbäume spenden ihren Schatten, und weithin über die Hänge ziehen sich die grünenden Weinberge, die den feurigen Jschiaswcin schenken. An Mandel-, Pfirsich- und Feigenbäumen vorüber führt der Weg empor zu den Höhen des Epomeo, dessen bizarre, zylinderförmige Spitzen in den Himmel empor ragen. Hart auseinander folgen die Kontraste, an den lieblichen Wiesenhang grenzen schroffen Felsklüste, und hinter den Maisseldern türmt sich die Lava zu kleinen Hügeln. Aber der Blick vom Bergesgipfel entschädigt für die Mühen der Wanderung: weit ausgebreitet in der Tiefe liegt der herrliche Golf von Neapel, der Kegel des Vesuvs zeichnet sich gegen den Horizont ab. und dort südwärts, dort liegt Capri, die Wnnderinsel. Hier maa in vergangenen Zeiten Viktoria Cokonna. la
200 000 M., für Kanalbauten 500 000 M., für Volks- bibliotheken 65 000 M. usw., im ganzen eine erkleckliche Anzahl Millionen. Wem diese „Ersparnisse zugute ge- komnien sind, geht aus folgenden Zahlen hervor: die Gehälter der diensteifrigen Herren Senatoren und des Chefs der Kanzlei des Generalgouverneurs sind um mehr als 25 Prozent erhöht worden und betragen jetzt 26 000 bis 30 000 M. und ein Betrag von mehr als 100000 M. ist für — neue Zensoren angesetzt worden! Der Rest soll für die unvermeidlichen militärischen Zwecke in Anspruch genommen werden!
Ta Herr Stolypin nicht müde wird, die europäische öffentliche Meinung davon zu überzeugen, daß seine finnländische Politik keine kulturfeindlichen Ziele verfolgt, so dürften die obigen Zahlen eine interessante Illustration zu dieser seiner Behauptung abgeben.
Deutsches Reich.
* Der neue Reichsetat. Die mündlichen Verhand
lungen des Reichsschatzamtes mit den einzelnen Ressorts über den Neichshaushaltsetat des Jahres 1911 sind nunmehr nach der „Neuen Pol. Korr." zu Ende geführt. Tie Sonderetats: für den Reichskanzler und . die
Reichskanzlei, für das Reichsmilitärgericht, für die Reichsjustizverwaltung, für das Reichseisenbahnamt, für den Rechnungshof des Deutschen Reichs und für die Rcichsdruckerei sind dem Bundesrat schon zugegangen und die Drucklegung hat bereits begonnen. Die übrigen werden gegen Mitte November folgen. Ter Reichstag wird den vollständigen Etat bald nach seinem Zusammentreten erhalten.
* Das Huldigungstelegramm der Türken an den Kaiser. Ter Wortlaut des Huldigungstelegramms an Kaiser Wilhelm, das in der Versammlung zu Kon- stantinopel beschlossen wurde, ist folgender: „Als Mitglieder der großen muselmanischen Familie, die in allen ihrer: Nöten in Eurer kaiserlichen Person einen erhabenen Helfer und Schützer fand, wurden die Perser, welche seit fünf Jahren einen Verzweiflungskampf um ihre Freiheit führen, von e n g l i s ch e n I n v a s i o n s- drohungen schwer betroffen. In Erinnerung der Worte, in denen Eure Majestät 'am Grabe Saladins die Herzen von 350 Millionen Mohammedanern höher schlagen ließen durch die Zusage Ihrer Hilfe für Erhaltung ihrer Rechte, rn Erinnerung der edlen Handlungen, durch welche Eure Majestät die Dankbarkeit der islamitischen Welt in der mazedonischen und marokkanischen Frage sich erworben haben, hoffen wir, daß Sie Ihre unschätzbare Intervention- dem bedrohte!: Persien nicht versagen werden. In einer großartigen Versammlung haben Tausende von Mohammedanern uns beauftragt, Eurer Majestät diese Hoffnung zr'.gleich mit den Gefühlen der Dankbarkeit und Ergebenheit zum Ausdruck zu bringen. Die Welt des Islam weiht heiße aufrichtige Gebete Eurer Majestät, der Kaiserin und dem deutschen Volke." Ter Regierung ist es natürlich unangenehm, von der persischen Kolonie in Konstantinopel und von einigen Türken als „Stütz-
Dwina, oft geisessen und hinabgeblickt haben aus das Jschia, das die berühmte Dichterin, die Muse Michelangelos, zur neuen Heimat erkoren hatte. Aber der Epomeo, der dem trunkenen Auge so herrliche Genüsse bietet, ist ein trügerischer Freund der Bewohner von Jschia.
Mehr als einmal hat der trotzige Berg, der unbeschadet seiner geringeren Höhe durch seine wunderlichen, schroffen Formen, durch seine steil emporragenden, zerklüfteten Felsen dem Auge fast größer erscheinen will als der Vesuv, Tod und Verderben ausgesät. Als in fernen Zeiten die erste» Ansiedler die einsame Insel betraten, Euböar und fleißige Kolonisten, die Hiero von Syrakus entsandt hatte, trotzte der Epomeo dem Erobcrungszng der Menschen und blieb auch Sieger, denn die Ausbrüche des Vulkans vertrieben die Einwanderer, und Jahrhunderte lang blieb Jschia wieder frei von Menschen. Das Vierielhunderttausend von Bewohnern, das heute Jschia seine Heirstat nennt, ist griechischen Ursprungs, gleich den Bewohstern Capris, ein heiteres, gastfreies Volk, dessen malerische, reizvolle Landestracht den Verlockungen neuer Zeiten widerstanden hat; reich und farbenfroh ist das Kostüm der Bäuerin und dabet von einer Reinlichkeit, die gar nichts Süditalienisches an sich hat. Aber den Stolz der Kleidung bildet das Seiden, tuch, das mit geschicktem Griffe turbanartig gerafft und geknüpft wird. Lasamicciola selbst, das durch seine Sec- und Sandbäder berühmt ist, vor allem aber durch die heilkräftigen alkalischen Quellen, die in der Schlucht Omvrasco entspringen, schien eine Zeit lang als Badeort einer großen Zukunft entgegen zu sehen.
Doch die Tücke vulkanischer Mächte hat immer wieder alle Hoffnungen zerstört. Zwar hat der Epomeo seit dem Schreckensjahre 1392, in dem Tausende vom Menschen einen furchtbaren Tod fanden, keine Lavamassen mehr ausge»
