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Nr. 487.

Wiesbaden, Dienstag, 23 Oktober 1910.

58. Jahrgang.

Morgen - Ausgabe.

_ 1. Matt. _

ZMv Wovenrbev und Dezember

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Wiesbadener Tagblatt"

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Aus Geheimnis des PoLichineü.

Von Gevrg Gotheiln, M. d. R.

Bei dem Prozeß wegen Beleidigung des Landrats b. Maltzahn hat die Verteidigung, um darzutun, wie allgemein die Staatsbeamten in den Dienst der konser­vativen Partei gestellt werden, auf Verschiedene Mrw teilungen von mir hingewiesen und beantragt, mich darüber zu vernehmen. Ter Gerichtshof hat diese Ver- nehmung abgelehnt, nachdem der Staatsanivalt die von inir früher in der Öffentlichkeit gemachten Mit­teilungen als wahr unterstellt hat. Da deren Wieder­gabe aber nicht überall korrekt ist, halte ich es für an- aemeisen, die in Frage kommenden drei Punkte noch einmal klarzustellen:

t. Während ich noch Assessor und Hilfsarbeiter des Bcrgrevierbeamten in Wildenburg war, wurde ich vom dauialigelr Oberberghauptmaun vr. Huhsseu tele- grap'.sch uoch Berlin bestellt und mir zu meinenr Er­st auncu das vielbcgehrte Bergrevier Magdeburg ange- votcn, um das sich mein damaliger Ehest der zirka 20 Jahve länger im Dienste war als ich, auch beworben hatte. . Die Sache hatte aber einen Haken. Es lvurde t'ßU wir verlangt, daß ich mich dort im konservativen Interesse parteipolitisch betätigen sollte. Wie der da- tiTalf(TC Oberberahauptmann erklärte, legte der dortige Oberpräsident Herr v. Wolfs entscheidendes Gewicht darauf, daß nur konservative Beamte in Magdeburg seien, und öäfr sich diese an der politischen Arbeit be­teiligten. Als ich erklärte, ein derartiges Opfer meiner Politischen Überzeugung als anständiger Mann nicht bringen zu können, bedauerte der Oberberghauptmaun, nur das Magdeburger Revier nicht geben zu können.

2. Im Jahre 1886 hielt ich mich im Seebad Wester­land auf und erhielt von meinem Vetter, dem damali­gen Oberpräsidenten v. Steinmann, der meinen Namen in der Kurliste gelesen hatte, eine freundliche Ein-

Feuilleton.

ZchWSöische §SZsffion°

Berlin, LZ. Oktober.

Ein interessantes malerisches Gastspiel gibt die Schwe­dische Sezession, die Stockholmer K cnstnär s-F ö rb un d c t, in dem Haus der Verbündeten um Kursürstm'damm.

Sie ist, 1886 begründet, eine der ältesten solcher freien Vereinigungen.

Eine fesselnde Tempera men tschau bietet sich, und vor altem ist es die Lanofchaft, die hier zu starkem mannigfachen Ausdruck kommt.

Der sachliche Karl W r l h e l m s o n, der auch in seinen spanischen Zigeuncrbildern mit L"dergesichtem, strähnigem Haar, versengten, wie von der Sonne verdorrten Farben gegen kalkrg-grellwciße Mauern sich streng und kühl gegen Phontafieversuchung hält, bringt die Hellen Stunden auf dcm Lande, die Sommerblankhcit Svcas, rote Dächer, gelbe Häuser, lichte, streifige Stoffe, flinkes Wasser sarbentupfig mit den Booten der Kirchdörfer.

Andere, wie Aron Gerte, mit seinen alten Häusern im grünsahlen Frühschein, verdichten die Landschaft lyrisch als traumschwebenden Seelcnzustand. Die meisten aber lockt die wilde koloristische Magie der nordischen Natur mit ihrem Fnoco der Lichtphänomen-e und ihren gigantischen Feuerwerken; dieser nordischen Natur voll pittoresker Wun­de', von der Björnson inÜber unsere Kraft" sagt:in dieser Natur ist etwas, das auch von uns das Wunderbare fordert. Die Natur selber geht ja über die gewöhnlichen Grenzen hinaus. Wir haben fast den ganzen Winter hin­durch Nacht, wir haben fast den ganzen Sommer hindurch Ta.g, und dann steht die Sonne Tag und Nacht über dcm Horizont. Hast du sie schon in der Nacht gesehen! Von den Seencbeln verschleiert, erscheint sie drei-, ja viermal so groß als sonst. Und die Farbenwirkung. die sie auf Himmel, Meer und Felsen ausübt. Vom stärksten glühend­sten Rot bis zum feinsten zartesten Gelb Weiß. Und die Farven des Nordlichts am Winterhimmel! Wenn sic auch

ladung,. ihn zu besuchen. Bei diesem Besuch hat Herr v. Steinmann, der sich in sehr offenherziger Weise mtr gegenüber äußerte, sich u. a. dahin ausgesprochen, daß die Tätigkeit eines Oberpräsidenten ebenso wie die des Landrats nach den Wahlen eingeschätzt werde, die sie z u st a n d e b r ä ch t e n, und daß es daher notwendig sei, auch in die Ehrenämter nur zuverlässige Personen zu bringen. Ich bemerke dazu, daß sich da­mals der politische Kamps in Schleswig-Holstein und Lauenburg nur verschwindend gegen die Sozialdemo­kraten, im wesentlichen gegen die Freisinnigen und auch gegen die Nationalliberalen richtete.

3. Im Reichstag habe ich vor ungefähr 6 Jahren von einer Unterhaltung mit einem hohen B e a mt e n Mitteilung gemacht, worin mir dieser sagte:Wie ist es möglich, bei uns liberal zu regieren? Seit 25 Jahren ist kein Landrat, kein Regierungsrat oder Re­gierungspräsident, kaum ein Oberpräsident, kein Amts­vorsteher, kaum ein Gemeindevorsteher in» Ostelbien bestätigt worden, der nicht konservativ bis in die Knochen gewesen wäre. Wir befinden uns in einem eisernen Netz konservativer Verwal­tung und S e l b st v e r w a l t u n g, und es gehört eine ungewöhnlich starke staatsmännische Kraft dazu, dieses Netz zu zerreißen, und sagen Sie selbst, wo Ware eine solche ungewöhnliche staatsmännische Kraft zu finden?"

Da der betreffende bohe Beamte noch lebt, bin ich nicht in der Lage, seinen Namen zu nennen. Im übri­gen hat er mir wegen Wiedergabe dieser seiner Äutze» rung im Reichstag nicht den geringsten Eimoand gemacht. Charakteristisch war, daß im Reichstag nie- mnnfc an der Wahrheit dieses Gespräches gezweifelt hat, und nur der alte Abgeordnete v. K a r d o r ff weh­mütig meinte, cs sei ihm leider sehr wohl bekannt, daß es unter den hohen Beamten Leute gäbe, die solche Ge­sinnung hätten!

' Wenn nun setzt der Staatsanwalt, der Nebenkläger und vor allen Dingen die Leitung der Verhandlung in dem Prozeß gegen den Rittergutsbesitzer, Becker es so därstellen, als ob in dem Vorwurf derartiger politi­scher Betätigung der Beamten eine uner­hörte Beleidigung läge, io sieht man gerade in konservativen Kreisen diese Betätigung als selbst­verständlich an, ja als das, was man von Be­amten zu beanspruchen hat. Es sei aber auch noch an die verschiedenen Telegramme von Landräten unv sonstigen höheren Beamten an Bismarck erinnert, wenn es gelungen war, einen freisinnigen Abgeordneten bei den Wahlen zu verdi'änaen. Die politische Be­tätigung unserer Landräte z u g u n st e n der konservativen Partei ist eben das Geheimnis des Polichinell, jenes Gebeimnis, das jedermann keniit.

gedämpft sind, so ist doch wieder eine so wilde Zeichnung darin, eine Unruhe, ein ewiger Wechsel! Und dann die anderen Naturwunder! Diese Millionen von Vogel­zügen". . .

Alle diese Motive tauchen hier in Landschastsbildern auf, die visionär-halluzinatorisch wirken . und dabei ganz naturhaft echt sind.

Richard Lind ström mit seinenSchären"strmmun- gen seinen Mccrfelfen, seinen übergangsstunden, instru- mcntiert diese Magien in Farben, doch rauschender noch Axel Sjöbcrg. Bei ihm erschimmern die Emaillierun­gen von Stein und Erde durch die Reflexe des Lichts. In weißen Nächten rieselt's und irisiert es wie von farbigem Perltau. D'ark ein feu der Natur spielt flammende Sinfonien.

Fesselnd ist dabei die Beobachtung der Ansdrucksmittel der Technik.

Helmer Herzhoff pointilliert, doch nicht mit Punk­ten, sondern mit Ovalen. Er erreicht damit die Wirkung, daß Boden, Fels und Meer wie Üne schwelgerische Brokat- mnsterun.z scheinen. Und solche dekorativ-ornamentalen Phänomene farbigen Abglanzes tauchen, wenn man auf nordischen Meeren fährt, sehr oft verwirrend auf.

Karl Nord ström rührt seine Farben breiig, remouladcnhaft an und streicht sie brcitslächig hin.

Dadurch bringt er das eigentümlich Ballige von Berg und Felsen; das an Wolken- und Nebelbildungen erinnerr, ausdrucksvoll zur Erscheinung.

Die Magien nächtlicher Straßen entdeckt sichJansson.

Laternen im Nebel, wie Dotter wabernd, schwanken, und ansteigend schlingen sich ihre Scheine zu einer Girandola. Crebuscule Phantasien sind das. Schlittschuh­läufer in der Dämmerung werden zu Inferno-Schatten­spielen; in den mille reflets trieft es und glitzert's wie von einer Sternendämmernng und einer Milchstraßcn- seerie. Und die auf- und abwallenden Tiefen des Notturno wirken wie vom Ballon aus gesehen. . .

Unddiese Millionen von Vogelzügen". . .

Bruno Liljefors ist ihr meisterlicher Beschwörer.

Seine Taucher, Wildenten, Wildgänse sind frappant

Uolitische Kberstcht.

Schicksale eines Reichsgesetzerrtwurfes.

Seit 1894 ist im Reichstag fast Jahr für Jahr durch Anfragen und Anträge der Abgeordneten Hasse, Gras Arnim, Hieber Beck u. a., durch Petitionen großer vaterländischer Verbände, durch die Wissenschaft, die öffentliche Meinung und schließlich auch ans dem so­eben stattgefundenen Kolonialkongreß erörtert und festgestellt worden, daß unser Staatsange hör: g- kertsgesetz vom 1. Juni 1870, also aus der Zeit vor der Reichsgründung, veraltet, schädlich, ja verderb­lich sür unsere gewaltigen Interessen rm Auslande ist und deshalb schleuniger Änderung dringend bedarf. Wie steht die Reichsregierung zu dieser Frage, die immer weitere Kreise unseres Volkes als eine deutsche Herzensangelegenheit bewegt? Nach den stenographi­schen Berichten des Reichstags erklärte der frühere Staatssekretär des Innern Graf Posadowsky am

25. Januar 1901:es sei ein Gesetzentwurf fertig-

gestellt", am 19. Februar 1903:der Entwurf habe

nmgearbeitet werden müssen, die Hoffnung sei aber nicht ausgeschlossen, daß er in der nächsten Session vor» gelegt werden könne", am 17. März 1906:ein fertiger Gesetzentwurf liege auf seinem Schreibtisch". Am

26. März 1908 sagte der damalige Nachfolger des Grafen Posadowsky, jetzige Reichskanzler:

Darüber dürfe kein- Zweifel sein, daß jenes Gesetz vom l. Juni 1870 den Wandlungen nicht mehr Rechnung trägt, die das Deutsche Reich seit dem Erlaß des Gesetzes durchgemacht hat, nicht der Aus­breitung, die das Deutschtum im überseeischen Handel und Verkehr gefunden, nicht der Erkenntnis, daß wir alle die Deutschen, die draußen im Dienste des Vater­landes Arbeit leisten, nicht fahren lassen dürfen und nicht fahren lassen wollen. Tie Arbeiten wegen der Reform seien leider im vergangenen Jahre (1907) auf einen toten Punkt geraten; er könne aber, nachdem seit geraumer Zeit jene Arbeiten wieder ausgenommen, die Hoffnung aussprechen, daß es nunmehr in kürze- st o r Zeit gelingen wird, dem Reichstag eine Reform­vorlage zu machen."

Seitdem sind wieder Jahre vergangen, der arrge- knndigte Entwurf liegt noch immer nicht vor. Die ge­heimnisvollen Schwierigkeiten, welche Staatssekretär und Reichskanzler bisher verhindert haben, ihre Zu­sagen erfüllen zu können, werden der Öffentlichkeit vor» enthalten. Ist es da verwunderlich, wenn jetzt der laute Rn r nach Selbsthilfe ertönt und der Reichstag aufge- fordcrt wird, zur Vermeidung weiterer schmerzlicher Verluste an wertvollem deutschen Blut aus eigener

erfaßt, mit scharfem Jägerblick zur Strecke gebracht und dabei mit dem schwingenden Naturgefühl des Lyrikers in ihren: Element erkannt. Grane Hälse und Schachbrettge- fieder wiegen sich im blaugrünen Wasser. Durch gelbgrau- fascrige Binsenstriche ziehen die Haubenköpfe der Lappen- tancher. Die niederschlagender: Wildgänse kommen mit ab- flattcrndcn Flügeln und abgestreckten hängenden Stelzer» nach unten, und am Boden fliegt ihr Schatten.

Ornamental wirken manchmal diese Raturcmsschnitte, vor allem die Flächcnspiele des Wassers mit Sprenkel- und Kringelmotiven in farbiger Absetzung.

Auch Sjöbcrg malt Tiere: Ei'dervögel mit weißen Halslragen in grüngrschtigcm Wasser, Ko-rmorane, auf dem Fischfang, dunkelfchwebend über der Flut, .ansgeplnstcrir Möven in blauer Nacht. Und den delikaten Sinn für das Ornamentale in der Natur zeigt er in der Schwanenstreckc nrit der heraldisch-steilen Front der «usgerichteten Hälse.

Bei Liljefors und Sjöberg denkt man an Knut Hamsuns Pan. Hier wie dort spürt man regsam die witternden Sinne und Instinkte des Jägers und damit in Einschwingung das elementarische Gefühl des Künstlers.

Eirr ganz anderes Temperament zeigt Nils K r e u g e r. Seine Landschaften, Heiden, Wiesen, Strandflccke mit Schafen, Pferden und Kühen manchmal in der körnigen Tongebung Seganiinis, haben etwas Beschwichtigtes, Ruhevolles, etwas patriarchalisch biblisch Idyllisches.

Ein Typ für sich ist in diesem Kreis Gösta von Hennings- Er hat etwas Pariserisches, der Katalog bemerkt vorbeugend:hat nie die Kunstzentren des Aus­lands besucht", trotzdem kann er Anregung Pariser Kunst durch Bilder bekommen haben. Er liebt die Zirkussphärc mit rot und blauen Clowns, die VarietLoptik mit lumi- neusen Flrttern und den verwischten Gesichtern der Tänze­rinnen, Monlrnszenen, das Färbentremolo des Faschings. In der Biz c:tc des Ausschnitts sucht er Wirkung, und im Bild der oallspielenden Clowns führt er die Rahmen­linie so, daß dem einen Clown der Kopf darnit abgefchnitten wird.

Die schwedische Landschaftskrmst erscheint uns persön­licher und darum wertvoller als diese Exzentriks. F-P-

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