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Nr. 49«.

Wiesbaden. Montag, 24. Oktober 1910.

58. Jahrgang.

Kbend-Ausgabe.

1. Wkatt. _

KoMsche Merstcht.

Zmangsentoignung.

Tie Ansiedlungskommission für die Provinz Posen soll, so wird behauptet, nunmehr einen offiziellen An­trag beim Staatsministerium dahin gehend gestellt haben, daß ihr das Recht gewährt werde, mit der Zwangsenteignung zu beginnen. Dieser Antrag wird, so heißt es weiter, gegenwärtig von den drei beteiligten Ministern, den Herren v. Dallwitz, b. Schorlemer und 'vr. Lentze, beraten. Wie dieNational-Zeitung" an- r.imrnt, dürften die ersten Enteignungen noch zu Ende dieses Jahres in die Wege geleitet werden. _ Die Mit­teilung tritt mit einer Bestimmtheit auf, die es flicht erlaubt, einfach an ihr vorbeizugehen. Zunächst frei­lich meldet sich ein starker Zweifel an der Richtigkeit der betreffenden Angaben. Man erinnert sich, . daß Herr b Arnim, feer frühere Landwirtschaftsminister, mit wegen dieser Zwangsenteignungsfrage seinen Abschied genommen oder vielmehr erhalten hat. Der Vorgänger de? Herrn v. Schorlemer hatte schon im Frühjahr dieses ^obres beim Reichskanzler und Ministerpräsidenten chie

ii r Ä f ü h r u n g des Enteignungsgesetzes angeregt.

bei er sich aber ein bestimmtes Nein holte, und diese Meinungsverschiedenheit gehörte, wie gesagt, zu den Gründen, aus denen Herr v. Arnim die Unhaltbarkeit seiner Stellung zu erfahren hatte. Wenn Herr von Rethmann-Hollweg damals das Enteignungsgesetz kbenso wie vorher Fürst Bülow nur als Waffe betrach­tete.' deren bloßes Dasein, deren bloße Androhung schon stusilNsi wirkeir sollte und konnte, so weiß man nicht rechi. warum er jetzt von dieser Auffassung abgehen idchte. Sowohl was in Posen bei der Schloßfeier ge­sprochen wurde, wie. was ungesprochen blieb, beides ließ siecht darauf schließen, daß mit der Zwangsenteignung derflnächst Ernst gemacht werden solle. Die Polen jedenfalls, die sich im vorigen Jahre dem schwarzblauen Tlock anschlossen und mit ihm die antibülowsche Reichs- sinanzrcsorm machten, die sodann für die Erhöhung der Krondvtation stimmten, werden beide Male der Meinung gewesen sein, daß sie durch diese ihr kluge Taktik das Damoklesschwert der ZwanKenteignung mindestens in weiterer Schwebe erhalte,: und sich vor­dem Niedersausen bewahren könnten. Sollte es nun ab-'r doch zur Durchführung des Gesetzes kommen, Io wiirde man besonders neugierig auf die Haltung des Zentrums sein dürfen.

Die SchMahvtsalrgaben.

Das Schiffahrtsabgabengesetz soll der Reichstag nun bald" nach seinem Wiederzusaminentritt erhalten. _ so toirfc gemeldet, und die Nachricht ist eigentlich eine Selbstverständlichkeit, da die Vorlage vom Bundesrat schon im Sommer einstimmig angenommen worden

Zemlletrm.

(Nachdruck verivten.)

war. Wie dieVossische Zeitung" hört, hofft man tn: Bundesrat und besonders in der preußischen Regrerung. daß die Verständigung mit Österreich und den Nieder- landen über die Aufhebung der Elbe- und der Rhern- schiffahrtsakte möglich sein werde. Ta man incht wissen kann, worauf sich diese Hoffnung stützt, hält es schwer, sich über ihre Berechtigung zu äußern. Es könnte za fein, daß die diplomatischen Vorverhandlungen die Aus­sicht auf ein Entgegenkommen der beiden -Staaten er­öffnet haben, aber dann müßte auf allen Seiten ern strenges Geheimnis mit äußerster Sorgfalt bisher ge­hütet worden sein. Hält man sich an das, was zutage liegt namentlich an die wiederholten Erklärungen von Vertretern der österreichischen wie der niederländischen Regierung, so muß es u n d e n k h a r erscheinen, daß in Wien oder in: Haag auf ein Recht verzichtet werden sollte, das in beiden Staaten als eine der w i ch t r gst e n r g s ch a f t e n wirtschaftlichen Gedeih ens geschätzt wird. Nur unter einer Bedingung scheint uns eine Verständigung möglich, nämlich wenn deutscher­seits Kompensationen gewährt werden: aber wo soll Herr v. Betbmann-Hollweg diese suchen? , Schroffe Seiten aufziehen kann er aber schon gar nicht, am wenigstens gegenüber Österreich.

Berliner Theater-Brief.

, 23. Oktober.

Voll großer echter Weihe war die Kainzfeier des Deutschen Theaters. Der Zuschauerraum lag im verschlei­ertem Licht, und den Bühnenausschnitt schlossen wallend schwarze Samtvorhänge.

Ovgclpräludium klang, und dann trat Harry Waiden vor und las schlicht die Gedächtnisverse Hosmannsthals: O hält' ich seine Stimme, hier zu klagen", so Hub die Elegie an, und sie klagte um Haupt und Glieder des Ent­schwundenen; sie rührte an seine Rätsel, daß er, der Unge­rührte. rührte, und der Unbezanberte in Zauberbande schlug.

UNd von der ewigen Einsamkeit sprach sie, von Fremd­heit, jagender Unrast und dem Trug des Lebens bei nächtlichen Gesprächen niit höchst zusälligen Gefährten". Und entschweben ließ sie den Verschiedenen weit über Zeit und Raum ins Elementarische und weckte unendliche Sehn­sucht.

Und dann Musik . . . Cally Monrad, mit dem selt­sam maskenhaften Sphinxgesicht. saugder Tod, das ist die kühle Rächt", und über allen Gipfeln ist Ruh . . .

Vorklang war das zu Friedrich Kaytzlers Rede. De: Schauspieler sprach über den Schauspieler; der Herbe und Spröde mit den schmalen, strengen Lippen über den leuch­tenden Magier.

Er feierte ihn als den König des Worts, und seine Rede war ein Hymnus aus die Sprache, di- der Gottheit

Deutsches Reick-

* Hof- und Personal-Nachrichten. DemReichsanzerger zufolae wurde den außerordentlichen Gesandten und bevollmäch­tigten Ministern v. Mülle x im Haag. Dr. M ich a n e l l e s in Rio de Janeiro und v. T r e u t l e r -Christiania der Charakter als Wirklicher Geheimer Rat mit dem Prädikat Exzellenz ver­liehen.

DerReichsanzeiger" meldet: Verliehen wurde die erste Klasse der zweiten Abteilung des Luisenordens untcher Jahres­zahl 1865 der Gemahlin des Staatsministers i». Lrludt und der Getnahlin des Staatsministers Freiherrn i> Rhern- baben, die zweite Klasse der zweiten Abteilung des Lmsen- ordens mit der Jahreszahl 1865 der Freifrau Helene von Thielmann in Jacobsdorf in Oberschlesien.

* Der Januschauer. In einer Marienburger Wahler- versammlung erklärte Herr v. Oldenburg-Januschau, daß er für den Reichstag tvieder kandidieren, aber demnächst sein Landtagsmandat niederlegen werde.

* Der erste elsaß-lothringische Zentrumstag. Der Andrang zum ersten elsaß-lothringischen Zentrumstag in Sträßburg war ungemein stark, so daß der 1500 Per­sonell fassende Saal desSängerhauses" wegen ttder- füllung polizeilich gesperrt werden mußte. Eine zweite Versammlung wurde deshalb gleichzeitig im ^Ritter" abgchaltcn. ivährend in einem Nebenraum des Sänger- Hauses eine dritte Versammlung für Französisch Sprechende stattfand, an der etwa 200 Personen teil- nahmen. In der deutschen Versammlung, in der Reichstaosobgeordneter Dr. Vonderscheer den Vorsitz führte, kam es zu einer starken Betonung des Zu­sammengehens der elsaß-lothringischen Zentrumspartet mit der'altdeutschen Zentrumspartei. Es sprachen unter anderem: Reichstagsabaeordneter Hauß über die poli­tische Lage in Elsaß-Lothringen und die Verfnssnngs- reforni, wobei er ausführte, daß auch das Zentrum für eilt proportionales Wahlsystem sei. aber erst müsse das

lebendiges Kleid, und ans den, 'der sie in ihrer Fülle ge­meistert, nicht nur zu Rausch und Wohllaut, sondern vor allem als ein Beschwörer, der ihr den tiefsten Wesens,mn voll Geistesherrschaft abgewann und ihn verkündete.

In eindrucksstarken 'Bildern prägte Kayßlcr das.

Er sprach davon, daß Kainz eine Reihe Worte oft gleich Perlen zur Erde gleiten ließ, und wie er dann ein wesent­liches Wort wie eine Fackel über seinem Haupt schwang, und nun von ihm aus Licht im Abglanz aus die Perlen fiel. Und daß er ein Wort läuten ließ wie eine Glocke, nach- hallend über lange Strecken. Den Willen zum Wachstum pries Kayßlcr an dem Toten, und darum stellte er ihn als Beispiel und seine Existenz als fortwirkend dar.

Gertrud Eysoldt sprach noch Beethovens Tod und Hyperions Schicksals«ed. und dann brachte Siegfrieds Troucrmavsch, von den Philharmonikern unter Nikisch ge­spielt, grohgetragen die Feier zum Ausg>a,rg.

Am gleichen Tage, an dem dasDeutsche Theater" für Kainz Evinncrungsscier hielt, führte dasModcnie Theater" seines jungen Freundes Leo Birinskrs Moloch" auf.

Kainz soll Feuer und Flamme für dies Stück gewesen sein, hier fand cs eine gemischte Aufnahme. Immerhin konnte der Autor, trotz vereinzelten Widerspruchs, sich zeigen.

Dies Draina spielt in einer Sphäre, von der wir nun allmählich recht übersättigt sind, der Sphäre russischer Greuel, Attentate, Pogroms, Folter, Irrsinn.

Wir haben diese Bilder aus dem Familienleben zu ost gesehen, in denen Väter und Söhne sich fremd, ja feindlich gegenüb erstehen, in denen 'die Terroristen weichherzig- Idealisten sind, und die Tränen ebenso locker zii sitzen- haben wie die Bomben. Wir kennen dies Gcfühlsklima unter Hochdruck, in dem die Schwärmerei und der Fanatismus

geheime direkte Wahlrecht für die Wahlen zur zweiten .Kammer bewilligt werden, worauf man versuchen könne, es durch ein proportionales System zu verbessern. Pros. Spahn 'trat dann für die Konfessionsschulen ein und unterstrich dabei kräftig die Notwendigkeit des Zu­sammengehens , init der altdeutschen Zentrumspartet. Für den erkrankten Reichstagsabgeordneten Dr. Heim- Regensbnrg sprang der Reichstagsabgeordnete Will ein, der über die Mittelstandsfrage sprach.

Heer rmd Flotte.

Neue Kommandcnre. Mitteilungen einer Nachrichten­stelle zufolge sollen binnen der nächsten drei Monate durch die sebbst beantvagte Jnaktiviorung des einen und durch das voraussichtliche Ansrücken eines anderen konmnan- dierendcn Generals in die Gcltzschc Armee-Inspektion- zwei ostelbische Armeekorps -eine Neubesetzung erfahren. Als neue Kommandierende sollen die Generalleutnant-s v. Strantz, Kommandeur der 25. Division in Darmstadt, und Sixt von Arnim, Kommandeur der 13. Division in Münster, in Aus­sicht genommen sein

Eine Einschränkung des PostenS-darfs. Auf Verfügung des preußischen Kriegsministers soll die ständige militärische Bewachung von Aufbewahrungsräumen mit Heeresgerät und Munition in Hinkunst aus das unbedingte Bedürfnis beschränkt werden. Durch zweckmäßiges Zusammenlagern der Vorräte und durch Verwendung patrouillierender Po stur ist der Postenbedars tunlichst zu verringern.

ArrslmrL.

Gstewerch-Urrgarm.

Demonstration gegen die Fleischtcuernng. In Prag fand ein großer Temonstrationsumzug- der Arbeiter­schaft als Protest gegen die Fleischteuerung statt, an dem wohl an 30 000 Menschen teilnahmen. Tw Red­ner, die auf der Straße sprachen, forderten die Dssi nnng der Grenzen für fremdes Vieh und eine antl- agrarische Politik.

Schweix.

Tie Verhältniswahl in der Schweiz verworfen. Das

schweizerische Volk hat bei der gestrigen Abstimmung mit 202 066 gegen 238 628 Stimmen das von 142 000 Bürgern gestellte Jnitiativbegehren, betreffend die Einführung der Verhältniswahl für die Wahlen zum Natronalrat, verworfen.

Selgierr.

Zum Besuch Kaiser Wilhelms in Brüssels aisi allen Teilen Belgiens werden für Dienstag Lpezialzuge nach Brüssel anläßlich des Besuches des deutschen Kaisers eingelegt. Für die Fenster in den straßen. öle ber Zug passiert, werden bereits hohe Preise bezahlt. Ein hervorragendes Mitglied der deutschen Kolonie in Brüssel hat ein großes Zimmer vor der Front des Nordbahnhofes für 500 Frank erworben, um dort den Festzug zu beobachten. Das Kcnserpaar hat für Donnerstagnachmittag Uhr eine Einladung zum

ItoWli hi.u»us, gesteigert in Mißtrauen, Zweifel umschlag-en, ja, bis zum Verrat entarten kann. Menschliche Besessenheiten werden offenbar, und ihre Dämonien bannte am heftigsten Dostojewski. Dichterische Beschwörungs­macht im Infernalischen ragte auch in Leonjd Andrews

Drama,lgnis sannt" aus. . . ... -

Birinski aber zeigt in seinem Höllen,pregcl kern neues

und besonderes Gesicht.

Die äußeren Farben der Begebenheit malt er mit be­wußter Freude am Grellen; er wühlt in Folterwonnen, seine Schilderungen wälzen sich in Blut und Wnpden und auf den zerstückten Leibern hingeschlachteter, zertretener rtpfer Er spielt virtuos auf den Schreckn-erven, und schreibt szenisch sür Auge und Ohr pcitschend-e Erregungen vor' Heulen, Pfeifen, Tödesge-stöhn des Pogroms, drohende Schatten und flackernder Flammenschein, die in den Keller zu den Geflüchteten fallen. Ein helldunkles Nachtftück sollte das sein. Aber merkwürdig, je mehr Gräß­lichkeiten hier angehäuft werden, je kühler und spröder wird man. Man fühlt sich nicht erschüttert, nicht leidenschaftlich aufgewühlt, sondern peinlich malträtiert.

Das hat seinen guten Grund. Birinski -gelingt es nicht, einen inneren Rappo-rt zwischen dem Schicksal seiner Men­schen und uns zu knüpfen. Er schafft keine Einversetzuug, soackern nur Situationen, die uns fevnAeib-cn und durch ihre schrille Nebengeräusche lästig werden.

Dabei hat sich Birinski ein rein seelisches Thema ge­setzt. Dies Thema ist der Jdcen-Bankrott des Revolutio­närs. Und es soll ausgesührt und erfüllt werden an dem Bonrgeoissohn und terroristischem Schwärnier Sascha. Sascha ist von den Mitvcrschworenen aus dem Gefängnis befreit worden, um durch ein Attentat ein Todesurteil zu vollziehen. Er ist aber in Var Ei-mel-hakt ein anderer ge-