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Wiesbaden, Samstag, 22. Oktober INI«.
88. Jahrgang.
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Der verspätete RrichstagSKnsanL.
Eigentlich sollte der Reichstag auch in bezug auf ^leiß, Ausdauer und Arbeitsfreudigkeit mit gutem Beispiel vorangeheu. Leider ist eher das Gegenteil,der ^all. Die Herren im Reichstag verlängern sich chre Serien ins Ungemesjene. Erst wollte der Reichstag ferne Arbeiten am 6. Noveniber wieder aufnehmen. Das tnaren schon ungefähr, da am 10. Mai geschlossen wurde, ein halbes Jahr Ferien. Nun aber ist der Arberts- n ffnnn nocfi um 14 Tage, kränklich auf den 22. Novem- t ginausgefchobell wordeir. Das gibt also vor Weih- höchstens eine Tagung von 3 Wochen, man kann £? r ? sage», das ist für die Katz.
eTl ^ Gründe für diese Ferienverlängerung sind höchst ... Sie liegen in der Rücksicht auf die Tätigkeit Kommissionen für die Reichsversicherungsordnung die Strafprozeßordnung. Aber diese Rücksicht geht d viel zu weit. Tenn Kommissionen und Plenum l eti doch in der Regel nebeneinander. An die Koni- ^sssionsmitglieder werden dann zwar sehr große Sln= ^,i-iicf!e gestellt. Aber das geht mal nun nicht anders. IL.» Ilrnt eines Reichstagsmitgliedes ist nun mal kein ' Achtes Amt. Man soll dazu nur Leute auswählen, die ,Wa« leisten können. Lieber mögen die Herren höhere DÄtzg fordern! Denn dreitausend Mark ist allerdings für das höchste und verantwortungsreichste Amt. Welches das deutsche Volk zu vergeben hat, nur eine Art Trinkgeld.
Der Reichstag hat gerade im nächsten Winter außerordentlich viel Stoff zu erledigen. Er hatte sich ja im letzten Winter die Arbeit so außerordentlich leicht gemacht, daß er fast alle großen Gesetze unerledigt liegen gelassen hatte: Das Arbeitskammergesetz, das Haus-
arbeitsaesetz, die Gewerbeordnungsnovelle. die kleine Gewerbeordnungsnovelle, die kleine Strafgesetznovelle,
. d 2 * Wertzuwachssteuergesetz. Dazu kommen die beiden ganz großen Vorlagen, an denen im Sommer die Kom- ' Missionen gearbeitet haben. Reichsversicherungsordnung ' und Strasprozetzreform. Ferner wird der Bundesrat einige neue Vorlagen einbringen, eine Militärvorlage, und? wie man erwartet, die Privatbeamtenversicherung. . Ferner nimmt man an. daß der Reichskanzler nunmehr sein Versprechen erfüllt und den Elsaß-Lothringern
eine verbesserte Verfassung . gibt, die den Reichstag auch ziemlich lange beschäftigen wird. ^.avei nimmt die Etatsberatung immer den weitaus größten Teil der Zeit von Weihnachten bis Ostern in Anspruch.
Unter diesen Umständen ist sich jeder __ Kundige darüber flat, daß es dem Reichstag kaum möglich sein wird, sein Pensum völlig cmszuarbeiten. Um so weniger, als wegen der jedenfalls im Herbst bevorstehenden Neuwahlen die Herren Abgeordneten Lust haben werden, nicht lange in den Sommer hinein zu tageii, sondern in ihren Wahlkreisen aus die Agi-tanon zu gehen oder aber sich vor der Wahlkampagne w ttgenö einem Seebad noch gehörig die Nerven zu starken.
Ten Schaden hat das d e u t s ch e V o l k. Es heißt ja bereits, daß die R e i ch s v e r s r ch e r u n g s - otbitung voii diesem Reichstag nicht, mehr erledigt werden könnte, und daß infolge dessen dre W r t w e n - und W a i s e n v e r s i ch e r u n g, die bereits am 1. Januar 1010 in Kraft treten sollte, sich noch m sehr weite Ferne hinausschiebt. Denn rn der ubernackfften Kampagne haben wir eilt ganz anders zusammengesetzten Reichstag, der vielleicht die Versicherungsord- nuna zum großen Teil umwerfen wird. Wie soll das da mit der rückwirkenden Kraft der Versicherung werden die man den Witwen und Waisen zugesagt hat; Ferner zieht sich auch die Heimarbeitervorlage schon eine ganze Reihe von Jahren durch den Reichstag, und es wird allerhöchste Zeit, daß endlich einmal diese Ärmsten der Armen ein linder Lustzug trifft. Auch die Arbcitskammervorlage ist schon ganz vergilbt und ab- gegriffen.
Aus all diesen Gründen muß man,, den Mut der Herren bewundern, die den schon späten Reichstagsanfang noch einmal hinausgeschoben habeii. Ern weil der Schuld liegt daran, daß düs deutsche Volk sich gewöhnt hat, Abgeordnete zu wählen, die über den Zenit ihres Lebens längst hinaus sind und die den Reichs- tagssitz als einen Posten betrachten, der ihnen eine gewisse Ehre, aber wenig Arbeit eintragen soll. 1 ?n keinem Parlament der Welt sieht man so, viele Leute mit grauem Haar und weißen Bart ww ttn deutschen Reichstag Bes uns glaubt man viel, zu sehr, day me volitische Weisheit erst dann anfängt, weiln die Lcbens- energie nachläßt. Auch beini aktiven Wahlrecht wollen ja viele bei uns dem Alter ein Vorrecht geben. Politik ist Kampf, und das stärkste Interesse, die politischen Zustände zu verbessern, hat die Jugend. Drum Ware deni Reichstag entschieden ßu wünschen: Mehr Jugend- rnut und mehr Arbeitsfreude!
Politische Übersicht.
Marokko.
L. »erlitt, 20. Oktober.
In hiesigen politischen Kreisen wird das schäfte Vorgehen Spaniens gegen Marokko mit ruhiger Aufmerksam- keit beobachtet. Es wirk dafür gejorgt sein, daß kern neuer Brand entsteht. Es must als ausgeschloßeii gelten, das; sich die spanische Regierung auf ein weitreichendes und in
seinen Folgen nicht sogleich übersehbares Unternehmen em< lassen konnte, mit dem die französischen Interessen im Widerspruch ständen. Nun liegt es aber ersichtlich «n Augenblick nicht in den Wünschen der französischen Politik, die marokkanischm Angelegenheiten aus dem rühmen Fahrwasser, in das sie seit Jahr und Tag gelangt sind, wieder in eine bewegtere und reibungsvolle Strömung treiben zu lassen. Vermutungen, als ob sich Canalejas auf eine Zusicherung oder auch nur auf eine stillschweigende Duldung von Paris her stützen könnte, dürfen als grundlos angesehen und als unzutreffendes Mißtrauen zuruckge- wiesen werden. Die Gelassenheit, mit der von hier mrs die marManischen Dinge betrachtet werden, hat ihre sichere Unterlage in der Loyalität, die sranzosischerseits m der Ausführung der deutsche-französischen Vereinbarungen über Marokko bisher bewiesen worden ist. Es gibt gegenwärtig keinerlei Streitpunkte. Die Frage der marotkapi- schen Anleihe ist in zufriedenstellender Weise erledigt worden: die Auszahlung der Entschädigungen für die in
Casablanca geschädigten Deuftchen ist erfolgt, und dir Gründung der Renschhausen-Gesellschaft, bei der sich deutsches und französisches Kapital zu einträchtiger kultureller Erschließung des Landes zusamm-ngefunden haben, tomkte von statten gehen, ohne daß sich störende Meinungsverschiedenheiten bei der Gründung selbst oder nach dem Beginn der Wirksamkeit dieser Gesellschaft ergeben hatten. Man hat somit hier ein Recht zu der Auffassung, da,; Marokko nicht abermals zur Quelle internationaler Schwierigkeiten werden wird, und diese Auffassung wird, wie gesagt durch die Meldungen über eine neue spanische Aktion nicht beeinträchtigt. Diese Aktion wird sich voraussichtlich selber klug beschränken, um der Unannehmlichkeit einer Beschränkung von anderer Seite zu entgehen.
Detttschlmid und Versteift
Der Berliner Korrespondent des Londoner „Standard' telegraphierte seinem Blatte, er erfahre aus autoritativer Quelle, daß gegenwärtig ein Meinungsaustausch, zwischen Berlin und Wien wegen der persischen Frage stattsmde und daß die beiden verbündeten Monarchien beabsichtigen, gemeinschaftlich gegen das britische Vorgehen rn Persien zu protestieren. Alan rechne in Berlin darauf, daß Ssterrelch- Unaarn setzt seine Gegendienste leiste für die Unterstützung, die es während der bosnischen Angelegenheit von Berlin aus erfahren habe. Zu dieser Meldung kann Ihr Korrespondent nach Jnsormatiouen von maßgebender Settebe- merken, daß es wohl zutreffen mag, wenn mttgeteilt wird, es finde zurzeit ein Meinungsaustausch zwischen den befreundeten Kabinetten statt; den,: die persische Angelegenheit ist gerade erheblich genug, um die Kabinette der^Großmächte zu beschäftigen. Wenn aber von der Absicht eines gemeinsamen Protestes gegen das Vorgehen Englands gesprochen wird, so weiß der Korrespondent des „Standard Dinge, die maii an den politischen Stellen, wo manch zuerst wissen müßte, eben nicht weiß. Der Standpunkt d deutschen Politik gegenüber der persischen Frage laßt sich nach wie vor dahin bestimmen, daß für Deutschland m erster Reihe die wirtschaftlichen Rücksichten auf Erhaltung und Förderung der Handelsbeziehungen zu lenem Lande in Betracht kommen und daß hier keine Bestrebungen - stehen die über diesen Rahmen hinausgehen. Daraus folgt allerdings nicht, daß man in Berlin gleichgültig der weiteren Entwicklung der persischen An gelegenheiten gegenüber -
FemUeton»
(Nachdru-l »erboten.)
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Die sluee Dult.
München, 20. Oktober.
Die Auer Dult ist im Gang. Am 14. und 15. haben die Händler gezirmnett unten auf dem Mariahilfplatz, jenseits der Isar und aus der Kohleninsel und haben ihren Kram herb ei gefahren und getragen. In den Vorabend- stunden des Kirchweihsonntags hat dann der Markt rechten^ angftangen und dauett zum Einkausen bis 6 Uhr zeden Tag, zu den Vergnügungen bis 7 Uhr eine Woche laug., Aber das wirtliche Vergnügen, von dem der Kinder und dem des von der ganzeii Umgegend herbeiströmenden Landvolkes abgesehen, liegt im Einkäufen, oder richtiger Herumstöbern und Graben zwischen alten Kleidern und Büchern und Stieseln und staubigstem Plunder nach irgend etwas Schönem und Seltenem. Rechts von der Kirche ungefähr zwölf Reihen Buden, der Tandelmarkt, das ist die Besonderheit und der Clou der Dult, der große Glückshasen, in dem man mit Geschick und Ausdauer und einigem Geldaufwand znweUen nicht danebengreist.
Im Mai 1388 sah der in der damaligen St. Nikolaus- Kapelle amtterende Vikarius Jakob Dachauer während der Messe eine Maus in ein Mauerloch schlüpfen. Der Pater nnteftuchte nach dem Gottesdieiist das Loch und fand eine große Anzahl von Reliquien. Die Reliquien wurden nach München geschafft in die St. Jakoüskirche am Anger. Die klugen bayerischen Herzöge erstatteten gewissenhaften Be- ncht an den Papst Bonisacius IX., und weil sie zu ihm zestanden hatten und seinem Gegenpapst entgegen gewesen waren, willfahrte er den Bitten ihrer Gesandtschast und
verlieh München einen Jubiläumsablaß. Wer den Ablaß oder die Judulgenz von Schuld und Strafe für alles außer vorsätzlichem Totschlag erhalten wollte, nmßte sieben Tage in München bleiben, drciuial die vier Kirchen zu Unserer lieben Frau, zu St. Peter, zu St. Jakob am Anger besuchen und das von den Pömtentiaren auserlegte Alinosen geben. Dreimal wurden die Andechser Heiligtümer in der Woche gezeigt. Der Ablaß dauerte von Oculi bis Petri Kctteuscier. Die ganze Sache, heitzt's in der Chronik, war damals für Deutschland etwas Neues und Unerhörtes. Eine Wallfahrt nach München galt jetzt so viel wie eine solche nach Rom. Man zählte täglich eine Menschennilasie in München von 60 009. Aus solche Weise kam ungemein viel Geld in die Stadt, man behauptet, täglich „ein Augsburger Metzen voll Regensburger Pfennig". Alles wollte in den Himmel kommen und dennoch, sehr hübsch klingt das, „war es eigentttch ,mr um's liebe Geld zu thuen". Allmählich zog sich ivegen des fast erschreckenden Zusammenflusses von Menschen eine ungeheuere Menge von Verkäufern und Händlern nach München, und difte bewirkten hierdurch, daß auf dem Platze vor der Angerkirche ein großer Markt entstand. Diesen Markt nannte man den Abtaßmarkt oder das Jndultum, abgekürzt die Dult.
Die Dult ist also viel älter als die Auer Vofttadt und ist nur hinübergewandert über die Isar und verlegt worden auf den Kirchweihtag, als diesseits der Platz zu eng wurde, denn drüben in dem oft übeftchwemmien Fischerdöftchen der alten Tage, das erst gegen 1500 Münchener Vorstadt wurde, hätte Pie ungeheuere Menge von Verkäufern und Händlern kaum eine ungeheuere Menge von Käufern gesunden. Man zog damals an Wochentagen nicht leicht aus den Toren hinaus, und einen allzu guten Stuf hatte ine AU nicht. Soll doch einmal im 18. Jahrhundert der Wiener Schaftrichter gefragt worden sein, ob denn dieser Ort Au
eine gar ff) gewaltige Stadt wäre, weil er so viele Kerls
von dort bekäme zum Henken imd SPießm --
Wer ernsthaft Raritäten sucht auf dem^ Tandttmarn der heutigen Dult, fährt an den Tagen hmubm, an denen die Tändler auskramen und eigentlich n.cht verkaufen dürfen Von all den vielen, die wie „die alten Afrikaner sich aller Weisheit Pächter dünken, ist er darauf aufmerksam amiackt worden, daß aus dem Tandelmarkt langst Nichts mehr zu erjagen sei, und irgend ein hübsches Stuck, fände es sich wirklich teuerer bezahlt werden muffe als rm Ladest des ^rödl rs aus dem es stamme. Das ist gewiß richtig in manchen Fällen, versichern doch die Tändler selbst ganz uiizweideuiig: „Ja. wenn S' warten wollen bis zur Dult, nachher inüsien S' selbstverständlich dafür zahlen, daß ich dl« Aschen 'na sschaftn und die Standmiete einbringen muß , Mid die "meistm Tändler auf der Dult sind Münchener, schließlich machen die vielen Anzeigen m den Zeitungen mißtrauisch, m denen Private dm Händlern „für die Dult" Stücke anbieten, und andere wieder dadurch locken wollen, daß sie angeben: „Keine Dultpreise!" —
Trotzdem, es waren an dm efttm Tagen, die eigentlich keine Dulttage sind, eine ganze Anzahl guter Sachen zwischen den alten Stieseln und Kleidern und mehr oder minder schadhaften früheren Salonschenßlichkeiten, und gekauft ist so lebendig worden, daß am Montag die Händler richtige bayerische Rentnergesichter machten und aus innigster Herzensfreude heraus reisende Engländerpreise zu fordern ansingm, auch, wie es in Ruderers Märchen heißt: „die Käufer ansnhren, daß sie hoffen dufttm, die Würden endlich wo anders hingehen."
Unter den altm Möbeln war die Biedermeierzeit am stärksten vertreten, ohne wirkliche Glücksnummern. Empiro war wenig da, ein sehr schöner und großer Empire-Ofm. schirm mit eingelegten Bronzebändern ging für fünf Acarr,
