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Nr. 4SI e*

Wiesbaden, Freitag, LI. Oktober ISIS.

58. Jahrgang.

Morgen - Ausgabe.

_ 1. Matt.

Allerlei Smnmlungsparolen.

Uber die Untauglichkeit einer wirtschaftspolitischen Sammlungsparole, wie sie vor einigen Wochen dem Reichskanzler zugeschrieben wurde, war sich alle Welt eigentlich schon in dem Augenblick einig, wo sie von diesem vermeintliche,r Mittel zur Heilung unserer Röte erfuhr. Jetzt wollen unterrichtete Personen hinter das Geheimnis der wirklichen Absichten beS Herrn v. Bethmann-Hollweg gekommen sein. Nicht die wirtschaftliche, sondern die nationale Sammlungs­parole soll ihm Vorschweben. Wenn die Sozialdemo­kratie, so wird man mit einigem Staunen belehrt, m nationalen Lebensfragen ihren ablehnenden Stand­punkt nicht verläßt, wenn sie die Befestigung und den Ausbau der Wehrmacht zu Wasser und zu Lande zu ver­hindern suchen wird, so wird die Regierung gerade diese nationalen Existenzfragen zur Wahlparole für Neu­wahlen machen. Das ist eine merkwürdige Auskunft über die Pläne des Reichskanzlers. Nichts kann sicherer sein, als daß die Sozialdemokraten nicht im Traum daran denken, ihren ablehnenden Standpunkt gegenüber den Heeres- und Marineforderungen aufzugeben, und kein Mensch braucht auf eine neue Bekundung dieser tiefwurzelnden Widersacherschaft gegen Ausbau und Befestigung der deutschen Wehrkraft erst noch zu war­ten. Nichts auch kann sicherer sein, als daß die bürgei- tich'e Mehrheit des Reichstags die bevorstehende Mili­tärvorlage nicht zum Ausgangspunkte eines Konflikts Mit der Reichsleitung machen wird. Es ist dafür ge­sorgt, daß die Neuforderungen ein annehmbares Maß nicht überschreiten werden. Schon dadurch, daß die Finanzlage die Jnnehaltung einer verständigen Grenze geknetet, ist hierfür gesorgt. Schließlich aber wird sich Herr v. Bethmann-Hollweg selber keine übergroßen morgen wegen der Militärborlago machen, also muß die Ankündigung der nationalen Sammlungsparole einen andern Inhalt und Zweck haben. Sie ist offen­bar so zu verstehen, daß der neue Reichstag, falls d:e Sozialdemokraten in ihm wirklich die stärkste Partei und Fraktion werden sollten, kein langes Leben führen wird, daß er bald aufgelöst werden wird und daß dieser zweite Wahlkampf unter dem Schlagwort dernatio­nalen Existenzfragen" stattfinden soll. Es wird sich da­bei nur immer fragen, welchen bestimmten Inhalt der Begriff bekommen soll. Inzwischen schließt sich der Reichskanzler von der allgemeinen Erwartung eines sehr großen Wachstums der sozialdemokratischen Man­datsziffer nicht aus. Oder sollte auch er sich mit der sonderbaren Vorstellung trösten, daß die Sozialdemo­kratie selber im Grunde genommen nichts stärker fürchtet als einen allzugroßen Sieg? Es sieht wie die verkehrte Welt aus, aber sie ist nun einmal so verkehrt, *

Femlletmr.

(Nachdruck vrrboten-i

Heimisches NaturlebSN»

Skizzen von Walther Schulte vom Brühl.

VII.

Gtmas irvsr drs Krrkre.

Es ist uns groß Heil widerfahren", sagte ich zu meiner Frau und deutete auf ein spannhohes Pflänz­chen, das sich dicht neben einem Eisenpfeiler der Haus- türtreppe zwischen den Fugen des Kleinpflasters an­gesiedelt hatte.Wehe dem, der mir das ausruppt, denn es ist ein junges Birkcheu", mahnte ich, führte alles, was im Hause auf zwei Beinen wandelte, an das keck und üppig in die Welt schauende, winzige Pflanzenbaby heran und hielt eine große Rede, wie sympathisch mir von jeher die Birke gewesen sei uird wie ich sogar in meiner Jugend fabelhaften Tagen einmal ein Gedicht auf den Baum gemacht habe, welches anhub:

Lieblich vor den Bäumen allen In dem frischen Waldbereich Stehst du dort, du schlanke Birke,

Einem jungen Mädchen gleich.

Um den Körper, um den weißen.

Ziehst du, wie mit leiser Hand Deines Laubwerks grüne Schleier,

Dieses duftige Gewand.

lind dann erging ich mich in Zukunftsträumen, wie kch es wohl noch erleben könne, daß der schnell wachsende Baum hoch und gerade vor dem Treppenhause empor­wachsen würde, bis er seine lichte Krone über dem Dache wrege- und dem Pegasus am Giebel meines Heims

und es ist zwar nicht ganz richtig, aber auch nicht ganz falsch, wenn gesagt wird, daß eine wunderliche, innere Dialektik die verfahrene deutsche Politik zu notwendi­ge!: Absurditäten hinzuführen beginnt, daß namentlich in der Sozialdemokratie, wenigstens bei den klügeren Führern, die Empfindung lebendig ist, ein Übermaß von Mandaten werde zuletzt nur den Gegnern zugute kommen. Als auf dein Amsterdamer Internationalen Kongreß Jaurös auf die Ohnmacht der deutschen Sozialdemokratie nach dem Siege von 1903 hiuwies, erwiderte Bebel:Was hätten wir tun sollen? Hätten wir vor das Berliner Schloß ziehen sollen? Aber wir werden weiter wachsen. Jetzt haben wir 3 Millionen Stimmen, lassen sie uns erst 4, erst 8 Millionen Stim­men haben, dann.Nun es könnte sein, daß die

Sozialdemokratie im nächsten Herbst diese 5 Millionen erreicht, und jedenfalls wird sie die stärkste Partei im Reichstage werden. Ja, manche Beurteiler scheuen sich nicht, die Möglichkeit in Rechnung zu stellen, daß die Sozialdemokratie mit 200 Mandaten die zahlenmäßige Mehrheit in der deutschen Volksvertretung erreicht. Was dann? Was wird' die Partei mit dieser Macht anfangen, die angesichts der Festigkeit des Staatsgefüges und an­gesichts der Macht der wohlgeordneten bürgerlichen Welt tatsächlich gar keine ist oder werden kann?" Ein heikles Problem, dessen Ausmalung Herr Bebel und Genossen allerdings schwüle Stunden bereiten könnte.

Wer M§ Fruchtlosigkeit der preußischen Sosiutdemokralie

läßt sichDas freie Wort", die vortreffliche Frankfurter Halbmonatsschrift für Fortschritt auf allen Gebieten des geistigen Lebens, in einer vernichtenden, überzeugenden Kritit aus. Nachdem die Zeitschrift über das lächerliche, ewige Spiel zwischen HinauSwelsern und Himmügcworseurn die rechten Worte fand, stellt sie fest, daß, möge man über die Sozialdemokratie denken, wie nran wolle, doch nur die süddeutschen Genossen, also die von den Norddeutschen so verketzerten, allein wirklich praktische Erfolge erzielt hätten, denn während die Radikalen sich wie Berserker gebärdeten, hätten die revisionistischen Genossen Wahlrechts- und zahl­reiche andere Probleme sehr klug und in demokratischem Sinne lösen helfen. Es heißt dann in dem bemcrkens- wertcn Artikel weiter:Die preußischen sozialdemo­

kratischenNichtsalsneinsager" entschuldigen ihre chronischen Mißerfolge achselzuckend von jeher damit, daß es in Preußen so ganz abnorm schwierig sei, die Reaktion zu bekämpfen. Selbst Bebel sagte in seiner Rede gelegentlich der Budget- Debatte gegen den Genossen Kolb, den Süddeutschen sei das Wahlrecht als gebratene Taube in den Mund geflogen in Preußen sei das etwas ganz anderes davon könnten die Süddeutschen aber ja gar nicht mitreden. Man wird aber auch anderer Meinung sein und der Überzeugung Ausdruck geben dürfen, daß das Vorgehen der preußischen Sozialdemokratie von jeher total verfehlt gewesen ist. Unter geschickterer Führung wären schon auch in Preußen Erfolge zu erzielen gewesen. So liegt z. B. die Hauptkraft

mit seinem zarten Geäst die Nase kitzele. Und meine Frau Meinte, es sei etwas besonders Schönes, daß sich derMaien", den nran sonst in deutschen Landen bei Festen überall an der Tür aufzustellen liebe, so ganz von selber als dauernder Gast eingestellt hätte, was doch gewißlich eine gute Vorbedeutung sei. Und mit Liebe betrachteten wir den jungen Sproß, die dreieckig­deltaförmigen, zugespitzten und doppelt gesägten, glän­zenden und noch etwas klebrigen Blättchen und das bräunliche, warzig punktierte Stämmchen, und ich opferte sogar ein Blättchen, um es zwischen den Fingern zu reiben und zu zeigen, wie würzig es röche und daß man wohl begreifen könne, daß ein Tee aus diesen Blättern heilkräftig sein miisse _ und daß man nun Gicht, Wassersucht und Wechselfieber ruhig abwarten könne, nachdem uns das vielgerühmte Hausmittel gegen solche Gebresten ja geradezu in den Mund wachse. Daun kamen wir auf die verschönernde Wirkung des Birken­safts zu sprechen und wie gut er für den Haarwuchs fei und welch ein köstliches Getränk sich daraus brauen lasse. Dabei fiel mir eine furchtbare Geschichte aus meiner Jugend ein. Mein Bruder und ich hatten im Frühjahr eine Flasche Birkensaft abgezapft_ und sie in Gegenwart eines Nachbarjungen vergraben, damit die zuckerhaltige Flüssigkeit hübsch gäre und ein köstlicher Wein daraus entstände. Ter falsche Freund aber schlich sich eines Tages heimlich hin, trank die Pulle leer und füllte sie mit etwas anderem. Und als wir dann nach .Wochen selbdritt zu dem Ort des feuchten Schatzes gingen, uns zu laben, und als mein Bruder die Flasche ansetzen wollte, erfaßte ihn plötzlich ein Grausen und er rief:Das ist meiner Lebtag kein Birkensaft!" Aus dem Mienensviel des heimtückischen Kameraden aber dämmerte uns eine fruchtbare Ahnung, die zur Gewiß-

der Sozialdemokratie doch in der Möglichkeit, zu streiten. Man kann sogar säst sagen: solange die Sozialdemokratie in dcn Parlamenten so einflußlos ist, wie seither, hat sie nur zwei Möglichkeiten, dem herrschenden Regime unbe­quem zu werden: den Streik und den Massenaus­

tritt ans den Kirchen. Von beiden ihr tatsächlich zu Gebote stehenden Machtmitteln macht sie aber keinen Gebrauch zur Erlangung politischer Erfolge, denn tausendundeine Streik-Erklärungen zur Erzwingung höherer Löhne und geringerer Arbeitszeit bringen die Partei politisch nicht einen Millimeter weiter. Bebel mag uns die Frage gestatten, warum die preußischen Genossen denn ihre wirklichen Machtmittel nicht benutzen, um der preußischen Reaktion Schitappen beizubringen? Ziehen wir einen aktuellen Fall heran, um zn zeigen, wie wir uns die Sache denken: Seit dem 5. Januar 1910 sitzt im Hol­steinischen das polnische Dienstmädchen Joseph« Eia stör i!n Gefängnis, ohne daß es sich irgend etwas hatte zu Schulden koinncen lassen. Es war lediglich nicht nach Österreich zurückgercist bis zum 20. Dezember 1909 ivie es Vorschrift ist. Offenbar lag irgend ein Mißverständnis zwischen Preußen und Österreich vor, wegen dessen also der Landrat das arme Mädchen ohne Richterspruch acht oder neun Monate lang ins Gefängnis steckte! Das war nun einmal wieder eine Gelegenheit, um das unglaublich lieb­lose und unchristliche Verhalten der preußischen Ver­waltung ins hellste Licht zu setzen. Eine gut regierte sozialdemokratische Partei hätte unbedingt sofort in Hol­stein die Arbeiterschaft in Stteik treten und er­klären lassen, daß die Arbeit nicht eher wieder ausgenommen iverde, bis der Landrat zur Rechenschaft gezogen sei für die Einsperrung einer total unschuldigen Proletarierin: Das wäre ein Streik gewesen, der der Sozialdemokratie im Sturme die Herzen und die Geldbörsen aller an­ständigen Menschen gewonnen hätte! Die preußische Regierung hätte eine Niederlage erlitten, wie sie seit den Tagen Friedrich Wilhelms IV. nicht dagewesen, denn- es wäre ihr nichts übrig geblieben, als dcn Landrat abznsetzen, um einen Streik zu beenden, der in solchem Maße von der Sympathie der öffentlichen Meinung getragen gewesen wäre. Aber an so etwas hagt sich die preußische superkluge Sozialdemokratie eben nicht heran; lieber hat sie den total aussichtslosen Streik der Werftarbeiter inszeniert. Das nennt man: schlecht regieren, und wo schlecht regiert wird, ist es natürlich schwer, Erfolge zu erzielen.

Das große Übel, das wir in der preußischen Verwal­tung, der Diplomatie usw. jahraus, jahrein beklagen, ist eben auch in der Sozialdemokratie zu finden: es fehlt in Deutschland an tüchtigen Männern an den wichtigsten Stellen, weil sich die fähigsten Köpfe nicht jener schnöden Behandlung Rnppigkeit nannte es Bassermann auf dem nationalliberalen Parteitag aussetzen wollen, die östlich der Elbe zu Hanse ist. Wie hochverdiente Männer, ein Miguel, ein Posadowsky, wegen schlechter Be­handlung ihre Ministerposten aufgegeben haben, so fliehen die fähigen Genossen auch seit Jahren aus der Sozialdemo­kratie oder treten gar nicht mehr ein, weil der Ton inner­halb der Partei nicht nach jedermanns Geschmack sein kann. Hier liegen m Wirklichkeit die Quellen aller Mißerfolge der Sozialdemokratie, welcher dreiundeinhalb Millionen Stim­men auch nichts nützen können, solange die Intelligenzen

heit wurde, als wir ihm die Ehre des Antrunks auf­drängen wollten und er sich weigerte und plötzlich da­vonlief. Nun, wir sind fix hinter ihm her gewesen und haben den Übeln Flascheninhalt wütend über ihm aus­gegossen und ihm mit dem Gefäß auch noch ein Loch in den Kopf geworfen. Und diese Rache war vielleicht noch süßer, als es der echte Birkensaft gewesen wäre.

Unser Birkchen an der Treppe haben wir nun schon sechs Jahre gepflegt. Ich habe ein Schildchen mit der Inschrift: Betula al'ba, Weißbirke, daran gehangen, damit es doch wisse, wie cs heiße, und daß es sich nicht einbilde, eine Pendula, eine Trauerbirke zu sein. Und ich habe die Pflastersteine, die seinen Wuchs behinder­ten, beseitigt und mit Hammer und Meißel ein ganz Teil der untersten Treppenstufe weggehanen, um dem Stämmchen Raum zu verschaffen. Freilich meinte mein Gärtner, das tue nicht not, denn die Birke helfe sich selber, und er stellte mir die tröstliche Aussicht, daß sie mit der Zeit einfach das Gefüge der Treppe sprengen würde. Hat doch auf einem Friedhof in Hannover be­kanntermaßen auch eine Birke ein aus mächtigen Quadern errichtetes Grabgewölbe gesprengt gleichsam, als wollte sie sich lustig über eine Inschrift machen, welche kundtat. daß dies Grab ewig uneröffnet bleiben solle. Tie Birken lieben ja allerlei Scherze. Ihre winzi- gen, geflügelten Nüßchen, kleinen Faltern nicht unähn­lich, lassen sich vom Winde überallhin entführen und oft sindet man dann die Bäume an den unmöglichsten stellen, hoch auf Burgruinen und sonstigem Gemäuer. Leibst auf dem Stephansturm in Wien wuchs eine Brrke, die man dann in den Rathauspark verpflanzte. Freilich ertrug sie diese Erniedrigung nicht und ging ein, wie sich denn der Baum, wenn er erst sein weißes Hemdchen angezogen hat es geschieht etwa mit dem