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Nr. 488.

Wiesbaden, Donnerstag, 28. Oktober 1918.

58. Jahrgang.

Morgen - Ausgabe.

1. Matt.

Vom anZelrircheu GroMlsck»

Im allgemeinen beschäftigen wir uns doch in allen Parteien mit realen Dingen und nicht mit Möglich­keiten, die sich sozusagen in der vierten Dimension be­wegen. Wir betrachten und behandeln Verhältnisse und Menschen nach den Bedingungen der Wirrlichreu, und ein Hineinragen spiritistischer Verdrehtheiten^ ist zum Glück bisher nicht wahrnehmbar gewesen. Seil kurzem aber hat sich hierin ersichtlich etwas gelinder:, und namentlich im schwarz-blauen Block ist man ernst­lich dabei, aus der Welt des irdisch Bestimmbaren hin­überzugreifen in eine Region, in der Gespenster ihr nn- kontrollierbares Wesen treiben. Wo hat der Gedanke eines fortschrittlich-nationalliberal-sozialdemokratischen Großblocks, unter dessen Zeichen die nächsten Reichs- tagswahlen vor sich gehen sollen, jemals ein anderes als ein schattenhaftes Leben geführt? Es gibt diesen Groß­block »von Bebel bis Bassermann" nicht, aber trotzdem tun unsere Gegner auf der Rechten und ini Zentrum fortgesetzt so, als sei es eine ausgemachte Sache, daß Wohl gar ein regelrechtes Bündnis zwischen den libera­len Parteien auf der einen, der Sozialdemokratre auf der anderen Seite abgeschlossen worden, oder als werde es demnächst abgeschlossen 'werden. Tie Germania widmet der Frage sogar ernen unendlrch langen Lew- m-tikel worin sie tiefsinnige Untersuchungen anstellt über dieangebliche Gunst der Situation für . die G^ßblockparteien" (dies ist der Titel der wunderlichen Ausführungen), und worin sie selbstverständlich zu dem ihr gepreßtes Gemüt alsbald wieder erleichternden Schluß kommt, daß es mit dieser angeblichen Gunst der £ a!3 e nichts sei. Nun also, wenn dies das Ergebnis ist, ^rum regt sich das Zentrumsblatt alsdann aus?

Liberalen braucht sie doch nickst zu beweisen, daß wir auf Vorteile aus einer Großblockpolitik im Sinne Germania"-Artikels nicht zu rechnen haben- denn wir wissen von einem derartigen Großblock nichts und konnten und können deshalb von ihm nichts erhoffen. Tie ganze mühselig konstruierte Auseinandersetzung des Zentrumsorgans hat denn auch nur den Wert, abermals gezeigt zu haben, welche Beklemmun­gen im Lager der schwarz-blauen Parteien angesichts der nächstjährigen Reichstagswahlen herrschen, flau ohnt Furchtbares, und man will sich Mut zusprechen. Indessen erfährt man aus dem Artikel des Berliner stenlrumsblattes doch einiges, was über die verfehlte

und gegenstandslose Ausführung hinaus interessieren kann. DieGermania" tröstet sich nämlich über die un­angenehme Situation mit der Versicherung, daß das Zentrum wie die konservative Partei gegenüber allen Großblockexperimenten und gegenüber den verblüffend­sten Wahlsiegen der Sozialdemokratie sagen könnten: Wir können warten." Was das heißen soll, rst wohl deutlich qenug. Es soll heißen, daß große und somit erschreckende Erfolge der Sozialdemokratie euren Uni- schlag würden herbeiführen müssen, und daß in dem Maße, in welchem der Radikalismus Fortschritte macht, auf der Gegenseite der Entschluß, unübersteigbare Dämine auszuwerfen, inlnrer mehr befestigt werden müßte Mit anderen Worten: Es wird, obgleich rn verhüllter Weise, mit Zukunftsmöglichkeiten gearbeitet, die, wenn dierote Flut" steigen sollte, auf Änderun­gen des Reichswahlgesetzes ausmünden würden. Die ^Germania" hütet sich selbstverständlich,. das deutlich zu saaen wie denn aucb sonst niemand im gegnerischen Lage/ so töricht sein will, die ultima ratio einer Ver­fassungsänderung heraufzubeschwören:_ aber es gibt unausgesprochene Gedanken, für die seder untrügliche Fühlfäden der Empfindung hat, und zu ihnen gehört das Spiel mit einer Revision der Reichsverfassung.

E§ könnte ganz gut sein, daß dieGermania" es selbst gar nicht so meint (wir glauben dies sogar), aber es mag die Zentrumsgesellschaft reizen, darum doch mrt Eventualitäten drohen zu können, die, wenn sie auch int Zentrum selbst nicht gefördert werden würden, doch von. anderer Seite mit gewohnter Rücksichtslosigkeit ins Auge gefaßt sein werden. Tie bloße Drohung schon soll helfen und nützen, was sie aber selbstverständlich niemals tun wird, weil sic immer nur das Gegenteil des Gewollten wird leisten können.

Deutsches DmÄ»

LC. Der Zentralausschuß der Fortschrittlichen VoW- partei wird zu seiner ersten Sitzung seit der Fusion am 20. und 2i. November in Berlin zusammentrcten. Un­mittelbar vorher wird eine Konferenz der Parteisekretäre ebenfalls in Berlin stattsinden. Die politischen Ereignisse des Sommers und- des Herbstes, die bevorstehenden Be­ratungen im Reichstag und im Landtag, der Beginn der Herbst- und Winterarbeit und die Vorbereitung der immer näherrückenden Reichstagswahlen werden reichlichen Be- raiungsstoff für beide Berliner Tagungen abgcbcn.

X Die Novelle über Reform der Gchankwlrtschaft usrv. Wie uns mitgeteilt wird, ist ein Gesetzentwurf in Vorbe­reitung, der sich mit der Reform der Schankwirtschaft und der gcwerbepolizellichen Bestimmungen für Schauspielunter-

nehmer in der Gewerbeordnung besaßt. Bezüglich der Schankwirtschast handelt es sich in der Hauptsache um d>.e Frage der Damenbedienung und um die Einführung der Bedürfnisfrage. Es haben hierüber bereits kommissarische Verhandlungen stattgefundcn. Trotzdem der Entwurf ziemlich weit fortgeschritten ist, erscheint es aber angesichts der Belastung des Reichstages mit sozialpolitischen Vor­lagen sehr zweifelhaft, ob die Novelle in der nächsten Session dem Parlament zngehen kann.

* Vom Streit im Zentrltm. Welch weile Kreise der Streit im Zentrum bereits gezogen hat, kann man aus folgenden nicht allzrr dunklen Andeutungen in derKöln. Volksztg." von vorgestern entnehmen:Wenn solche An­deutungen, als ob irgendwer im katholischen Deutschland eine neueallgemein-christliche", eineallgemein- oder interkonfessionell - christliche" Weltanschauungim Gegen­satz" zur katholischenkonstruieren" wolle, welchedre religiöse Seite in den Hintergrund treten lasse", und schließ­lick/die katholische Weltanschauung in Abrede stellt" sogar aus den Kreisen der Zentrnmspartei hervorgehen, so ist es schließlich kein Wunder, wenn sich an m a tz - gebenden katholischen Stellen die Ansfassung geltend zu machen sucht, es müsse mit den schärfsten Mitteln vorgegangen werden, um das Unheil ab­zuwehren, welches von einem Fortgang dieser Ent­wicklung zu erwarten wäre. Daß solche Andeutun­gen begonnen haben, an solchen Stellen Be­fürchtungen wachzn rufen, das ist der Schlüssel zum Verständnis der gegenwärtigen Lage und gar mancher Einzelerscheinungen, obwohl solche Befürchtungen völlig grundlos sind. Jeder Kenner der Verhältnisse weiß, daß zu keiner Zeit die Anhänglichkeit der deutschen Katholiken an Rom und ihre Anhänglichkeit an ihren katholischen Glauben ohne die geringste Einschränkung fester stand wie heute. Sic haben ein volles Anrecht darauf, nach dieser unumstößlichen Tatsache beurteilt zu werden und nicht nach Anzweifelungen, nach Unterstellungen und Verdächtigun­gen." Diese Anklagen erhebt dieKöln. Volksztg." in einem drei Spalten langen Artikel gegen eine neue, anscheinend unter Ausschluß der Öffentlichkeit erschienene Schrift des Reichstags- und Landtagsabgeordneten Geheiinrats Roeren. Hier wird also zugegeben und das ist sehr wichtig. Was Erzbischof Dr. Fischer noch am Sonntag zurückwies, daßmaßgebende katholische Stellen" mit denschärfsten Mitteln" gegen die Cölner Richtung vorzugehen beabsichtigen.

* Was man von den Sensationsmeldungen desBeo liner Lokal-Anzeigers" zu halten hat. Zuni Mundstück klerikaler Verleumdungen der jungen Portugie­sischen Republik hatte sich in ausfälliger Weise derBer­liner Lokal-Anzeiger" gemacht. Der Minister des Auswärtigen Dt. Machado ersuchte deshalb die ständigen Korrespondenten ausländischer Blätter telegraphisch um

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Femlletsn.

(Nachdruck verboten.)

pariser Vries«

Paris, 16. Oktober

Di.e Theater; aison, die in einer bösen Zeit ein­letzte, wo -das Publikum der Komödie weniger Interesse schenkte als dem dramatischen Spiel der Wirklichkeit, hat außer mehreren recht minderwertigen Novitäten auch einiges Literarische von Bedeutung gebracht: voran ein SittenMck von Henry K i st e m a e ü e r s,L e Marohand de Bonheur", das im ^ Vaudeville Karriere machen dürfte. DerGtückshändler" ist der junge Millionär Brizay, der mit seinem vielen Geld andern auf die Beine und gar zu Flügeln verhelfen möchte; eine Figurantin, Ginette, verdankt ihm, als Stern am Theater- himmel auszugehen, ein Ingenieur, Ferrier, bekommt das Nötige vorgeschossen, uni seinen Aeroplan zu bauen. Brizay könnte sehr glücklich bet seinem Glückshandel sein, wenn nicht Monique, eine schon fast berühmte Schauspielerin, seinetwegen ihre Liebschaft mit dcnr Kollegen Barroy aus- gäbe. Ferrier sendet anonyme Briefe, Ginette läßt Brizay die hübsche Monique bei einem Wiedersehen mit Barroy überraschen, und der arme Millionär würde für die Wohltaten um alle Freude und gar sein Vermögen gebracht werden, wenn Ginette nicht einem Milliardär, der aus Liebe zu ihr Brizay an der Börsein die Lust sprengen" wollte, aus Gutherzigkeit in die Arme sänke. Daß es im zweiten Akt zu einem Absturz des Aeroplans mitsamt dem intriganten Ferrier kommt, hat der Leser bereits erraten. Trotz der wenig straffen Handlung und des nicht ganz vor­nehmen aktuellen Knalleffekts hat das Stück sehr feine psychologische Qualitäten; der Dialog ist geistreich zugespitzt und oft temperamentvoll. Die Darstellung war gut. Im früheren Thsatre Antoine verhol; Direktor Geinter wieder einmal Balzac zu einem posthumen Theatererfolg: Emile Fahre Hatte den bekannten RomanCesar Birotteau" dramatisiert. Wir wohnt» n dem Ruin des braven Parfümsabrikanten bei, seiner Rehabilitierung dank der Hilfe des gebrechlichen Bräutigams der Tochter, und

seinem Tod, den die Aufregung über bie Wiederkehr des Glücks hervorruft; die Rührung des Publikums war groß, GLmier als Darsteller melodramatisch. Iw ThLatre Sarah Bernhardt schritt der heilige Paulus zurEroberung Athens"; trotzdem Albert du Bois einen zweiten Akt mit nackten Freudentänzen arrangierte, kurierten seine wohl­empfundenen Verse die Pariser nicht von ihrem bösen Ant:- klerikalismus. Louis Ar 1 hus, der auch schon amüsante Komödien schrieb, hat mit seinemLetlt Dien" dem AthZnLe keinen Erfolg gebracht; derkleine Gott der Liebe", mit dem ein Kavallerieoberst a. D. jungem Volk, das sich nicht versteht, auf den rechten Weg Helsen wollte, streikte wie der prosaischste Eisenbahner.

Für die MuWvelt war das erste Ereignis Gabriel Piernss Debüt als .Nachfolger Eoffenes. Das be­kannte Orchester brachte zweimal mit Litvinne, Huberdeau usw.Fausts Verdammnis" von Berlioz vortrefflich zu Gehör; in der Saison sollen auch manche neue Werke von Strauß und Reger gespielt und Lilly Lehmann, die in Paris sehr beliebt ist, zu einem Konzert eingeladen werden.

Derzweite Salon d c r A v i a t i o n" ist gestern imGrand-Palais" in Gegenwart von fünf Ministern und unter großem Menschenzulauf eröffnet worden: in diesen Tagen der allgemeinen Verkehrsstockung zu Lande scheint sich jedermann doppelt für die Lustbesörderung zu inter­essieren, die noch keine revolutionären Streiks kennt. Die weite Halle desGrand-Palais" ist angefüllt von weißen und gelben Riesenschmetterlingen, die sich, von der hohen Rundgalerie gesehen, sehr hübsch ausnehmen. Man zeigt sich in der Menge alle bekannten Avi-atlker, BlEriot, Farmen, Leblanc, Aubrun usw-, die mit den Kriegs- und Marine- ministern sehr eingehend die zahllosen neuen Erfindungen inspizierten. Zunächst wurde sestgestcllt, daß nur Farman, Wright und Voistn dem Bipl-an treu blieben; ihre neuen Modelle nähern sich jedoch mehr und mehr dem vereinfachten Monoplan-System der Zweislügclerfindnng der Natur. Zunächst haben auch die amerikanischen Brüder Wright die Schwanzzelle in eine kleine Tuchfläche verwandelt, die für das Stenern und Glcichgewichthalten ausreicht. Bröguet, Gonpy und Rougier, die früher Anhänger der Zellen- apparate waren, gingen einen Schritt weiter und machten aus den viereckigen, häßlichen, weil naturwidrigen Holz­

und Leinwandkisten Flügel wie beim Monoplan, abge­rundet, etwas schief gestellt, aber immer noch mit zwei übereinanderliegenden Tuchslächen. Ihre neuen Modelle gleichen im übrigen durchaus den Eindeckern; Luftschraube, Räderständer, Steuerung und Dchwanzsorm sind dieselben, wie bei den bekanntesten Monoplanen. Unter den letzteren stehen die BlSriots vorn an: diese robusten Flugmaschinen mit den Stutzflügeln, die zu so erstaunlichen Leistungen fähig sind, wurden in zwei Modellen ausgestellt: mit einem Sitz und mit zwei Sitzen, hintereinander. Merlots Neu­heit, der viersitzige Aeroplan, ist noch nichtä point" und wird wohl erst 1911 herauskommen. Die Antoinettes, die sich neben den Blöriots ausnchmen wie der Storch neben der Eule, die aber mit ihnen die größten Rekordzahlen teilen, haben keine beträchtliche Veränderung durchgemacht; inaner noch derselbe SOPscrdige Motor mit Magneto Zündung, bi?r sie in der Schnelligkeit nicht den zurzeit besten Aeroplan Motoren, denGnomes", überlegen macht. Ein Monoplan von Nienport ist nur mit einem 18pserdigcn Motor versehen, der Gutes leistete, aber noch nicht zu Fern­reisen ausreichen dürste. Die Firnra Panhard hat einen neuen Monop-lan Tellicr mit einem 55pserdigen, 6zylind- rischon Motor ausgcstatt.'t, der noch seine Tüchtigkeit be­weisen muß. Auch ein deutscher Acro Plan- Motor, Mercedes, ist gekommen; er wird viel betrachtet und diskutiert; wahrscheinlich werden die Aviatiker es mit ihm zahlreich versuchen, da die Automobile dieser Firma in Frankreich einen hohen Ruf genießen Die Eannstatter Werke haben mit diesem 70pserdigen Motor bereits einen ersten Erfolg erzielt: Jlner flog damit von Wien nach Horn und zurück und gewann seinen 20 OOOKronen-Prcis; ein französischer Monoplan, Deperdussin, ist bereits damit ausgerüstet. Eine der Neuheiten, die besonderes Interesse verdienen sollen, der Monoplan des bisherigen Biplan- Fabrikanten Sommer, konnte infolge des Bahnstrciks nicht rechtzeitig zur Ausstellung gelangen; die Fabrikanten mußten oft hohe Summen bezahlen, um ihre neuen Vögel, in mehrere Teile zerlegt, auf Automobilen von ihren Fabriken in der Provinz nach dem Pariser Grand-Palais zu befördern. Die Aeronautik spielt kaum noch eine.Rolle im Salon der Aviation: ein kleiner LenkballonZodiac", > Pier Freiballons, das ist alles. Der Kriegsminister ließ sich