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Rr. 487.

Wiesbaden, Mittwoch, LN. Oktober LNLV.

58. Jahrgang.

Morgen - Ausgabe.

1. ZZtchtL.

Die sssiale Lllge der Schauspieler.

Aus den Kreisen derGenossenschaft Deutscher Bühnenangehöriger" erhalten wir folgende beachtens­werte Zuschrift: Erst nach schweren Kämpfen ist es dein Stand der Schauspieler geglückt, das auf ihm lastende Vorurteil zu überwinden und^die bürgerliche Gleichstellung zu erringen. Mit dem Schwinden des landläufigen Vorurteils aber ist der Zudrang_ zum schauspielerischen Berus so gestiegen, daß es nötig ist, in der Öffentlichkeit auf die ungünstigen Engagements­und Erwerb-sverhältnisse mit allem Nachdruck hinzu-- weisen.

Ter von der Genossenschaft jährlich herausgegebene Bühnenalmanach weist 25 000 Theaterangehörige nach, bon denen mindestens 10 000 Schauspieler sind; der Rest verteilt sich ans Sänger, Choristen, Kapellmeister, Musiker und technisches Personal.

Von diesen 10 000 Schauspielern und Schauspiele­rinnen kann im günstigsten Fall nur ein Fünftel eine einigermaßen auskömmliche Stellung finden; alle übrigen sind auf die kleinen und Wanderbühnen cmge- wiesen, die Monatsgagen von 80 bis höchstens 260 M. zahlen, aber nur für sechs bis sieben Monate. <steyr man bei solchem Einkommen die Auslagen für Reisen, Vühnenkleidung. die Abzüge für den das Engagement vermittelnden Agenten in Betracht, so ergibt sich me erschreckend geringe jährliche Durchschnitts-Ei n- n n h m e von 600 M., die von seiten der Genossenschaft vor kurzeni statistisch sestgestellt wurde. Das übrige verteilt sich wie folgt:

Im ganzen Deutschen Reich mit Einschluß von Österreich gibt es ungefähr 25 große Theaterbetriebe., die ihren Mitgliedern volle Jahresbezüge gewährten: in den Städten Berlin, Wien, München, Dresden, Hamburg. Leipzig, Frankfurt a. M., Stuttgart, Hannover, Wiesbaden. Sie beschäftigen an Schau­spielern etwa 1000 Personen: dazu treten zehn Hof­bühnen in kleineren Städten: Schwerin, Karlsruhe,

Koburg nsw. mit ungefähr 200 Mitgliedern im Schau­spiel. In den großen Betrieben werden Gagen von 15 000 M. bis 4000 M. gezahlt je nach Fach und künst­lerischem Ansehen. Über 15 000 M. geht eine Schau- spielgage äußerst feiten hinaus, und diese ist auch an den größten Bühnen im Durchschnitt weit geringer, sie kann rund mit 5000 M. angeschlagen werden, bei den kleineren Hoftheatern im besten Fall mit 3000 M. LW diesen Hof- und Stadtiheatern, die ganzjährige Kon­trakte eingehen, treten noch Cöln, Bremen, Breslau, die wohl Gagen in diesem mittleren Durchschnitt, aber Nur sür acht Monats bezahlen; diese Theater, wie die übrigen größeren Saisonbühnen Magdeburg, Königs- berg^usw., die sieben bis acht Monate spielen, ohne ihre I'Htßliebet in den Ferien zu entschädigen, um,assen lo

Kemüetsu»

(NachdruS verboten.)

wiener Brief»

Wien, im Oktober.

Bei uns geht es jetzt hoch her. Freilich, wenn man an die Rundreisen des Grasen Zeppelin durch ganz Deutschland denkt, sich erinnert, daß die überflicgung des Ärmelkanals schon Historie ist und Aviatiker anderer Völker Hunderte Steter hoch in die Lüfte gestiegen sind, dann muß man sagen: was da draußen in Wienerneustadt getrieben wird, ist Spielschachtelaviatik. Die anderen haben einen riesigen Vorsprung, und es wird schwer sein, sie einzuholen. Aber lnnnerhin: der Anfang ist da. Die Teilnahme der Allge­meinheit ist geweckt; durch den Besuch des Kaisers ans dem Reustädter Flugfeld ist die österreichische Aviatik gleichsam Asiziell anerkannt worden. Wunderschön war das, wie Tranz Joseph sein ungeheucheltes Interesse zeigte, von Hangar zu Hangar schritt, für jeden ein gutes, ermunterndes Wort hatte, manchmal auch und das war vielleicht das Allerschönste eine behutsame Warnung:Rur nicht zu

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Unter all den festlichen, siegesfrohen, mutigen Menschen ^ar aber auch einer, der resigniert znschauen mußte, wie anderen der Wunsch seines ganzen Lebens Erfüllung wurde. Dieser Mann wird vielleicht in einer künftigen Kulturge­schichte am Anfang einer bösen Epoche genannt werden Müssen. Die letzte tragische Gestalt des alten Österreich, der 'etzte von denen, die am kleinmütigen Zweifeln, am Spietzer- wott der anderen zerbrochen sind. Die einen hielten ihn für ^nen unsinnigen Phantasten, die anderen gar für einen Rarren. Lange vor Zeppelin, vor BlSriot und Latham de Wilhelm LreS sein Lujtschiff fertig. Cs blieb, aus dem

Betriebe mit 600 Schauspielmitgliedern. Rechnet man noch die paar deutschen Theater in der Schweiz und Rußland mit 100, die Prioattheater in München, Leip­zig, Dresden, Hannover, Nürnberg und Wiesbaden mit ungetähr 200 Mitgliedern hinzu, so ergibt- sich ein Ge­sinntbedarf von 2000 Schauspielern (das obige Fünftel), soweit es sich um gesrcherte Stellungen handelt.

Bon den 10 000 Schauspielern aber, die der Büynen- almanach namentlich anführt, finden nicht alle Be­schäftigung; es bleiben in jeder Spielzeit ungefähr 2000 außer Engagement. Bringt man selbst in An­schlag, daß Krankheit, Erfüllung der Militärpflicht, Fortsetzung der Studien nsw. die Ursache der Engage- mentslosiakeit sein kann, und verringert diese Summe kurzerhand auf die Hälfte, so ist immer noch der zehnte Teil der aktiven Schauspieler ständig b r o t - u n b erwerbslos: Erschwerend fällt da­

bei ins Gewicht, daß die Spielzeit, also die Zeit für den Verdienst, sieben bis acht Monate zählt; wer ohne Engagement bleibt, hat bis zum Beginn der nächsten Saison nicht nur denWinter, sondern auch den Sommer zu überdauern, da gegenüber der Anzahl der Theater, die im Winter spielen, die Zahl der Sommerbühnen außerordentlich gering ist; auch werden mit zunehmen­dem Alter die Engagementsaussichten für den Schau­spieler, noch mehr aber für die Schauspielerin immer ungünstiger.

In keinem Verhältnis zum Bedarf an Nachwuchs stebt die Anzahl der The ater schulen; in Berlin allein gibt es etwa zwanzig, in Wien zehn, in Dresden ein halbes Dutzend, etliche in anderen großen Städten, insgesamt mindestens 50 Schulen, 'die allein, gering gerechnet, jährlich 500 Schüler ausbilden. Dazu kommt die enorme Anzahl der dramatischen Einzel­lehrer, an jedem der größeren Theater sind mindestens fünf bis sechs Schauspieler und Schauspielerinnen, die in Privatstunden dramatischen Unterricht geben, alles in allem nicht unter dreihundert. Rechnet man auf jeden nur zwei Schüler, so ergibt das wieder 600 Neu­linge, dazu kommen noch des weiteren die Schauspieler, die kein Engagement mehr finden und sich vom Unter­richtgeben ernähren, kurz die Zahl der R e k r u t e n beläuft sich in jedem Jahr auf mindestens 1200 bis 1500, von denen sich viele, nur um ein Unterkommen zu finden, umsonst anbieten, denn der gewaltige Zulaus entspricht, wie die oben mitgeteilten Zahlen darlegen, in keiner Weise dem Bedarf.

So liegen die Verhältnisse auf dem Gebiete des Schauspiels, auf dem der O per sind sie womöglich noch ungünstiger, die Gagen sind wohl besser, aber die An­zahl der Opernbühncn ist weit geringer.

Da die Theaterichnlen keiner gesetzlichen oder fach­männischen Kontrolle unterliegen, der Privatunterricht ohne jede Konzession oder Befähigungsnachweis er­teilt werden kann, die Verlockung, sich der Bühne zuzu­wenden, durch das Beispiel einzelner , ganz seltener Karrieren aber ungemein stark ist, ist es am Platze, eine eindringliche Warnung vor diem Er­

greifen des Berufs zu erlassen. Tie Genossenschaft Teutscher Bühnenangehöriger will die Einrichtung treffen, in jeder größeren Stadt eine Art von Sach­verständigenkommission ins * Leben zu rufen, die auf Wunsch jeden, der den Gedanken faßt, sich der Bühne zuzuwenden, unparteiisch auf sein Talent und seine Eignung prüft und ihm über die einschlägi­gen Verhältnisse unentgeltlich Auskunft erteilt.

UMWchs Wrrficht.

Dis pverMsche Wahlrechtsreform.

Von besonderer Seite erhält diePost" zwei Nach­richten, von denen die eine nur sagt, was man längst wußte, von denen die andere jedoch , immerhin Be­achtung verdient. Die erste ist, daß die Meldung, wo­nach der Landtag schon in diesem Winter eine neue Wahlrechtsvorlage erhalten soll, nicht zutrisft, und diese Neuigkeit ist, wie gesagt, keine, denn es wm schon vor langen Monaten in glaubhafter Weife er­klärt worden, daß die Regierung erst das Ergebnis der. nächsten R e i ch s t a g s w a h l e n abwarten wolle, ehe sie wieder an die Wahlrechtssrage Herangehen möchte Dagegen ist es neu, was diePost" weiter be­richtet, daß sich Herr v. Bethmann-Hollweg sur ge- h ei me und direkte Wahl entschieden habe. Das freikonservative Blatt stellt sich zwar an, als ob es die anderweit verbreitete betreffende Behauptung zu be­zweifeln habe, schließlich aber wird bemerkt, daß es eme gewisse Wahrscheinlichkeit für sich habe, wenn erzählt wird, Fürst Bülow und mit ihm Herr v. Beth- manii-Hollweg seien im 'Staatsministerium im Januar 1908 für direkte und geheime Wahl gewesen, sie seien aber überstimmt worden. Wenn dieswahr­scheinlich" sein soll, so niöchte man anneymen, daß sich der Gewährsmann derPost" für berechtigt halt, ,an solche Absichten des Ministerpräsidenten jetzt nocy, viel­leicht jetzt erst recht, zu glaubeii. Es wird nicht ohne Interesse sein, das Echo zu vernehmen, das die in eine vorsichtige Form gekleidete Ankündigung des mutmaßlichen Inhalts der späteren preußi­schen Wahlrechtsvorlage bei den Konservativen finden wird

Der pMMchs PrszM irr Greifsw-Ud.

Ohne dem Urteil im Prozeß Becker irgendwie vor- greifen zu N>oüen, Ecntn bodj fefigefieU tpctben, dnA das hinterpommersche Kcksurbild, das sich in Grerch- wald entrollte, fortgesetzt Momente ergibt, die, unab­hängig von dem endlichen Ausgang des forensischen Streites, aus die Platte gebannt zu werden verdienen. Wir sehen hier in der Persönlichkeit des Freiherrn von Maltzan den charakteristischen Typus des ost- elbischen Verwaltungsbeamten. Er ist sicherlich m seineni Innersten davon überzeugt, wie er das w wie­derholt bekundet hat, bei all seinem Vorgehen gegen den Liberalismus und gegen einzelne Persönlichkeiten

Pavier. Die Mittel zur Ausführung konnten mch. aufge­bracht werden, das Geld zu praktischen Versuchen war nickst da Staat und Gesellschaft hielten die Beutel verschnürt. Wilhelm Kreß stieg niemals in die Lüste. Man zweifelte, man spöttelte, man hielt es sür unmöglich; denn die kon­servative Behäbigkeit HM jedes große Nene für unmögliche Verrücktheit Und hier, in Österreich, hatte diese Selbstzu­friedenheit ihr dickstes Nest. Jetzt aber scheint auch in diesem Staat eine neue Zeit herauszukommen. Die geistigen Zoll­grenzen sind acfallen und das Schmähwortder Staat der Hofräte" ist nickst mehr wahr.

An stillen Dingen läßt es sich besser erkennen, als an den dröhnenden Worten der politischen Rednertribüne. Unsere Verwaltung, die viel verspottete, meist gehaßte Ver­waltung Österreichs, hat sich erneuert. Auch der Menstaub flog in die Lust. Man ist in den Amtsstuben der Ministerien modern geworden, man denn, man arbeitet, man fühlt modern Der Sinn fiir neuzeitlichen Industrialismus mit seiner regen, weltumspannenden Unternehmungslust ist wach geworden, und binnen Jahresfrist ist es das zweite- mal, daß ein hoher Beamter an dis Direktionsspitze einer Bank getreten ist. Ein früherer Sektionschef leitet nun die Bodenkreditanstalt, ein früherer LandcSfinanzdirektor die Kreditanstalt Die kaufmännische Gegenwartstellung dieser Männer läßt zurückschließen ans ihre Beamtenvergangem heit, aus die Art, wie sie früher die Staatsgcschäste leiteten. Sie hatten den merkantilen Drang ins Weite und Uner­meßliche in sich. Die Amtsstube wurde ihnen zu cna Aber diese Erscheinung langt weit über ein persönliches Schick, al hinaus. Sic ist ein Zeichen einer tiefen innerlichen Wans- luna in den Gefellschaftsurteilen. Ein Sektionschef. tu. Staat der Hofräte; das war wenn nicht Gott Bureaukratws so doch dieses Gottes Stellvertreter ans Erden. Run e.'er hat der äußere Titel gegen die innere Geltung verrorcn. Das Vorurteil von Würden und Orden, von Titel und

Dekoration ist zerbrochen. Diese beiden Männer sind gleiö^ sam der Ausdruck einer demokratischen Zeit, deren Gott Arbeit beißt, deren Ideal die Leistung, der Erfolg ist.

Hier ist ein Anfang gegeben, der für unser ganzes Wirt­schaftsleben unfehlbar heilsame Folgen haben kann. Immer lauter gellt der Notschrei vom geistigen Proletariat. 100 und 1000 junger Leute versitzen ihre besten Jahre nt den Stndierstuben, in den Gymnasien und Hochschulen, nur um den Doktortitel ans ihre Visitkarten drucken zu können. Ihr« Arbeitskraft wird von rezeptiver Tätigkeit verschlungen. Sie sind bloß Zehrer am Gesamteinkommen, nicht auch seine Mehrer Alle gelehrten Berufe sind überfüllt, und wir er­leben es jährlich, täglich beinahe, daß graduierte Juristen in' Jndustrieunternehmunxen. in Banken und Versicherungs­anstalten dort anfangen müssen, wo Keine 18jährige Bür,ch- cben sitzen die von der Handelsschule kommen. Zu spät cr- kennm sie den Verlust von Fahren sür ihr eigenes Weiter­kommen und für das tätige Wirken in die Gesamtheit. Dem Götzentitel wurde ein Stück Leben geopfert, denn immer noch gilt'der Herr Doktor gesellschaftlich mehr alsder gewöhrckiche Mensch". Bald wird es anders sein. Bald wird die Tüchtigkeit allein bewertet werden, man wird et­was sein dürfen und nicht erst etwas zu werden brauchen. Fst nicht schon ein Anfang gegeben, gerade bei uns, in dem verspotteten Österreich, dem Staate der Hofräte?

Erinnern wir uns ein bißchen. Diese Zeichen der Überwindung verknöcherter Titelanbetung sind wert, be­achtet zu sein; denn sie sind Zeichen einer besseren Zukunft. Da ist Lüger, da ist der Minister Weißkirchner, da sind Exzellenz Klein und Pmschek und Sieghardt. Hosrats- löhne, Abelskinder? Lüger war Schuldienersohn, Weiß- kirchncrs Vater an derselben Lehranstalt,der Taubenschul" aus der Wiesen, Direktor; der Abkömmling einer kleinen jüdischen Familie Rudolf Sieghardt hat in dem serrdalen» llerilcklen Staate Österreich das gepriesene Werk des letzten