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Nr. 484.
Wiesbaden. Montag. itf. Oktober 1910.
58. Jahrgang.
Kbenü «Husgabe.
1. Mcrtt.
Politische Übersicht.
Drr bedrängte Reichskanzler?.
Die Sehnsucht nach einem Wahlprogramm des Reichskanzlers läßt die Parteien des schwarz-blauen Blocks nicht zur Ruhe kommen. Herr v. Bethmann- Hollweg soll durchaus schon jetzt sagen, wohin die Reise zu gehen hat, und er soll, so ist_ die stillschweigende Voraussetzung, selbstverständlich einen Weg angeben, aus dem ihn die Konservativen und das Zentrum begleiten möchten. Auch wir finden das Verlangen, daß die Regierung Auskunft über ihre Politik gibt, natürlich und notwendig, aber wir können es ertragen, wenn der verantwortliche Leiter der Geschäfte auch weiterhin schweigt; wir sind nicht auf die Bekanntgebung von Richiungslinien angewiesen, da wir selber wissen, was in Angriff und Abwehr zu tun ist. Insofern kann man den Bemühungen auf der Rechten und im Zentrum, den Kanzler zum Sprechen zu bringen, mit einem völlig objektiven Interesse zusehen. Will Herr v. Beth- mann-Hollweg sich äußern, so wird es ja gut sein; will er es nicht, dann auch gut. Ein -Organ der Rechten, die „Konserv. Monatsschrift", hatte kürzlich ausgesührt, es sei nicht Sache einer unparteiischen Regierung, durch ein frühzeitig ausgegebenes Wahlprogramm einer bestimmten Mehrheit für die Gesamtpolitik den Weg zu bereiten; wirksame Wahlparolen zu schaffen, sei vielmehr Sache der Parteien. Es ist bezeichnend, daß diese Meinung sofort von dem leitenden Blatt der Rechten, der „Lireuzzeitung", sehr bestimmt bestritten wurde. Um Wahlparolen der Parteien zu schaffen, müsse zunächst kund gegeben werden, welche Gesetzesarbeit zu erwarten sei, und diesen authentischen Aufschluß könne eben nur die Regierung erteilen. Deshalb also müsse sie endlich ihr Schweigen brechen. Zu dieser Auffassung bekennt sich nunmehr auch die „Germania" mit Wendungen, die es immerhin wert sind, daß man sie aus der Verborgenheit dieses zwar parteipolitisch belangreichen, sonst aber wenig gelesenen Blattes heraushebt. „Der Reichskanzler", so schreibt die „Germania", „muß sagen, was er will, damit die Parteien und die Wähler sagen können, ob sie es auch wollen, und damit den Lügen, Entstellungen und Verdächtigungen der Agitatoren auf der Linken wirksam entgegengetreten werden kann. Was er will, ist doch sicher nicht derart, daß vernünftig und maßvoll denkende Leute ihm nicht beipflichten und es vor den Wählern nicht vertreten könnten. Das zurückhaltende Schweigen muß schließlich selbst diejenigen lau und mißtraurjch machen, die die Regierung zu unterstützen bereit sind, denn es mutz den Eindruck erwecken, als fühle er sich bei ihnen nicht wohl und warte auf einen günstigen Augenblick, um sich den anderen zuzuwenden. Einmal wird der Fuchs doch zum Loche heraus müssen. Ein
mal muß doch bekannt werden, was die Regierung will, einerlei, ob es verschiedenen Leuten, auf die sie vielleicht noch Hoffnungen setzt, gefällt oder nicht. Das Zögern kann verhängnisvoll werden, wenn der richtige Augenblick zum Handeln verpaßt wird."
So die „Germania". Manches in diesen Ausführungen hat eine unverkennbare praktisch-parteipolitische Spitze. Man merkt, daß die Zentrumsführer auf eine Regierungsparole warten, die ein offenes Bekenntnis zum schwarz-blauen Block enthalten soll. Es paßt, dem Zentrum nicht, die Negierung zu „unterstützen", ohne die Gewähr dafür zu haben, daß der Reichskanzler ein regelrechtes Geschäft nach dem Grundsatz des do ut des zu machen bereit ist. Herr v. Bethmann-Hollweg soll durchaus sagen, daß er sich beim schwarz-blauen Block „Wohl fühlt", daß er nicht auf einen günstigen Augenblick wartet, um „sich den anderen zuzuwenden". Diese „anderen" sind natürlich die Nationalliberalen. Den mittelpartei- lichen Richtungen also soll Herr v. Bethmann-Hollweg ausdrücklich den Abschied geben. Das ist das Wahlprogramm, das von ihm zuerst und zuletzt verlangt wird, und jetzt weiß er Bescheid. Will er sich nicht ausgesprochen schwarz-blau deklarieren, dann wird es mit der Unterstützung vom Zentrum her nichts sein. Man sieht, es wird Herrn v. Bethmann-Hollweg immer schwerer gemacht, und so darf man in der Tat um so neugieriger auf seine „Parole" werden, bis, ob er auch noch so lange zögert, eines Tages ia wirklich wird kommen müssen. Nur allenfalls die Wahl des Zeitpunktes steht ihm frei, um die Sache kommt er — darin muß man den Konservativen und dem Zentrum recht geben — nicht herum.
Dev gm« Assessor«.
Ein auffälliger Fragebogen ist den Assessoren eine» westdeutschen Landgerichtsbezirks zugegangen. Ob dies auch anderwärts, also auf Grund einer allgemeinen Anordnung, geschehen ist, wird sich wohl bald Herausstellen. Der Bogen soll sobald als möglich ausgestellt zurückgeschickt werden. Die Fragen erstrecken sich, wie die „Köln. Volksztg." mitteilt, außer aus Namen, Anstellung nsw. auf folgendes: Nebenämter und Einkommen aus denselben, Mlitärver- hältnisse, Orden oder sonstige Auszeichnungen und Zeitpunkt der Verleihung (8), Familien- und Vcrmögensverhältmsse (9). Eine Amnerkung besagt:
Die Militär-, Familien- und Vermögensverhältnisse sind genau anzugeben. Bei den Familien- verhältnissen ist tunlichst auch der Ort (Kreis) der Geburt des Beamten, der Stand des Vaters, der Name und Geburtsort der Ehefrau und der Stand ihres Vaters anzugeben. In Spalte „Religion" ist auch ein etwa statt- gehabter Religionswechs«l einzutragen und zugleich da« Fahr anzugcben, in welchem derselbe stattgefunden hat.
' Dieser Fragebogen drängt, so bemerkt mit Recht die Köln Volksztg.", die Erinnerung an jene Bestrebungen, wie sie seinerzeit in dem beriihmten Assessorenparagraphen zum Ausdruck kamen, geradezu auf. Es scheint, daß diese Bestrebungen, die darauf hinausliefen, die Richterlausbahn unter Berücksichtigung gesellschaftlrcher Vorurteile aus Grund vorsichtiger Wahl derEltern undSchwioger-
FemlieLsn.
Residenz-TiMter.
Samstag, den 15. Oktober. Der Feldherrnhügel. Eine Schnurre in 3 Akten von Roda-Roda und Karl Roeßler. Spielleitung: Ernst Bertram.
Dem „Feldherrnhügel" ging eine wirkungsvolle Reklame voraus: das Zensurverbot in Österreich. So kann selbst eine sehr strenge Kritik dem Stück nichts mehr anhaben. Zudem nennt der Autor sein Machwerk eine Schnurre. Er sichert sich also schon im voraus Narrenfreiheit und nimmt sich denn auch allerlei heraus, unter anderem die Freiheit, gute alte Witze mit guten neuen Einfällen zu verarbeiten. Selbst das äußerst einfache Thema ist nicht neu. Oberst von Leuckseld, des „Kommisses" herzlich müde, möchte in Pension gehen, jedoch nicht ohne vorher beim Manöver mit Absicht alles verkehrt zu machen, um seinen Korpskom-mandeur zu ärgern und um dadurch seinen Abschied zu erzwingen. Er ärgert zwar den Korpskommandeur, aber der Kurfürst von Vicenza und der Herzog Karl Eberhard von Friesland, die ^em Manöver beiwohnen, sind von dem strategischen Genie des Obersten so entzückt, daß der Kurfürst den Wunsch aus- ipricht, den Oberst im nächsten Fahr als General zu begrüßen. Man sieht, es ist das alte Lied: Glück muß mm "rim Militär haben, daraus kommt's an. Es kommt aber °uch darauf an, wer dieses Thema wählt. Roda-Roda kann sich schon gestatten, überall verrät sich die bühnenkundige --and. Gute Aktschlüsse. Geistesblitze, boshafte Bemerkungen g^gen das Militär, pikante Wendungen. Das Publikum aste. Neben dem dröhnenden „befreienden Lachen" Laute,
die nichts mehr Menschliches an sich hatten. Ein Wiehern, ein Brüllen. Einige wütende Zischer mischten sich in den allgemeinen Beifall.
Von den 33 Mitwirkenden wäre zuerst Herr B a r t a k zu nennen, der so gut aussah und so dumm und leutselig war, wie seine Nolle es von ihm verlangte. Auch Herr Rücker als Oberst von Leuckseld gab sich frei und natürlich. Herr Keller-Nebri war ein eleganter Leichtfuß, und Herr Nessel träger schuf einen echten Typ. Herr T a u tz in der sehr dankbaren Rolle eines preußischen Kürassiers charakterisierte scharf und treffend. Das Spiel der übrigen Herren litt etwas durch den fortwährenden Kampf m't den: österreichischen Dialekt, den allerdings einige in der Erkenntnis der fruchtlosen Bemühungen überhaupt nicht aufnahmen. „Schnurrig" hörte sich da manches an. Herrn Bertrams Spiel ging sogar über die — Schnurre! Sem deutsch klang sächsisch. Herr Miltner-
Schönau— sonst fesch und elegant — sprach-semitisch,
und Herr Winter — ebenfalls fesch und elegant — hatte einen eigenen Dialekt gefunden. Herr Tachauer schien als jüdischer Ofsiziersbursche nicht so ganz in seinem Element zu sein, und Herr Schönemann als Oberleutnant- Jäger hatte einen Ton angenommen, der allzustark an einen betrunkenen Unteroffizier erinnerte. Frl. Hamme r, eine elegante pikante Russin, vergaß nur öfters in russischem Tonfall, den sie ziemlich naturgetreu herausbrachte, sprechen. Im übrigen sah sie so hübsch und verführerisch aus, daß sie den Kurfürsten mit leichter Mühe in ihre Netze lockte. Frl. Richter ließ den ihr eigenen Charme wirken, Frl. W a l l o t hatte einige gute Momente, u.nd Frau v a ir Born war eine sehr energische Koinmandeuse. Das Theater, bis zum letzten Platz ausverkauft, wird wohl nie leer sein, wenn der „Feldherrnhügcl" auf dem Programm ! steht. I). F.
cltern zur Domäne einer bestimmten Kaste und größeren Vermögens zu machen, trotz ihres wiederholten Mißerfolges mit zäher Hartnäckigkeit weiter verfolgt werden. Insbesondere die Frage nach den Vermögensver- hältuissen erregt in den beteiligten Kreisen viel böses Blut, und die Besorgnis, daß die höheren Stellen aus Repräsen- tations- oder sonstigen Gründen möglichst mir wohlhabenden Leuten Vorbehalten werden sollen. Daß die Fragebogen lediglich statistische Zwecke hätten, das wird man hoffentlich keinem Menschen einreden.
Nicht minder peinlich wie die Frage nach den Vermögensverhältnissen berührt auch das Herumschnüffeln in den Familienverhältnissen. Was geht es eine hohe Justizverwaltung an, ob der Vater der Frau eines Assessors ein ehrsamer Handwerker oder ein erleuchteter preußischer Staatsminister gewesen ist?
Was die Befähigung mit dem Stande des Schwiegervaters, mit Orden und „sonstigen" Auszeichnungen — sie werden selbst in unserer ordengesegneten Zeit bet den Assessoren noch spärlich vorhanden sein —, was sie mit einem etwaigen „Religionswcchsel" zu tun hat, wird keinem vorurteilsfreien Menschen cinieuchtcn. Es erscheint uns dringend notwendig, daß dem Herrn Justizminister über diese neueste Glanzleistung der preußischen Burcaukratie auch im Parlament ganz gehörig die Wahrheit gesagt wird. Der Fall ist wirklich einmal wieder so recht kennzeichnend für den Geist in der preußischen Verwaltung.
*
Der Assessorenfragebogcn ist, wie jetzt der „Köln. Volksztg." von unterrichteter Seite geschrieben wird, schon seit mehreren Menschen« ltern, vielleicht mit unwesentlichen Änderungen, in Übung gewesen. Es wird so dargestellt, als sei er ganz in der Ordnung. Man wolle z. B. den unvermögenden Assessoren nicht die Verwendung oder Anstellung in einer besonders teuren Stadt zumuten. Ebenso könnte die Ausübung des Richteramtes am Wohnsitz der Eltern oder Schwiegereltern, wenn z. B. diese in gewerblichen Betrieben stehen, bei denen häufig Prozesse nicht zu umgehen sind, ernsten Bedenken begegnen nsw. — Uns erscheint trotzdem dieser Fragebogen bedenklich, und wenn er auch seit mehreren Menschenaltern in Übung ist, so ist er dadurch nicht geheiligt.
Deutsches Reich»
* Zur Begegnung der Kaisers mit dem Zaren. TI»
Begegnung zwischen dem Zar und dem Kaiser wird in Potsdam kurz vor oder nach dem 10. November erfolgen. Ter Zar wird von dem Minister des Äußern Sassanow begleitet sein.
* Zum Tode des ehemaligen Reichsbaukpräsidenten Koch. Aus Anlaß des Ablebens des früheren Reichsbankpräsidenten, Exzellenz Koch, richtete der S t a a t s- sekretär des Innern folgendes Telegramm an die Tochter des Verstorbenen: Tiefergrisfen durch die schmerzliche Nachricht von dem Hinscheiden Ihres hochverehrten Herrn Vaters drängt es mich. Ihnen, sehr geehrtes gnädiges Fräulein, meine innigste, wärmste Anteilnahme zum Ausdruck zu bringen. Mit Ihnen und den übrigen Familienangehörigen des Ent-
Waihallll^ Theater.
Sonntag, den 16. Oktober. Der Walzer von heute Nacht. Vaudeville-Operette tu 1 Akt von Adolf Klein. Musik von Dr. Ralph Benatzly.
D-r. Ralph Benatzky hat sich kein allzuhohes Ziel gesteckt, als er die einaktige Operette „Der Walzer von heute Rächt" komponierte. Ein paar Takte lang drohte die Musik opernhaft-modern zu werden. Ein paar Takte nur. Daun ebbte sie schnell zurück und plätscherte weiter, ein seichtes, aber ganz munteres Wässerchen. Die Handlung ist beinah mehr wie rperettenhaft! Ein junger französischer Oberleutnant, Baron v'Haranccurs, besucht mit seiner Braut Rivh de Bartigny einen Ball. Der Heimweg führt die beiden — inan denke in Frankreich eine Braut mit dem Bräutigam allein mitten in der Nacht! - au dem Fenster Henrys vorbei, in dessen Nähe eine Leiter lehnt. Rivy will das Zimmer ihres Bräutigams sehen, in allen Ehren, in aller Unschuld! Sie bittet solange, bis er nachgibt und mit ihr zum Fenster hcrcinklcttert. Doch als sie das Zimmer auf demselben Wege wieder verlassen will, ist die Leiter verschwunden. Henry, der bei seinen Eltern wohnt, ist verzweifelt Sic verbringt die Nacht in seinem Schlafzimmer, cr auf der Chaiselongue im Wohnzimmer. Beim Erwachen ist dre furcht vor Entdeckung noch größer geworden. Rivy muß sich verkleiden, ehe der Oberst zu seinem Sohne kommt. mit Hilfe eines Freundes verwandelt sie sich in eine Schwester der Heilsarmee, in einen jungen Leutnant, und schließlich in die Schwester des Leutnants, die dem Oberst so gut gefällt, daß cr sie für seinen Sohn um ihre Hand oittet. Natürlich hatte er vorher geschworen, daß er seine Einwilligung zu einer Verbindung mit Rivy nie geben würde. So gibt cs denn ein glückliches Paar, einen überrumpelten Vater und einen strahlenden Freund. Frl.
