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Verlag Langgaffe 21.

Tagblatt-Haus". KLaiter-Halle geöffnet von 8 Uhr morgen; bis 8 Uhr abends.

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Tagdlatt-H-us" Nr. 6650-53.

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Nr. 473.

Kbend-Ausgabe.

1. Wtcrtt. _

Schluß des KolünialKongresses.

II. L. Berlin, S. Oktober.

Der Kolontalkongretz wurde am Samstag geschlossen. FM ganzen ist Die Tagung -recht fruchtbar gewesen. Die Menge der behandelten Fragen war geradezu unheim­lich Jedenfalls kann man die erfreuliche Tatsache se,t- stellen, daß sehr viele Kräfte tätig sind, die Kolonien zu erforschen und zu entwickeln. Wir sind noch ein MNges Kolomalvolk, aber wir find sehr rührig uNd haben das größte Bestreben, aus unseren Kolonien etwas zu machen. Und daß unsere Kolonien entschieden entwicklungs­fähig sind, daran läßt sich nicht mehr zweifeln. 2 oir haben sich z. B. unsere Anschauungen über Südwestasrua geändert! Und das nicht mir wegen der Diamanten.

Am Samstag gab es noch eine sehr reich besetzte Tafel. Der Direktor des Museums für Vollerkunde in Berlin, v Luschan sprach über die fremden Kulturernflustc

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schen europäischer und afrikanischer K ^ ^ ^ c d a n i s °

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dafür Beweise bei gebracht, nnd man nahm ausdrücklich eine Resolution an, nach der mit allen Mitteln für die Ausbreitung der christlichen Missionen gesorgt werden soll. Denn man war sich Kar darüber, daß, wenn unsere Kolonien dem deutschen Einfluß erhalten werden sollen, dies nur nui Hilfe des Christentums und nicht unter dem Mohairr- medanismus geschehen kann.

Die Fortschritte des Ei s enlb.ahno u s behandelte der Geheime Baurat Paltzer-Berlin. Hierauf hat ja be­sonders die Ära Dernburg Wert gelegt. Bis zum Jahre 1913 werden wir voraussichtlich mehr als 4000 Kilo-m-etcr Kolo-Nlalbahnen im Betrieb haben. Etwa so viel wie zwei Eisenbahndirektionsbezirke. Zurzeit sind es etwa 2400 Kilometer, dreimal soviel als vor 5 Jahren. Wir kommen also voran. T .

Ferner erfuhr man von der Bekämpfung der Malaria durch Ehrlich Hata 600. Die wenigen bisher gemachten Erfahrungen versprechen durchaus Erfolge. Eine große Aktion erzielte Professor Köbener-Berlin mit seinem Drin­gen aus eine Reform des Kolonialrechts. Leider wissen wir von den Rechtsverhältnissen _ bet Eingeborenen sehr wenig, und es besteht die große Gefahr, daß wir ihnen ein Recht aufdrängen, das sie gar nicht verstehen. Deshalb ist es die wichtigste Forderung, daß wir die Rechtszustände der Eingeborenen gründlich studieren und ihnen aus ihren eigenen Grundsätzen heraus das Recht sprechen. Der Kon­greß beschloß in diesem Sinne einstimmig eine Resolution.

Einen recht interessanten Vortrag hielt der Pater Dr. Froberger über die Schäden- der Polygamie. Es scheint richtig zu sein, daß man den Wert der Ehe und der Ein- zelfami-lie -erst erkennt, wenn man sicht, welche Schäden unter der Polygamie bestehen. Die Frauen sind nicht viel mehr als Sklaven und Arbeitstiere. Ein Famülienileben gibt es nicht, auch keine geordnete Kinder­erziehung. Die Kinder find überhaupt nicht so- zahlreich

Wiesbad en. Montag, 1«. Oktober 1910.

wie unter der Einehe. ^t^de^ B. mitgeteilt, daß der Sultan Said Bar,gasch von Sansibar mit 60 bis «0 Frauen nur 2 Kinder hat. Natürlich ist es nicht leicht, dre Viel­weiberei abzuschafsen. Indes den Missionen gelingt es. Sie dulden keine Vielweiberei-.

über die Pflege des Deutschtums im Ausland wurden mehrere Vorträge gehalten. Außer den Engländern ist kein Volk so -aus der Erde verbreitet wie das deutsche. Nur haben die Deutschen nicht die Annehmlichkeit wie die Engländer, die genügend Raum in ihren eigenen Kolo­nien finden. Bei uns muß darum ganz besonders viel Nachdruck darauf gelegt werden, daß wir den Zu s a m - menhang mit unseren Volksgenossen i-m .lusland be­wahren. Leider geschieht in dieser Beziehung viel zu wenig. Scho« in der Schule müßte in der Geographie das mit besonderem Nachdruck betont werden, wo überall Deutsche wohnen. Bei unseren Reifen mühten wir gerade diejenigen Gebiete bevorzugen, wo Deutsche wohnen, um mit diesen in Fühlung zu kommen. Man reist heut­zutage ins Gebirge oder an die See. Aber wie selten Hort man einmal von Reisen ans nationalen pangermam- schen Gesichtspunkten. Und doch sind gerade solche außer­ordentlich fruchtbar und lohnend.

58. Jahrgang.

W" Umnmhrmy in Portugal.

Die Wiederherstellung der Ruhe.

Alle Nachrichten aus Portugal stimmen darin überein, daß die Republik gesichert ist. Irgend ein ernster Wider­stand der Monarchisten ist kaum mehr zu besorgen, über­raschend schnell hat sich die neue Staatssorm eingelebt. Die neue Regierung ist auch in den Kolonien alsbald zur Aner­kennung gelangt. , . ...

Nach den vorliegenden Meldungen ist das Lano längs der Eisenbahnen allenthalben nchig. Der Durchgangsver­kehr an der Grenze vollzieht sich wieder ohne Umstergen, auf den Stationen sammelt sich die Bevölkerung, welche die Republik begeistert begrüßt und die Fahnen schwenck. Kein Teil der Hauptstadt außer der Avenida da ^.lber- dade und dem Platze Dom Pedro hat durch die Kampfe gelitten; an diesen beiden Punkten wurden die Gebäude von Geschossen getroffen. Die Beschädigungen ^ind ziemlich bedeutend: Mauern wurden durchschlagen, Fenster zer-

schmettert. Die Bedeutung der durch die Revolution ver- ursachten materiellen'Schäden ist also nicht so groß, wie man sie sich zunächst vorgestellt hat. Die Zahl der Toten schätzt der Minister auf 60 in Lissabon, w der Provinz kaum einen einzigen. Anfangs der nächsten Woche beginnt die Inventaraufnahme der Königspaläste, aae Korngs- familie soll nur das Unentbehrlichste mitgenommen haben.

Der Großindustrielle und Warenhausbefltzer Francisco Grandella stellte der Regierung seinen gesamten Besitz nn Wert von 30 Millionen Frank zur Verfügung zur Kautio- nierung einer vielleicht nötigen Anleihe Das kann als Beweis für die herrschende Opferwrlligkert angesehen wer­den. die in allen Schichten der Bevölkerung herrscht. Ge­rüchte über die Besetzung der diplomatischen Posten im Ausland erscheinen verfrüht.

Wie Reuter erfährt, haben weder das englische Aus­wärtige Amt noch die portugiesische Gesandtschaft Depeschen erbalten daß in der Lage in Portugal sich etwas g e - ändert hat Die Depeschen aus Lissabon von autorna­

tiver Seite lassen vielmehr keinen Zweifel, daß man mit der neuen Lage der .Dinge sich überall in Portugal ein- verstanden erklärt hat und daß eme Gegenbewegung nur sehr wenig Aussicht auf Erfolg haben wurde. Uber die demnäch-stigen Bewegungen der königlichen F am 111 e ist nichts Genaues bekannt; jedenfalls kann es aber als sicher aelteri, daß, wenn König Manuel für Zelt m

Gibraltar bleibt, er diesen Platz nicht zum Mittelpunkt politischer Bestrebungen machen zu suchen durfte.

den Straßen Lissabons erinnert nichts mehr an die blutigen Szenen, deren Schauplatz die Stadt noch vor einigen Tagen war. Nur wenige Kugelspuren an oen Häusern zeigen die Heftigkeit des Kampfes, der mit mög­lichster Schonung des Privateigentums durchgesuhit wor­den war. Alles zeigt große Befriedigung. . =

Der neue Kabinettsches wird einen Teil des -Komg^ palastes bewohnen. Alle Presseorgane d reMMkamsch .r- ., ha ericknint kein antirepublikanrsches Btatt.

S durch die Beschießung des Königspalastes angerichteten

« d» *«** für die Republik erklärt. In Lissabon, rst em strenger

Nachtdienst eingerichtet, in Befestigungswerken der

Oberstadt sind 36 schwere Ge,chutze und 10 -bchchm »g wehre aufgestellt, um jeden --twar^n bewaffneten Vonnm,ch a>,s Lissabon zu verhindern, «rs zum gegenwärtigen Moment hat aber die Regierung nicht ^e^urgste Nach­richt von einer Erhebung zugunsten der -Monarchie erhalten.

Aus allen Kolonien sind Telegramme eingelaufen, nach welchen sich diese für die Republik erklären. .

Die neue Regierung wird alle Gesandten im Ausland abberufen und durch neue Männer ersetzen. ^ Von dieser Maßnahme wird auch der Berliner Posten betroffen

werdcm ^ Regierung beauftragte den portu­

giesischen ^Geschäftsträger beim Heiligen Stuhl, dem K ar - d nalüaatssekretär von der Proklannerung der Republik und der Konstituierung der neuen Regierung Mitteilung

* ^"bisherige portugiesische Gesandte in Paris de Suia R o z a erhielt von der neuen Regierung den Auf- waa der französischen Regierung den Wechsel des Regimes m noti iziereu Er lehnte telegraphisch die Ausführung dieses Befehls ab und gab seine Entlassung. Darauf- J ist der 'in Paris weilende portugiesische Republikaner Magelhaes Lima beauftragt worden, sich mit der fran­zösischen Regierung in Verbindung zu setzen. Er wird sich zu Briand begeben, sobald seine offizielle Bestallung em-

0ett SIT Regierung gedenkt, eine eigene Kommiffion zur Tilgung der Schulden des ermordeten Königs Carlos Anmsetzen Erst nachdem die Kommission dre Arbeiten be- nistnon wird soll die Familie Braganza den aus dem Verkauf der 'Krondomänen verbleibenden Rest er-

«rtM ot« --»!«-« Ipnch« ">»"

o h n e H a b, doch mit G e r i n g, ch a tz u n g. Die Blatter

nennen sie Herrn Manuel von Braganza und Frau Amvfte von Orlsans. Nach einer offiziellen Mel­

dung dürften bei dem Aufstand in Lissabon drei sranzöstsche Staatsangehörige ums Leben gekommen fern. Außer dem

Feuilleton.

Weöekmö - Mdenö«

Berlin, 8. Oktober.

Da-s Kleine Theater ward dieser Tage zum menschlichen Rayitaten-kabinett. Die Vielspältige Natur Frank Wcd-ekind-s produzierte sich in einem Werk der Jugeüd und einem seiner letzten Tage. Uüd in diesem spielte er und seine Frau selber die eigenen Leiden vor einem neugierigen, aber dankbar NatscheiNdon Publikum.

D i e Z e n s n r" nennt Wodekind den Einakton. Er gibt eine Auseinaüderfetzung über seine intimstep häus-li-chen Angele-geNheiten und- über seine literarische Sendung Alkoven uüd Schreibtisch. Und -er gibt u-ach Hidalla und So i-st das Leben" eine neue leideufchastliche Abrechnung mit denen, die ihn für einen Harlekin oder einen Zyniker halten. Mit wilder fanatischer Inbrunst schreit er wieder sein- Bekeinntn'i-s' heraus, daß er den EiMlang der sinnlichen Schönheit mit denewigen Weltgesetzen" suche.

Doch außer dieser direkten Verkündigung liefert er und hier liegt das Dämonische, Jnferno-h-afte dieses Trak­tats eine schonungslose, lasterhaft -exhibitionistische Selbsten-Mößung und Sewstzerfletschung. Er geißelt sich und speit sich -an. Er gibt mit einer Verzweiflung, die mehr Grimasse und Fratze als tragische Maske ist, seine Wider­sprüche in greller bluti-ger Selbsüronie p-reis, daß ihm sein tiefste: Ernst doch immer wieder zum gauklerischen Blend­werk wurde, und i-h-n der Fluch verfolge, der Bänkelsänger seiner weinenden Seele sein zu müssen.

Eine leibhaftige Allegorie ist die Terzettfzen-e, d-a Wcdc-

ki-nd zerwühlt von seinem leidenschaftlich hervorgestoßenen Glaubensbekenntnis, neben dem schwarzen, hageren katholi­schen Priester steht, und hinter ihnen die Tänzerin im BallettröLkiben ans der rollenden Kugel.

Das erweckt die Vorstellung mittelalterlicher Gleichnis- btldcr, di-e Frau Welt und Askese gegenüberstellen Und Frank Wedekind selbst erscheint als eure wandelhafte Wiederkehr aus der Sphäre sonderbarer Heiligen, die durch die Sünde die Wollust ab-töten und erlosungs-reif werden

^'^Teils Rechtfertigung, teils Gerichthalten über sich selbst spricht hier. Wedekin-d hat die Rolle des Anklägers, der hm hier in der Gestalt des Priesters den Prozeß macht, auf das scharfsinnigste und dial-ektischste mit unanfechtbarer Überlegenheit ansgestattct. Er läßt sich von diesem sich selbst gesetzten Gegner so zerftstckÄn und zersetzen, daß man wieder den Eindruck von geistigem Masochismus und flaeeeklantischen ErniedrigUNgs!wonMn bekommt.

Und der Abschluß ist auch seine Niederlage.

Vergeblich versucht er den Priester zum Glauben an sich und seine Religiosität zu zwingen. So eifervoll er sich selbst in einen flammenden Gottesaffekt hlneinredet, um so kühler zerpflückt der Priester diesen Momentan-Erithustas--

mus und entlarvt ihn. m f . ,

Und vergeblich bleibt auch seine Versuchung der Gelieb­ten -gegenüber. Ohnmächtig spielt er eine Machtprobe aus, sie aber entzieht sich ihm und stürzt sich vom Balkon.

Nun ist er wahrhaft tiefer, tief zunichte und walzt sich vor Gott im Staub.

Wedekind stellte sciu-e Martyrien mit einem so grumnig verzweifelten Ernst dar, mit einer so heftigen Beicht- und Bußckstase, daß diese Eindrücke weit über die Theatergrenze

hinansainaen Jede neutralisierende Distanz fehlte, und ew menschliches PassiouÄPiel drängte sich m,t Peimgender

Gegenwart aaf^ dann di-e tolle Burleske

dc-s funaen WadekindDer Liebestrank" mit ihren Saltomortale-Situationeu, ihren Operetten- und Z>rtus^ Clownerien als Lebensparodie. Ein betrunkener Ulk voll okrrentriks der Beine und des Gemüts.

Mt strotzender Laune und schlenkernder Gelenkl-gkett

wankte als vertaperte Durchlaucht schwer- beinig, mit schwimmenden Fischaugen daher, auf semer

tf' c e l "var" dc^Teufelskerl und Galgenstrick Schwieger- firm der dem Fürstlen den Liebestrank aus der Lämmev- aeicrleber eingi-bt und seine Vorstellung mit d-er Warnung vergiftet, daß er an keinen Bären denken dürfe.

cp a Grüning als Fürstin war erschütternd, komisch, wie sic ahnfrauhaft die Bühne kreuzte und sich schließlich als Schwiogerlings erste Frau entPuMe, mit dem beweg­ten Vorleben als Baruum-Spezialität, Bauchtänzerin und Jungfr-au vom Colorado-River.

Der derbe Spaß belustigte die Leute sehr, und sie ver­gaßen schnell darüber die gezeichnete und vorsehmte Maske aus jenem allegorischen Bild, die Maske des Mannes zwi­schen dem Priester und dem Welikind der Lust, die Maske des Mannes, der von allen tra-gi-komischen Kreatur-en unse­rer Zeit am schwersten an sich selber leidet und der, wenn auch stammelnd, am unerbittlichsten sich zu der Ibsen-Nach­folge bekennen will:Leben: ein Kampf mit den Wichten in unserem Herzen und Hirn. Dichtm, sich selber richten mit nübefcmgener Skirn'^ ik. 3?»